Skip to main content

Full text of "Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918"

See other formats


WILHELM 1. 
EREIGNISSE 
UND 


GESTALTEN 
1878-1918 


BERG Ten 


9 


ER 


e 


22 


Siosela Co, G M. b. H, Leipzig. 
Hofphet. J. 4 Volgt, Bad Homburg v.. 


— 


Kaiſer Wilhelm II. 


Ereigniſſe und Geſtalten 
aus den Jahren 
1878 1918 


1922 


Verlag von K. F. Koehler in Leipzig und Berlin 


Dem 


Gedächtnis der Kaiſerin, 
deren Anregung dieſe Aufzeichnungen 


ihre Entſtehung verdanken 


Pa © e 


> 


= 5 | . 


1 8 be % 
> 
3 * e * 
a m 4 
S 
— N *. 1 ng - - 
* 8 7 * + 
„ 
=; a 8 
* A 4 


1 


L 


II. 


III. 


Inhalts verzeichnis 


Bismarck ee 
Mein inneres Verhältnis zu Bismarck 35. 


Als Prinz Wilhelm im Auswärtigen Amt 6/7 — Bismarcks 
Stellung zur Kolonial- und Flottenfrage 7/8 — Seine äußere 
Politik, der Berliner Kongreß 8/10 — Meine Miffionen 
nach Petersburg und Breſt, Bismarcks Politik gegenüber 
Rußland 11/15 — Zar Alexander III. über Bismarck 15/16 — 
Während der 99 Tage 17/18. 


Regierungsübernahme 19/21 — Erſte Antrittsreiſe nach Peters⸗ 
burg trotz Einſpruch der Königin von England 21/23 — Meine 
Stellung zu den Parteien 23/27. 


Meine ſoziale Fürſorge und die Trennung von Bis— 
marck. Mein Intereſſe für die wirtſchaftliche Entwicklung 27/8 
— Meine Minifter ganz in Bismarcks Hand 28/9 — Der 
Bergarbeiterſtreik veranlaßt zur Prüfung der Arbeiter frage 29/30 
— Bismarcks Gegenſatz zu meiner Stellung zur fozialen Frage 
31/3 — Die Arbeiterſchutz-Geſetzgebung 33/6 — Soziale Ge— 
ſichtspunkte auch im Kleinen 36/7 — Mein erfter Lorbeer von den 
Arbeitern des Stettiner „Vulkan“ 37/9. 


Caprivi h 

Caprivi als Chef der Admiralität 4374 — Er Berling als 
Reichskanzler 44/5 — Die Fronde 45/6 — Die Erwerbung 
Helgolands 46/7. 


Hohenlohe 8 

Hohenlohes Berufung un Berfönlicheit 1/2 — Die euſſiſch⸗ 
franzöſiſche Verbrüderung ſchafft eine geſpannte Lage 52/4 — 
Die Beſetzung Kiautſchou's unter Rußlands Zuſtimmung 54/8 — 
Verhandlungen mit England über Kohlenſtationen 58/60 — 
Das Gentleman's agreement 60/3 — Das Auswärtige Amt 
63/5 — Die Bedeutung Tſingtau's 65/6 — Die, Gelbe Gefahr“ 


Sei 
—3 
41-4 
49-7 


66/7 — Japan und der Weltkrieg 67/8 — Shimonoſeki 68 
— Die Krügerdepefhe 68/71 — Ein ruſſiſch-franzöſiſches 
Angebot gegen England 71/2 — Cecil Rhodes 72/4 — Reife 
nach England (1899) 74/6 — Ausſöhnung mit Bismarck 
76 — Hohenlohes Rücktritt 76/7. 


IV. Bülow 


V. Bethmann 
Meine Beziehungen zu Ba 105% — Die abe 


VI. 


VII. 


Der erſte „junge Kanzler 81½ - — Verhalten gegen Bg 


83 - Herr von Holftein 83/6 — Bei dem Tode der Königin 
Victoria in London 86/8 — Chamberlain's Bündnis— 
angebot gegen Rußland 88/9 — Die Tangerfahrt und 
ihre Folgen 90/2 — Verſuch eines Rapprochements mit 
Frankreich 92/3 — Bülow bringt den „Block“ zuſtande, mein 
Verhältnis zu den Konſervativen 93/5 — Die Unterredung 
zwiſchen Eduard VII. und Bülow 96/7 — Mein Beſuch in 
England (1907) 97/8 — Das „Interview“ und feine 
Folgen 98/ö101. 


politiſche Lage bei feiner Berufung 106/7 — Eduards VII. 
Beſuch in Berlin 107 — Meine Reife nach London zu 
feiner Beiſetzung 108/10 — Charakteriſtik Bethmanns 111/3 
— Die Reform des preußtſchen Wahlrechts 113/6 — Das 
verfaſſungsmäßige Verhältnis des deutſchen Kaiſers zum 
Reichskanzler 116/8 — Beſuch des Zaren 118 — Zur Ent— 
hüllung des Standbildes der Königin Victoria in London 
119/20 — Die Marokkofrage und Agadir 121/2 — Lord 
Haldane's Neutralitätsangebot und die Kämpfe um die 
Flottennovelle (1912) 122/33 — Lord Haldane's Berliner 
Aufenthalt (1906) 133/4 — Die albaniſche Fürſtenwahl 
und Prinz Wied 134/9 — Letzte Zuſammenkunft mit dem 
Zaren 139/40. 


Meine Mitarbeiter 5 dem Gebiet der Ver— 


waltung e 
Stephan 143/5 — Miquel 145/6 — Der Ausbau des Eiſenbahn⸗ 


netzes und die Kanalbauten: Thielen, Budde, Breitenbach 
146/51 — Das Kultusminiſterium, Erziehungs und Schul— 
reform 151/5 — Die Juſtiz 155/6 — Sinanzminifter Scholz 
156 — Land- und Forſtwirtſchaft, Schorlemer und Podbielski 
157/60 — Möller 160. 


Wiſſenſchaft und Kunſt ... 
Die Techniſchen Hochſchulen und Slaby 163/4 — Die Kaser 


Seite 


79-102 


103-140 


141-160 


161-171 


Wilhelm-Geſellſchaft 164/5 — Harnack und Erich Schmidt 
165 — Schiemann 165 // — Bauten 167/8 — Die Deutſche 
Orientgeſellſchaft, die Aſſyriologie und Prof. Delitzſch 168/9 
— Archäologiſche Funde und Studien mit Dörpfeld auf 
Korfu 169/71. 


VIII. Mein Verhältnis zur Kirche 8 

Nach dem Kulturkampfe 175 — Mein Verhältnis zum Neher 
Epiſkopat 175/6 — Beſuche bei Papſt Leo XIII. 176 /8 — 
Der Zuſammenſchluß der evangeliſchen Kirchen 179 — Gegen 
Dogmatismus und Orthodoxie: Dryander und Hinzpeter 
179/81 — Die Dormition 181 — Bei den Benediktinern 
in Maria Laach und Mte. Caſſino 181/2 — Mein Brief an 
Admiral Hollmann 183/86. 


ode und Flotte 

Meine Armee 189/92 — Admiral Hellmann 193 — Tupig: 
der Widerſtand gegen den Ausbau der Flotte wird über— 
wunden 193% — Zweck und Weſen des Flottengeſetzes 
195/6 — Unbeabſichtigte engliſche Hilfe zu feiner Annahme 
1960/8 — Das neue Reglement 199/200 — Ausbau Helgo— 
lands und des Kaiſer Wilhelm-Kanals 200 / 1 — Dread—⸗ 
noughts 202/3 — U⸗-bootbau 203/4 — Tirpitz 204/5. 


X. Kriegsausbruch 11% 

Rückkehr von der nur gezwungen gert tenen Nordlandreife 
209/10 — Keine Kriegs vorbereitungen. Der Kanzler und 
Auswärtiges Amt glauben nicht an den Krieg 210/2 — 
Zeugniſſe für die Kriegsvorbereitung der Feinde 212/90 — 
Die Großorient-Loge als Kriegshetzer 219/20 — Helden= 
mut und ⸗kraft im Kriege 220/1 — Deutſcher Schutz der 
Kunſtdenkmäler und des Privatbeſitzes in Frankreich 221/2. 


XI. Der Papſt und der Frieden. > 
Unterredung mit dem Nuntius Pacelli über das "Eintreten 
und die Vermittlung des Papſtes für den Frieden. 


XII. Kriegsende und Abdankung. 5 

Die Lage nach dem 8. Auguſt und Ende S 1918: 
233/6 — Meine Rückkehr zur Front 236/8 — Verſuche der 
Regierung, mich zur Abdankung zu bewegen 239/40 — Die 
Regierung des Prinzen Max läßt ſich der Revolution ent— 
gegentreiben 241 — Der 9. November 42/4 — Prinz Max 
von Baden 244 — Mein Entſchluß, ins Ausland zu gehen 
245/6. 


Seite 


173-186 


187-205 


223-230 


231-246 


Seite 


XIII. Der feindliche und der neutrale Gerichtshof 247-258 


Warum ih mich einem Gerichtshof nicht ſtellen durfte 249/51 
— Nur eine unparteiifche internationale Inſtanz könnte ein 
gerechtes Urteil fällen 250/1 — Brief des Feldmarſchalls 


v. Hindenburg an mich 252/73 — Meine Antwort an 
Hindenburg 254/8. 
XIV. Die Schuldfrage . 259-284 
Was England, Frankreich und Rußland gegen Deutſchland 9 


zuſammenführte 261/4 — Die Ziele Deutſchlands konnten 
nur ohne einen Krieg, die Ziele der Entente nur durch einen 
Krieg erreicht werden 265 — Wir haben England, Frank— 
reich und Rußland gegenüber entſprechend unſerer Friedens— 
politik gehandelt 265/70 — Die Haltung Amerikas 270/1 
— Wilſons 14 Punkte und feine Forderung meines Rücktritts 
27/4 — Deutſchlands offenbarer Friedenswille 274/6 — 
Ein franzöſiſches Zeugnis für Frankreichs Kriegswillen 
276/8 — Deutſchland hat politiſche Fehler gemacht, aber 
Fehler find keine Schuld 278/80 — Meine Friedensliebe 280 
— Der Irrglaube an Deutſchlands Schuld durch die engliſche 
Propaganda gezüchtet 281/2 — Der auf die Schuld Deutſch— 
lands gegründete Verſailler Vertrag ein Fehlſpruch und 
undurchführbar 282/4. 


XV. Der Umſturz und Deutſchlands Zukunft . 285-290 


Mein Schickſal 287/85 — Die Katferin 288 — Die Schuld 
am Umſturz 288/ — Mein Glaube an Deutſchlands Zu— 
kunft 289/90. 


Anmerkungen und Negiſ tte Raean 


Bismarck 


1 Kaiſer Wilhelm IL, 


FIR 


ey ſtaatsmänniſche Größe des Fürften Bismarck und feine un- 
vergänglichen Verdienſte um Preußen und Deutſchland find 
hiſtoriſche Tatſachen von ſo gewaltiger Bedeutung, daß es wohl in 
keinem politiſchen Lager einen Menſchen gibt, der es wagen könnte, 
ſie anzuzweifeln. Deshalb ſchon iſt es eine törichte Legende, daß ich 
die Größe Bismarcks nicht anerkannt hätte. Das Gegenteil iſt richtig. 
Ich verehrte und vergötterte ihn. Das konnte nicht anders ſein. 
Man bedenke, mit welcher Generation ich groß geworden bin. Es 
war die Generation der Bismarckverehrer. Er war der Schöpfer 
des deutſchen Reiches, der Paladin meines Großvaters, wir alle 
hielten ihn für den größten Staatsmann ſeiner Zeit und waren ſtolz 
darauf, daß er ein Deutſcher war. Bismarck war der Götze in 
meinem Tempel, den ich anbetete. Aber Monarchen ſind eben auch 
Menſchen aus Fleiſch und Blut, deshalb ſind auch ſie den Wirkungen 
ausgeſetzt, die ſich aus den Handlungen Anderer ergeben. So wird 
man wohl menſchlich verſtehen können, daß Fürſt Bismarck durch 
ſeinen Kampf gegen mich mit wuchtigen Schlägen ſelbſt den Götzen 
zertrümmert hat, von dem ich vorher ſprach. Meine Verehrung für 
den großen Staatsmann Bismarck iſt davon unberührt geblieben. 

Als ich noch Prinz von Preußen war, habe ich oft gedacht: 
Hoffentlich lebt der große Kanzler noch recht lange, denn ich wäre 
geborgen, wenn ich mit ihm zuſammen regieren könnte. Meine Ver⸗ 


2 3 


ehrung für den großen Staatsmann konnte mich indeſſen nicht ver— 
anlaſſen, als ich Kaiſer geworden war, politiſche Pläne oder Hand— 
lungen des Fürſten, die ich für Fehler hielt, mir zu eigen zu machen. 
Schon der Berliner Kongreß 1878 war meines Erachtens ein 
Fehler, ebenſo der Kulturkampf. Außerdem war die Reichsver— 
faſſung auf Bismarcks ungewöhnliche Maße zugeſchnitten, die großen 
Küraſſierſtiefel paßten nicht ſedem andern. Dann kam die Arbeiter— 
ſchutzgeſetzgebung. Ich habe den daraus zwiſchen uns entſtandenen 
Konflikt aufs tiefſte bedauert, aber ich mußte damals den Weg 
des Ausgleichs gehen, der überhaupt in der inneren wie 
in der äußeren Politik mein Weg geweſen iſt. Deshalb 
konnte ich den offenen Kampf gegen die Sozialdemokratie, den der 
Fürſt wollte, nicht führen. Dieſe Differenz über politiſche Maß— 
nahmen kann aber meine Bewunderung der ſtaatsmänniſchen Größe 
Bismarcks nicht ſchmälern. Er bleibt der Schöpfer des Deutſchen 
Reiches, mehr braucht wahrlich ein Mann ſeinem Lande nicht ge— 
leiſtet zu haben. 

Weil mir die große Tat der Reichseinigung immer vor Augen 
ſtand, habe ich mich durch Hetzereien, die damals an der Tages— 
ordnung waren, nicht beeinfluſſen laſſen. Auch daß man Bismarck 
als den Hausmeier der Hohenzollern bezeichnete, hat mein Vertrauen 
zum Fürſten nicht erſchüttern können, obwohl er an eine politiſche 
Tradition ſeines Hauſes vielleicht gedacht hat. Er war z. B. un— 
glücklich darüber, daß ſein Sohn Bill kein Intereſſe für Politik 
hatte, und wollte ſeine Macht auf Herbert überleiten. 

Meine Tragik im Falle Bismarck liegt darin, daß ich der Nach— 
folger meines Großvaters wurde, alſo gewiſſermaßen eine Generation 
überſprang. Das iſt ſchwer. Man hat immer mit alten verdienten 
Männern zu tun, die mehr in der Vergangenheit als in der Gegen— 
wart leben und in die Zukunft nicht hineinwachſen können. Wenn 
der Enkel auf den Großvater folgt und einen von ihm verehrten, 


4 


aber alten Staatsmann von der Größe Bismarcks vorfindet, fo ift 
das nicht ein Glück, wie es ſcheinen könnte und wie ich gedacht 
hatte. Bismarck ſelbſt deutet das in ſeinem dritten Bande (S. 40) 
an, als er im Kapitel über Bötticher von der greiſenhaften Vorſicht 
des Kanzlers und dem jugendlichen Kaiſer ſpricht. Und der Fürſt 
hat, als Ballin ihn einen Blick auf den neuen Hamburger Hafen 
werfen ließ, ſelbſt empfunden, daß eine neue Zeit herangebrochen 
war, die er nicht mehr völlig verſtand, der Fürſt ſagte damals 
ſtaunend: „Eine andere Welt, eine neue Welt!“ In ähnlicher Weiſe 
zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei dem Beſuche des Admirals v. Tirpitz 
in Friedrichsruh, als dieſer den Altreichskanzler für die erſte Flotten— 
vorlage gewinnen wollte. 

Ich perſönlich habe die Genugtuung, daß Bismarck mir 1886 
die recht delikate Miſſion nach Breſt anvertraute und von mir ge— 
ſagt hat: „Der wird einmal ſein eigener Kanzler ſein.“ Der Fürſt 
muß alſo etwas von mir gehalten haben. Ich bin ihm wegen des 
dritten Bandes ſeiner Erinnerungen nicht gram, ich habe dieſen frei— 
gegeben, nachdem ich mein Recht geſucht und gefunden hatte. Die 
weitere Zurückhaltung des Bandes hatte keinen Zweck, weil der 
Hauptinhalt durch Indiskretionen ſchon bekannt geworden war. Sonſt 
hätte man über die Zweckmäßigkeit der Erſcheinungszeit wohl ver— 
ſchiedener Meinung ſein können. Bismarck würde ſich im Grabe 
umdrehen, wenn er wiſſen könnte, zu welchem Zeitpunkte der dritte 
Band herausgekommen iſt und welche Wirkung er ausgelöſt hat. 
Ich würde es aufrichtig bedauern, wenn der dritte Band dem An— 
denken des großen Kanzlers geſchadet haben ſollte, denn Bismarck iſt 
eine der Heroengeſtalten, die das deutſche Volk zu ſeiner Aufrichtung 
braucht. Meine Dankbarkeit und Verehrung für den großen Kanzler 
kann weder durch den dritten Band noch durch irgendetwas anderes 
angefochten oder ausgelöſcht werden. 


* er ** 


In der erften Hälfte der 8Oer Jahre war ich auf Antrag des 
Fürſten Bismarck in das Auswärtige Amt kommandiert worden, das 
vom Grafen Herbert Bismarck geleitet wurde. Der Fürſt gab mir 
bei meiner Meldung bei ihm eine kurze Skizze der Perſönlichkeiten 
im Amt. Als er dabei Herrn v. Holſtein nannte, der damals einer 
der hervorragendſten Mitarbeiter des Fürſten war, klang es mir 
durch die Worte des Fürſten wie eine Warnung vor dieſem Manne. 

Ich erhielt ein eigenes Zimmer und zum Studium die ganzen 
Akten über die Vorgeſchichte, die Entſtehung und den Abſchluß des 
Bündniſſes mit Oſterreich (Andraſſy). Ich verkehrte viel im Hauſe 
des Fürſten und bei dem Grafen Herbert. Als ich in dem Bismarck— 
ſchen Kreiſe vertrauter geworden war, wurde über Herrn v. Holſtein 
offener geſprochen. Er ſei ſehr geſcheut, eine gute Arbeitskraft, maßlos 
eitel, ein Sonderling, der ſich niemals irgendwo zeige und keinerlei 
geſellſchaftlichen Verkehr habe, voller Mißtrauen und ſehr von Schrullen 
beherrſcht, dabei ein guter Haſſer, alſo gefährlich. Der Fürſt nannte 
ihn den „Mann mit den Hyänenaugen“, von dem mich fern zu halten 
ich gut tun würde. Offenbar reifte ſchon damals die herbe Kritik, 
mit der der Fürſt fpäter feinen früheren Mitarbeiter bedacht hat. 

Das Auswärtige Amt war äußerlich diſziplinariſch durch Graf 
Herbert, deſſen Grobheit gegen ſeine Beamten mir auffiel, ſehr ſcharf 
aufgezogen. Die Herren flogen, wenn ſie gerufen oder entlaſſen 
wurden, vor dem Grafen fo, daß, wie man damals ſcherzhaͤft ſagte, 
„ihnen die Rockſchöße wagerecht vom Körper ſtanden“. Die aus— 
wärtige Politik wurde ganz allein vom Fürſten geleitet und diktiert, 
nach Rückſprache mit dem Grafen Herbert, der die Befehle des 
Kanzlers weitergab und in Inſtruktionen umredigieren ließ. So war 
das Auswärtige Amt nur ein Büro des großen Kanzlers, 
in dem auf deſſen Weiſung gearbeitet wurde. Hervorragende Männer 
mit ſelbſtändigen Ideen wurden in ihm nicht geſchult und ausgebildet. 
Im Gegenſatz zum Generalſtab unter Moltke. Hier wurde nach Grund— 


6 


— 


ſätzen, die ſich bewährt hatten, unter Wahrung alter Traditionen und 
unter Berückſichtigung aller Erfahrungen der Neuzeit der Nachwuchs 
ſorgfältig ausgebildet und zu ſelbſtändigem Denken und Handeln 
erzogen. Im Auswärtigen Amt hingegen befanden ſich nur aus⸗ 
führende Organe eines Willens, die, über die großen Zuſammen⸗ 
hänge der ihnen zur Bearbeitung überwieſenen Fragen nicht orientiert, 
keine ſelbſttätige Mitarbeit leiſten konnten. Der Fürſt lagerte wie ein 
mächtiger Granitfindling auf der Wieſe: wälzt man ihn fort, ſo findet 
man hauptſächlich Gewürm und abgeſtorbene Wurzeln darunter. 

Ich gewann mir das Vertrauen des Fürſten, der vieles mit mir 
beſprach. Als z. B. der Fürſt die erſten Kolonialerwerbungen 
(Groß- und Klein⸗Popo, Togo uſw.) veranlaßte, orientierte ich ihn 
auf ſeinen Wunſch über die Stimmung, die im Publikum und in 
der Marine dadurch ausgelöſt wurde, und ſchilderte die Begeiſterung, 
mit der das deutſche Volk die neue Bahn begrüßte. Der Fürſt 
meinte, das ſei die Sache wohl nicht wert. 

Späterhin habe ich noch öfters über die Kolonialfrage mit dem 
Fürſten geſprochen und ſtets mehr die Abſicht vorgefunden, die Kolo⸗ 
nien als Handels- oder Zaufchobjefte zu benutzen, als fie für das 
Vaterland nutzbringend zu verwerten oder zur Rohſtofflieferung zu 
gebrauchen. Ich machte pflichtgemäß den Fürſten darauf aufmerkſam, 
daß der Kaufmann und der Rapitalift energiſch anfingen, die Kolonien 
zu entwickeln, und demgemäß — wie ich aus Hanſakreiſen wußte — 
auf Schutz durch eine Flotte rechneten. Daher müſſe man für den 
rechtzeitigen Ausbau einer Flotte ſorgen, damit deutſche Werte 
im Auslande nicht ſchutzlos blieben. Die deutſche Flagge habe der 
Fürſt nun mal in der Fremde entfaltet, hinter ihr ſtehe das Volk, 
es müſſe aber auch eine Flotte dahinter ſtehen. Allein der Fürſt 
machte taube Ohren und gebrauchte ſein beliebtes Motto: „Wenn die 
Engländer bei uns landen ſollten, würde ich ſie arretieren laſſen“, 
die Kolonien würden zu Haus verteidigt. Der Fürſt legte keinen 


7 


Wert darauf, daß ſchon die bloße Annahme, die Engländer könnten 
in Deutſchland ungehindert landen — Helgoland war engliſch —, 
für Deutſchland unerträglich war, und daß wir, um eine Landung 
von vornherein auszuſchließen, eine genügend ſtarke Flotte und Helgo— 
land brauchten. 

Das politiſche Intereſſe des Fürſten konzentrierte ſich eben im 
weſentlichen auf den Kontinent Europa. England lag etwas abſeits 
ſeiner täglichen Sorgen, um ſo mehr als Salisbury mit dem Fürſten 
gut ſtand und namens Englands ſeinerzeit den Zwei- bzw. Drei— 
bund bei ſeiner Schöpfung begrüßt hatte. Der Fürſt arbeitete vor— 
wiegend mit Rußland, Oſterreich, Italien und Rumänien, deren Be— 
ziehungen zu Deutſchland und untereinander er andauernd kontrollierte. 
Über die Umſicht und Kunſt, mit der er operierte, machte Kaiſer 
Wilhelm der Große einmal ſeinem Kabinettschef v. Albedyll gegen— 
über eine treffende Bemerkung. Der General fand Seine Majeftat 
nach einem Vortrage Bismarcks ſehr erregt, ſo daß er für die Ge— 
ſundheit des alten Kaiſers fürchtete. Er bemerkte daher, der Kaiſer 
möge ſich doch den weiteren Ärger erſparen, wenn der Fürft nicht 
wie Seine Majeſtät wolle, möge man ihn gehen laſſen. Darauf er— 
widerte der Kaiſer: Trotz ſeiner Bewunderung und Dankbarkeit für 
den großen Staatsmann habe auch er ſchon daran gedacht, da das 
ſelbſtbewußte Weſen des Fürſten manchmal allzu drückend werde. 
Aber er und das Vaterland brauchten ihn zu nötig, da der Fürſt 
der einzige Mann ſei, der mit fünf Kugeln jonglieren könne, von 
denen mindeſtens zwei immer in der Luft ſeien, das könne er, der 
Kaiſer, nicht. 

Daß der Fürſt durch den Erwerb von Kolonien ſeinen Blick 
über Europa hinaus zu richten hatte und mit England in beſonderem 
Maße große Politik zu führen automatiſch gezwungen war, das ſah 
er nicht. England war wohl eine der fünf Kugeln in ſeinem 
diplomatiſch-ſtaatsmänniſchen Spiel, aber nur eine unter den fünf, 


8 


und ihr wurde die beſondere Bedeutung, die ihr zukam, nicht zu— 
gebilligt. 

Deshalb war auch das Auswärtige Amt ganz auf die Kon— 
tinentalkonſtellation eingeſpielt und hatte für Kolonien, Flotte oder 
England nicht das erforderliche Intereſſe und keine Erfahrung in 
Weltpolitik. Die engliſche Pſyche und Mentalität in der reſtloſen, 
wenn auch durch allerhand Mäntelchen verhüllten Verfolgung des 
Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Buch 
mit ſieben Siegeln. Der Fürſt fagte mir einmal, fein Hauptaugen— 
merk ſei, Rußland und England nicht zu einem Einverſtändnis kom— 
men zu laſſen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment, 
dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben geweſen, 
wenn man 1877/78 die Ruſſen nach Stambul gelaſſen hätte, dann 
wäre die engliſche Flotte ohne weiteres zur Verteidigung Stambuls 
eingefahren und der Konflikt wäre dageweſen. Statt deſſen habe 
man den Ruſſen den Vertrag von San Stefano aufgenötigt, fie vor 
den Toren der Stadt, die ſie nach furchtbaren Kämpfen und Mühen 
erreicht hatten und vor ſich ſahen, zur Umkehr gezwungen. Das 
habe in der ruſſiſchen Armee einen unauslöſchlichen Haß gegen uns 
entfeſſelt (Mitteilung preußiſcher Offiziere im ruſſiſchen Heer, welche 
den Feldzug mitgemacht hatten, insbeſondere des Grafen Pfeil). 
Obendrein habe man dann den Vertrag umgeſtoßen und durch den 
Berliner Kongreß erſetzt, der uns in den Augen der Ruſſen noch 
mehr als Feinde ihrer „berechtigten Intereſſen im Orient“ belaſtet 
habe. Auf dieſe Weiſe ſei der vom Fürſten erhoffte Konflikt zwiſchen 
Rußland und England in weite Fernen gerückt. 

Der Fürſt teilte dieſe Beurteilung „ſeines“ Kongreſſes, auf deſſen 
Ergebnis er als „ehrlicher Makler“ ſo ſtolz war, nicht, und bemerkte 
ernſt, er habe einer allgemeinen Konflagration vorbeugen und ſeine 
guten Dienſte zur Vermittlung anbieten müſſen. Als ich ſpäter einem 
Herrn des Auswärtigen Amts dieſe Unterredung mitteilte, erwiderte 


2 


diefer, er ſei damals dabeigeweſen, als der Fürſt nach Unterzeichnung 
des Berliner Vertrages in das Auswärtige Amt gekommen und von 
den dort verſammelten Beamten die Glückwünſche entgegengenommen 
habe. Darauf habe der Fürſt ſich emporgereckt und geantwortet: 
„Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Bock!“ Der Herr bemerkte 
dazu: da habe der Fürſt ſich geirrt, denn damals drohte ſchon an 
Stelle der ruſſo-preußiſchen Freundſchaft die ruſſo-franzöſiſche zu ent⸗ 
ſtehen, alſo zwei Pferde waren aus dem Viererzug ſchon heraus. 
Disraeli's Staatskunſt hatte aus Bismarcks ehrlichem Maklertum 
in den Augen Rußlands die Vermittelung eines anglosöfterreichifchen 
Sieges über Rußland gemacht. 

Trotz mancher Verſchiedenheit unſerer Auffaſſungen blieb der Fürſt 
mir freundlich und gewogen, und trotz dem großen Altersunterſchiede 
bildete ſich ein angenehmes Verhältnis zwiſchen uns, da ich, wie die 
ganze Generation, ein glühender Bewunderer des Fürſten war und 
durch meinen Eifer und meine Offenheit ſein Vertrauen gewonnen 
hatte und es niemals getäuſcht habe. 

Während des Kommandos zum Auswärtigen Amt hielt mir u. a. 
Geheimrat Raſchdau Vorträge über Handelspolitik, Kolonien uſw. 
Dabei wurde ich ſchon damals auf unſere Abhängigkeit von England 
aufmerkſam, die darauf beruhte, daß uns eine Flotte fehlte und Helgo— 
land in engliſchen Händen war. Man beabſichtigte zwar unter dem 
Druck der Notwendigkeit eine Erweiterung der kolonialen Erwer— 
bungen, aber alles konnte nur mit Erlaubnis Englands geſchehen. 
Das war ſchwierig und für uns eigentlich unwürdig. 

Das Kommando zum Auswärtigen Amt hatte für mich eine 
große Unannehmlichkeit gezeitigt. Meine Eltern ſtanden dem Fürſten 
Bismarck nicht ſehr freundlich gegenüber und verdachten es dem 
Sohne, in ſeine Kreiſe eingetreten zu ſein. Man befürchtete Be— 
einfluſſung gegen die Eltern, Hyperkonſervativismus und wie die Ge— 
fahren alle hießen, die von Ohrenbläſern aller Art aus England wie 


10 


aus „liberalen Kreiſen“, welche im Vater ihren Hort erblickten, gegen 
mich angeführt wurden. Ich habe mich niemals auf ſolche Dinge 
eingelaſſen. Aber die Stellung im Elternhauſe iſt mir dadurch recht 
erſchwert und manchmal peinlich geſtaltet worden. Ich habe wegen 
meines Arbeitens unter dem Fürſten und meiner oft auf die ſchwerſten 
Proben geſtellten Diskretion für den Kanzler in der Stille recht 
Schweres zu tragen gehabt, der Fürſt fand das anſcheinend ganz 
ſelbſtverſtändlich. 

Zum Grafen Herbert habe ich gute Beziehungen gehabt. Er 
konnte ein luſtiger Geſellſchafter ſein und verſtand es, intereſſante 
Männer um feinen Tiſch zu ſammeln, die zum Teil aus dem Aus⸗ 
wärtigen Amt, zum Teil aus anderen Kreiſen ſtammten. Aber zu 
einem wirklichen Freundſchaftsverhältnis iſt es zwiſchen uns nicht ge⸗ 
kommen. Das zeigte ſich beſonders, als beim Ausſcheiden ſeines 
Vaters auch der Graf ſeinen Abſchied forderte. Meine Bitte, er 
möge doch bei mir bleiben und mir helfen, die Tradition in der Politik 
fortzuführen, erfuhr die ſcharfe Erwiderung: Er ſei nun einmal ge— 
wöhnt, nur ſeinem Vater vorzutragen und Dienſte zu leiſten, man 
könne unmöglich von ihm verlangen, daß er mit der Mappe unter 
dem Arme bei jemand anders zum Vortrage antrete als bei ſeinem 
Vater. 

Als der nun ermordete Zar Nikolaus II. großjährig wurde, er⸗ 
hielt ich auf Antrag des Fürſten Bismarck den Auftrag, dem Groß— 
fürſten Thronfolger in Petersburg den Schwarzen Adlerorden zu 
überreichen. Sowohl der Kaiſer wie der Fürſt belehrten mich über 
die Beziehungen der Länder und Häuſer zu einander, wie über 
Sitten, Perſonen etc. Der Kaiſer bemerkte zum Schluß, er gebe 
ſeinem Enkel denſelben Rat mit, den ihm als jungem Mann ſeiner⸗ 
zeit bei ſeinem erſten Beſuche in Rußland Graf Adlerberg gegeben 
habe: „Im übrigen liebt man auch hier wie anderswo das Lob mehr 
als den Tadel.“ Der Fürſt endigte ſeine Informationen mit der 


11 


Bemerkung: „Im Orient find alle Leute, die das Hemd außerhalb 
der Hoſe tragen, anſtändige Menſchen, ſobald ſie es hineinſtecken und 
noch einen Halsorden dazu haben, ſind es Schweinehunde.“ 

Von Petersburg aus habe ich wiederholt meinem Großvater wie 
dem Fürſten Bericht erſtattet. Selbſtverſtändlich ſchilderte ich nach 
beſtem Wiſſen die Eindrücke, die ich empfing. Es war mir vor allem 
klar geworden, daß die alten ruſſo-preußiſchen Beziehungen und Ge— 
fühle doch ſtark erkaltet und nicht mehr in dem Maße vorhanden 
waren, wie der Kaiſer und der Fürſt in ihren Geſprächen es voraus— 
geſetzt hatten. Nach meiner Rückkehr bin ich von meinem Großvater 
und auch vom Fürſten für meine ſchlichte, klare Berichterſtattung belobt 
worden, was um ſo erfreulicher für mich war, als mich das Gefühl be— 
drückte, daß ich in manchem die hohen Herren hatte enttäuſchen müſſen. 

Im Jahre 1886, Ende Auguſt, Anfang September, nach der 
letzten Gaſteiner Zuſammenkunft Kaiſer Wilhelms des Großen und 
Bismarcks mit Kaiſer Franz Joſeph, bei der ich auf Befehl meines 
Großvaters zugegen war, wurde mir der Auftrag zuteil, dem Kaiſer 
Alexander III. perſönlich Mitteilung von den Abſprachen in Gaſtein 
zu machen und mit dem Zaren die das Mittelmeer und die Türkei 
betreffenden Fragen zu behandeln. Der Fürſt gab mir feine Inftruf= 
tionen, die vom Kaiſer Wilhelm ſanktioniert waren. Sie betrafen be— 
ſonders den Wunſch Rußlands, nach Stambul zu gehen, dem der 
Fürſt keine Schwierigkeiten bereiten werde, ich erhielt im Gegenteil 
den direkten Auftrag, Konſtantinopel und die Dardanellen anzubieten 
(San Stefano, Berliner Kongreß alſo fallen gelaffen!). Es war 
beabſichtigt, die Türkei freundſchaftlich davon zu überzeugen, daß eine 
Verſtändigung mit Rußland auch für ſie wünſchenswert ſei. 

Ich fand freundliche Aufnahme beim Zaren in Breſt-Litowsk und 
nahm an den dortigen Truppenſchauen, Armierungs- und Verteidigungs⸗ 
übungen uſw. teil, die ſchon unzweifelhaft ein antideutſches Geſicht 
trugen. 


12 


Als Ergebnis der Geſpräche mit dem Zaren ift die Bemerkung 
des letzteren von Bedeutung: „Wenn er Stambul haben wolle, werde 
er es ſich nehmen, wann es ihm paſſe, der Erlaubnis oder Zu— 
ſtimmung des Fürſten Bismarck bedürfe er dazu nicht.“ Nach dieſer 
ſchroffen Ablehnung des Bismarckſchen Angebotes von Stambul 
ſah ich meine Miſſion als geſcheitert an. Ich faßte meinen Bericht 
an den Fürſten entſprechend ab. 

Der Fürſt muß, als er ſich zu dem Angebot an den Zaren ent— 
ſchloß, ſeine politiſche Auffaſſung, die zu San Stefano und zum 
Berliner Kongreß geführt hatte, geändert haben, oder er hielt, durch 
die Entwicklung der allgemeinen politiſchen Lage in Europa veran— 
laßt, den Zeitpunkt für gekommen, die politiſchen Karten anders zu 
miſchen, oder, wie mein Großvater geſagt hätte, anders zu „jonglieren“. 
Das konnte ſich nur ein Mann von der Weltgeltung und von den 
ſtaatsmänniſchen und diplomatiſchen Maßen des Fürſten Bismarck 
erlauben. Ob der Fürſt gar fein großes politiſches Spiel mit Ruß 
land von vornherein ſo angelegt hatte, daß er mit dem Berliner 
Kongreß zunächſt einmal einen allgemeinen Krieg verhindern und 
England ſtreicheln wollte und zu dieſem Zwecke die ruſſiſchen Orient— 
aſpirationen erſt einmal behinderte mit dem genialen Vorſatz, ſie 
ſpäter um ſo augenfälliger herbeiführen zu helfen, vermag ich nicht 
zu entſcheiden, denn ſeine großen politiſchen Konſtruktionen gab der 
Fürſt niemandem preis. Dann hätte er in dem ſtarken Selbſtver— 
trauen auf ſeine Staatskunſt darauf gerechnet, uns bei Rußland 
um ſo beliebter zu machen, weil die ruſſiſchen Aſpirationen allein 
von Deutſchland erfüllt würden, und zwar zu einem Zeitpunkte, in 
dem die allgemeine politiſche Situation in Europa weniger geſpannt 
war als 1877/78. Wenn dem fo wäre, fo hätte niemand außer 
dem Fürſten Bismarck ſelbſt dieſes großartige Spiel erfolgreich zu 
Ende ſpielen können. Darin liegt die Schwäche der Vorzüge großer 
Männer. Hatte er auch England über ſein Angebot an den Zaren 


13 


informiert? Dieſes mußte dagegen fein wie anno 1878. Jeden— 
falls nahm der Fürſt nunmehr die Politik auf, die mir ſchon damals 
vorgeſchwebt hatte, als ich die Enttäuſchung der Ruſſen, die vor 
Stambul fanden und nicht hineingelaſſen wurden, erfahren hatte. 

Ich konnte in Breſt-Litowsk bei den andauernden militäriſchen 
Veranſtaltungen aller Art ſehr wohl beobachten, daß das Verhalten 
der ruſſiſchen Offiziere mir gegenüber weſentlich kühler und hoch— 
mütiger war als bei meinem erſten Beſuch in Petersburg. Nur 
die kleine Zahl alter Generale, zumal bei Hofe, welche noch aus 
Alexanders II. Zeit ſtammten und mit Kaiſer Wilhelm dem Großen 
bekannt und ihm zugetan waren, trugen ihre Ehrfurcht für ihn und 
ihre Deutſchfreundlichkeit noch zur Schau. Bei einem Geſpräch 
mit einem von ihnen über die Beziehungen der beiden Höfe, Armeen 
und Länder zu einander, die ich als in Anderung gegen früher be— 
griffen fand, ſagte der alte General: „Oest ce vilain Congres de 
Berlin! Une grave faute du Chancelier. Il a detruit !ancienne 
amitiè entre nous, plante la mefiance dans les cœurs de la Cour 
et du Gouvernement, et fourni le sentiment d'un tort grave fait 
à larmèe russe apres sa campagne sanglante de 1877, pour lequel 
elle veut sa revanche. Et nous voilà ensemble avec cette maudite 
Republique Frangaise, pleine de haine contre vous et remplie d’id&es 
subversives, qui en cas de guerre avec vous, nous coüteront notre 
dynastie.”*) Eine prophetiſche Vorausſage des Unterganges des 
ruſſiſchen Herrſcherhauſes! 

*) „Daran iſt dieſer abſcheuliche Berliner Kongreß ſchuld! Der war ein ſchwerer 
Fehler des Kanzlers. Er hat die alte Freundſchaft zwiſchen uns zerſtört, Mißtrauen 
in die Herzen des Hofes und der Regierung gepflanzt und die Überzeugung ausgelöſt, 
daß man der ruſſiſchen Armee nach dem blutigen Feldzug von 1877 ein ſchweres 
Unrecht zugefügt hat, für das ſie nun Vergeltung will. Und nun halten wir mit 
dieſer verwünſchten franzöſiſchen Republik zuſammen, die voller Haß gegen Deutſch— 
land iſt und erfüllt von Umſturzideen, die uns im Falle eines Krieges mit Ihnen 
unfere Dynaſtie koſten werden.“ 


14 


* 


Von Breſt begab ich mich nach Straßburg, wo mein Großvater 
zum Kaiſermanöver weilte. Trotz dem Scheitern meiner Wiſſion 
fand ich eine ruhige Beurteilung der politiſchen Lage vor. Mein 
Großvater freute ſich über die herzlichen Grüße des Zaren, die 
wenigſtens im perſönlichen Verhältnis der beiden Herrſcher keine 
Veränderung zeigten. Zu meiner Überraſchung erhielt ich auch vom 
Fürſten Bismarck ein Schreiben, in welchem er mir Dank und An— 
erkennung für meine Tätigkeit und meinen Bericht ausſprach. Dies 
bedeutete um ſo mehr, als meine Ausführungen meinem Großvater 
und dem Kanzler nicht angenehm ſein konnten. Der Berliner 
Kongreß hatte, zumal in den ruſſiſchen Militärkreiſen, die Reſte der 
bei uns noch gepflegten Waffenbrüderſchaft beſeitigt und einen durch 
den Verkehr mit dem franzöſiſchen Offizierkorps geſchürten Haß gegen 
alles Preußiſch-Deutſche erzeugt, der von den Franzoſen zu dem 
Wunſche nach Rache durch die Waffen geſteigert wurde. Das war 
der Boden, auf dem ſpäter der Weltkriegsgedanke unſerer Gegner 
Nahrung finden konnte: „Revanche pour Sedan“ vereint mit „Revanche 
pour San Stefano.“ Die Worte des alten Generals in Breſt ſind 
mir unvergeßlich geblieben und haben mich zu den vielen Zuſammen— 
künften mit Alexander III. und Nikolaus II. veranlaßt, bei denen 

ir die von meinem Großvater auf dem Sterbebette mir ans Herz 
gelegte Pflege der Beziehungen zu Rußland ſtets als Leitmotiv vor 
Augen ſtand. 

Im Jahre 1890 bei den Manövern in Narwa mußte ich dem 
Zaren die Geſchichte des Abganges des Fürſten Bismarck genau 
ſchildern. Der Zar hörte mir aufmerkſam zu. Als ich geendigt 
hatte, ergriff der ſonſt ſehr kühle und zurückhaltende Herrſcher, der 
ſelten über Politik ſprach, ganz ſpontan meine Hand, dankte mir für 
den Beweis meines Vertrauens, bedauerte, daß ich in ſolche Lage 
gebracht worden ſei und fügte wörtlich hinzu: „Je comprends parfaite- 
ment ta ligne d’action. Le Prince avec toute sa grandeur n’etait 


15 


apres tout rien d’autre que ton employ& ou fonctionnaire. Le 
moment od il refusait d’agir selon tes ordres, il fallait le renvoyer. 
Moi, pour ma part, je me suis toujours méſié de lui, et je nal 
jamais cru un mot de ce qu'il me faisait savoir ou me disait, 
car jetais sür et je savais qu'il me blaguait tout le temps. Pour 
les rapports entre nous deux, mon cher Guillaume — es war 
das erſte Mal, daß mich der Zar fo nannte — la chute du Prince 
aura les meilleures consequences. La méfiance disparaitra. Jai 
confiance en toi, tu peux te fier a moi.“ ) Ich habe mir ſeiner— 
zeit dieſes wichtige Geſpräch ſofort aufgezeichnet. Ich bin objektiv 
genug, mich zu fragen, in wie weit die Courtoiſie von Herrſcher 
zu Herrſcher und darüber hinaus vielleicht die Genugtuung über 
die Ausſchaltung eines Staatsmannes von Bismarcks Bedeutung 
für die vorſtehende Außerung des Zaren bewußt oder unbewußt 
mitbeſtimmend war. Der Glaube des Fürſten Bismarck an das 
Vertrauen des Zaren war ſubjektiv zweifellos echt. Außer allem 
Zweifel ſteht auch die Achtung, die Alexander III. vor dem ſtaats— 
männiſchen Können Bismarcks hatte. 

Jedenfalls hat der Zar bis zu ſeinem Tode zu ſeinem Worte 
gehalten. An der allgemeinen Politik Rußlands hat das zwar nicht 
viel geändert, aber vor einem Überfall von dort war Deutſchland 
wenigſtens ſicher. Der gerade Charakter Alexanders III. bürgte da— 
für — bei ſeinem ſchwachen Sohne wurde es anders. 


) „Ich verſtehe vollkommen Deine Handlungsweiſe. Der Fürſt war trotz all 
ſeiner Größe ſchließlich doch nichts anderes, als Dein Beamter oder Beauftragter. 
In dem Augenblick, wo er ſich weigerte, nach Deinen Befehlen zu handeln, mußte 
er entlaſſen werden. Ich meinerſeits habe immer Mißtrauen gegen ihn gehegt und 
ihm niemals ein Wort von dem, was er mich wiſſen ließ oder ſelbſt mir ſagte, ge— 
glaubt, denn ich wußte genau, daß er mich immer anführte. Für die Beziehungen 
zwiſchen uns beiden, mein lieber Wilhelm, wird der Sturz des Fürſten die beſten 
Folgen haben. Das Wißtrauen wird ſchwinden. Ich habe Vertrauen zu Dir. 
Du kannſt Dich auf mich verlaſſen.“ 


16 


Mag man fih nun zu Bismarcks Ruſſenpolitik ftellen wie man 
will, das eine muß geſagt werden, nämlich, daß der Fürſt es trotz 
dem Berliner Kongreſſe und der Annäherung Frankreichs an Ruß 
land verſtanden hat, Reibungen ernſter Art zu vermeiden. Das be⸗ 
deutet vom Berliner Kongreß ab gerechnet ein überlegenes diplomatiſches 
und ſtaatsmänniſches Spiel über 12 Jahre (1878 - 1890). Man 
wird auch hervorheben müſſen, daß es ein deutſcher Staatsmann 
war, der 1878 einen allgemeinen Krieg verhinderte und dafür ſogar 
die Beziehungen Deutſchlands zu Rußland ſchwächte im berechtigten 
Vertrauen darauf, daß es ſeiner genialen zielſicheren Staatskunſt 
gelingen würde, ſie nach Überwindung der allgemeinen Kriſis wieder 
zu ſtärken oder wenigſtens Konflikte zu vermeiden. Das iſt ihm 
12 Jahre lang und ſeinen Nachfolgern am Staatsruder weitere 
24 Jahre gelungen. — 

Von der Parteipolitik habe ich als Prinz mich abſichtlich fern 
gehalten und mich ganz auf meinen Dienſt in den verſchiedenen 
Waffen, denen ich zugeteilt wurde, konzentriert. Dieſer gewährte 
mir Befriedigung und füllte mein Leben aus. Deshalb ging ich 
als Prinz von Preußen allen Bemühungen aus dem Wege, mich 
in das politiſche Parteigetriebe zu zerren. Häufig genug wurde es 
verſucht, mich unter dem Deckmantel harmloſer Veranſtaltungen, 
Tees u. dgl. für politiſche Zirkel oder für Wahlzwecke einzufangen. 
Ich habe mich immer zurückgehalten. 

Der Verlauf der tückiſchen Krankheit, die den Kaiſer Friedrich III. 
dahinraffte, war mir von deutſchen Arzten, die als Experten von 
Sir Worell Mackenzie, dem engliſchen Arzt, hinzugezogen worden 
waren, ganz offen vorausgeſagt worden. Mein tiefer Schmerz und 
Kummer waren um ſo größer, als es mir faſt unmöglich war, 
meinen heißgeliebten Vater allein zu ſprechen. Er wurde von den 
engliſchen Arzten wie ein Gefangener bewacht, und, während Re— 
porter aus allen Ländern vom Arztezimmer aus den armen Kranken 


2 gaiſer Wilhelm II. 17 


beobachten durften, wurden mir alle möglichen Schwierigkeiten in 
den Weg gelegt, an meinen Vater heranzukommen oder mit ihm 
auch nur ſchriftlich in dauernder Verbindung zu bleiben, meine 
Briefe wurden oft aufgefangen und nicht abgegeben. Außerdem 
wurde aus dem Bewachungskreiſe eine infame, regelrechte Ver— 
leumdungskampagne gegen mich in der Preſſe geführt. Beſonders 
taten ſich zwei Journaliſten hierbei hervor: ein Herr Schnidrowitz 
und Monſieur Jaques St. Cere vom „Figaro“ — ein deutſcher 
Jude —, der den ſpäteren Kaiſer jahrelang in giftigſter Weiſe in 
Frankreich verleumdete, bis ihm der Prozeß des „Petit Sucrier“ 
den Hals brach. 

Die letzte Freude, die der ſterbende Kaiſer erlebte, konnte ich ihm 
durch den Vorbeimarſch der von mir perſönlich dem Vater vor— 
geführten 2. Garde-Infanterie-Brigade bereiten. Es waren die 
erſten und letzten Truppen, welche Friedrich III. als Kaiſer ſah. 
Auf einem kleinen Zettel ſchrieb er ſeinem dadurch beglückten Sohne 
auf: Er ſei dankbar für die Freude, dieſe Truppen zu ſehen, und 
ſtolz darauf, ſie die ſeinigen nennen zu können. Dieſes Ereignis 
war ein Lichtblick in den ſchweren 99 Tagen, die auch für mich als 
Kronprinzen viel Kummer, Demütigungen und Verdächtigungen 
brachten. Ich beobachtete während dieſer Kriſe pflichtgemäß wach— 
ſamen Auges alle Vorkommniſſe in militäriſchen, Beamten- und 
Geſellſchaftskreiſen und war innerlich empört über die Zeichen der 
Lockerung, die ich überall wahrnahm, vor allem aber über die ſich 
mehr und mehr bemerkbar machende Feindſchaft gegen meine Mutter. 
Auf der anderen Seite mußte mich die andauernd gegen mich ge— 
richtete Verleumdungskampagne, die mich als mit meinem Vater im 
Zwieſpalt befindlich ſchilderte, tief verletzen. 


* ** 


18 


RN 


Nachdem Kaiſer Friedrich III. die Augen für immer geſchloſſen 
hatte, fiel die ſchwere Bürde der Regierung des Reiches auf meine 
jungen Schultern. Ich ſtand zunächſt vor der Notwendigkeit, in 
vielen Stellen einen Perſonenwechſel eintreten zu laſſen. Die mili— 
täriſche Umgebung der beiden Kaiſer ſowie das Beamtentum waren 
überaltert. Die ſogenannte „Maison militaire“ Kaiſer Wilhelms 
des Großen war durch Kaiſer Friedrich III. im ganzen beibehalten 
worden, ohne zum Dienſt herangezogen zu werden. Dazu trat nun 
noch die Umgebung Kaiſer Friedrichs III. Ich entließ in freund— 
lichſter Weiſe die Herren, welche in den Ruheſtand treten wollten, 
einige erhielten Anſtellung in der Armee, einzelne jüngere Herren 
blieben für die Zeit des Überganges noch in meinem Dienſt. 

Als Kronprinz hatte ich mich in den 99 Tagen ſchon im ſtillen 
mit den Perſönlichkeiten beſchäftigt, die ich ſpäter anzuſtellen gedachte, 
weil mir die Arzte keinen Zweifel darüber gelaſſen hatten, daß mein 
Vater nur noch kurze Zeit leben würde. Ich ſah von höfiſchen 
Rückſichten oder Außerlichkeiten ab, nur die Leiſtungen und der Cha— 
rakter waren maßgebend. Ich ſchaffte das Wort „Maison militaire“ 
ab und verwandelte es in „Hauptquartier Seiner Majeſtät“. Als 
Ratgeber bei der Auswahl der Umgebung befragte ich nur einen 
Mann, auf den ich beſonderes Vertrauen ſetzte. Es war mein 
früherer Vorgeſetzter und Brigadekommandeur General — ſpäter 
Generaladjutant — v. Verſen, ein gerader, ritterlicher, etwas 
ſchroffer Charakter, ein altpreußiſcher Offizier von echtem Schrot 
und Korn. Dieſer hatte, in Linie und Garde dienend, mit ſcharfem 
Auge die höfiſchen Einflüſſe und Strömungen beobachtet, welche oft 
zum Nachteil des Offizierkorps in der alten „Maison militaire“ 
ſich fühlbar machten. Auch die höhere Damenwelt, welche ihres 
Alters wegen im Kameradenkreiſe ſpottend „trente et quarante“ 
genannt wurde, ſpielte dabei eine Rolle. Solche Einflüſſe wollte 
ich beſeitigen. 


2* 19 


Als meinen erſten Generaladjutanten wählte ich den General 
v. Wittich, als meinen erften Chef des Militärfabinettd den 
Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Diviſion General v. Hahnke, 
letzterer war ein Freund Kaiſer Friedrichs III., und, als ich noch 
beim 1. Garde-Regiment zu Fuß ſtand, mein Brigadekommandeur 
geweſen: zwei Männer von militäriſcher Erfahrung und eiſernen 
Grundſätzen, die ganz den Gedankengang ihres Herrn teilten und 
mir bis zu ihrem Lebensende mit vorbildlicher Mannentreue ver— 
bunden geblieben ſind. 

Als Chef des Hofes wählte ich den mir von meiner Jugend 
her bekannten früheren Hofmarſchall meines Vaters, den Grafen 
Auguſt Eulenburg, der noch 82jährig bis zu ſeinem im Juni 1921 
erfolgten Tode das Ninifterium des Königlichen Hauſes geleitet 
hat. Ein Mann von feinem Takt, ungewöhnlicher Begabung, klarem 
Blick auf höfiſchem, wie politiſchem Gebiete, von lauterem Charakter 
und goldener Treue zu ſeinem König und deſſen Hauſe. Seine 
vielſeitige Begabung hätte ihm geſtattet, ebenſo wie er als „der“ 
Hofmarſchall in ganz Europa bekannt war, mit demſelben Geſchick 
eine Botſchaft oder den Reichskanzlerpoſten zu verſehen. Von nie 
erlahmender Arbeitskraft, mit gewinnender Höflichkeit ausgeſtattet, 
hat er mir auf manchem Gebiet, dem des Hauſes, der Familie, des 
höfiſchen und öffentlichen Lebens mit Rat zur Seite und mit vielen 
Männern aller Schichten und Berufe im Verkehr geſtanden, von 
allen verehrt und geachtet, von mir mit Freundſchaft und Dankbar— 
keit umgeben. 

Als Chef des Zivilkabinetts wurde nach Rückſprache mit dem 
Fürſten Bismarck Herr v. Lucanus, aus dem Kultusminiſterium, 
gewählt. Fürſt Bismarck bemerkte ſcherzend, er freue ſich über dieſe 
Wahl, da Lucanus ihm als guter und paſſionierter Jäger bekannt ſei. 
Das ſei ſtets eine gute Empfehlung für einen Ziwilbeamten, ein guter 
Jäger ſei auch ein ordentlicher braver Kerl. Herr v. Lucanus über- 


20 


— — 


nahm fein Amt aus den Händen Exzellenz v. Wilmowski's. Er hat 
es glänzend geführt und iſt mir, auf allen Gebieten der Kunſt, 
Technik, Wiſſenſchaft und Politik wohlbewandert, ein Ratgeber, vaft- 
loſer Mitarbeiter und Freund geweſen. Mit geſundem NMenfchen- 
verſtand verband er eine gute Doſis feinen Humors, der ja den 
Germanen oft fehlt. — 

Mit dem Fürſten Bismarck ſtand ich mich aus der Zeit meines 
Kommandos zum Auswärtigen Amt her ſehr gut und vertrauens⸗ 
voll. Ich verehrte nach wie vor den gewaltigen Kanzler mit allem 
Feuer meiner Jugend, ſtolz darauf, unter ihm gedient zu haben und 
nunmehr mit ihm als meinem Kanzler gemeinſam arbeiten zu können. 

Der Fürſt, der bei den letzten Stunden des alten Kaiſers an⸗ 
weſend war und deſſen „ politiſches Teſtament“ an feinen Enkel, 
nämlich die beſondere Pflege der Beziehungen zu Rußland, mit an⸗ 
gehört hatte, veranlaßte die Sommerreiſe nach Petersburg als erſte 
politiſche Aktion vor der Welt, um nach dem letzten Willen des 
ſterbenden Großvaters das Verhältnis zu Rußland zu unterſtreichen. 
Er ließ auch „Reiſedispoſitionen“ für mich aufſtellen. 

Der Ausführung dieſes Projektes trat eine Schwierigkeit ent⸗ 
gegen durch einen Brief der Königin Victoria von England, welche, 
auf die Nachricht von dem beabſichtigten Beſuch in Petersburg, in 
großmütterlichem, aber zugleich autoritärem Tone an ihren älteſten 
Enkel ihre Mißbilligung über die geplante Reiſe ſchrieb. Erſt müſſe 
ein Trauerjahr verſtreichen und dann gebühre ſelbſtverſtändlich ihr 
als der Großmutter und England als dem Vaterlande meiner 
Mutter der erſte Beſuch, ehe andere Länder berückſichtigt würden. 
Als ich dieſes Schreiben dem Fürſten vorlegte, bekam er einen hef— 
tigen Zornanfall. Er ſprach das Wort von der „Onkelei in Eng⸗ 
land“ und dem „Dreinreden“ von dort, die aufhören müßten, aus 
dem Tone des Briefes könne man ermeſſen, in welcher Weiſe der 
Kronprinz und Kaiſer Friedrich beordert und bearbeitet worden ſei 


21 


von Schwiegermutter und Frau uſw. Der Fürſt wollte nun den 
Text eines Antwortſchreibens an die Königin entwerfen. Ich bemerkte, 
ich würde ſchon die paſſende Antwort aufſetzen, in der die Mittel- 
linie zwiſchen Enkel und Kaiſer richtig eingehalten werden würde. 
Sie werde dem Fürſten vor der Abſendung erſt vorgelegt werden. 

Die Antwort wahrte die äußere Form der engen Verwandtſchaft 
des Enkels ſeiner Großmutter gegenüber — die ihn als Baby auf 
ihren Armen getragen und ſchon durch ihr Alter ehrfurchtgebietend 
war —, betonte aber im Kern die Stellung und Verpflichtung des 
Deutſchen Kaiſers, der einen die vitalſten Intereſſen Deutſchlands 
betreffenden Befehl ſeines ſterbenden Großvaters unbedingt auszu— 
führen habe. Dieſen Befehl des Großvaters müſſe der Enkel 
reſpektieren im Intereſſe des Landes, deſſen Vertretung ihm durch 
Gottes Willen nunmehr übertragen ſei. Wie er das tue, müſſe die 
Königliche Großmutter ihm überlaſſen. Im übrigen ſei ich der ihr 
in Liebe anhängende Enkel und werde ſtets dankbar für jeden Nat 
der durch ihre lange Regierung erfahrenen Großmutter ſein. Aber 
in deutſchen Angelegenheiten müſſe ich mir freies Handeln vindi— 
zieren. Der Beſuch in Petersburg ſei politiſch notwendig, der Be— 
fehl meines Kaiſerlichen Großvaters entſpräche den engen Familien— 
beziehungen mit dem ruſſiſchen Kaiſerhauſe und werde daher aus— 
geführt. 

Der Fürſt war mit dem Briefe einverſtanden. Die nach einiger 
Zeit einlaufende Antwort war überraſchend. Die Königin gab ihrem 
Enkel recht, er müſſe tun, was im Intereſſe ſeines Landes ſei, ſie 
werde ſich freuen, ihn ſpäter auch bei ſich zu ſehen. Von dem Tage 
an iſt mein Verhältnis zu der ſelbſt von ihren eigenen Kindern 
gefürchteten Königin das denkbar beſte geweſen. Sie hat ihren Enkel 
nur noch wie einen gleichgeſtellten Souverain behandelt. — 

Bei den Antrittsreiſen wurde ich vom Grafen Herbert als Ver— 
treter des Auswärtigen Amtes begleitet. Er redigierte die Reden und 


22 


führte die politiſchen Unterhaltungen, ſoweit fie geſchäftlicher Natur 
waren, nach den Anweiſungen ſeines Vaters. 

Nach meiner Rückkehr aus Stambul 1889 ſchilderte ich dem 
Fürſten auf ſeinen Wunſch meine Eindrücke in Griechenland, wo 
meine Schweſter Sophie mit dem Thronfolger Kronprinz Konſtantin 
verheiratet war, und in Stambul. Dabei fiel mir auf, daß der Fürſt 
recht wegwerfend von der Türkei, den Männern in maßgebenden 
Stellungen und den dortigen Verhältniſſen überhaupt ſprach. Als 
ich zum Teil weſentlich günſtigere Momente hervorheben zu können 
glaubte, half das nicht viel. Auf meine Frage, worauf der Fürſt 
ſein ſo ungünſtiges Urteil gründe, erwiderte er: Graf Herbert habe 
ſehr abfällig über die Türkei berichtet. Der Fürſt und Graf Her— 
bert ſind der Türkei nicht hold geweſen und haben meiner Türken— 
politik — der alten Politik Friedrichs des Großen — nicht beige— 
pflichtet. 

Während der letzten Zeit ſeiner Kanzlerſchaft bezeichnete Bismarck 
die Erhaltung der guten Beziehungen zu Rußland, deſſen Zar ihm 
ſein beſonderes Vertrauen ſchenke, als den hauptſächlichſten Grund 
feines Verbleibens im Amte. In dieſem Zuſammenhange machte 
er mir die erſten Andeutungen über den geheimen Rückverſicherungs— 
vertrag mit Rußland. Bisher war ich weder vom Fürſten noch 
vom Auswärtigen Amt von dieſem Vertrage unterrichtet worden, 
obwohl ich mich gerade mit den ruſſiſchen Angelegenheiten befaßt 
hatte. — 

Als ich durch den frühen Tod meines Vaters zur Regierung 
kam, folgte damit, wie ich ſchon früher hervorhob, die Generation 
des Enkels auf die des Großvaters. Es wurde dadurch die ganze 
Generation Kaiſer Friedrichs überſprungen. Dieſe war durch den 
Verkehr mit dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm mit vielen libe— 
ralen Ideen und Reformprojekten gerüſtet, die unter ihm als Kaiſer 
Friedrich ins Werk geſetzt werden ſollten. Durch ſein Hinſcheiden 


23 


ſah ſich dieſe ganze Generation, zumal die Politiker, in ihrer Hoff— 
nung, zu Einfluß zu gelangen, getäuſcht, fie fühlte ſich gewiſſer— 
maßen verwaiſt. Dieſe Kreiſe ſtanden mir, obwohl ſie mich und 
meine inneren Gedanken und Ziele gar nicht kannten, mißtrauiſch 
und zurückhaltend gegenüber, anſtatt ihr Intereſſe vom Vater auf 
den Sohn zum Vorteil des Vaterlandes zu übertragen. 

Ein Vertreter der Nationalliberalen machte eine Ausnahme: der 
vornehme, noch ſugendfriſche Herr v. Benda. Schon als Prinz 
war ich mit ihm auf den großen Haſenjagden beim Amtsrat Dietze 
in Barby bekannt geworden. Dort hatte er meine Zuneigung und 
mein Vertrauen gewonnen, wenn ich als Zuhörer in dem Kreiſe 
der älteren Männer den Diskuſſionen über politiſche, landwirtfchaft- 
liche und nationalökonomiſche Fragen beiwohnte, bei denen Herr 
v. Benda durch ſein freies, intereſſantes Urteil meine Aufmerkſam— 
keit feſſelte. Einer Einladung auf den Landſitz Bendas, Rudow bei 
Berlin, bin ich gern gefolgt. Daraus entſtand ein regelmäßiger 
Beſuch einmal im Jahre. Die Stunden im Rudower Familienkreiſe, 
in dem von den talentierten Töchtern die Muſik eifrig gepflegt wurde, 
ſind mir in guter Erinnerung geblieben. Die politiſchen Geſpräche 
zeigten, daß Herr v. Benda einen weiten Blick beſaß, der, frei von 
aller Parteiſchablone, eine ſo klare Auffaſſung über die allgemeinen 
Staatsnotwendigkeiten offenbarte, wie ſie bei Parteimännern ſelten 
zu finden iſt. Er hat mir aus treuem altpreußiſchen Herzen, das 
feſt an ſeinem Königshauſe hing, unter weitgehender Toleranz an— 
deren Parteien gegenüber, manchen wertvollen Rat für die Zukunft 
erteilt. 

Daß ich in keiner Weiſe gegen irgendeine Partei — abgeſehen 
von den Ultra-Sozialiſten — ablehnend geſinnt, auch nicht antiliberal 
war, hat meine ſpätere Regierungszeit bewieſen. Mein bedeutendſter 
Finanzminiſter war der Liberale Miquel, mein Handelsminiſter der 
Liberale Moeller, der Führer der Liberalen, Herr v. Bennigſen, 


24 


— — 


war Oberpräſident von Hannover. Mit einem älteren liberalen Ab- 
geordneten, den ich durch Herrn v. Miquel kennen lernte, habe ich 
beſonders während der zweiten Hälfte meiner Regierungszeit nahe 
Beziehungen gepflogen, es war Herr Seydel (Chelchen), Beſitzer 
eines Landgutes im Oſten, ein Kopf, dem ein paar kluge Augen aus 
dem glattraſierten Geſicht ſchauten. Er war Mitarbeiter Miquels in 
Eiſenbahn- und Kanalfragen, ein grundgeſcheiter, einfacher, prafti- 
ſcher Mann, Liberaler mit konſervativem Einſchlag. 

Mit der konſervativen Partei beſtanden naturgemäß zahlreiche Be— 
ziehungen und Berührungspunkte, da die Herren vom Landadel auf 
Hof⸗ und anderen Jagden viel mit mir zuſammentrafen oder zu Hofe 
kamen, auch in Hofſtellungen Dienſt taten. Durch ſie konnte ich 
ausgiebige Orientierung über alle Agrarfragen erhalten und hören, 
wo den Landmann der Schuh drückte. 

Die Freiſinnigen unter ihrem „unentwegten Führer“ haben keine 
Beziehung zu mir aufgenommen, fie beſchränkten ſich auf die Oppo— 
ſition. 

In den Geſprächen mit Benda und Bennigſen wurde oft über 
die Zukunft des Liberalismus geſprochen. Dabei tat Benda einmal 
den intereſſanten Ausſpruch: „Es iſt nicht nötig und auch nicht gut, 
wenn der Thronfolger in Preußen in Liberalismus macht, das können 
wir nicht brauchen. Er muß in larger und nicht beengter Weiſe 
ohne Voreingenommenheit gegen andere Parteien doch im Grunde 
genommen konſervativ fein.” 

Als ich mit Bennigſen die Notwendigkeit erörterte, daß die 
Nationalliberalen ihr Programm, das urſprünglich unter der Deviſe: 
„Aufrichtung des Deutſchen Reiches und Preſſefreiheit“ die Mit- 
glieder um die liberale Fahne geſchart habe — was nun lange ſchon 
erreicht ſei —, revidieren müßten, damit die werbende Kraft des 
alten preußiſchen Liberalismus beim Volke nicht verloren gehe, gab 
Bennigſen das zu. Die preußiſchen Liberalen wie Konſervativen, 


23 


fuhr ich fort, machten beide den Fehler, daß fie noch zu viel Er— 
innerungen an die alte Konfliktszeit von 1861 — 1866 bewahrten und 
bei Wahl- oder anderen politiſchen Kämpfen in Gewohnheiten von 
damals zurückfielen. Jene Zeit ſei für unſere Generation bereits Ge— 
ſchichte geworden und erledigt. Für uns fange die Jetztzeit mit dem 
Jahre 1870, dem neuen Reiche, an, unter 1866 hätten wir einen 
Strich gemacht. Man müſſe auf dem Boden des Reiches neu bauen, 
auch die Parteien müßten ſich in ihren Zielen danach einrichten, aber 
nicht altes Vergangenes, noch dazu Trennendes, mit herübernehmen. 
Das iſt leider nicht geſchehen. Bennigſen machte eine ſehr treffende 
Bemerkung, indem er ſagte: „Wehe den norddeutſchen Liberalen, 
falls ſie unter die Führung der ſüddeutſchen Demokraten kommen 
ſollten, dann iſt es mit dem wirklichen, echten Liberalismus zu Ende. 
Dann kriegen wir die verkappte Demokratie von da unten, die können 
wir hier nicht brauchen.“ 

Die ehrenwerte und königstreue konſervative Partei hat leider 
nicht immer überragende Parteiführer hervorgebracht, die zugleich ge— 
ſchickte, taktiſch geſchulte Politiker waren. Der agrariſche Flügel war 
zeitweiſe zu ausgeprägt und bedeutete eine Belaſtung der Partei. 
Auch waren die Erinnerungen an die Konfliktszeit noch zu ſtark. 
Ich riet zu dem Zuſammenſchluß mit den Nationalliberalen, fand 
aber wenig Gegenliebe. Ich habe oft darauf hingewieſen, daß die 
Nationalliberalen reichstreu und daher kaiſerlich geſinnt, alſo durch— 
aus als Bundesgenoſſen für die Konſervativen zu begrüßen ſeien. 
Ich könne und wolle im Reiche nicht ohne ſie, keinesfalls gegen ſie 
regieren, der norddeutſche Konſervativismus werde in manchen Teilen 
des Reiches nicht verſtanden, eine Folge der anders gearteten hiſto— 
riſchen Entwicklung, deshalb ſeien die Nationalliberalen der natür— 
liche Bundesgenoſſe. Aus dieſem Grunde habe ich z. B. auch den 
Hofprediger Stöcker — einen auf ſozialem Gebiete in feiner Miſſions— 
tätigkeit glänzend bewährten Mann — aus ſeinem Amte entfernt, 


26 


weil er in Süddeutſchland eine demagogiſche Hetzrede gegen die dor— 
tigen Liberalen gehalten hatte. 

Das Zentrum war durch den Kulturkampf zuſammengeſchweißt 
und ſtark antiproteſtantiſch, dem Reiche nicht hold. Trotzdem habe 
ich mit vielen bedeutenden Männern der Partei Beziehungen ge— 
pflogen und ſie zum Nutzen des Ganzen für praktiſche Mitarbeit 
intereſſieren können. Beſonders Schorlemer (der Vater) half mir 
dabei. Er hat nie ein Hehl aus ſeiner preußiſchen Königstreue ge— 
macht. Sein Sohn, der bekannte Landwirtſchaftsminiſter, hat ſich 
ſogar der konſervativen Partei angeſchloſſen. Bei vielen Vorlagen 
hat das Zentrum mitgearbeitet, das in ſeinem alten Führer Windt— 
horſt einſtmals den ſchärfſten politiſchen Kopf im Parlament beſitzen 
durfte. Aber bei allem war doch der Unterton nicht zu verkennen, 
daß das Intereſſe der Kirche Roms ſtets gewahrt ſein müſſe und 
nicht zu kurz kommen dürfe. 


* * * 


Als Prinz Wilhelm war ich des längeren zum Oberpräſidenten 
der Provinz Brandenburg v. Achenbach kommandiert, um in die 
innere Verwaltung eingeführt und in wirtſchaftlichen Fragen orien— 
tiert zu werden, auch praktiſch tätigen Anteil an den Arbeiten zu 
nehmen. Aus dieſer Zeit habe ich mir, durch die feſſelnden Vor— 
träge Achenbachs angeregt, beſonderes Intereſſe für die wirtſchaftliche 
Seite der inneren Entwicklung des Landes bewahrt, während die 
rein jſuriſtiſche Seite der Verwaltung mich weniger feſſelte. Melio— 
rationen, Kanalbauten, Chauſſee-Anlagen, Waldwirtſchaft, Hebung 
aller Arten der Verkehrsverbindungen, Wohnungsverbeſſerung, Ein— 
führung der Maſchinen in die Landwirtſchaft und deren genoſſen— 
ſchaftliche Entwicklung waren Fragen, die mich auch ſpäter andauernd 
beſchäftigt haben, in ganz beſonderem Maße der Waſſerbau und die 


27 


Entwicklung des Eiſenbahnnetzes, zumal in dem ſehr vernachläſſigten 
Oſten. 

Alle dieſe Fragen wurden, nachdem ich den Thron beſtiegen hatte, 
mit den Miniſtern beſprochen. Ich hatte ihnen zur Aneiferung freies 
Arbeiten in ihren Reſſorts zugeſagt. Das ſtellte ſich aber, ſolange 
Fürſt Bismarck im Amte war, als kaum möglich heraus, da der 
Fürſt ſich in allen Angelegenheiten die Hauptentſcheidung vorbehielt 
und dadurch die Selbſtändigkeit ſeiner Mitarbeiter lähmte. Es zeigte 
ſich mir bald, daß die Miniſter, ganz in Bismarcks Hand befindlich, 
ſich zu „Neuerungen“ oder Ideen des „jungen Herrn“, die Bis— 
marck ablehnte, nicht bekennen konnten. Das NMinifterium war in 
der Tat ausſchließlich ein Inſtrument in Bismarcks Hand und 
handelte nur nach ſeinem Befehl. Dieſer Zuſtand war an ſich natür⸗ 
lich, denn ein ſo überragender Miniſterpräſident, der für Preußen und 
Deutſchland ſo große politiſche Erfolge errungen hatte, beherrſchte 
eben ſein Miniſterium und leitete es autoritativ. Ich befand mich 
dadurch aber in einer ſchwierigen Lage, denn bei meinen Anregungen 
wurden mir die typiſchen Antworten zuteil: „Das will der Fürſt 
Bismarck nicht, das iſt nicht bei ihm zu erreichen, das würde Kaifer 
Wilhelm J. nicht verlangt haben, das verſtößt gegen die Tradition“ 
uſw. Ich erkannte mehr und mehr, daß ich eigentlich kein Staats— 
miniſterium zur Verfügung hatte, ſondern daß ſich die Herren 
— aus langer alter Gewohnheit — als die Beamten des Für— 
ſten Bismarck anſahen. 

Ein Beiſpiel möge erläutern, wie das Miniſterium in jener Big- 
marckſchen Zeit zu mir ſtand. Es handelte ſich um die Erneuerung 
des Sozialiſtengeſetzes, einer politiſchen Maßregel des Fürſten Bis⸗ 
marck, um den Sozialismus zu bekämpfen. Ein beſtimmter Para⸗ 
graph ſollte gemildert werden, um das Geſetz zu retten. Bismarck 
wollte nicht. Es kam zu ſcharfen Auseinanderſetzungen. Ich befahl 
einen Kronrat. Bismarck ſprach im Vorzimmer mit meinem Ad— 


28 


jutanten und erklärte: Seine Majeſtät vergeffe ganz, daß er Offizier 
ſei und ein Portepee trage, er müſſe auf die Armee zurückgreifen 
und fie gegen die Sozialiſten führen, falls dieſe zu revolutionären 
Taten ſchreiten ſollten: der Kaiſer ſolle ihm freie Hand laſſen, dann 
werde man endlich Ruhe haben. Im Kronrat blieb Bismarck bei 
ſeinem Standpunkt. Die einzelnen Miniſter, zur Meinungsäußerung 
aufgefordert, ſprachen ſich lau aus. Es kam zur Abſtimmung, und 
das ganze Minifterium ſtimmte gegen mich. 

Dieſe Abſtimmung zeigte mir wiederum die abſolute Herrſchaft, 
die der Kanzler über ſeine Miniſter ausübte. In tiefem Unmut 
beſprach ich den Vorfall mit Exzellenz v. Lucanus, der ebenſo betroffen 
über dieſe Erſcheinung war. Lucanus ſuchte einige von den Herren 
auf und ſtellte ſie über ihr Verhalten zur Rede. Die Herren 
machten geltend, ſie ſeien „nicht in der Lage“, gegen den Fürſten 
Stellung zu nehmen, und erklärten, man könne ihnen doch unmöglich 
zumuten, gegen den Fürſten zu ſtimmen. 

Der große weſtfäliſche Bergarbeiterſtreik im Frühjahr 1889 
traf die Zivilverwaltung überraſchend. Eine dementſprechende Kopf- 
und Ratloſigkeit trat zumal bei der Provinzialverwaltung Weſtfalens 
in die Erſcheinung. Alles rief nach Truppen, ein jeder Gruben— 
beſitzer wollte womöglich Poſten vor ſeinem Zimmer ſtehen haben. 
Die Kommandeure der requirierten Truppen meldeten immediat über 
die vorgefundene Lage an mich, darunter einer meiner früheren 
Regimentskameraden aus dem Garde-Huſarenregiment, v. Michaelis, 
der feines Witzes halber berühmt war. Er war zwifchen den ftreifen- 
den Arbeitermaſſen, die in dem ungewöhnlich warmen Vorfrühling 
auf den Halden herum lagerten, allein und unbewaffnet umhergeritten 
und hatte es bald verſtanden, durch ſein vertrauenerweckendes joviales 
Weſen einen harmloſen Verkehr mit den Leuten herzuſtellen. Durch 
Frage und Antwort gelangte er in den Beſitz vieler wertvoller In— 
formationen über das, wodurch ſich die Arbeiter — mit Recht oder 


29 


Unrecht — bedrückt fühlten, ſowie über ihre Abſichten, Hoffnungen 
und Wünſche für die Zukunft. Er erwarb ſich bald allgemeine An— 
erkennung und Beliebtheit bei den Arbeitern und wußte ſie ſo richtig 
zu behandeln, daß in ſeinem Rayon abſolute Ruhe herrſchte. Durch 
nervöſe und beſorgte Telegramme der Großinduſtriellen und Behör— 
den, die auch beim Reichskanzler einliefen, veranlaßt, fragte ich bei 
Michaelis an, wie die Lage aufzufaſſen ſei. Als Antwort traf folgen— 
des Telegramm ein: „Alles ruhig, mit Ausnahme der Behörden.“ 

Auf Grund aller im Laufe des Frühjahres und Sommers ein— 
laufenden Meldungen und Berichte ſammelte ſich ein Material an, 
das klar erkennen ließ, daß in der Induſtrie nicht alles in Ordnung 
war. Mancher Wunſch der Arbeiter hatte ſeine Berechtigung und 
hätte zum mindeſten wohlwollender Prüfung unterzogen werden ſollen, 
ſowohl ſeitens der Arbeitgeber, wie der Behörden. Dieſe Erkenntnis, 
welche auch von meinem von mir befragten, in den ſozialen Er— 
ſcheinungen beſonders ſeiner Provinz gut orientierten früheren Er— 
zieher, Geheimrat Dr. Hinzpeter, beſtätigt wurde, ließ in mir den 
Entſchluß reifen, den Staatsrat zuſammenzuberufen, zu den Ver— 
handlungen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hinzuzuziehen und unter 
meinem perſönlichen Vorſitz eine eingehende Beleuchtung der Arbeiter— 
frage zu veranlaſſen. Es ſollten dabei leitende Grundſätze und 
Material gewonnen werden, die dann dem Kanzler und der preußi— 
ſchen Staatsregierung als Unterlagen für die Ausarbeitung dem— 
entſprechender Geſetzesvorlagen dienen ſollten. 

Mit dieſem Gedanken trat ich an Exzellenz v. Bötticher heran, 
der ſofort den Widerſtand des Kanzlers gegen ſolches Verfahren in 
Ausſicht ſtellte und dringend davon abriet. Ich beſtand auf meinem 
Vorſatz, den Grundſatz Friedrichs des Großen anführend: „Je veux 
etre un roi des gueux“ ), es fei meine Pflicht, für die von der 


) „Ich will ein König der Armen fein.” 


30 


Induſtrie aufgebrauchten Landeskinder zu forgen, ihre Kräfte zu 
ſchützen und ihre Exiſtenzmöglichkeiten zu verbeſſern. 

Der vorhergeſagte Widerſtand des Fürſten ließ nicht lange auf 
ſich warten. Es koſtete, da die Großinduſtrie ſich zum Teil hinter 
den Kanzler ſcharte, viel Mühe und Kämpfe, bis meine Abſicht durch— 
geſetzt war. Der Staatsrat trat unter meinem Vorſitz zuſammen. 
In der Eröffnungsſitzung erſchien unerwartet auch der Kanzler. Er 
hielt eine Anſprache, in der er das ganze von mir ins Werk geſetzte 
Unternehmen mit Ironie kritiſterte und mißbilligte und feine Nit- 
wirkung verſagte. Dann verließ er den Saal. 

Nach dem Fortgang des Kanzlers ſtand die Verſammlung unter 
dem Eindruck dieſer eigenartigen Szene. Die Wucht und Rückſichts— 
loſigkeit, mit der der große Kanzler für ſeine und gegen meine Politik 
eintrat, weil er von der Richtigkeit ſeiner Auffaſſung durchdrungen 
war, machte auf mich und alle Anweſenden einen imponierenden 
Eindruck. Trotzdem mußte mich der Vorfall tief verletzen. Die 
Verſammlung nahm dann ihre Arbeiten wieder auf und lieferte 
reiches Material zur Weiterbildung der von Kaiſer Wilhelm dem 
Großen ins Leben gerufenen ſozialen Geſetzgebung, die den Stolz 
Deutſchlands bildet und eine Fürſorge für das arbeitende Volk dar— 
ſtellt, wie ſie in keinem Lande der Welt zu finden iſt. 

Daraufhin beſchloß ich, einen allgemeinen Sozialkongreß ein— 
zuberufen. Auch dem widerſetzte ſich Fürſt Bismarck. Die Schweiz 
hegte einen ähnlichen Gedanken und beabſichtigte, einen Kongreß 
nach Bern zu berufen. Der ſchweizeriſche Geſandte Roth erfuhr 
von meiner Abſicht und empfahl die Einſtellung der Einladungen 
nach Bern und die Annahme einer ſolchen nach Berlin. So ge— 
ſchah es. Dank der Loyalität des Herrn Roth konnte der Kongreß 
nach Berlin einberufen werden. Das aus ihm reſultierende Material 
iſt zu Geſetzen verarbeitet und ausgenutzt worden, allerdings nur in 
Deutſchland. 


31 


Späterhin habe ich mit Bismarck über fein Anſinnen, die Sozia— 
liſten im Falle revolutionärer Betätigung durch Kanonen und Baſo— 
nette zu bekämpfen, geſprochen und verſucht, ihn davon zu über— 
zeugen, daß ich, kaum daß Kaiſer Wilhelm der Große nach geſeg— 
neter Regierung die Augen geſchloſſen, doch unmöglich meine erſten 
Regierungsjahre mit dem Blut meiner eigenen Landeskinder beflecken 
könne. Bismarck blieb dabei und erklärte, er werde das auf ſeine 
Kappe nehmen, ich ſollte ihm die Sache nur überlaſſen. Ich er— 
widerte, daß ich das mit meinem Gewiſſen und meiner Verant⸗ 
wortung vor Gott nicht vereinbaren könnte, um ſo weniger, als ich 
genau wüßte, daß die Arbeiterwelt in einer ſchlechten Lage ſei, die 
unbedingt gebeſſert werden müßte. 

Der Gegenſatz der Anſchauungen des Kaiſers und des Kanzlers 
über die ſoziale Frage, d. h. die Förderung des Wohles der Ar- 
beiterbevölferung unter Anteilnahme des Staates, iſt der eigentliche 
Grund zum Bruche zwiſchen uns geweſen und hat mir die Feind⸗ 
ſchaft Bismarcks und damit die eines großen Teiles des ihm er= 
gebenen deutſchen Volkes und beſonders des Beamtentums auf Jahre 
hinaus eingetragen. 

Dieſer Gegenſatz zwiſchen dem Kanzler und mir entſtand durch 
ſeine Meinung, daß die ſoziale Frage mit ſcharfen Maßregeln und 
eventuell mit der Truppe gelöſt werden könne, nicht aber mit Grund— 
ſätzen allgemeiner Menſchenliebe oder Humanitätsduſelei, die er bei 
mir annehmen zu müſſen glaubte. Bismarck war — das möchte ich 
nach dem Geſagten betonen — nicht etwa arbeiterfeindlich. Im 
Gegenteil! Er war ein viel zu großer Staatsmann, um die Wich— 
tigkeit der Arbeiterfrage für den Staat zu verkennen. Er faßte dieſe 
ganze Angelegenheit aber rein vom ſtaatlichen Zweckmäßigkeitsſtand⸗ 
punkte auf. Der Staat ſollte für die Arbeiter ſorgen, ſoweit und 
wie dies der Regierung gut ſchien. Von einer Mitwirkung der 
Arbeiter bei dieſem Werke war kaum die Rede. Verhetzungen und 


32 


Auflehnungen follten ſcharf, nötigenfalls mit Waffengewalt, unter- 
drückt werden. Fürſorge auf der einen, die Panzerfauſt auf der 
anderen Seite, das war die Bismarckſche Sozialpolitik. Ich aber 
wollte die Seele des deutſchen Arbeiters gewinnen und habe um 
dieſes Ziel heiß gerungen. Ich war von einem klaren Pflicht- und 
Verantwortlichkeitsbewußtſein meinem ganzen Volke, alſo auch den 
arbeitenden Klaſſen gegenüber, erfüllt. Was dieſen von Rechts wegen 
und billigerweiſe zukam, ſollte ihnen werden, und zwar, ſoweit es 
angängig oder notwendig war, wo der Wille und das Vermögen 
der Arbeitgeber aufhörten, von ſeiten des Landesherrn und ſeiner 
Regierung. Sobald ich erkannt hatte, daß Verbeſſerungen notwendig 
waren, zu denen ſich die Induſtrie zum Teil nicht verſtehen wollte, 
griff ich aus Rechtsgefühl für die Arbeiterſchaft ein. 

Ich hatte genügend in der Geſchichte ſtudiert, um nicht den Illu— 
ſionen allgemeiner Volksbeglückungsmöglichkeit zum Opfer zu fallen. 
Daß es einem Menfhen nicht möglich iſt, ein Volk „glücklich“ zu 
machen, war mir klar. Schließlich iſt nur das Volk glücklich, das 
zufrieden iſt oder wenigſtens ſein will, ein Wille, der allerdings ein 
gewiſſes Maß an Erkenntnis des Möglichen, alſo Sachlichkeit, vor— 
ausſetzt. Leider gebricht es daran recht oft! 

Ich wußte genau, daß bei den maßloſen Forderungen der ſozia— 
liſtiſchen Führer die unberechtigte Begehrlichkeit ſtets neu entfacht 
werden würde. Aber gerade um den unberechtigten Aſpirationen mit 
reinem Gewiſſen und überzeugend entgegentreten zu können, durfte 
den berechtigten die Anerkennung und Förderung nicht verſagt werden. 

Die das Wohl der Arbeiter ins Auge faſſende Politik hat zweifel- 
los den geſamten Induſtriellen Deutſchlands durch die bekannten 
Geſetze für den Arbeiterſchutz ſchwere Laſten in der Konkurrenz auf 
dem Weltmarkt auferlegt — zumal einer Induſtrie gegenüber wie der 
belgiſchen, die ungehindert die Menſchenreſerven Belgiens mit billigen 
Löhnen bis zum letzten Tropfen ausquetſchen konnte, ohne Gewiſſens⸗ 


3 Kaifer Wilhelm II. 33 


biſſe darüber zu empfinden und ohne Mitgefühl für die finfende 
Moral des ausgeſchöpften, ungeſchützten Volkes. Solche Zuſtände 
habe ich für Deutſchland unmöglich gemacht durch meine ſoziale Ge— 
ſetzgebung, deren Einführung ich auch in Belgien während des Krieges 
durch Generaloberſt Freiherrn v. Biſſing zum Wohl der belgiſchen 
Arbeiter veranlaßte. Dieſe Geſetzgebung iſt aber zunächſt, um einen 
ſportlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein Handicap auf der deutſchen 
Induſtrie im Weltkonkurrenzkampf geweſen und verſtimmte viele 
Großinduſtrielle, was von ihrem Standpunkte verſtändlich war. Der 
Landesherr muß aber ſtets das Geſamtwohl im Auge haben, und 
deshalb bin ich meinen Weg unbeirrt weitergegangen. 

Diejenigen Arbeiter andererſeits, die blindlings den ſozialiſtiſchen 
Führern folgten, haben mir keinen Dank für den ihnen geſchaffenen 
Schutz und für meine Arbeit gezollt. Uns trennt der Wahlſpruch 
der Hohenzollern: „Suum cuique“. Das heißt: „Jedem das Seine“, 
aber nicht, wie die Sozialdemokraten wollen: „Allen dasſelbe“! 

Auch der Gedanke beſchäftigte mich, wenigſtens der kontinentalen 
Induſtrie Europas durch eine Art von Kontingentierung des Abſatzes 
im Auslande einen Teil des Konkurrenzkampfes zu erſparen und da— 
durch eine Erleichterung der Produktion zu ſchaffen, die wiederum 
eine gefündere Lebensweiſe der arbeitenden Klaſſen ermöglichen ſollte. 

Sehr bezeichnend iſt der Eindruck, den fremde Arbeiter beim 
Studium der ſozialen Geſetzgebung in Deutſchland gewannen. 
Wenige Jahre vor dem Kriege erwachte man in England unter dem 
Druck der Arbeiterbewegungen zu der Überzeugung, daß es geboten 
ſei, für die Arbeiter beſſer zu ſorgen. Es kamen Kommiſſionen nach 
Deutſchland, auch ſolche von Arbeitern. Sie beſuchten unter Füh— 
rung von deutſchen Vertretern, auch von Sozialiſten, die Induſtrie— 
gebiete, Fabriken, Wohltätigkeitsanlagen, Heilſtätten der Verſicherungs— 
geſellſchaften ufw. und waren überraſcht von allem, was fie ſahen. 
Bei dem Abſchiedsmahl, das ihnen gegeben wurde, wandte ſich der 


34 . 


engliſche Führer der Arbeiterdeputationen an Bebel mit der Schluß— 
bemerkung: „Nach dem, was wir alles geſehen haben, was in 
Deutſchland für die Arbeiterwelt geſchieht, frage ich Sie: da ſind 
Sie auch noch Sozialiſten?!“ Einem Gewährsmann gegenüber be— 
merkten die Engländer, wenn es ihnen gelänge, nach langen Kämpfen 
in ihrem Parlament den zehnten Teil von dem durchzuſetzen, was 
in Deutſchland ſchon ſeit Jahren für die Arbeiter geſchähe, dann 
würden ſie ſehr zufrieden ſein. 

Ich hatte dieſe Beſuche der engliſchen Deputationen mit Inter— 
eſſe verfolgt und wunderte mich über deren Unkenntnis der deutſchen 
Verhältniſſe. Noch mehr aber über die durch die engliſche Botſchaft 
übermittelten Fragen der engliſchen Regierung zu demſelben Thema, 
die eine geradezu erſtaunliche Unkenntnis der in Deutſchland auf 
dem Gebiet ſozialer Reformen erfolgten Entwicklung verrieten. Ich 
befragte den engliſchen Botſchafter und bemerkte, England ſei 1890 
auf dem Berliner Sozialkongreß vertreten geweſen und habe doch 
gewiß, wenigſtens durch die Botſchaft, Kenntnis erhalten von den 
Reichstagsdebatten, die über die einzelnen ſozialen Maßnahmen in 
breiter Weiſe ſtattgefunden hatten. Der Botſchafter erwiderte: Er 
habe denſelben Gedanken gehabt, daher habe er die früheren Akten 
der Botſchaft nachſehen laſſen. Dabei ſei konſtatiert worden, daß 
ſeitens der Botſchaft auf das genaueſte nach London Bericht erſtattet 
worden und daß über jedes wichtige Stadium der fortſchreitenden 
ſozialen Reformen umfangreiche Berichte nach Hauſe geſandt worden 
ſeien, allein „because they came from Germany, nobody ever read 
them, they were simply »pigeonholed«, and remained there ever 
since, it is a downright shame! Germany does not interest people 
at home“. “) So fügte der Brite achſelzuckend hinzu. Weder König 


*) „Weil fie aus Deutſchland kamen, wurden fie von niemand gelefen, man 
packte ſie einfach in die Aktenſchränke, und dort ſind ſie ſeitdem geblieben. Es iſt 
eine wahre Schande! Deutſchland intereſſiert die Leute zu Hauſe nicht.“ 


3* 3) 


noch Parlament beſaßen das Gewiſſen oder Zeit oder Luft, fich 
mit der Hebung der Arbeiterklaſſe zu beſchäftigen. Die „Einkreiſungs— 
politik“ zur Vernichtung Deutſchlands, vor allem ſeiner Induſtrie 
und damit ſeiner Arbeiterbevölkerung, war ihnen viel wichtiger und 
lohnender. Am 9. November 1918 ſchloſſen ſich die radikalen deutſchen 
Sozialiſtenführer mit ihrer gleichgearteten Gefolgſchaft dieſem briti— 
ſchen Vernichtungswerke an. — 

Auch im Kleinen habe ich auf Gebieten, die meinem Einfluß 
zugänglich waren, z. B. in der Verwaltung meines Hofes, im Kaifer- 
lichen Automobil-Club u. dgl., den ſozialen Geſichtspunkten zur Gel— 
tung verholfen. So habe ich u. a. aus den Geldern, die bei der 
Beſichtigung der Schlöſſer den Dienern gegeben wurden, einen Fonds 
errichten laſſen, der als lediglich der Dienerſchaft gehörend ange— 
ſehen wurde und im Laufe der Zeit eine ſtattliche Summe erreicht 
hat. Aus feinen Mitteln erhielten die Diener und ihre Familien 
Badereiſezulagen, Kurkoſten, Begräbniskoſten, Ausſteuern für Kinder, 
Konfirmationszulagen und ähnliche Zuwendungen. 

Als ich auf die Bitte des neugeſchaffenen „Kaiſerlichen Auto— 
mobil⸗Clubs“ das Protektorat über ihn angenommen hatte, folgte ich 
einer Einladung zu einem Frühſtück in den ſchönen Räumen des 
von Ihne gebauten Hauſes. Hier fand ich außer Magnaten, wie 
den Herzögen von Ratibor, von Ujeſt u. a., eine Menge Herren aus 
der Berliner haute finance und Induſtrie vor, die ſich teilweiſe recht 
„hermelintoll' gebärdeten. Als das Geſpräch auf die Wagenführer 
kam, ſchlug ich vor, einen Fonds zu begründen, der dieſen bei Un— 
glücksfällen eine Beihilfe für die Krankheitsbehandlung, bei Todes— 
fällen eine Sicherſtellung ihrer Hinterbliebenen gewähren ſollte. Der 
Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und der Fonds hat dann ſehr 
ſegensreich gewirkt. Eine ähnliche Einrichtung habe ich ſpäterhin 
auch für die Kapitäne und Erſten Steuerleute im „Kaiſerlichen 
Vacht-Club“ in Kiel geſchaffen. 


36 


Beſondere Freude bereitete mir das von mir begründete „Kaiſer 
Wilhelm⸗Kinderheim“ in Ahlbeck, in dem im Frieden alljährlich von 
Mai bis Ende September, abteilungsweiſe alle vier Wochen wech— 
ſelnd, eine große Anzahl von Kindern aus den ärmſten Berliner 
Arbeitervierteln untergebracht wurden. Das Heim ſteht heute noch 
unter der bewährten Leitung der hervorragenden Oberin Fräulein 
Kirſchner, der Tochter des früheren Oberbürgermeiſters von Berlin, 
und hat ſowohl phyſiſch wie pſychiſch ein glänzendes Reſultat erzielt. 
Aus abgehärmten, blaſſen, dürftigen Großſtadtkindern wurden friſche, 
blühende, lebensfreudige kleine Weſen, von deren Gedeihen ich mich 
des öfteren perſönlich freudebewegt überzeugt habe. — 

Ich möchte, gerade weil ich von meinem Zerwürfnis mit Bis— 
marck wegen der Arbeiterfrage geſprochen habe, — außer dem vor— 
hin über ſeine grundſätzliche Stellung Geſagten — ein Beiſpiel da— 
für anfügen, wie glänzend ſich der Fürſt in einer Angelegenheit be— 
nahm, die die Arbeiterſchaft anging. Dabei haben ihn gewiß auch 
nationale Motive geleitet, aber er erkannte doch ſofort, daß es galt, 
eine große Belegſchaft vor Arbeitsloſigkeit zu ſchützen, und griff mit 
feiner ganzen Autorität durch. Ich hatte — noch als Prinz Wilhelm — 
in Stettin etwa 1886 in Erfahrung gebracht, daß die große Schiffs- 
bauwerft „Vulkan“ aus Mangel an Beſtellungen vor dem Konkurs 
und damit die ganze mehrtauſendköpfige Arbeiterſchaft vor der Brot— 
loſigkeit ſtand. Dies war auch für die Stadt Stettin kataſtrophal. 
Die Werft konnte nur durch eine Beſtellung auf ein großes Schiff 
über Waſſer gehalten werden. Sie war, durch Admiral v. Stoſch 
ſeinerzeit aufgefordert — um uns vom engliſchen Schiffbau endlich 
loszumachen —, mutig darangegangen und hatte das erſte deutſche 
Panzerſchiff gebaut, deſſen Taufe Anno 1874 meine Mutter an ihrem 
Geburtstag vollzog, wobei ich zugegen geweſen bin. Seither hatten 
ihre Schiffe ſtets die Zufriedenheit der Kriegsmarine erworben, doch 
dieſe baute nur ſelten. Die Handelsmarine aber hatte nicht gewagt, 


37 


den kühnen Schritt Admirals v. Stoſch nachzutun. Nun ftand 


dieſe tapfere deutſche Werft vor dem Ruin, denn der Bremer Lloyd 


hatte ihr Angebot auf einen Paſſagierdampfer abgelehnt mit dem 
Bemerken, das könnten die Engländer beſſer à conto ihrer lang— 
jährigen Tradition. Die Not war groß. Ich eilte zum Fürſten 
Bismarck und legte ihm die oben geſchilderten Vorgänge dar. Ein 
heller Zorn ergriff den Kanzler, und blitzenden Auges ſchlug er mit 
der Fauſt auf den Tiſch. „Was? Dieſe Pfefferſäcke wollen lieber 
ihre Kähne in England als bei uns bauen? Das iſt ja ganz un— 
erhört! Dabei ſoll eine gute deutſche Werft zugrunde gehen? Der 
Deibel ſoll dieſe Kaufmänner beim Kanthaken kriegen!!“ Er klingelte, 
ein Diener trat ein. „Geheimrat X. aus dem Auswärtigen Amt 
ſofort hierher!“ Nach wenigen Minuten, während deren der Fürſt 
auf- und abſtampfte, erſchien der Gerufene. „Telegramm nach Ham— 
burg an den Geſandten: der Lloyd in Bremen hat ſein neueſtes 
Schiff in Stettin beim Vulkan bauen zu laſſen!“ Der Geheimrat 
verſchwand eiligſt mit „wagerecht abſtehenden Rockſchößen um die 
offene Tür herumwalzend“. Der Fürſt wandte ſich zu mir und 
ſagte: „Ich bin Ihnen zu beſonderem Danke verpflichtet. Sie haben 
dem Vaterland und auch mir einen wichtigen Dienſt erwieſen. Fortan 
wird nur noch bei uns gebaut. Das werde ich den Hanſeaten ſchon 
klar machen. Sie können an den Vulkan telegraphieren, daß der 
Kanzler ſich für den Bau auf der Vulkanwerft verbürgt, möge es 
der Anfang einer langen Reihe ſein! Die Arbeiter aber, die Sie 
auf dieſe Weiſe vor Arbeitsloſigkeit geſchützt haben, mögen ſich bei 
Ihnen bedanken!“ Ich benachrichtigte Geheimrat Schlutow in Stettin, 
die Freude war groß. Es war der Anfang, der zu dem Bau der 
herrlichen Schnelldampfer führen ſollte. 

Als ich im Dezember 1888 nach meinem Regierungsantritt nach 
Stettin fuhr, um meinen pommerſchen Grenadieren die Erinnerungs— 
bänder an ihre Fahnen zu verleihen, beſuchte ich auf Bitten des Vor— 


38 


ꝗ—àç—ꝗq—̃ ww —— ——— ⏑ . m 


A ee 


ſtandes auch den Vulkan. Nach Empfang durch den Vorſtand außer— 
halb der Werft taten ſich die großen Flügeltore auf, und ich ſchritt 
hinein. Aber ſtatt Arbeit und dröhnender Hämmer empfing mich 
tiefe Stille. Die geſamte Arbeiterſchaft ſtand im offenen Halbkreis 
verſammelt und entblößte ihre Häupter. In ihrer Witte ſtand der 
älteſte Arbeiter mit ſchneeweißem Bart, einen Lorbeerkranz in der 
Hand. Ich war ergriffen. Schlutow flüſterte mir zu: „Eine kleine 
Freude, die die Arbeiter ſich ſelbſt ausgedacht haben.“ Der alte 
Schmied trat vor, und in kernigen ſchlichten Worten ſprach er mir 
den Dank der Arbeiter dafür aus, daß ich ſie und vor allem ihre 
Frauen und Kinder durch meine Verwendung bei Bismarck für das 
Schiff vor Not und Hunger bewahrt hatte. Als Zeichen der Dank— 
barkeit der Arbeiterſchaft bat er, den Lorbeerkranz überreichen zu 
dürfen. Auf das tiefſte bewegt nahm ich den Kranz entgegen und 
verlieh der Freude darüber Ausdruck, daß ich im Frieden ohne einen 
Tropfen Blut meinen erſten Lorbeer aus der Hand braver deutſcher 
Arbeiter empfinge. Das war Anno 1888! Damals wußte die 
deutſche Arbeiterſchaft den Segen der Arbeit zu ſchätzen. 


9 


Gad e yo 


Gan v. Caprivi war bei meinem Regierungsantritt Chef der 
Admiralität. Er war der letzte General in dieſem Amt. Ich 
nahm den Aufbau und die Reform, ja man kann ſagen die Neu— 
gründung der Kaiſerlich Deutſchen Marine auf Grund meiner Vor— 
ſtudien in England und daheim ſofort energiſch in die Hand. Das 
paßte dem tüchtigen, aber etwas eigenſinnigen und von Eitelkeit nicht 
ganz freien General nicht. 

Er hatte ſich unzweifelhaft große Verdienſte um die Mobil— 
machung, die Hebung des Offizierkorps und die Förderung und 
Entwicklung des Torpedobootweſens erworben. Dagegen lag der 
Schiffbau, der Erſatz altwerdenden Materials, ganz darnieder, zum 
Schaden für die Flotte und zum Kummer der aufblühenden, nach 
Beſchäftigung verlangenden Schiffbauinduſtrie. Caprivi war als 
alter preußiſcher General der Anſicht ſeiner Zeit- und Altersgenoſſen 
von 1864, 1866 und 1870/71: die Armee habe immer alles 
gemacht und ſo werde es weiter bleiben. Daher dürften für die 
Marine keine großen Geldforderungen an das Land geſtellt werden, 
weil ſonſt die Gefahr beſtände, daß die Armee um die andern— 
falls ihr zufließenden Mittel gekürzt und dadurch ihre Entwicklung 
gehemmt würde. Dieſe Vorſtellung, von der Caprivi nicht abzu— 
bringen war, war falſch. Der bewilligte Betrag floß nicht in ein 
Reſervoir, aus dem man durch Umſtellung einer Klappe den Geld— 


43 


ftrom bald in den Armee-, bald in den Marinekanal leiten konnte. 
Wenn Caprivi für Marinebauten nichts fordern wollte, um da— 
durch der Armee mehr zuzuwenden, ſo war das alſo verkehrt. Die 
Armee bekam deswegen nicht einen Maravedi mehr, ſondern auch 
nur das, was der Kriegsminiſter nach dem Etat für ſie anforderte 
und erhielt. Das zu ſchaffende Staatsſekretariat für die Marine 
mußte ganz unabhängig vom Kriegsminifterium ſoviel für die Flotte 
fordern und durchſetzen, wie für den Schutz unſeres Handels und 
unſerer Kolonien erforderlich war. So iſt es ſpäter auch geſchehen. 

Caprivi trat bald mit der Bitte an mich heran, ihn von ſeinem 
Poſten abzulöſen. Dieſer befriedige ihn an ſich ſchon nicht; dann aber 
hätte ich allerhand Zukunftspläne mit der Marine, die er ſchon des— 
halb für unrealiſierbar halte, weil der Nachwuchs der prima plana 
(Offiziere) fehle — damals Zugang 60 bis 80 Kadetten im Jahr — 
und eine große Marine ohne ein großes Offizierkorps undenkbar 
ſei. Zudem habe er bei den Inſpizierungen Seiner Majeſtät ſehr 
bald geſehen, daß der Kaiſer von Marineangelegenheiten mehr ver— 
ſtünde als er, der General, und das bringe ihn ſeinen Untergebenen 
gegenüber in eine unmögliche Lage. 

Unter dieſen Umſtänden trennte ich mich von ihm unter Ver— 
leihung des Kommandos eines Armeekorps. Nach dem Spruch: 
„Die Marine den Seeleuten!“ beſtimmte ich zum erſtenmal einen 
Admiral zu ihrem Leiter, was von den Seeleuten mit großer Freude 
begrüßt wurde. Es war Admiral Graf Monts. 

Als nun der Abgang des Fürſten Bismarck für mich doch ziem— 
lich unerwartet eintrat, war die Wahl des Nachfolgers ſchwer. Wer 
es auch ſein mochte — den Nachfolger dieſes gewaltigen Kanzlers 
erwartete von vornherein ein ſchweres Opfer ohne Ausſicht auf An— 
erkennung, er würde als Uſurpator auf einem ihm nicht gebühren— 
den Platz gelten, den auszufüllen er doch nicht imſtande ſei. Kritik, 
Kritik und nichts als Kritik war das tägliche Brot, auf das der 


44 


neue Kanzler rechnen mußte, und die Feindſchaft aller derer, die 
zum Fürſten hielten, einſchließlich der vielen, die ſich früher in Oppo— 
ſition gegen ihn nicht genug hatten tun können. Eine ſtarke Strö— 
mung würde dem neuen Kanzler Widerſtand bereiten, nicht zum 
mindeſten der alte Fürſt ſelbſt. 

Aus ſolchen Überlegungen heraus wurde beſchloſſen, einen Mann 
aus der Generation des Fürſten zu wählen, der während der Kriege 
eine leitende Stellung bekleidet und bereits ein Staatsamt unter dem 
Fürſten geführt hatte. So kam Caprivi. Sein Alter verbürgte, 
daß er einen überlegten und ruhigen Ratgeber für den „verwaiſten“ 
jungen Kaiſer abgeben werde. 

Sehr bald kam die Frage der Verlängerung des Rückver— 
ſicherungsvertrages mit Rußland. Caprivi erklärte, ihn ſchon in 
Rückſicht auf Oſterreich nicht mehr erneuern zu können, da die darin 
enthaltene Spitze gegen Oſterreich bei ſeinem kaum vermeidbaren 
Bekanntwerden in Wien zu recht unangenehmen Konſequenzen zu 
führen geeignet ſei. So wurde der Vertrag hinfällig. Meiner An— 
ſicht nach hatte er ſeinen Hauptwert damals ſchon verloren, da die 
Ruſſen doch nicht mehr mit dem Herzen dahinter ſtanden. In dieſer 
Auffaſſung beſtärkte mich eine Denkſchrift des Unterſtaatsſekretärs 
Grafen Berchem, eines Mitarbeiters des Fürſten Bismarck. 

Die Agrarkonſervativen machten Front gegen Caprivi als „Mann 
ohne Ar und Halm“, und ein heftiger Kampf tobte um die Handels⸗ 
verträge. Dieſe Schwierigkeiten wurden noch weſentlich dadurch 
vermehrt, daß Fürſt Bismarck, unter Fallenlaſſen ſeiner früheren 
Grundſätze, ſich an dem Kampf gegen ſeinen Nachfolger mit der 
ihm innewohnenden Energie beteiligte. So begann die Fronde der 
Konſervativen gegen Regierung und Krone, und der Fürſt ſäte perſön— 
lich die Saat, aus der ſpäter der „mißverſtandene Bismarck“ und 
die ſo oft in der Preſſe angeführte „Reichsverdroſſenheit“ erwuchs. 
Der „mißverſtandene Bismarck“ hat meine ganze Regierungszeit 


45 


hindurch in Zitaten, Wort und Schrift, ſowie durch paſſive Reſiſtenz 
und gedankenloſe Kritik meinen Anregungen und Zielen permanenten 
Widerſtand geſchaffen. Alles, was geſchah, wurde von der ſich dem 
Fürſten bereitwilligſt zur Verfügung ſtellenden und ſich oft noch 
bismärckiſcher als Bismarck ſelbſt gebärdenden Preſſe ſchlecht ge— 
macht, lächerlich gefunden und unterſchiedslos in Grund und Boden 
kritiſiert. 

Beſonders markant zeigte ſich dieſe Erſcheinung bei der Erwerbung 
von Helgoland. Dieſes Eiland, den großen Waſſerſtraßen, die 
zu den Haupthandelsplätzen der Hanſa führen, dicht vorgelagert, 
war in der Hand der Briten eine beſtändige Drohung gegen Ham— 
burg und Bremen und machte jeden Gedanken an einen Flotten— 
ausbau unmöglich. Ich hatte daher den feſten Entſchluß gefaßt, 
dieſes alte deutſche Eiland ſeinem Vaterland wieder zu gewinnen. 

Auf dem Kolonialgebiet fand ſich der Weg, um England zur 
Aufgabe des roten Felſens zu veranlaſſen. Lord Salisbury zeigte 
ſich geneigt, den „unfruchtbaren Felſen“ für Zanzibar und Witu in 
Oſtafrika herzugeben. Durch Handelskreiſe und die Meldungen der 
Kommandanten der deutſchen Kreuzer und Kanonenboote, die dort 
lagen und an der Küſte der neuerworbenen deutſchen oſtafrikaniſchen 
Kolonie kreuzten, wußte ich, daß mit dem Aufblühen von Tanga, Dar— 
es⸗Salam uſw. an der Küſte Afrikas der Wert Zanzibars — als Haupt— 
umſchlagshafen — dahin fein würde. Denn, ſobald dieſe Plätze ge— 
nügenden Tiefgang und Ladeeinrichtung für Handels dampfer erhalten 
haben würden, brauchten die aus dem Inneren an die Küſte kommen— 
den Güter nicht mehr mit Dhaws nach Zanzibar hinübergebracht und 
dort nochmals umgeladen zu werden, ſondern man konnte ſie aus 
den neuen Hafenplätzen der Küſte direkt verfrachten. 

So war ich der Überzeugung, daß wir einmal ein annehmbares 
Tauſchobjekt, zum anderen eine gute Gelegenheit hatten, um kolo— 
nialen Reibungen mit England aus dem Wege zu gehen und uns 


40 


à lamiable mit ihm zu arrangieren. Caprivi ſtimmte zu, die Ver— 
handlungen wurden zum Abſchluß gebracht, und eines Abends kurz 
vor Tiſch konnte ich der Kaiſerin und einigen Vertrauten die hoch— 
erfreuliche Mitteilung machen, daß Helgoland deutſch geworden war. 
Eine wichtige — unblutige — Mehrung des Reiches war gelungen, 
die erſte Bedingung für den Ausbau der Flotte war erfüllt, ein 
jahrhundertelanger Wunſch der Hanſen und Norddeutſchen in Er— 
füllung gegangen. Ein bedeutendes Ereignis hatte ſich in der Stille 
vollzogen. 

Wenn die Erwerbung Helgolands unter des Fürſten Bismarck 
Kanzlerſchaft erfolgt wäre, dann wäre ſie wahrſcheinlich mit Jubel 
begrüßt worden. Unter Caprivi ſetzte die Kritik ein. Es waren ja 
bloß der Uſurpator Caprivi, der ſich erkühnte, auf des Fürſten Stuhl 
zu ſitzen, und der „unberechenbare“, „undankbare“, „impulſive“ junge 
Herr geweſen, die das gemacht hatten! Wenn Bismarck nur ge— 
wollt hätte, den „ollen Felſen“ konnte er alle Tage haben, aber die 
vielverſprechenden afrikaniſchen Beſitzungen den Engländern dafür 
preiszugeben, ſo ungeſchickt hätte er nie gehandelt und ſich nie ſo 
übers Ohr hauen laſſen: ſo lautete es faſt von allen Seiten. Des 
Fürſten Blätter ſtimmten laut in dieſe Kritik mit ein, allerdings 
ſehr zum Kummer der Hanſen. 

Merkwürdig nahmen ſich die Vorwürfe wegen des Austauſches 
von Zanzibar und Witu in der Preſſe des Fürſten aus, der mir früher, 
als ich unter ihm arbeitete, immer wieder geſagt hatte, daß er an 
und für ſich von Kolonien nicht viel halte und ſie hauptſächlich als 
gelegentliche Tauſchobjekte betrachte, um ſich mit den Engländern aus— 
einanderzuſetzen. Sein Nachfolger handelte im Falle Helgoland da— 
nach und wurde dafür auf das heftigſte kritiſiert und angegriffen. 
Erſt im Laufe des Weltkrieges ſind mir Aufſätze in deutſchen Zeitungen 
zu Geſicht gekommen, die rückhaltlos den Erwerb von Helgoland als 
Tat vorausſchauender Politik anerkannten und Betrachtungen daran 


7 


knüpften, was wohl gefchehen fein würde, wenn Helgoland nicht 
deutſch geworden wäre. 

Das deutſche Volk hat allen Grund dazu, dem Grafen Caprivi 
für dieſe Tat Dank zu wiſſen, denn durch ſie iſt ſeine Flotte und 
der Sieg am Skagerrak ermöglicht worden. Die deutſche Marine 
hatte das ſchon längſt erkannt. 

Das Schulgeſetz des Grafen Zedlitz brachte neue heftige Kon— 
flikte. Als fie zu Zedlitz“ Rücktritt führten, wurde aus den Reihen 
ſeiner Anhänger bereits der Ruf laut: „Geht der Graf, muß der 
Kanzler auch gehen.“ 

Caprivi ging in ſtiller, vornehmer Weiſe. Er hat redlich nach 
ſeinen Kräften und ſeinem Können verſucht, die Traditionen des 
Fürſten Bismarck fortzuführen. Er hat dabei wenig Unterſtützung 
ſeitens der Parteien gefunden, dafür um ſo mehr Kritik und Befehdung 
im Publikum und von denen, die von Rechts wegen und aus 
Staatsintereſſe ihm hätten zur Seite ſtehen ſollen. Ohne ein Wort 
der Rechtfertigung hat Caprivi vornehm ſchweigend den Reſt feiner 
Tage in einſamer Zurückgezogenheit verlebt. 


48 


Hohen lo he 


4 Kaiſer Wilhelm II. 


2 ftand ich vor der ſchwierigen Aufgabe, einen Kanzler 


wählen zu müſſen. Seine Stellung und ſein Wirken würden 

ungefähr unter denſelben Auſpizien und Bedingungen ſtehen wie die 
feines Vorgängers. Nur daß jetzt mehr der Wunſch in die Er— 
ſcheinung trat, es müſſe ein Staatsmann ſein, natürlich ein älterer, 
der dem Fürſten Bismarck mehr Vertrauen einflöße, als ein ein— 
facher General. Ein Staatsmann werde es beſſer verſtehen, in den 
politiſchen Fußtapfen des Fürſten zu ſchreiten, und dieſem weniger 
Flächen zur Kritik und zu Angriffen bieten. Letztere hatten allgemach 
angefangen, in der ganzen Beamtenſchaft, die meiſt noch aus der 
Zeit des Fürſten ſtammte, eine nicht zu verkennende Nervoſität und 
Unzufriedenheit auszulöſen, durch welche die Arbeit des ganzen 
Regierungsmechanismus nicht unerheblich beeinträchtigt wurde, wie 
auch im Parlament die Oppoſition immer neue Verſtärkung aus bis 
dahin regierungstreuen Kreiſen erhielt und ſich lähmend fühlbar 
machte. Namentlich im Auswärtigen Amt begann ſich der Geiſt 
Holſteins, des vermeintlichen Vertreters der „alten bewährten Bis— 
marck⸗Traditionen“, ſtark zu regen und machte ſich die Unluſt an 
der Mitarbeit mit dem Kaiſer beſonders bemerkbar, man glaubte 
dort offenbar, ſelbſtändig die Politik Bismarcks fortführen zu müſſen. 
Nach reiflichen Erwägungen entſchloß ich mich, den Fürſten 
Hohenlohe, der damals Statthalter der Reichslande war, mit der 


4 51 


Kanzlerſchaft zu betrauen. Er hatte beim Ausbruch des Krieges 
1870 als bayeriſcher Miniſter durchgeſetzt, daß Bayern an Preußens 
Seite trat. Seitdem wurde er vom Fürſten Bismarck wegen ſeiner 
Reichstreue hochgeſchäzt. Man konnte erwarten, daß dieſem Nach— 
folger gegenüber des Fürſten Gegnerſchaft nachlaſſen werde. Dieſe 
Kanzlerwahl war alſo ſtark beeinflußt durch die Rückſicht auf die 
Perſon des Fürſten Bismarck und die von ihm inſpirierte öffentliche 
Meinung. 

Fürſt Hohenlohe war der Typus des alten vornehmen Grand— 
ſeigneurs. Sehr urban in ſeinem ganzen Weſen und in ſeinen 
Umgangsformen, von feinem Geiſt, der einen leichten Beigeſchmack 
von feiner Ironie zuweilen durchblicken ließ, durch ſein Alter ab— 
geklärt, ein kühler Beobachter und Beurteiler der Menſchen. Trotz 
unſerem großen Altersunterſchiede hat er ſich ſehr gut mit mir ein— 
gelebt. Das wurde auch äußerlich dadurch betont, daß er ſowohl 
von der Kaiſerin wie von mir als Oheim behandelt und angeredet 
wurde, wodurch ſich eine gewiſſe Atmoſphäre von familiärer Ver— 
traulichkeit beim Beiſammenſein um uns wob. In ſeinen Geſprächen 
mit mir, beſonders bei Beurteilung von Beamten für die Stellen— 
beſetzungen, gab er ſehr charakteriſtiſche Schilderungen der betreffen— 
den Herren, oft mit philoſophiſchen Betrachtungen verbunden, die 
eine tiefe Reflexion über das Leben als ſolches und über die Men— 
ſchen in ihm verrieten und die auf Lebenserfahrung begründete Reife 
und Weisheit des höheren Alters zeigten. 

In die erſte Zeit der Kanzlerſchaft Hohenlohes fällt ein Vorfall, 
der auf die Beziehungen zu Frankreich und Rußland ein inter— 
eſſantes Licht wirft. Als ich zur Zeit der ruſſo-franzöſiſchen Ver— 
brüderungen durch den Generalſtab wie durch die Botſchaft in Paris 
ſichere Nachrichten erhalten hatte, daß Frankreich beabſichtige, ſeine 
Truppen aus Algier zum Teil zurückzuziehen, um ſie in Südfrankreich 
entweder gegen Italien oder gegen das Elſaß zu dislozieren, machte 


52 


ich dem Zaren Nikolaus II. davon Mitteilung mit der Bemerkung, 
ich würde zu Gegenmaßregeln ſchreiten müſſen, wenn der Zar ſeine 
Verbündeten nicht von ſo provozierenden Schritten abhalte. Ruſ— 
ſiſcher Miniſter des Auswärtigen war damals Fürſt Lobanow, früher 
Botſchafter in Wien, wegen ſeiner Francophilie bekannt. Er weilte 
im Sommer 1895 in Frankreich und war dort ſehr gefeiert worden. 
Im Herbſt, als ich gerade im Jagdſchloß Hubertusſtock in der 
Schorfheide bei Eberswalde weilte, meldete ſich Fürſt Lobanow auf 
der Rückreiſe von Paris im Auftrage des Zaren zur Audienz bei 
mir an. Bei ſeinem Empfang ſchilderte er die ruhige und vernünftige 
Stimmung, die er in Paris konſtatiert habe, und ſuchte mich auch 
über die oben erwähnten Truppendislokationen zu beruhigen, die nur 
leeres Gerücht und Gerede ohne jeden poſitiven Anhalt ſeien. Er 
bringe die beruhigendſten Verſicherungen mit, ich brauche gar keine 
Angſt zu haben. Ich erwiderte ihm mit beſtem Dank für die Mit- 
teilung: Das Wort „Angft” käme im Wörterbuch des deutſchen 
Offiziers nicht vor. Wenn Frankreich und Rußland Krieg machen 
wollten, könnte ich es nicht hindern. Worauf der Fürſt mit frommem 
Augenaufſchlag gen Himmel blickend das Kreuz ſchlug und ſagte: 
„Oh la guerre? quelle idee, qui y pense, celà ne doit pas èëtre!“ 
Ich ſagte darauf: Ich denke gewiß nicht daran, aber für einen Be— 
obachter, der nicht einmal ſehr ſcharfſinnig zu ſein brauche, böten 
die andauernden Feiern und Reden, ſowie offiziellen und inoffiziellen 
Beſuche zwiſchen Paris und Petersburg doch gewiſſe Symptome, 
die nicht unbeachtet bleiben könnten und in Deutſchland ſehr ver— 
ſtimmten. Sollte es gegen meinen und meines Volkes Willen zum 
Kriege kommen, ſo hätte ich das Vertrauen zu meinem Gott, wie 
zum deutſchen Heer und Volk, daß Deutſchland mit beiden Gegnern 
fertig werden würde. 


*) „Oh, Krieg? Welche Vorſtellung! Wer denkt denn daran! Das darf 
nicht fein!” 


53 


Ich fügte noch einen mir aus Paris gemeldeten Ausſpruch hin— 
zu, den ein ruſſiſcher Offizier, der als Mitglied einer Offiziers 
deputation in Frankreich weilte, geäußert hatte. Auf die Frage 
eines franzöſiſchen Kameraden, ob die Ruſſen ſich auch getrauten, 
die Deutſchen zu ſchlagen, antwortete der brave Slawe: „Non, mon 
ami, nous serons battus à plate couture, mais qu’est-ce que ga 
fait? Nous aurons alors aussi la republique.”*) Der Fürſt ſah 
mich erſt wortlos an, dann zuckte er mit den Achſeln: „Oh la guerre, 
il ne faut pas mème y penser.“ **) Der Offizier hatte nur das 
geſagt, was die allgemeine Anſicht der ruſſiſchen Intelligenz und 
Geſellſchaft war. Schon bei meinem erſten Aufenthalt in Peters— 
burg im Anfang der 8Oer Jahre ſagte mir eine Großfürſtin bei 
Tiſch in aller Gemütsruhe: „Man ſitzt hier permanent auf einem 
Vulkan, man erwartet die Revolution jeden Tag! Die Slawen 
ſind nicht treu und keine Monarchiſten, ſie ſind alle Republikaner 
im Innern und verſtellen ſich und lügen alle und immer.“ 

Drei größere Ereigniſſe, die mit der äußeren Politik zuſammen— 
hingen, fielen in die Zeit des Fürſten Hohenlohe: 1895 die Eröff— 
nung des unter Kaiſer Wilhelm dem Großen begonnenen Kaiſer 
Wilhelm-Kanals (Nord-Oſtſee-Kanal), zu der als Vertreter Ge— 
ſchwader oder Schiffe der ganzen Welt geladen wurden, 1897 die 
Erwerbung von Tſingtau, zum dritten die vielumſtrittene Krüger— 
depeſche. 

Bei der Erwerbung von Tſingtau hat Fürſt Hohenlohe be— 
ſonderen Anteil genommen. Auch er war der Anſicht, daß Deutſch— 
land für ſeine Schiffe notwendig eigene Kohlenſtationen brauche, 
und daß das Drängen der Handelskreiſe, die Gelegenheit der Auf— 
ſchließung Chinas für den internationalen Handel nicht vorübergehen 

*) „Nein, mein Freund, wir werden gänzlich geſchlagen werden, aber was 


macht das? Wir werden dann auch die Republik bekommen.“ 
*) „Oh, Krieg! Daran darf man nicht einmal denken!“ 


>4 


zu laſſen, berechtigt ſei. Es follte unter Wahrung der chineſiſchen 
Reichshoheit und Bezahlung des Likins ein Handelsplatz mit mari⸗ 
timer Kohlenſtation als Schutz gegründet werden, wobei China die 
größtmögliche Mitwirkung zugedacht war. Die Station ſollte vor 
allem dem Handel zugute kommen, der militäriſche Teil nur den 
Schutz für die Entwicklung der Handelsſtadt gewähren, nicht aber 
Selbſtzweck oder Baſis für weitergehende militäriſche Unternehmungen 
werden. ö 

Es waren ſchon verſchiedene Plätze ins Auge gefaßt worden, die 
ſich aber bei näherer Betrachtung als nicht geeignet erwieſen, zu⸗ 
meiſt, weil ſie ſchlechte oder gar keine Verbindung mit dem Hinter⸗ 
land beſaßen, handelspolitiſch nicht ausſichtsreich oder nicht frei von 
fremden Vorrechten waren. Auf Grund der Berichte des Admirals 
Tirpitz, der damals Chef der oſtaſiatiſchen Kreuzerdiviſion war, und 
des Urteils des Geographen Freiherrn v. Richthofen, der auf eine 
Anfrage hin ein vielverſprechendes Bild der Entwicklungsmöglichkeit 
in Shantung gegeben hatte, einigte man ſich ſchließlich auf die Grün— 
dung einer Niederlaſſung in der Bucht von Kiau-Tſchou. 

Es wurden nun ſeitens des Kanzlers Orientierungen eingezogen 
über die politiſchen Fragen, die dabei auftauchten und zu berück— 
ſichtigen waren. Insbeſondere galt es, Rußland nicht in die Quere 
zu kommen oder zu ſtören. Auch bei unſerer oſtaſiatiſchen Divifion 
wurden weitere Erkundigungen angeordnet. Von ihr liefen gute 
Meldungen ein über Ankergrund und Eisfreiheit der Bucht von 
Kiau⸗Tſchou und über die Ausſichten eines etwa dort zu gründenden 
Hafenplatzes. Bei dem Verkehr mit der ruſſiſchen Chinadiviſion war 
aus Geſprächen der Führer miteinander bekannt geworden, daß der 
ruſſiſche Admiral auf Befehl ſeiner Regierung einen Winter in der 
Bucht geankert, dieſe aber ſo öde und entſetzlich einſam gefunden 
habe — es gab keine Teehäuſer mit japaniſchen Geiſhas, die von 
den Ruſſen als für den Winteraufenthalt unbedingt nötig angeſehen 


> 


wurden —, daß das ruſſiſche Geſchwader niemals wieder dorthin 
gehen werde. Auch habe der ruſſiſche Admiral ſeiner Regierung auf 
das dringendſte abgeraten, die Idee, ſich in dieſer Bucht feſtzuſetzen, 
weiter zu verfolgen, weil dort abſolut nichts zu holen ſei. Alſo die 
Ruſſen hätten dort keine Abſichten. 

Dieſe letzte Auskunft traf ziemlich gleichzeitig mit der Antwort 
des ruſſiſchen Außenminiſters Grafen Muraview an den deutſchen 
Botſchafter auf die vom Kanzler veranlaßten Sondierungen ein. 
Muraview ließ wiſſen, Rußland habe zwar keine direkten vertrag— 
lichen Anſprüche auf die Bucht durch Abkommen mit China, es 
erhebe jedoch Beſitzanſpruch auf Grund des „droit du premier 
mouillage“ (Recht der erſten Ankerung), weil die ruſſiſchen Schiffe 
dort zu allererſt vor anderen Flotten geankert hätten. Dieſe Antwort 
ſtand alſo im Gegenſatz zu dem Bericht unſerer oſtaſiatiſchen Diviſion 
über die Außerungen des ruſſiſchen Admirals. 

Als ich mit Hollmann beim Kanzler zuſammen kam, um dieſe 
Antwort zu diskutieren, begleitete der Fürſt deren Verleſung mit 
feinem feinen ironifchen Lächeln und fügte ſodann hinzu, er habe im 
Auswärtigen Amt keinen Juriſten finden können, der ihm über dieſe 
wunderliche Behauptung hätte Auskunft erteilen können, ob die 
Marine vielleicht dazu in der Lage ſei? Admiral Hollmann erklärte 
auf Grund ſeiner Erfahrung im Auslandsdienſt, daß er niemals 
etwas davon gehört habe, das ſei Unſinn und eine Erfindung Mura— 
view's, der nur nicht wolle, daß ein anderes Volk ſich dort etabliere. 
Ich empfahl, um die Frage zu klären, den damals noch lebenden 
berühmteſten Kenner des internationalen Seerechts, Geheimen Ad— 
miralitätsrat Perels, eine anerkannte Autorität auf dieſem Gebiet, zu 
einem Gutachten aufzufordern. Das geſchah. Das Gutachten 
lautete vernichtend für Muraview's Anſicht, beſtätigte die Hollmanns 
und räumte mit der Legende vom „droit du premier mouillage“ 
gründlich auf. 


56 


So gingen die Monate hin, und mein Beſuch in Peterhof im 
Auguſt 1897 ſtand bevor. In Übereinſtimmung mit dem fürſtlichen 
Oheim beſchloß ich, mit dem Zaren perſönlich und offen die ganze 
Frage zu beſprechen, und wenn möglich den Muraviewſchen Noten 
und Ausflüchten ein Ende zu bereiten. Die Ausſprache fand in 
Peterhof ſtatt. Der Zar erklärte, er habe an den Landesteilen ſüd— 
lich der Linie Tientſin-Peking kein Intereſſe, alſo ſei kein Grund für 
ihn vorhanden, uns in Shantung Hinderniſſe zu bereiten. Sein 
Intereſſe konzentriere ſich auf die Landesteile am Balu, Port Arthur 
ufw., nachdem die Engländer ihm in Mokpo Schwierigkeiten ge— 
macht hätten. Er werde ſich ſogar freuen, wenn Deutſchland in 
Zukunft auf der andern Seite des Golfes von Tſchili als Ruß— 
lands gern geſehener Nachbar erſcheine. Nachher hatte ich ein Ge— 
ſpräch mit Muraview. Er wandte alle ſeine Tricks an, drehte und 
wendete ſich und brachte endlich fein berühmtes „droit du premier 
mouillage“ vor. Ich hatte bloß auf dieſen Augenblick gewartet und 
ging nun meinerſeits zur Offenſive über, indem ich ihm gründlich 
mit dem Perelsſchen Gutachten zu Leibe rückte. Als ich ihm ſchließ— 
lich, wie der Zar es gewünſcht hatte, das Ergebnis des Geſprächs 
der beiden Souveräne mitteilte, wurde der Diplomat noch mehr be— 
treten, verlor ſeine gekünſtelte Ruhe und kapitulierte. 

So war der Boden politiſch vorbereitet. Im Herbſt kam die 
Nachricht des Biſchofs Anzer über die Ermordung der beiden deut— 
ſchen katholiſchen Miſſionare in Shantung. Die ganze deutſche 
katholiſche Welt, beſonders die „Kolonialen“ in der Zentrumspartei, 
verlangte energiſche Maßnahmen. Der Kanzler ſchlug mir ſofortiges 
Einſchreiten vor. Auf der Winterjagd in Letzlingen beriet ich in 
einem der kleinen Türme des Schloſſes mit ihm die zu ergreifenden 
Schritte. Der Fürſt machte den Vorſchlag, den anweſenden Prinzen 
Heinrich von Preußen mit dem Kommando des zur Verſtärkung der 
oſtaſiatiſchen Diviſion hinauszuſendenden Geſchwaders zu betrauen. 


57 


Ich machte meinem Bruder hiervon in Gegenwart des Kanzlers 
Mitteilung. Der Prinz und die anweſenden Herren waren hoch— 
erfreut. Der Kanzler ſandte die Mitteilung an das Auswärtige 
Amt und an den auf Reiſen befindlichen neuen Staatsſekretär des 
Außeren, Herrn v. Bülow. 

Im November 1897 wurde Kiau-Tſchou beſetzt. Im Dezember 
des Jahres ging Prinz Heinrich mit ſeiner Diviſion an Bord der 
„Deutſchland“ nach Oſtaſien hinaus, wo er ſpäter das Kommando 
über das geſamte oſtaſiatiſche Geſchwader übernahm. Am 6. März 1898 
wurde der Pachtvertrag über Kiau-Tſchou mit China unterzeichnet. 
Zur ſelben Zeit regte Mr. Chamberlain in London beim japanifchen 
Geſandten Baron Kato den Gedanken des Abſchluſſes eines engliſch— 
japaniſchen Bündniſſes an, um dem Vordringen Rußlands im Oſten 
einen Riegel vorzuſchieben. 

Man wird naturgemäß fragen, warum bei unſerem kühnen Vor— 
gehen nicht auch von England die Rede iſt, das doch weſentlich daran 
intereſſiert war. Aber ein Vorſpiel mit England war bereits vor— 
ausgegangen. Ich hatte, um dem Mangel an deutſchen Kohlen— 
ſtationen abzuhelfen, die Abſicht gehabt, ſolche möglichſt im Einver— 
ſtändnis mit England zu gründen, zu pachten oder käuflich zu er— 
werben. Da mein Oheim der Kanzler, als Hohenlohe ein Ver— 
wandter der Königin Victoria, Ihrer Majeſtät von früher her 
perſönlich bekannt und von ihr ſehr geſchätzt war, ſo erhoffte ich hier— 
von einige Erleichterung in den Verhandlungen, die zu dem er— 
wähnten Zweck mit der engliſchen Regierung geführt wurden. Dieſe 
Hoffnung erwies ſich als trügeriſch. Die Verhandlungen zogen ſich 
in die Länge, ohne Ausſicht auf erfolgreichen Abſchluß zu bieten. 

Ich nahm daher auf Wunſch des Kanzlers Veranlaſſung, die 
Angelegenheit mit dem engliſchen Botſchafter in Berlin durchzu— 
ſprechen. Ich beklagte mich über die Behandlung ſeitens der eng— 
liſchen Regierung, die ſich überall ſelbſt den berechtigtſten deutſchen 


58 


Wünſchen entgegenftellte. Der Botſchafter gab dies unumwunden 
zu und äußerte ſein Erſtaunen darüber, daß man in England ſo 
wenig entgegenkommend und ſo kurzſichtig ſei. Denn wenn eine junge 
aufſtrebende Nation wie Deutſchland, deren Entwicklung doch nicht 
aufzuhalten ſei, ſtatt friſchweg zuzugreifen oder ſich mit andern 
Nationen zu verbinden, ſich direkt an England wende, um mit deſſen 
Einverſtändnis Erwerbungen vorzunehmen, ſo ſei das eigentlich ſchon 
mehr, als England verlangen könne. Und, da England faſt ſchon 
die ganze Welt gehöre, könne es doch wohl eine Stelle finden, wo 
es Deutſchland geſtatte, ſich eine Station zu etablieren. Er verſtehe 
die Herren in Downingſtreet nicht. Wenn Deutſchland die Anlagen 
nicht mit Englands Beiſtand erhalte, werde es ſich vorausſichtlich 
ſelbſtändig geeignete Stellen nehmen, denn irgendein Recht, es daran 
zu hindern, gäbe es ſchließlich nicht. 

Ich betonte, daß dies durchaus meine Auffaſſung ſei, und faßte 
zum Schluß dem Botſchafter gegenüber meinen Standpunkt noch— 
mals dahin zuſammen: Deutſchland ſei das einzige Land der Welt, 
das trotz feinem Kolonialbeſitz und feinem ſich raſch ausdehnenden 
Handel noch keine Kohlenſtationen habe. Wir wollten ſolche gern 
im Einvernehmen mit England erwerben. Weigere ſich England, 
Verſtändnis für unſere Lage und Entgegenkommen zu zeigen, ſo 
müßten wir uns an eine andere Großmacht wenden, um mit deren 
Hilfe Niederlaſſungen zu gründen. Auch dieſes Geſpräch nutzte 
nichts. Schließlich wurden die Verhandlungen von England in 
ziemlich unhöflicher Form ohne Reſultat abgebrochen. Daraufhin 
entſchloſſen ſich der Kanzler und ich, uns an Rußland zu wenden. 

Die Beſetzung von Kiau-Tſchou löſte bei der engliſchen Regie— 
rung Überraſchung und Ärger aus. Sie hatte bei ihrer Ablehnung 
beſtimmt darauf gerechnet, daß niemand Deutſchland zum Ziele helfen 
werde. Nun war es anders gekommen, und Rekriminationen aus 
London blieben nicht aus. Als der engliſche Botfchafter dieſen Aus— 


59 


druck verlieh, wurde er auf das Geſpräch mit mir hingewieſen, und 
es wurde ihm klar gemacht, daß es allein die Schuld ſeiner Regie— 
rung war, wenn es zu keinem Arrangement mit Deutſchland ge— 
kommen ſei. — 

Die ablehnende Haltung Englands hat uns damals befremdet. 
Ein Vorgang, der mir zu jener Zeit noch nicht bekannt geweſen iſt, 
dürfte geeignet ſein, jetzt Licht in die Angelegenheit zu bringen. In 
einer Publikation „The Problem of Japan“ ), die im Jahre 1918 
anonym im Haag erſchienen iſt und von einem „Exdiplomaten aus 
dem fernen Oſten“ geſchrieben ſein ſoll, wird ein Auszug aus einem 
Werke des Profeſſors der Geſchichte an der Waſhington Univerſität in 
St. Louis, Roland Uſher, veröffentlicht. Uſher iſt, ebenſo wie fein 
früherer Kollege, Profeſſor John Baſſett Moore von der Columbia— 
Univerſität in New Vork, des öfteren vom State Department in 
Waſhington als Ratgeber auf dem Gebiete auswärtiger Beziehungen 
herangezogen worden, da er wie wenige Männer in Amerika eine 
eingehende Kenntnis der internationalen Fragen, die auf die Ver— 
einigten Staaten Bezug haben, beſitzt. Profeſſor Uſher hat in ſeinem 
1913 erſchienenen Werke zum erſten Male das Vorhandenſein und 
den Inhalt eines „Agreement“ oder „Treaty“ (Abkommen oder 
Vertrag) geheimer Natur zwiſchen England, Amerika und Frank— 
reich aus dem Frühjahr 1897 bekannt gegeben. In dieſem Agree— 
ment war vereinbart, daß, falls Deutſchland oder Oſterreich oder 
beide einen Krieg um des „Pangermanismus“ (Alldeutſchtums) 
willen beginnen würden, die Vereinigten Staaten ſich ſofort für Eng— 
land und Frankreich erklären und alle Kräfte aufbieten ſollten, dieſen 
beiden Mächten beizuſtehen. Profeſſor Uſher führt des längeren alle 
Gründe, auch kolonialer Natur an, die es für die Vereinigten Staaten 
zwingend machten, ſich unbedingt auf ſeiten Englands und Frank— 


*) Deutſche Ausgabe: „Das Problem Japans“. Leipzig 1920 (K. F. Koehler). 
60 


reichs an einem Kriege gegen Deutſchland zu beteiligen, den Profeſſor 
Uſher 1913 als bald bevorſtehend vorausſagt!! 

Der ungenannte Verfaſſer von „The Problem of Japan“ hat ſich 
der Mühe unterzogen, die Abmachungen zwiſchen England, Frankreich 
und Amerika von 1897 tabellarifch zu rubrizieren und dadurch das 
Maß der gegenſeitigen Verpflichtungen in greifbarer Geſtalt darzu— 
legen. Das Kapitel“) iſt außerordentlich leſenswert und gibt einen 
guten Einblick in die Vorgeſchichte und die Vorbereitung des 
Weltkrieges ſeitens der „Entente“, die ſich damals ſchon gegen 
Deutſchland vereinigte, wenn fie auch noch nicht unter dem Namen 
Entente cordiale auftrat. Der Exdiplomat bemerkt hierzu: „Hier 
hat man einen Vertrag, von dem Profeſſor Uſher behauptet, er fei 
ſchon Anno 1897 geſchloſſen worden, in welchem jede Phaſe der An— 
teilnahme und Betätigung Englands, Frankreichs und Amerikas bei 
zukünftigen Ereigniſſen ſchon vorgeſehen iſt, einſchließlich der Er— 
oberung der ſpaniſchen Kolonien, der Kontrolle über Mexiko und 
Zentralamerika, der Offnung Chinas und der Annexion von Kohlen— 
ſtationen. Profeſſor Uſher will uns nun glauben machen, daß alle 
dieſe Maßnahmen getroffen wurden, um die Welt vor dem Pan— 
germanismus’ zu ſchützen.“ 

„Es iſt überflüſſig,“ fährt der Exdiplomat fort, „Profeſſor Uſher 
daran zu erinnern, daß, wenn wir wirklich annehmen wollen, daß 
das Geſpenſt des „Pangermanismus“ überhaupt exiſtiert, doch 1897 
beſtimmt noch niemand etwas davon gehört hatte — denn zu dieſer 
Zeit hatte Deutſchland noch nicht einmal ſein großes Flottenprogramm 
aufgeſtellt, das überhaupt erſt 1898 verlautbart wurde. Wenn es 
alſo wahr iſt, daß England, Frankreich und die Vereinigten Staaten 
die gemeinſamen Pläne hegten, die Profeſſor Uſher ihnen nachſagt, 
und daß ſie ein Bündnis zu deren Durchführung ſchloſſen, ſo wird 


) In der deutſchen Ausgabe S. 91-106. 
61 


es kaum angehen, die Konzeption zu dieſem Gedanken und den An— 
trieb zu ſeiner Durchführung einem ſo ſchwachen Vorwand wie dem 
Aufkommen des ‚Pangermanismus“ zuzuſchreiben.“ Soweit der 
Exdiplomat. 

Man muß ſtaunen. Ein direkter Aufteilungsvertrag gegen 
Spanien, Deutſchland uſw. wird von Galliern und Angelſachſen im 
tiefſten Frieden bis in die Details geregelt, abgeſchloſſen, ohne jede 
Gewiſſensbiſſe, zum Zwecke Deutſchland-Oſterreich zu zertrümmern 
und ihre Konkurrenz vom Weltmarkt auszuſchließen! 17 Jahre 
vor Beginn des Weltkrieges iſt dieſer Vertrag von den vereinigten 
Gallo-Angelſachſen geſchloſſen und ſein Ziel ſyſtematiſch durch dieſe 
ganze Zeitperiode hindurch vorbereitet worden! Nun begreift man 
auch die Leichtigkeit, mit der König Eduard VII. feine Einkreiſungs— 
politik betreiben konnte, die Hauptakteure waren ſchon lange einig 
und bereit. Als er den Pakt „Entente cordiale“ taufte, war dieſe 
Erſcheinung für die Welt, zumal für die deutſche, ein unangenehmes 
Novum, für drüben war es nur die offizielle Anerkennung der dort 
längſt bekannten Tatſachen. 

Angeſichts dieſes Agreements verſteht man nun auch den Wider— 
ſtand Englands im Jahre 1897 gegen ein Abkommen mit Deutſch— 
land über Kohlenſtationen und den Ärger darüber, daß es Deutſch— 
land mit ruſſiſchem Einverſtändnis gelungen war, feſten Fuß in 
China zu faſſen, über deſſen Ausnutzung ohne Deutſchlands Wit— 
wirkung man ſich eben zu dritt geeinigt hatte. Uſher hat aus der 
Schule geplaudert und ſchlagend bewieſen, bei wem die Schuld 
am Weltkrieg wirklich liegt. Es iſt der gegen Deutſchland ge— 
richtete Vertrag — „Gentleman's agreement“ zuweilen genannt — 
vom Frühjahr 1897, der die Grundlage, den Ausgangspunkt bildet 
und von den Ententeländern durch 17 Jahre ſyſtematiſch ausgebildet 
wurde. Als es ihnen gelungen war, auch Rußland und Japan für 
ſich zu gewinnen, ſchlugen ſie los, nachdem Serbien den Mord von 


62 


Seraſewo infzeniert und damit die Lunte in das ſorgfältig gefüllte 
Pulverfaß geſchleudert hatte. 

Profeſſor Uſher's Mitteilungen bedeuten aber auch eine glatte Ab— 
fertigung für alle die Leute, die während des Krieges in einzelnen 
militäriſchen Handlungen ſeitens Deutſchlands, wie z. B. dem 
Luſitaniafall, der Verſchärfung des U-Bootkrieges uſw., den Grund 
für die Teilnahme der Vereinigten Staaten am Kriege ſuchen zu 
müſſen glaubten. Nichts von alledem iſt richtig. Das füngſt er— 
ſchienene vortreffliche Buch von John Kenneth Turner „Shall it be 
again?“ weiſt auf Grund überzeugenden Beweismaterials nach, daß 
Wilſons angebliche Kriegsgründe und Ziele nicht die wirklichen ge— 
weſen ſind. Amerika — oder richtiger ſein Präſident Wilſon — war 
wohl von Anfang an, jedenfalls ſeit 1915, entſchloſſen, gegen Deutſch— 
land Stellung zu nehmen und zu fechten. Das letztere tat es unter 
dem Vorwand des U-Bootkrieges, in Wirklichkeit unter dem Einfluß 
mächtiger Finanzgruppen und auf das Drängen und Bitten ſeines 
Partners Frankreich, deſſen Menſchenmaterial ſich mehr und mehr 
erſchöpfte. Amerika wollte das geſchwächte Frankreich nicht allein 
mit England laſſen, deſſen Annexionsgelüſte auf Calais, Dünkirchen 
uſw. ihm wohlbekannt waren. — 

Für Deutſchland iſt es verhängnisvoll geweſen — das ſei hier 
im allgemeinen eingeſchaltet —, daß unſer Auswärtiges Amt der 
großzügigen Einkreiſungspolitik Englands und der Verſchlagenheit 
Rußlands und Frankreichs keine ebenbürtige diplomatiſche Kunſt ent— 
gegen zu ſtellen verſtanden hat. Zum Teil war das eine Folge da— 
von, daß es unter Fürſt Bismarck nicht eigentlich geſchult worden 
und infolgedeſſen, als nach des Fürſten und Graf Herberts Abgang 
der alles beherrſchende Wille und Geiſt fehlte, der Aufgabe, nun 
ſelbſtändig die äußere Politik zu führen, nicht recht gewachſen war. 
Es iſt aber in Deutfchland überhaupt ſchwer, einen guten diplo— 
matiſchen Nachwuchs heranzuziehen. Denn es fehlt unſerem Volk 


63 


der Sinn und die Begabung für Diplomatie, die fih nur in ein- 
zelnen Geiſtern, wie Friedrich dem Großen und Bismarck, glänzend 
gezeigt hat. Ungünſtig für das Auswärtige Amt war auch der im 
Laufe der Jahre reichlich häufige Wechſel der Staatsſekretäre. Die 
jeweiligen Reichskanzler behielten, nach dem Muſter Bismarcks, die 
Einwirkung auf das Auswärtige Amt und ſchlugen die Staats— 
ſekretäre vor, die es leiten ſollten. Ich habe den hierauf bezüglichen 
Anträgen der Reichskanzler Rechnung getragen, da ich ihnen das 
Recht zuerkannte, ihre erſten Mitarbeiter auf dem Gebiete der aus— 
wärtigen Politik ſelbſt zu wählen. Daß der hiermit verbundene 
häufige Wechſel für die Kontinuität in der Politik nicht förderlich 
ſein konnte, war ein Nachteil, der in Kauf genommen werden mußte. 

Im Auswärtigen Amt herrſchte vielfach der Grundſatz „nur 
keine unliebſamen Störungen mit anderen Mächten!“, „surtout pas 
d'histoires!“ ), wie der franzöſiſche General einer Kompagnie ſagte, 
von der ihm gemeldet wurde, ſie habe meutern wollen. Einer der 
Staatsſekretäre ſagte mir einmal bei einem Vortrage, als er auf 
die ſcheinbar bedenkliche Lage in einer äußeren Frage von mir hin— 
gewieſen wurde: Das müſſe ſich wieder zurecht ziehen, für das 
Auswärtige Amt komme vor allem der Grundſatz in Betracht: „Nur 
Ruhe!“ Aus dieſer Anſchauung iſt auch die Antwort zu verſtehen, 
die der deutſche Vertreter in einer ſüdamerikaniſchen Republik einem 
deutſchen Kaufmann erteilte, der ſich bei ihm Hilfe und Fürſprache 
erbat, weil ihm ſein Laden geplündert und ſein Vermögen geſtohlen 
worden ſei: „Ach laſſen Sie mich doch mit dieſen Sachen ungeſchoren. 
Wir haben eben ſo gute Beziehungen mit der Republik etabliert, die 
werden ja durch eine Aktion für Sie nur geſtört.“ Es bedarf kaum 
der Erwähnung, daß ich — wo immer mir eine derartige Auffaſſung 
zur Kenntnis gekommen iſt — den Betreffenden aus ſeiner Stellung 
entfernt habe. ö 

*) ‚Nur keine Geſchichten!“ 


64 


Das Auswärtige Amt hat fih im Volke wie im Heere all— 
gemeiner Unbeliebtheit erfreut. Ich habe wiederholt bei verſchiedenen 
Kanzlern eine gründliche Reform angeregt. Aber vergebens. Jeder 
neue Kanzler, zumal wenn er nicht ſelbſt aus dem Auswärtigen 
Dienſte kam, brauchte das Auswärtige Amt, um ſich in die äußere 
Politik einzuarbeiten. Das erforderte erſt einmal Zeit. Hatte er 
ſich aber eingearbeitet, dann war er der Behörde zu Dank verpflichtet 
Ind ſcheute ſich, mit anderen Arbeiten überbürdet und auch aus 
Mangel an eingehender Perſonalkenntnis, durchgreifende Verände— 
rungen vorzunehmen, zumal er doch immer noch des Rates der 
„Orientierten“ zu bedürfen glaubte. _ 

Doch kehren wir noch einmal zu Tſingtau zurück. Hier war 
alles auf die Belebung von Handel und Induſtrie zugeſchnitten, und 
alles wurde gemeinſam mit den Chineſen geſchaffen, wie auch die 
Flagge des chineſiſchen Reiches über der Zollbehörde in Tſingtau 
wehte. Die Entwicklung war derart, daß der Ort in den letzten 
Jahren vor dem Kriege im Handelsregiſter der großen chineſiſchen 
Kaufmanns⸗ und der Handelsgilde gleich hinter Tientſin an ſechſter 
Stelle unter allen chineſiſchen Handelsplätzen ſtand. Tſingtau war 
eine aufblühende deutſche Handelskolonie, von den Chineſen geſchätzt 
und bewundert, und viele Chineſen wirkten in ihr mit. Es war 
gewiſſermaßen ein großes Muſterlager deutſchen Könnens und deutſcher 
Leiſtungen zur Auswahl und Nacheiferung für die Chineſen, die 
Deutſchland, feine Leiſtungsfähigkeit und Produkte vorher nicht ge— 
kannt hatten, ein Gegenſatz zu den rein militäriſchen, auf Beherrſchung 
und Eroberung gerichteten Flottenbaſen Rußlands und Englands. 

Das ſchnelle Aufblühen Tſingtaus als Handelsplatz hat den Neid 
der Japaner und Engländer erregt, wenn letztere es ſich auch nicht 
nehmen ließen, in Scharen mit ihren Familien den herrlichen Strand, 
die kühle Luft und das ſchöne Strandhotel der Kolonie aufzuſuchen 
und ſich hier dem Polo und Lawntennis zu widmen, nachdem fie 


5 Kaiſer Wilhelm II. 65 


der Hitze Hongkongs, Kantons und Shanghais entflohen waren. 
Aus Neid verlangte England 1914, Japan ſolle Tſingtau nehmen 
— obgleich es de facto chineſiſch war. Japan tat es mit Freuden 
unter dem Verſprechen der Rückgabe an China. Aber dieſe iſt erſt 
nach langem Drängen Anfang 1922 erfolgt, trotzdem Japan mit 
Amerika vereinbart hatte, daß es, ohne Waſhington vorher zu kon— 
ſultieren, keine territorialen Veränderungen in China vornehmen 
dürfe. Damit iſt ein großes deutſches Kulturwerk im Ausland, das 
vorbildlich für die Art und Weiſe war, wie ein Kulturland einer 
anderen Nation die Vorteile ſeiner Kultur zeigen und mitteilen kann, 
durch engliſchen Handelsneid vernichtet worden. England wird es 
einſtmals, wenn Hongkong denſelben Weg gegangen ſein wird, be— 
reuen und ſich bittere Vorwürfe machen, daß es ſeinen alten Grund— 
ſatz, nach dem es ſo lange mit Vorteil gehandelt hat, verließ: 
„White man together against coloured man!“ “) Wenn Japan 
erſt ſeine Parole „Aſien für die Aſiaten“ verwirklicht und China und 
Indien unter ſeine Botmäßigkeit gebracht haben wird, dann wird 
England ſich noch nach Deutſchland und ſeiner Flotte umſehen. 
Über die „Gelbe Gefahr' iſt es ſpäter, nach dem ruſſiſch-ja— 
paniſchen Kriege, bei einer Begegnung mit dem Zaren zu folgen— 
der Unterhaltung gekommen. Der Zar ſtand damals ſichtlich unter 
dem Eindruck der wachſenden japaniſchen Macht und der von ihr 
ausgehenden Bedrohung Rußlands und Europas, und bat mich um 
meine Meinung darüber. Ich antwortete ihm: Wenn die Ruſſen ſich 
zu den kultivierten Mächten Europas zählten, müßten ſie auch deren 
Schutz gegen die „Gelbe Gefahr“ zu übernehmen bereit fein und für 
und mit Europa fechten für ihre und ſeine Exiſtenz und Kultur. 
Fühlten ſich dagegen die Ruſſen als Aſiaten, ſo würden ſie ſich mit 
der „Gelben Gefahr“ verbinden und gemeinſam mit ihr über Europa 


*) „Die weißen Völker immer zuſammen gegenüber den farbigen!” 


66 


herfallen. Danach müſſe der Zar feine Landesverteidigung und fein 
Heerweſen einrichten. Auf die Frage des Zaren, was ich denn er— 
warte, daß die Ruſſen tun würden, erwiderte ich: „Das zweite.“ 
Der Zar war entrüſtet und wünſchte ſofort zu wiſſen, auf welche 
Tatſachen ſich dieſes Urteil gründe. Meine Antwort lautete: Auf 
die Tatſachen des Eiſenbahnbaues und des Aufmarſches des ruſſiſchen 
Heeres an der preußiſch-öſterreichiſchen Grenze. Darauf proteſtierte 
der Zar: Er und ſein Haus ſeien Europäer, und ſein Land und ſeine 
Ruſſen würden gewiß zu Europa halten, und es werde ihm eine 
Ehrenpflicht ſein, dieſes vor den „Gelben“ zu beſchirmen. Ich be— 
merkte darauf, wenn er ſo ſtände, dann müſſe er ungeſäumt ſeine 
militäriſchen Vorbereitungen dementſprechend treffen. Dazu ſchwieg 
der Zar. 

Jedenfalls habe ich die Beſorgniſſe des Zaren Nikolaus II. vor 
der wachſenden japaniſchen Macht für Deutſchland und für die ge— 
ſamte europäiſche Kultur auszuwerten geſucht. Rußland iſt trotz 
dem Zuſammengehen mit Japan als erſter der am Kriege beteiligten 
Staaten niedergebrochen. 

Die klugen Staatsmänner in Japan, deren es gar manche gibt, 
werden inzwiſchen wohl in einigem Zweifel darüber ſein, ob ſie ihr 
Land im Weltkriege auf die richtige Seite geſtellt hatten. Ja, ſie 
werden ſich vielleicht fragen, ob es für Japan nicht vorteilhafter ge— 
weſen wäre, wenn es den Weltkrieg verhindert hätte. Das hätte 
in ſeiner Macht gelegen, wenn es ſich ſtark und eindeutig auf die 
Seite der Mittelmächte geſtellt hätte, von denen es in vergangener 
Zeit ſo gern und viel gelernt hat. Hätte Japan rechtzeitig eine der— 
artige Orientierung ſeiner Außenpolitik vorgenommen und ähnlich 
wie Deutſchland mit friedlichen Mitteln um ſeinen Anteil an Handel 
und Wandel in der Welt geworben, ſo hätte ich mit Freuden die 
„Gelbe Gefahr“ in die Ecke geſtellt und die aufſtrebende Nation, „die 
Preußen des Oſtens“, im Kreiſe aller friedfertigen Völker begrüßt. 


55 67 


Niemand bedauert mehr als ich, daß die „Gelbe Gefahr“ nicht ſchon 
ihren Sinn verloren hatte, als die Kriſe von 1914 anbrach. Die 
Erfahrungen des Weltkrieges können dieſen Wandel noch bringen. 

Daß Deutſchland den Schritt Frankreichs und Rußlands in 
Shimonoſeki mitgemacht hat, war durch die politiſche Lage Deutfch- 
lands in Europa begründet. Eingekeilt zwiſchen dem aufmarſchie⸗ 
renden, Preußens Grenze bedrohenden Rußland und dem ſeine 
Grenzen mit Forts und Feſtungsgruppen neuſtärkenden Frankreich, 
die eine bündnisartige Freundſchaft gegen Deutſchland verband, ſah 
man in Berlin mit Sorge der Zukunft entgegen. Die Rüſtungen 
der beiden Mächte waren uns weit voraus und ihre Flotten viel 
moderner und ſtärker, als die aus ein paar alten, kaum einen Ge— 
fechtswert beſitzenden Schiffen beſtehende Deutſchlands. Somit ſchien 
es uns ein Gebot der Klugheit, dem Vorſchlage dieſer ftarfen Gruppe 
Folge zu leiſten, damit fie ſich nicht — im Falle unferer Ablehnung 
— ſofort an England wandte und deſſen Zutritt erzielte. Das hätte 
ſchon damals die Kombination von 1914 ergeben, der gegenüber 
Deutſchland einen ſchweren Stand gehabt hätte. Japan hingegen 
ſtand ſowieſo ſchon im Begriff, mit ſeinen Sympathien nach Eng⸗ 
land überzuſchwenken. Außerdem bot das Mitgehen Deutſchlands 
mit der franco-ruſſiſchen Gruppe immerhin die Möglichkeit, infolge 
der im fernen Oſten gemeinſam vertretenen Politik allmählich auch 
in Europa zu einem vertrauensvolleren und weniger geſpannten 
Verhältnis und Nebeneinanderleben mit den beiden Nachbarn zu 
kommen. Unſere hier eingeſchlagene Politik bewegte ſich mithin auch 
hier folgerichtig auf der Linie der Erhaltung des Weltfriedens. — 

In der ganzen Frage von Kiau-Tſchou hat Fürſt Hohenlohe 
trotz ſeinem hohen Alter eine Zielbewußtheit und eine Entſchlußkraft 
an den Tag gelegt, die ihm hoch angerechnet werden müſſen. Leider 
bat ihn feine Umſicht und fein ſonſt fo klarer Blick in der Angelegen— 
heit der Krügerdepeſche im Stich gelaſſen, anders iſt ſein ſtarres 


68 


Feſthalten an ihrer Abſendung nicht zu verſtehen. Der Einfluß einer 
fo energiſchen, der Rede mächtigen Perfonlichfeit, wie Herr v. Mar⸗ 
ſchall, der ehemalige Staatsanwalt, es war, mag wohl ein fo prä⸗ 
ponderanter, und die Sirenenklänge Herrn v. Holſteins mögen ſo 
überzeugend geweſen ſein, daß der Fürſt ſich ihnen gefügt hat. Immer⸗ 
hin hat er ſeinem Lande einen ſchlechten Dienſt damit erwieſen und 
mir ſowohl in England als auch im Inlande ſehr ſchweren Schaden 
getan. 

Da die ſogenannte Krügerdepeſche viel Aufſehen erregt und ſtarke 
politiſche Nachwirkungen verurſacht hat, will ich ihre Geſchichte ein— 
gehend ſchildern. 

Der Jameſon-Einfall hatte in Deutſchland eine große, ſich ftet- 
gernde Erregung ausgelöſt. Das deutſche Volk empörte ſich über 
dieſen Verſuch der Vergewaltigung einer kleinen Nation, deren Ur⸗ 
ſprung niederländiſch, alſo auch niederſächſiſch⸗deutſch iſt, und die aus 
völkiſch⸗verwandtſchaftlichen Gründen Sympathie bei uns genoß. 
Mir machte dieſe heftige Erregung, die auch die höheren Kreiſe der 
Geſellſchaft ergriff, wegen etwaiger Verwicklungen mit England 
große Sorge. Ich war der Anſicht, daß man England, wenn es 
die Burenſtaaten erobern wollte, daran nicht hindern könnte, obwohl 
auch ich der Überzeugung war, daß dieſe Eroberung zu Unrecht ge⸗ 
ſchehe. Aber ich vermochte gegen jene Stimmung nicht aufzukommen 
und wurde ſogar in meinem näheren Bekanntenkreiſe wegen meiner 
Stellungnahme recht ablehnend beurteilt. 

Als ich mich eines Tages zu einer Beſprechung bei meinem 
Oheim dem Reichskanzler befand, bei der der Staatsſekretär des 
Reichsmarineamts Admiral Hollmann zugegen war, erſchien plötzlich 
in erregter Stimmung der Staatsſekretär Freiherr Marſchall mit 
einem Blatt Papier in der Hand. Er erklärte, die Erregung im 
Volke, ja auch im Reichstag ſei ſo gewachſen, daß es unumgäng⸗ 
lich nötig ſei, ihr nach außen hin Ausdruck zu geben. Das geſchehe 


69 


am beiten durch ein Telegramm an Krüger, zu dem er den Entwurf 
in der Hand hielt. Ich ſprach mich dagegen aus und wurde darin 
von Admiral Hollmann unterſtützt. Der Reichskanzler verhielt ſich 
bei dieſer Debatte zunächſt paſſiv. Da ich die Unkenntnis der eng— 
liſchen Volkspſyche ſeitens des Auswärtigen Amtes und des Frei— 
herrn Marſchall kannte, verſuchte ich, dieſem die Folgen, die ein 
ſolcher Schritt im engliſchen Volk auslöſen werde, klar zu machen, 
auch hierbei ſekundierte mir Admiral Hollmann. Marſchall war 
aber nicht zu überzeugen. 

Da endlich ergriff der Reichskanzler das Wort und bemerkte, 
daß ich mich als konſtitutioneller Herrſcher nicht in Gegenſatz zum 
Volksbewußtſein und zu meinen verfaſſungsmäßigen Ratgebern ſtellen 
dürfe. Sonſt drohe die Gefahr, daß die ſehr erregte Stimmung 
des in ſeinem Gerechtigkeitsgefühl — auch ſeinem Witgefühl für die 
Niederlande — ſtark getroffenen deutſchen Volkes über die Ufer 
ſchlagen und ſich auch gegen mich perſönlich wenden werde. Schon 
ſetzt ſeien Bemerkungen im Volke im Umlauf: Der Kaiſer ſei ja 
doch ein halber Engländer und habe heimliche engliſche Sympathien, 
er ſtehe ganz unter dem Einfluß ſeiner Großmutter, der Königin 
Victoria, die „Onfelei” aus England müſſe endlich aufhören, der 
Kaiſer müßte aus der engliſchen Vormundſchaft heraus uſw. Da— 
her müſſe er, der Reichskanzler, wenn er auch die Berechtigung 
meiner Einwürfe nicht verkenne, aus allgemeinem politiſchen Inter— 
eſſe, wie vor allem im Intereſſe meines Verhältniſſes zu meinem 
Volk, darauf beſtehen, daß ich das Telegramm unterzeichne. Er 
wie Herr v. Marſchall als meine verfaſſungsmäßigen Berater über— 
nähmen für das Telegramm und ſeine Konſequenzen die volle Ver— 
antwortung. 

Admiral Hollmann, vom Reichskanzler erſucht, ſeinen Standpunkt 
zu teilen und auch ſeinerſeits mir gegenüber zu vertreten, lehnte dies 
mit dem Bemerken ab, daß die angelſächſiſche Welt unbedingt den 


70 


Kaiſer mit dem Telegramm belaften werde, da man Seiner Maſe— 
ſtät älterem Ratgeber eine ſolche Provokation niemals zutrauen, 
ſondern fie als eine „impulfive” Handlung des „jugendlichen“ Kaiſers 
deuten werde. 

Darauf verſuchte auch ich nochmals, die Herren von ihrem Plan 
abzubringen. Der Reichskanzler und Marfchall beſtanden aber dar— 
auf, daß ich unterzeichne, unter Betonung ihrer Verantwortlichkeit 
für die Folgen. Dieſen Vorſtellungen glaubte ich mich nicht ver— 
ſagen zu ſollen. Ich unterſchrieb. 

Den ganzen Vorgang hat mir Admiral Hollmann nicht lange 
vor ſeinem Tode noch einmal mit allen Details, wie er hier ge— 
ſchildert iſt, ins Gedächtnis zurückgerufen. 

In einer Veröffentlichung des damaligen Vertreters der Times 
Sir Valentine Chirol in den Times vom 11. Sept. 1920 erzählt 
dieſer, daß Herr v. Marſchall ihm unmittelbar nach Abſendung der 
Depeſche erklärt habe, die Depeſche gäbe nicht die perſönliche Auf— 
faſſung des Kaiſers wieder, ſie ſei eine „Staats-Aktion“, für die 
der Kanzler und er ſelbſt die volle Verantwortung trügen. 

Nach der Veröffentlichung der Krügerdepeſche ging der Sturm 
in England los, wie ich es vorausgeſagt hatte. Ich erhielt aus allen 
Kreiſen Englands, zumal aus ariſtokratiſchen, auch von mir unbe— 
kannten Damen der Geſellſchaft, eine wahre Flut von Briefen mit 
allen denkbaren Vorwürfen, die ſogar vor perſönlichen Schmähungen 
und Beleidigungen nicht halt machten. Angriffe und Verleumdungen 
ſeitens der Preſſe ſetzten ein, und bald war die Legende von der 
Entſtehung der Depeſche ſo feſtſtehend wie das Amen in der Kirche. 
Hätte Marſchall ſeine zu Chirol geäußerte Darlegung des wirklichen 
Sachverhalts auch im Reichstage kundgegeben, dann wäre ich perſönlich 
nicht in ſolchem Maße in die Sache hineingezogen worden. — 

Im Februar 1900, als der Burenkrieg im Gange war, erhielt 
ich, während ich mich gerade nach der Vereidigung der Rekruten in 


71 


Wilhelmshaven mit der Flotte bei Helgoland zu Exerzitien der 
Linienſchiffe befand, aus der Wilhelmſtraße via Helgoland die tele— 
graphiſche Meldung, daß Rußland und Frankreich an Deutſchland 
den Vorſchlag gerichtet hätten, jetzt, wo England engagiert ſei, ihm 
gemeinſam in den Arm zu fallen und ſeinen Seeverkehr lahmzulegen. 
Ich ſprach mich dagegen aus und befahl Ablehnung des Angebots. 

Da ich annahm, daß Paris und Petersburg die Sache in Lon— 
don ſo darſtellen würden, als ob Berlin den beiden Stellen jenen 
Vorſchlag gemacht habe, telegraphierte ich ſofort von Helgoland aus 
an die Königin Victoria und an den Prinzen von Wales (Edward) 
das Faktum des franco-ruſſiſchen Angebots und feiner Ablehnung 
durch mich. Die Königin erwiderte mit herzlichem Dank, der Prinz 
von Wales mit dem Ausdruck ſeines Erſtaunens. Späterhin ließ 
Ihre Majeſtät mich unter der Hand wiſſen, daß kurze Zeit nach 
Eintreffen meines Helgoländer Telegramms über das Angebot von 
Paris und Petersburg auch die von mir vorausgeſehene umgekehrte 
Darſtellung in London wirklich eingetroffen war, und daß ſie froh 
geweſen wäre, auf Grund meiner Mitteilung ihrer Regierung die 
Intrigen aufdecken und ſie über die Loyalität der Haltung Deutſch— 
lands beruhigen zu können, ſie werde mir den treuen Freundſchafts— 
dienſt für England in ſchwerer Zeit nicht vergeſſen! — 

Als Cecil Rhodes bei mir vorſprach, um die Durchführung 
der Cape-to-Cairo-Railway and Telegraph-Line durch das Hinter— 
land von Deutſch-Oſtafrika zu erwirken, wurden ſeine Wünſche, im 
Einverſtändnis mit dem Auswärtigen Amt und dem Reichskanzler, 
von mir bewilligt unter der Bedingung der Heranführung einer 
Stichbahn über Tabora und des Gebrauchs deutſchen Materials im 
deutſchen Gebiet. Beides wurde von Rhodes bereitwilligſt zugeſagt. 
Er war dankbar für die Erfüllung ſeines Lieblingswunſches durch 
Deutſchland, nachdem kurz zuvor König Leopold von Belgien ihn 
mit ſeinem Geſuch abgewieſen hatte. 


72 


Rhodes war voller Bewunderung für Berlin und die gewaltigen 
deutſchen Induſtrieanlagen, die er täglich beſuchte. Schließlich fagte 
er: Er bedauere, nicht ſchon früher in Berlin geweſen zu ſein, um 
die Kraft und Leiſtungsfähigkeit Deutſchlands kennen zu lernen und 
Fühlung mit der Deutſchen Regierung und führenden Männern aus 
den Handelskreiſen zu nehmen. Er habe bereits vor dem Jameſon— 
Zuge nach Berlin kommen wollen, ſei aber damals in London daran 
gehindert worden. Hätte er uns früher über ſeine Abſicht, die Er— 
laubnis zur Durchführung der Cape: to-Cairo-Line ſowohl durchs 
Burenland wie durch unſere Kolonien zu erwirken, orientieren können, 
dann würde ihm die deutſche Regierung wahrſcheinlich durch Zureden 
bei Krüger, der ſich nicht zur Erteilung jener Erlaubnis verſtehen 
wollte, haben helfen können. Der „stupid Jameson -raid’ wäre 
dann niemals gemacht, die Krügerdepeſche niemals geſchrieben wor- 
den. Im übrigen ſetzte er hinzu: Die Krügerdepeſche ſei ganz be— 
rechtigt geweſen! Er habe ſie mir gar nicht übel genommen. Da 
man bei uns ja über den Zweck und die wirklichen Abſichten nicht 
orientiert fein konnte, fo habe jener Vorſtoß wohl wie ein „act of 
piracy“ ) ausgeſehen, und fo etwas hätte die Deutſchen natürlich 
ganz mit Recht aufgeregt. Er habe nur den Geländeſtreifen für 
ſeinen Schienenweg haben wollen — wie Deutſchland ihn eben in 
ſeinem Hinterland konzediert habe —, dieſes Verlangen ſei nicht 
unbillig geweſen und wäre ſicher von uns unterſtützt worden. Ich 
ſolle mir übrigens über die Depeſche keine grauen Haare wachſen 
laſſen und mich um das Geſchrei der engliſchen Preſſe nicht weiter 
kümmern. — Rhodes kannte die Entſtehung der Krügerdepeſche nicht 
und wollte mich als deren vermeintlichen Urheber tröſten. 

Darauf empfahl mir Rhodes noch, die Bagdadbahn zu bauen 
und Meſopotamien unter gleichzeitiger Bewäſſerung zu erſchließen. 


*) „Naubzug,. 


nt 
>) 


U 


Das ſei Deutſchlands Aufgabe, fo wie die feinige die „Cape-to- 
Cairo-Line“. Da die Durchführung der Linie durch unſer Gebiet 
auch von der Überlaſſung der Samoa-Inſeln an uns abhängig 
gemacht worden war, hat ſich Rhodes für deren Abtretung an uns 
in London lebhaft eingeſetzt. — 

In der inneren Politik hat Fürſt Hohenlohe als Kanzler eine 
milde Hand walten laſſen, was dem allgemeinen Gefüge nicht dien— 
lich geweſen iſt. Zum Vatikan hat er infolge feiner alten Bekannt— 
ſchaft mit Herrn v. Hertling gute Beziehungen zu etablieren ver— 
ſtanden. Seine Milde und Nachſicht wurde auch auf die Reichs— 
lande, für die er als Sachverſtändiger von früher her beſonderes 
Intereſſe hatte, übertragen. Es wurde ihm aber ſchlecht dafür ge— 
dankt, denn das Franzoſentum, dadurch indirekt begünſtigt, gebärdete 
ſich dort immer anmaßender. Fürſt Hohenlohe liebte Vermittlung, 
Ausgleich und Verſöhnung als Wittel anzuwenden, auch den Sozia— 
liſten gegenüber, oft bei Gelegenheiten, wo energiſches Eingreifen 
beſſer am Platze geweſen wäre. 

Meine Orientreiſe nach Stambul und Jeruſalem hat er lebhaft 
begrüßt. Er war erfreut über die Feſtigung der Beziehungen zu 
der Türkei und betrachtete das daraus reſultierende Projekt der 
Bagdadbahn als ein Deutſchlands würdiges großes Kulturwerk. 

Die Reiſe nach England 1899, die ich mit meiner Frau und 
zwei Söhnen auf Wunſch der Königlichen Großmutter unternahm, 
die bei ihrer zunehmenden Altersſchwäche ihren älteſten Enkel noch 
einmal ſehen wollte, fand beim Kanzler die wärmſte Unterſtützung. 
Er erhoffte von dieſer Reiſe einmal eine Abſchwächung der Folgen 
des ſeinerzeit von ihm lanzierten Krügertelegramms, andererſeits die 
Klärung wichtiger Fragen durch meine Ausſprache mit engliſchen 
Staatsmännern. Die Königin hatte, um irgendwelchen Ungehörig— 
keiten ſeitens der engliſchen Preſſe vorzubeugen, die durch den Buren— 
krieg und die zum Teil unberechtigten Angriffe gewiſſer deutſcher 


74 


Blätter gereizt dementſprechend antwortete, den Verfaſſer des „Life 
of Prince Consort“, Sir Theodore Martin, beauftragt, die eng- 
liſche Preſſe von dem Wunſche Ihrer Majeftät zu unterrichten, daß 
dem Kaiſerlichen Enkel ein würdiger und freundlicher Empfang zu— 
teil werde. Das iſt auch geſchehen. Der Beſuch verlief harmoniſch 
und befriedigte nach jeder Richtung. Ich hatte mit den verſchiedenen 
führenden Männern wichtige Ausſprachen. 

Die Krügerdepeſche iſt in der ganzen Zeit des Beſuches nicht 
einmal zur Erwähnung gekommen. Hingegen hat die Königliche 
Großmutter ihrem Enkel nicht verſchwiegen, wie unſympathiſch ihr 
der Burenkrieg geweſen iſt. Sie machte aus ihrer Mißbilligung und 
Abneigung gegen Mr. Chamberlain und ſein ganzes Weſen kein 
Hehl und dankte mir noch für meine ſchnelle ſcharfe Ablehnung des 
ruſſo⸗franzöſiſchen Einmiſchungsangebots und die ſofortige Benach— 
richtigung darüber. Es war klar zu erkennen, wie ſehr die Königin 
ihre ſchöne Armee liebte und wie ſie daher ſchmerzlich von deren an— 
fänglichen Rückſchlägen betroffen war, die zu nicht unerheblichen 
Verluſten geführt hatten. Der greiſe Feldmarſchall Herzog von 
Cambridge prägte darüber das hübſche Wort: „The British noble= 
man and officer have shown that they can die bravely as 
gentlemen.“ ) 

Bei der Abreiſe entließ die Königin ihren Enkel mit herzlichen 
und anerkennenden Empfehlungen an ihren ſehr verehrten Vetter — 
much cherished cousin —, den Reichskanzler, von deſſen Klug— 
heit und Erfahrung ſie hoffe, daß zwiſchen unſeren beiden Ländern 
fernerhin ein gutes Verhältnis beſtehen möge. 

Meine Berichterſtattung befriedigte den Fürſten Hohenlohe in 
jeder Hinſicht über den Erfolg der Reiſe, während ich von einer ge— 
wiſſen Preſſe und vielen aufgeregten „Burenfreunden“ die heftigſten 


) „Der britiſche Adel und Offizier hat bewiefen, daß er als Edelmann tapfer 
zu ſterben weiß.“ 


75 


Angriffe erfahren habe. Dem Deutſchen fehlt eben das, was dem 
engliſchen Volk eingeimpft und durch lange politiſche Selbſtzucht an— 
erzogen iſt: Wenn ein Kampf im Gange iſt, ſei es auch nur auf 
dem Felde der Diplomatie, ſo folgt der Engländer implicite der 
Fahne. Er handelt nach dem Worte: „Vou can't change the jokey 
while running.“ “) — 

Im Herbſt 1900 trat Fürſt Hohenlohe vom Kanglge pe zurück, 
da die Arbeitslaſt dem hochbetagten Herrn doch zu ſchwer wurde. 
Auch war ihm der ewige Zank und Streit der Parteien unterein— 
ander unſympathiſch. Das Reden vor ihnen im Reichstag wider— 
ſtrebte ihm. Ebenſo unſympathiſch war ihm die zum Teil zügelloſe 
Preſſe, die, mit Bismarckſchen Zitaten arbeitend, vermeintliche Bis— 
marckſche Traditionen zu wahren dachte und beſonders im Buren— 
kriege das Verhältnis zu England ſtark gefährdet hat. 

Die bei des Fürſten Hohenlohe Wahl und Antritt gehegte Hoff— 
nung, daß Fürſt Bismarck ihm weniger Schwierigkeiten bereiten 
werde, hatte ſich nur teilweiſe erfüllt. Durch meine Ausſöhnung 
mit Bismarck, die durch ſeinen feierlichen Einzug in Berlin und 
fein Abſteigen im alten Hohenzollernſchloß zum äußeren Ausdruck 
kam, war die Atmoſphäre ja weſentlich entſpannt und der Fürſt 
milder geſtimmt worden, aber ſeine Anhänger und die aus Fronde 
zu ihm Haltenden vermochten von ihrem Treiben immer noch nicht 
zu laſſen. Andererſeits brachte es, während ich zur Feier des 
80. Geburtstages Bismarcks nach Friedrichsruh reiſte, die politiſche 
Vertretung des Volkes fertig, dem Altreichskanzler die Huldigung 
zu verweigern. Das mußte den feinbeſaiteten Fürſten Hohenlohe 
tief verletzen und mit Unwillen erfüllen. Der Tod ſeines großen 
Vorgängers hat ihn wie mich tief bewegt, und wir haben mit dem 
deutſchen Volke den Fürſten Bismarck als einen der größten Söhne 


*) „Man kann den Jokei während des Rennens nicht wechſeln.“ 
76 


Preußens und Deutſchlands aufrichtig betrauert, wenn er uns auch 
unſere Arbeit nicht immer leicht gemacht hat. Ich ließ es mir nicht 
nehmen, von meiner Nordlandreiſe herbeizueilen, um den zu ehren, 
der als treuer Diener ſeines alten Herrn dem deutſchen Volk zur 
Einigkeit verholfen hat und unter dem ich einſt als Prinz mit Stolz 
hatte arbeiten dürfen. 

Den Fürſten Hohenlohe ſoll unter anderem auch ſein Sohn Alexander 
zum Rücktritt bewogen haben, der viel im Hauſe ſeines Vaters an— 
weſend war — er hieß in der Geſellſchaft der „Kronprinz“ — und 
ſich weſentlich von ſeinem liebenswürdigen Vater unterſchied. 

Fürſt Hohenlohe konnte als Reichskanzler auf eine Reihe von 
Erfolgen blicken: Die Überwindung der Kämpfe um das „Bürger- 
liche Geſetzbuch“, die Reform des Wilitärſtrafverfahrens, das Flotten— 
geſetz, Samoa, das Oberkommando Walderſees in China bei den 
Borerkämpfen, Tſingtau und den Vangtſe-Vertrag. 

Am 15. Oktober 1900 verabſchiedete er ſich von mir. Wir 
waren beide recht bewegt. Denn nicht nur der Kanzler, der treue 
Mitarbeiter ſchied von ſeinem Kaiſer, ſondern auch der Oheim vom 
Neffen, der voll dankbarer Hochachtung zu dem Greis emporſah, der 
im Alter von 75 Jahren — einem Alter, in dem andere längſt 
ſich zur Ruhe und Beſchaulichkeit zurückzuziehen pflegen, — nicht ge- 
zögert hatte, dem Rufe des Kaiſers zu folgen, um ſich noch ange— 
ſtrengter Arbeit zu unterziehen und ſeine Zeit und Kraft dem deutſchen 
Vaterlande zu widmen. Als er ſchon mein Zimmer verlaſſen wollte, 
faßte er noch einmal meine Hand mit der Bitte, ich möchte ihm 
in den Jahren, die er noch zu leben habe und die er in Berlin zu 
verbringen gedenke, dieſelbe ſchlichte treue Freundſchaft ſchenken, wie 
er ſie zwiſchen Admiral Hollmann und mir ſo lange habe beobachten 
und bewundern können. Ich werde ihm ſtets ein treues Andenken 
bewahren. 


7 7 


Bül o w 


> Tage nach dem Abſchiede des Fürſten Hohenlohe traf der von 
mir zu feinem Nachfolger berufene Staatsſekretär des Aus⸗ 


wärtigen Amtes Graf Bülow ein. Seine Wahl lag nahe, da er die 
vielen Fragen der immer lebhafter und verwickelter werdenden äußeren 
Politik, zumal die Beziehungen zu England, völlig beherrſchte und 
ſich auch bereits als geſchickter Redner und ſchlagfertiger Debatter 
im Reichstage erwieſen hatte. Daß die zuletzt genannte Eigenſchaft 
ſeinem Vorgänger fehlte, hatte ſich des öfteren recht fühlbar gemacht. 
Als die Rücktrittsabſichten des Fürſten Hohenlohe im Bundesrat 
bekannt wurden, hatte mir der bayeriſche Geſandte in Berlin, Graf 
Lerchenfeld, ſehr pointiert geſagt, ich möge nur um Himmelswillen 
nicht wieder einen Süddeutſchen nehmen. Dieſe ſeien für die leitende 
Stelle in Berlin nicht geeignet, hier wüßten ſich die Norddeutſchen 
naturgemäß beſſer durchzuſetzen: es ſei alſo für das Reich beſſer, 
einen Norddeutſchen zu wählen. 

Perſönlich war mir Bülow ſchon ſeit langem ſowohl aus ſeiner 
Botſchafterzeit in Rom, wie aus der Zeit ſeines Wirkens als Staats⸗ 
ſekretär bekannt, ich hatte ihn ſchon damals oft in feinem Haufe be= 
ſucht und manche Unterredung mit ihm in ſeinem Garten gehabt. 
Er war mir näher getreten, als er mich auf der Orientreiſe be— 
gleitete und dort unter der Mitwirkung des Botſchafters Freiherrn 
Marſchall meine perſönliche Fühlungnahme mit den führenden 


6 Kaiſer Wilhelm II. 81 


Männern der türfifchen Regierung vermitteln konnte. Das Ver— 
hältnis des neuen Kanzlers zu mir war alſo bereits fundiert und, 
da wir uns ſchon ſeit Jahren über alle politiſchen Probleme und 
Gebiete ausgeſprochen hatten, gewiſſermaßen geklärt. Zudem ſtand 
er mir im Alter doch weit näher, als ſeine Vorgänger, die meiſt 
meine Großväter hätten ſein können. Er war der erſte „junge 
Kanzler“, den das Deutſche Reich ſah. Das erleichterte uns beiden 
die gemeinſame Arbeit. 

Es iſt, wenn ich in Berlin war, kaum ein Tag vergangen, an 
dem ich nicht mit Bülow einen längeren Morgengang im Garten 
des Reichskanzlerpalais unternommen habe, während deſſen die Vor— 
träge erledigt und die aktuellen Fragen berührt wurden. Oftmals 
ſagte ich mich bei ihm zu Tiſch an. Stets fand ich dort, vom 
Grafen und ſeiner liebenswürdigen Gemahlin auf das gaſtlichſte 
empfangen, eine Reihe intereſſanter Männer, in deren geſchickter 
Auswahl der Graf ein Meiſter war. Ebenſo war er unübertrefflich 
in der gewandten Führung der Konverſation und geiſtvollen Be— 
handlung der verſchiedenen auftauchenden Themata. Es war für 
mich immer ein Genuß, im Beiſein der von ſprudelndem Geiſt 
beſeelten Perſönlichkeit des Kanzlers mit vielen Profeſſoren, Ge— 
lehrten und Künſtlern ſowie Staatsbeamten aller Art in unge— 
zwungenen, außerdienſtlichen Verkehr und anregenden Meinungs- 
austauſch treten zu können. Der Graf war auch ein vortrefflicher 
Erzähler von Anekdoten, die er, ſowohl geleſene wie ſelbſterlebte, 
in verſchiedenen Sprachen vorbrachte. Er erzählte gern aus ſeiner 
Diplomatenzeit, beſonders aus der Zeit ſeines Aufenthaltes in 
Petersburg. | 

Der Vater des Grafen war Intimus des Fürſten Bismarck und 
einer der ihm am nächſten ſtehenden Mitarbeiter geweſen. Auch 
der junge Bülow hatte ſeine Laufbahn unter dem großen Kanzler 
begonnen. Er war in Bismarckſchen Ideen und Traditionen groß 


82 


j 
x 
! 


geworden und von ihnen ſtark beeinflußt, ohne jedoch unſelbſtändig 
an ihnen zu kleben. 

In einem der erſten Geſpräche, die ich mit Bülow als Reichs— 
kanzler führte, erkundigte er ſich nach meiner Anſicht darüber, wie 
man am beſten die Engländer zu behandeln und mit ihnen zu ver— 
kehren habe. Ich ſagte ihm, daß meines Erachtens rückhaltloſe 
Offenheit die Hauptſache im Verkehr mit ihnen ſei. Der Eng— 
länder ſei in Vertretung ſeines Standpunktes und ſeiner Intereſſen 
rückſichtslos bis zur Brutalität, er verſtehe es daher ſehr gut, wenn 
man ihm gegenüber dasſelbe tue. Diplomatiſieren oder gar „finaf- 
ſieren“ dürfe man dem Engländer gegenüber nicht — das gehe nur 
bei lateiniſchen und flawifchen Völkern —, weil er dann mißtrauiſch 
werde und den Verdacht hege, man ſei nicht ehrlich und wolle ihn 
heimlich übers Ohr hauen. Habe der Engländer erſt einmal Ver— 
dacht gefaßt, dann ſei trotz den ſchönſten Worten oder bereitwilligem 
Nachgeben nichts mehr zu machen. Ich könne daher dem Kanzler 
nur den Rat geben, ſich in der Politik mit England nur der Ge— 
radheit zu befleißigen. Ich ſagte das mit beſonderem Nachdruck, 
weil gerade der geſchmeidigen Diplomatennatur des Grafen Bülow 
das „Finaſſieren“ ſehr lag und ihm zur zweiten Natur geworden war. 

Bei dieſem Geſpräch nahm ich auch die Gelegenheit wahr, den 
Kanzler vor der Perſon Holſteins zu warnen. Trotz meiner War— 
nung — die nur eine Wiederholung der mir ſeinerzeit von Bismarck 
gegebenen war — hat Bülow viel mit Holſtein gearbeitet oder ar— 
beiten müſſen. Dieſer merkwürdige Mann hatte ſich allmählich, 
beſonders ſeit der Zeit, in der das Auswärtige Amt nach Bismarcks 
Abgang gewiſſermaßen verwaiſt war, eine immer einflußreichere 
Stellung zu verſchaffen gewußt, die er unter drei Kanzlern derart 
behauptet hat, daß er als unentbehrlich galt. Holſtein war zweifellos 
mit großer Klugheit, die von einem phänomenalen Gedächtnis unter— 
ſtützt wurde, und einer gewiſſen politiſchen Kombinationsgabe aus— 


6* 83 


geftattet, die ſich bei ihm freilich öfters bis zur Marotte ſteigerte. 
Zum guten Teil beruhte ſein Anſehen auch darauf, daß er in weiten 
Kreiſen, beſonders bei den älteren Beamten, als der „Träger der 
Bismarckſchen Traditionen“ galt, der dieſe dem „jungen Herrn“ 
gegenüber hochhielt. Seine Bedeutung lag vor allem in ſeiner weit— 
reichenden Perſonalkenntnis im ganzen Bereich des auswärtigen 
Dienſtes. Da er infolgedeſſen einen maßgebenden Einfluß auf alle 
Perſonalvorſchläge beſaß und damit die Karriere der jüngeren Beamten 
in der Hand hatte, erklärt es ſich leicht, daß er nach und nach 
eine beherrſchende Stellung im Auswärtigen Amt erlangt hat. Er 
ſtrebte aber immer mehr danach, zugleich einen beſtimmenden Einfluß 
auf die Leitung der auswärtigen Politik zu erlangen. Tatſächlich 
war er zeitweilig zum spiritus rector ſowohl des Auswärtigen Amtes 
wie der auswärtigen Politik geworden. 

Das Bedenkliche dabei war, daß er ſeinen weitreichenden Ein— 
fluß immer nur hinter den Kuliſſen ausübte und jeder offiziellen 
Verantwortlichkeit als Ratgeber aus dem Wege ging. Er zog es 
vor, im Dunkeln zu bleiben und zu wirken. Jeden verantwortlichen 
Poſten — viele ſtanden ihm offen —, jeden Titel, jede Beförderung 
ſchlug er aus. Er lebte ganz zurückgezogen. Lange Zeit habe ich 
vergeblich geſucht, ihn perſönlich kennen zu lernen, ich verſuchte es 
durch Einladungen zu Tiſche, aber Holſtein lehnte jedesmal ab. Ein 
einziges Mal im Laufe vieler Jahre hat er ſich herbeigelaſſen, im 
Auswärtigen Amt mit mir zu ſpeiſen. Charakteriſtiſch für ihn iſt, daß 
er dabei, während alle anderen Herren im Frack waren, im Gehrock 
erſchien und ſich damit entſchuldigte, daß „er keinen Frack beſitze“. 
Die Heimlichkeit, mit der er ſein Wirken ſo umgab, daß er nicht 
dafür verantwortlich erſchien, zeigte ſich zuweilen auch in der Art 
ſeiner Denkſchriften. Sie waren zweifellos geiſtreich und beſtechend, 
aber oft ſo verklauſuliert und zweideutig wie die Orakel der Pythia 
zu Delphi. Es kam vor, daß, wenn man auf Grund ihres Inhaltes 


84 


einen Entſchluß gefaßt hatte, Herr v. Holſtein haarſcharf nachwies, 
daß er genau das Gegenteil von dem gemeint habe, was man her— 
ausgeleſen hatte. 

Mir erſchien jener ſtarke Einfluß, den ein unverantwortlicher 
Ratgeber hinter den Kuliſſen, z. T. unter Umgehung der dafür be— 
rufenen und verantwortlichen Stellen, ausübte, bedenklich. Mehr— 
mals iſt es mir — beſonders in der Ara Richthofen — widerfahren, 
daß mir ein fremder Botſchafter, dem ich bei der Erörterung einer 
politiſchen Frage vorſchlug, er möchte ſie mit dem Staatsſekretär 
beſprechen, antwortete: „Jen parlerai avec mon ami Holstein.“ ) 
Schon, daß ein Beamter des Auswärtigen Amtes unter Umgehung 
ſeines Vorgeſetzten mit fremden Botſchaftern verhandelte, fand ich 
nicht richtig, aber daß er von dieſen kurzweg per „ami“ bezeichnet 
wurde, überſchritt doch das Maß des mir nützlich Scheinenden. 

Die Dinge hatten ſich allmählich dahin entwickelt, daß Holſtein 
tatſächlich ein gut Teil der äußeren Politik machte. Er hörte dabei 
allenfalls noch den Kanzler, was der Kaiſer darüber dachte oder 
ſagte, war für ihn ziemlich belanglos. Wurden Erfolge erzielt, ſo 
heimſte ſie das Auswärtige Amt ein, ging die Sache nicht nach 
Wunſch, dann war es die Schuld des „impulſiven jungen Herrn“. 

Trotz alledem ſchien auch Bülow den Herrn v. Holſtein zunächſt 
für unentbehrlich zu halten. Er hat lange mit ihm zuſammen ge— 
arbeitet, bis auch für ihn der Druck, den dieſer unheimliche Mann 
auf jeden ausübte, unerträglich wurde. Herr v. Tſchirſchky als 
Staatsſekretär hat das Verdienſt, die unhaltbaren Zuſtände endlich 
zum Bruch gebracht zu haben. Auf mein Befragen erklärte er mir, 
daß er Herrn v. Holſteins ferneres Bleiben für unmöglich halte, 
da dieſer das ganze Auswärtige Amt durcheinander bringe, ihn 
ſelbſt, den Staatsſekretär, ganz auszuſchalten ſuche und auch dem 


*) „Ich werde das mit meinem Freunde Holſtein beſprechen.“ 
85 


Kanzler viel Schwierigkeiten bereite. Daraufhin befahl ich Herrn 
v. Tſchirſchky, die Verabſchiedung Holſteins einzuleiten, die dann, nach— 
dem ſich der Kanzler von ſeinem inzwiſchen eingetretenen ſchweren 
geſundheitlichen Zuſammenbruch erholt hatte, mit deſſen Zuſtimmung 
erfolgte. Herr v. Holſtein hat ſich ſelbſt dadurch charakteriſiert, daß 
er ſich, gleich nachdem er ſeinen Abſchied erhalten, zu Herrn Harden 
begab und ſich ihm für die Kampagne gegen den Kaiſer zur Ver— 
fügung ſtellte. — 

Das Jahr 1901 gab dem Grafen Bülow reichlich Gelegenheit, 
ſich im Verhandeln mit England zu zeigen und zu bewähren. Graf 
Bülow ſelbſt huldigte noch vielfach der Bismarckſchen „Zwei Eiſen 
im Feuer“-Theorie, d. h. mit einem anderen Lande ſich freundlich 
zu arrangieren, aber immer mit Rußland gut zu ſtehen, und wurde 
darin von den vielen Pſeudo-Bismarckianern unterſtützt. 

Mitten aus der Jubiläumsfeier des 200 jährigen Krönungs— 
tages rief mich eine den bedenklichen Zuſtand der greiſen Königin 
Victoria meldende Nachricht an das Sterbelager meiner Großmutter. 
Ich reiſte mit meinem Oheim, dem Herzog von Connaught, der als 
Vertreter der Königin bei den Feierlichkeiten in Berlin weilte — er 
war der Lieblingsſohn der Königin und mein beſonderer Freund, 
ein Schwiegerſohn des Prinzen Friedrich Carl —, mit Beſchleunigung 
ab und wurde von dem damaligen Prinzen von Wales und der 
Königlichen Familie in London herzlich empfangen. Als mein Wagen 
aus dem Stationsgebäude im Schritt herausfuhr, trat aus der 
in lautloſer Stille dicht gedrängt ſtehenden Menſchenmenge ein 
ſchlichter Mann an den Wagenſchlag heran, entblößte ſein Haupt 
und fagte: „Thank you Kaiser!“ “) Der Prinz von Wales, der 
ſpätere König Eduard VII., ſagte dazu: „That is what they 
all think, every one of them, and they will never forget this 


*) „Dank Dir, Kaiſer!“ 
86 


coming of yours.“ “) Das iſt trotzdem geſchehen und noch dazu 
recht ſchnell. 

Nachdem die Königin in meinen Armen ſanft hinübergeſchlum— 
mert, war für mich der Vorhang über viele Jugenderinnerungen ge— 
fallen. Ihr Tod bedeutete einen Abſchnitt in der engliſchen Geſchichte 
und in Englands Beziehungen zu Deutſchland. Ich nahm nun, 
ſoweit als angängig, Fühlung mit den maßgebenden Perſönlichkeiten 
und erkannte überall eine durchaus ſympathiſche, freundſchaftlich— 
Stimmung, die kein Hehl aus dem Wunſch nach guten Beziehungen 
mit Deutſchland machte. Beim Abſchiedsbankett wurden von König 
Eduard VII. und mir unvorbereitete, in Ton und Inhalt herzliche 
Reden gehalten, die auf die Zuhörer ihren Eindruck nicht verfehlten. 
Nach der Tafel drückte der engliſche Botſchafter in Berlin mir die 
Hand und ſagte: Meine Rede ſei allen ſeinen Landsleuten zu Herzen 
gegangen, denn die Worte ſeien aufrichtig und ſchlicht geweſen, wie 
fie fich für die Engländer eigneten. Die Rede müſſe ſofort veröffent⸗ 
licht werden, denn ſie werde im ganzen Lande, das mein Kommen 
dankbar empfinde, Widerhall erwecken. Das werde für die Beziehungen 
beider Länder von Nutzen ſein. Ich erwiderte, es ſei Sache der 
britiſchen Regierung und des Königs, darüber zu entſcheiden, ich 
perſönlich hätte nichts gegen eine Veröffentlichung einzuwenden. Dieſe 
iſt jedoch nicht erfolgt. Das britiſche Volk hat meine Worte, die der 
aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle und Gedanken waren, nie er— 
fahren. In einem ſpäteren Geſpräch mit mir in Berlin hat der— 
ſelbe Botſchafter das lebhaft beklagt, ohne den Grund des Unter— 
bleibens angeben zu können. 

Am Schluſſe dieſer Betrachtungen über meinen Aufenthalt in 
England darf die Tatſache nicht unerwähnt gelaſſen werden, daß ein 
Teil der deutſchen Preſſe es leider an taktvoller Würdigung ſowohl 


*) „Das iſt es, was fie alle hier denken, jeder im Volk, man wird es Dir 
niemals vergeſſen, daß Du gekommen biſt.“ 


87 


des Schmerzes des engliſchen Königshauſes und Volkes wie auch 
der Verpflichtungen fehlen ließ, die mir politiſche Rückſichten wie 
verwandtſchaftliche Beziehungen auferlegten. 

Nach meiner Heimkehr konnte ich dem Kanzler über meine guten 
Eindrücke berichten, insbeſondere, daß die Stimmung in England 
für Annäherung und Verſtändigung anſcheinend günſtig ſei. Bülow 
war, als wir in Homburg eingehend darüber und über die Aus— 
wertung der durch die Reiſe geſchaffenen Situation konferierten, mit 
dem Ergebnis der Reiſe zufrieden. Ich vertrat die Anſicht, man 
ſolle unbedingt zu einem guten „Agreement“ zu kommen ſuchen, 
wenn eine Allianz, die ich noch vorzöge, nicht zuſtande zu bringen 
ſei. Ein feſtes Agreement genüge auch und läge den Engländern, 
ſchließlich könne ſich daraus immer noch eine Allianz entwickeln. 

Die Gelegenheit dazu bot ſich unerwartet raſch. Als ich mich 
im Frühjahr 1901 in Homburg v. d. Höhe befand, trug mir Graf 
Metternich, der als Vertreter des Auswärtigen Amtes bei mir war, 
eines Tages eine Meldung aus Berlin vor, daß Mr. Chamber— 
lain dort angefragt habe, ob Deutſchland bereit ſei, eine Allianz 
mit England einzugehen. Ich fragte ſofort: „Gegen wen?“, denn 
wenn England ſo plötzlich mitten im Frieden eine Allianz anböte, 
dann brauche es offenbar die deutſche Armee. Da ſei es doch wichtig, 
zu erfahren, gegen wen und wofür deutſche Truppen auf Englands 
Geheiß an ſeiner Seite fechten ſollten. Daraufhin kam aus London 
die Antwort: Gegen Rußland, weil es für Indien und Stambul 
bedrohlich werde. 

Ich ließ zunächſt in London auf die alte traditionelle Waffen— 
brüderſchaft zwiſchen der deutſchen und ruſſiſchen Armee und auf die 
engen verwandtſchaftlichen Bande zwiſchen den beiden Herrſcher— 
häuſern aufmerkſam machen. Ferner wies ich auf die Gefahr eines 
Zwei-Fronten-Krieges beim Eingreifen Frankreichs an Rußlands 
Seite hin ſowie auf die Tatſache, daß wir im fernen Oſten mit 


88 


Frankreich und Rußland (1895 Shimonoſeki) zuſammengegangen 
feien, und daß jeder Grund fehle, jetzt mitten im Frieden einer 
Konflikt mit Rußland vom Zaun zu brechen. Die Überzahl der 
ruſſiſchen Friedensformationen ſei ſehr groß und die Oſtgrenze 
Preußens ſei durch die ruſſiſchen Dislokationen ſtark bedroht, unſere 
Oſtmark vor dem ruſſiſchen Einfall zu bewahren, werde England 
nicht in der Lage ſein, da ſeine Flotte in der Oſtſee wenig aus— 
richten und ins Schwarze Meer nicht einfahren könne. Within ſei 
bei einem gemeinſamen Waffengange mit Rußland Deutſchland der 
allein und recht ſtark gefährdete Teil, ganz abgeſehen von der Ge— 
fahr des Eingreifens Frankreichs. Chamberlain ließ daraufhin wiſſen, 
es ſolle ein feſtes Bündnis geſchloſſen werden, bei dem England ſich 
natürlich zur Hilfeleiſtung verpflichten werde. 

Ich hatte auch darauf hingewieſen, daß die Validität eines Bünd— 
niſſes erſt dann ſichergeſtellt ſei, wenn das engliſche Parlament ſein 
Placet dazu gegeben habe. Denn das Winiſterium könne durch den 
im Parlament ausgedrückten Volkswillen beſeitigt und dadurch ſeine 
Unterſchrift aufgehoben und das Bündnis hinfällig werden. Wir 
könnten den Chamberlainſchen Vorſchlag zunächſt nur als ſeine rein 
perſönliche Idee anſehen. 

Chamberlain erwiderte darauf, daß er die parlamentariſche 
Deckung ſchon erreichen werde, die Unioniſten werde er dafür zu ge— 
winnen wiſſen, man ſolle in Berlin nur erſt einmal zeichnen. Es 
kam nicht dazu, da das Parlament nicht dafür zu haben war. So 
verlief der „Plan“ im Sande. Bald darauf hat England das 
Bündnis mit Japan (Hayaſhi) geſchloſſen. Der ruſſiſch-japaniſche 
Krieg entbrannte, in dem Japan — weil es in ſeine eigenen Pläne 
paßte — die zuerſt Deutſchland zugedachte Rolle des Landsknechts 
für Englands Intereſſen ſpielte. Rußland iſt dadurch vom Oſten 
auf den Weſten zurückgeworfen worden, wo es ſich nun, ſtatt mit 
China und Pacific, wieder mit Balkan, Stambul, Indien nützlich 


89 


beſchäftigen konnte und Japan freie Hand in Korea und China 
laſſen mußte. — 

In das Jahr 1905 fällt die von mir ſehr contre cœur unter— 
nommene Tangerreiſe, zu der es folgendermaßen gekommen iſt. 
Ende März beabſichtigte ich, wie im Vorfahre, zur Erholung eine 
Wittelmeerreiſe zu unternehmen und dazu einen von Cuxhaven leer 
nach Neapel laufenden Dampfer zu benutzen. Die „Hamburg“ 
wurde von Ballin dazu beſtimmt. Auf ſeine Aufforderung, noch 
eine Anzahl von Gäſten mitzunehmen, da der Dampfer ganz leer 
ſei, lud ich eine Reihe von Herren ein, darunter Geheimrat Althoff, 
Admiral Menſing, Graf Pückler, den Geſandten v. Varnbüler, 
Profeſſor Schiemann, Admiral Hollmann u. a. 

Bald nach dem Bekanntwerden des Reiſeprojekts teilte mir Bülow 
mit, man habe in Liſſabon den lebhaften Wunſch, ich möchte dort 
Aufenthalt nehmen und dem Hof einen Beſuch machen. Ich war 
damit einverſtanden. Als der Zeitpunkt der Abreiſe ſich näherte, trat 
Bülow mit dem weiteren Wunſche hervor, ich möchte auch Tanger 
anlaufen und durch den Beſuch des marokkaniſchen Hafens die 
Stellung des Sultans den Franzoſen gegenüber ſtärken. Ich lehnte 
das ab, weil mir die Marokkofrage zu viel Zündſtoff zu enthalten 
ſchien und weil ich fürchtete, daß mein Beſuch eher ſchädlich als nütz— 
lich wirken würde. Bülow aber kam immer wieder darauf zurück, 
ohne mich von der Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit des Beſuches 
überzeugen zu können. 

Auf der Fahrt hatte ich mit Freiherrn v. Schoen, der mich als 
Vertreter des Auswärtigen Amtes begleitete, mehrere Beſprechungen 
über die Opportunität des Beſuches. Wir kamen dahin überein, 
daß es beſſer ſei, ihn zu unterlaſſen. Von Liſſabon aus teilte ich 
dieſen Entſchluß dem Kanzler telegraphiſch mit. Bülow antwortete 
mit der nachdrücklichen Forderung, daß ich der Meinung des deut- 
ſchen Volkes und des Reichstages, die ſich nun einmal für einen 


90 


ſolchen Schritt erwärmt hätten, Rechnung tragen müſſe, es ſei not— 
wendig, daß ich nach Tanger führe. 

Schweren Herzens gab ich nach, denn ich befürchtete, daß dieſer 
Beſuch bei der Lage der Dinge in Paris als Provokation aufge— 
faßt werden könnte und in London die Geneigtheit zur Unter— 
ſtützung Frankreichs im Kriegsfalle bewirken würde. Da ich Del— 
cafje im Verdacht hatte, daß er Marokko zum Kriegsgrund machen 
wollte, fürchtete ich, daß er den Tangerbeſuch dazu benutzen könnte. 

Der Beſuch fand unter großen Schwierigkeiten auf der Reede 
von Tanger ſtatt — nicht ohne freundliche Beteiligung von italieni— 
ſchen und ſüdfranzöſiſchen Anarchiſten, Gaunern und Abenteurern. 
Auf einem kleinen Platz ſtand eine Menge von Spaniern mit 
Fahnen und großem Geſchrei, das waren nach Ausſage eines be— 
gleitenden Sicherheitsbeamten die verſammelten ſpaniſchen Anarchiſten. 

Den erſten Beweis für die Wirkung des Beſuches in Tanger 
erfuhr ich, als ich in Gibraltar ankam und von den Engländern 
ſehr förmlich und froſtig empfangen wurde, im Gegenſatz zu der 
herzlichen Aufnahme im Vorjahre. Was ich vorausgeſehen, wurde 
durch die Tatſachen beſtätigt. In Paris herrſchte Erbitterung und 
Wut, Delcaſſé verſuchte zum Kriege zu hetzen, er drang nur des— 
halb nicht durch, weil ſowohl der Marineminiſter wie der Kriegs- 
miniſter erklärten, Frankreich ſei noch nicht bereit. Die Richtigkeit 
meiner Befürchtungen iſt ſpäterhin auch durch das Geſpräch Del— 
caſſe's mit dem Redakteur des „Gaulois“ beſtätigt worden, in dem 
der Miniſter der erſtaunten Welt mitteilte, daß im Kriegsfalle Eng— 
land auf Frankreichs Seite getreten ſein würde. So wäre ich durch 
den mir aufgenötigten Beſuch in Tanger ſchon damals beinahe in die 
Lage gekommen, der Entfeſſelung eines Weltkrieges beſchuldigt werden 
zu können. Konſtitutionelles Denken und Handeln iſt für den Fürſten, 
dem ſchließlich immer die Verantwortung aufgebürdet wird, oft eine 
harte Aufgabe. | 


91: 


Im Oktober 1905 hat der Pariſer „Matin“ mitgeteilt, daß 
Delcaſſé im Winiſterrat erklärt habe, England habe für den Kriegs— 
fall angeboten, 100000 Mann in Holſtein zu landen und den 
Kaiſer Wilhelm-Kanal zu beſetzen. Dieſes engliſche Angebot iſt 
nachher noch einmal wiederholt worden mit dem Vorſchlag, es in 
ſchriftlicher Form feſtzulegen. Auch der bekannte Abgeordnete Jaureg, 
der bei Kriegsausbruch 1914 im Sinne Iſwolſkiſcher Politik er— 
mordet wurde, hat den Inhalt der im „Matin“ veröffentlichten Mit— 
teilungen Delcaſſé's ſchon vorher gekannt. 

Der Sturz Delcaſſé's und feine Erſetzung durch Rouvier iſt zum 
Teil dem Einfluß des Fürſten von Monako zuzuſchreiben. Der Fürſt 
hatte ſich während der Kieler Woche durch Unterhaltungen mit mir, 
mit dem Reichskanzler und Regierungsbeamten von der Aufrichtig— 
keit unſeres Wunſches überzeugt, mit Frankreich zu einem Ausgleich 
zu gelangen, um ein friedliches Nebeneinanderleben zu ermöglichen. 
Er ſtand in guten Beziehungen zum Botſchafter Fürſten Radolin 
und bemühte ſich eifrig für eine Annäherung zwiſchen den beiden 
Ländern. Der Fürſt von Monako war ſelbſt der Meinung, Del— 
caffe ſei eine Gefahr für die Aufrechterhaltung des Friedens, er 
werde hoffentlich bald ſtürzen und durch Rouvier erſetzt werden, der 
ein beſonnener Politiker und durchaus geneigt ſei, ſich mit Deutſch— 
land zu verſtändigen. Er ſtehe Rouvier perſönlich nahe und ſtelle 
ſich dem deutſchen Botſchafter gern als Vermittler zur Verfügung. 

Der Sturz Delcaſſé's trat ein, und Rouvier wurde Miniſter. 
Ich ließ nun ſofort die Aktion einleiten, bei der ich auf des Fürſten 
von Monako Unterſtützung rechnen durfte. Der Kanzler wurde an— 
gewieſen, ein „Rapprochement“ mit Frankreich vorzubereiten. Den 
Fürſten Radolin, der ſeine Inſtruktionen in Berlin perſönlich erhielt, 
wies ich noch beſonders darauf hin, die Konſtellation Rouvier gut 
auszunutzen, um alle Konfliktsmöglichkeiten zwiſchen den beiden Ländern 
zu beſeitigen. Für das Verhältnis zu Rouvier würden ihm die 


92 


Informationen ſeitens des Fürſten von Monako, den er ja gut kenne, 
von Nutzen ſein. Fürſt Radolin ging mit Eifer und Freude an die 
lohnende Aufgabe. 

Anfangs nahmen die Verhandlungen guten Fortgang, ſo daß 
ich ſchon die Hoffnung hegte, das wichtige Ziel werde erreicht und 
der üble Eindruck des Tangerbeſuches durch eine Verſtändigung 
wieder verwiſcht werden können. Inzwiſchen wurden die Verhand— 
lungen über Marokko weitergeführt und endigten nach unendlichen 
Mühen in der Berufung der Algeciras-Konferenz auf Grund des 
Rundſchreibens des Fürſten Bülow, das betonte, daß der Meiſtbegün— 
ſtigungsartikel Nr. 17 der Madrider Konvention maßgebend bleiben 
ſolle, und daß die von Frankreich allein angeſtrebten Reformen in 
Marokko, ſoweit ſolche nötig wären, nur im Einverſtändnis mit den 
Signatarmächten der Madrider Konferenz zuläſſig ſeien. Dieſe Vor— 
gänge, die die allgemeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen, ließen 
dann die Spezialaftion mit Rouvier in den Hintergrund treten. — 

Hinſichtlich der inneren Politik hatte ich mich mit dem Kanzler 
dahin geeinigt, daß es deſſen Hauptaufgabe ſei, die unter Hohenlohe 
ſehr zerfahrenen Parteiverhältniſſe im Reichstag wieder zu ordnen 
und vor allem die durch die Nach-Bismarckianer oppoſitionell ge— 
wordenen Konſervativen wieder hinter die Regierung zu ſcharen. 
Der Kanzler hat dieſe Aufgabe mit großer Geduld und Zähigkeit 
durchgeführt. Er brachte ſchließlich den berühmten „Block“ zuſtande, 
der aus der großen Wahlniederlage der Sozialiſten hervorging. 

Die konſervative Partei beſaß viele Mitglieder, die direkte Be— 
ziehungen zum Hofe und auch zu mir perſönlich hatten. Es war 
für dieſe Partei alſo leichter als für jede andere, ſich über meine 
Pläne auf politiſchen und anderen Gebieten zu unterrichten und, be— 
vor es zu Geſetzvorlagen kam, meine Vorſchläge mit mir zu dis— 
kutieren. Ich habe nicht den Eindruck, daß dies in dem Maße, wie 
es möglich war, geſchehen iſt. In ungezwungenen Vorbeſprechungen 


93 


hätte ich mich wahrſcheinlich ſowohl in der Frage des Mittelland- 
Kanals, deſſen Bau bekanntlich von den Konſervativen bekämpft 
wurde, wie über die minder wichtigen Fragen des Dombaus und 
des Berliner Opernhauſes, die mir um der Kirche und der Kunſt 
willen am Herzen lagen, mit den Herren geeinigt. 

Nun iſt es ja nichts Neues, wenn ich erwähne, daß es gar nicht 
ſo leicht war, mit den konſervativen Herren umzugehen. Sie hatten 
auf Grund ihrer traditionellen Dienſte im Staate große Erfahrungen 
und ein eigenes Urteil und waren ſo zu einer feſtgefügten ſtaats— 
politiſchen Überzeugung gekommen, an der ſie in Treue und echt 
konſervativ feſthielten. Sie hatten große Staatsmänner, hervor— 
ragende Miniſter, ein glänzendes Offizierkorps, ein vorbildliches Be— 
amtentum vorwiegend aus ihren Reihen geliefert, ihr Selbſtbewußt— 
ſein war alſo nicht unbegründet. Dazu kam, daß ihre Königs— 
treue unerſchütterlich war. König und Vaterland waren ihnen zu 
Dank verpflichtet. Ihre Schwäche beſtand darin, daß ſie manchmal 
zu konſervativ waren, d. h. die Forderungen der Zeit zu ſpät er— 
kannten, Fortſchritte zunächſt bekämpften, obwohl es ſich auch um 
Fortſchritte für ſie ſelbſt handelte. Das mag man aus ihrer Ver— 
gangenheit verſtehen, aber es behinderte gerade in meiner Regierungs— 
zeit, während der die Entwicklung des Reiches, insbeſondere die In— 
duſtrialiſierung und der Handel rapide vorwärts drängten, den inneren 
Konnex mit mir, der ich jene Entwicklung nicht nur nicht eindämmen, 
ſondern fördern wollte und mußte. Wenn ich ſagte, daß es aus 
den angeführten Gründen nicht immer leicht war, mit den Konſer— 
vativen zu verhandeln, ſo weiß ich ſehr wohl, daß dasſelbe von mir 
behauptet wird. Vielleicht liegt das daran, daß ich zwar meiner 
Tradition nach den Konſervativen nahe ſtand, aber nicht parteipolitiſch 
konſervativ war. Ich war und bin für einen fortſchreitenden Konſer— 
vativismus, der das Lebensfähige konſerviert, das Überalterte abftreift 
und das brauchbare Neue annimmt. Im übrigen habe ich, wo Vor— 


3 


beſprechungen ftattgefunden haben, die Wahrheit, und auch die un— 
bequeme und bittere, wenn ſie mir in taktvoller Form gebracht 
wurde, beſſer vertragen und beachtet, als man weiß. 

Wenn alſo von mir und den Konſervativen behauptet wird, beide 
wären ſchwierig in Verhandlungen geweſen, fo hat dieſe Schwierig- 
keit denſelben Urſprung. Es wäre mir gegenüber nur richtiger ge— 
weſen, den Weg zur Ausſprache unter vier Augen öfters zu betreten. 
Ich war ſtets dafür zu haben. Und wenn wir uns bei der Kanal— 
frage nicht einigen konnten, ſo müßten gerade die Konſervativen am 
beſten verſtehen und es achten, daß ich mich nicht zu dem ſchönen 
Vers bekannt habe: „Unſer König abſolut, wenn er unſern Willen 
tut.“ Wenn ich nämlich dieſem für mich recht bequemen Grund— 
ſatz gehuldigt hätte, ſo hätten die Konſervativen bei ihrer Auffaſſung 
vom ſtarken, wirklich regierenden Königtum mich logiſcherweiſe be— 
kämpfen müſſen. Sicherlich haben die Konſervativen es auch ge— 
würdigt, daß ich ihrem ehrenwerten Grundſatz vom Männerſtolz vor 
Königsthronen meinen Grundſatz vom Königsſtolz vor dem konſer— 
vativen Parteithron gegenüberſtellte, wie ich das auch bei allen anderen 
Parteien getan habe. Die gelegentlichen Differenzen mit der kon— 
ſervativen Partei und mit einzelnen Konſervativen können mich die 
Dienſte nicht vergeſſen laſſen, die gerade von Männern aus dieſen 
Reihen dem Hauſe Hohenzollern, dem preußiſchen Staate und dem 
Deutſchen Reiche geleiſtet worden ſind. 

Nun, Bülow iſt ſchließlich das große Kunſtſtück, die Konfer- 
vativen und Liberalen zuſammenzubringen und dadurch den hinter 
der Regierung ſtehenden Parteien eine große Mehrheit zu verſchaffen, 
doch gelungen. Seine großen Fähigkeiten, die Gewandtheit, Staats- 
kunſt und kluge Menſchenkenntnis des Kanzlers haben ſich dabei 
im glänzendſten Lichte gezeigt. Das große Verdienſt, das er ſich 
mit dieſem Erfolge erworben hat, gewann ihm des Vaterlandes und 
meine volle Anerkennung und Dankbarkeit, dazu mein erhöhtes Ver— 


95 


trauen. Der grenzenlofe Jubel der Berliner über die Wahlnieder— 
lage der Sozialdemokraten führte zu der mir unvergeßlichen nächt— 
lichen Demonſtration vor dem Schloſſe, bei der ſich mein Auto, von 
vielen Tauſenden jubelnder Menſchen umbrauſt, im Schritt langſam 
den Weg bahnen mußte. Der Luſtgarten füllte ſich mit großen Volks— 
maſſen, auf deren ſtürmiſches Verlangen die Kaiſerin und ich auf dem 
Balkon erſcheinen mußten, um die Huldigungen entgegen zu nehmen. — 

Bei dem Beſuche König Eduards VII. in Kiel (1904) war der Kanzler 
zugegen. Unter den vielen Gäſten befand ſich auch der frühere 
Oberhofmeiſter der Kaiſerin Friedrich, Graf Seckendorff, ein von 
ſeinen vielen Beſuchen in England her langjähriger Bekannter 
Eduards VII., der dem Grafen großes Vertrauen ſchenkte. Dieſer 
vermittelte im Auftrage Bülows, mit dem er befreundet war, ein 
Geſpräch des Königs mit dem Kanzler. 

Es fand an Bord der engliſchen Königsyacht nach einem Früh— 
ſtück ſtatt, zu dem ich und der Kanzler geladen waren. Die beiden 
Herren ſaßen lange allein bei der Zigarre. Nachher berichtete mir 
Bülow den Inhalt des Geſpräches. Bei der Erörterung des even— 
tuellen Abſchluſſes eines Bündniſſes zwiſchen Deutſchland und Eng— 
land habe der König erklärt, daß das bei unſeren beiden Ländern 
gar nicht nötig ſei, weil kein wirklicher Grund zu Feindſchaft oder 
Zerwürfniſſen zwiſchen ihnen beſtände. — Dieſe Ablehnung war ein 
offenbares Zeichen für die engliſche Einkreiſungspolitik, die ſich bald 
beſonders deutlich und unangenehm auf der Algeciras-Konferenz 
geltend machte. Das hier offen zutage tretende pro-franzöſiſche 
und Deutſchland feindſelige Wirken Englands erfolgte auf beſonderen 
Befehl König Eduards VII., der als ſeinen „kontrollierenden Ver— 
treter“ den mit perſönlichen Inſtruktionen verſehenen Sir D. Mackenzie 
Wallace nach Algeciras delegiert hatte. 

Aus Andeutungen, die der letztere ſeinen Bekannten gegeben hat, 
ging hervor, daß es des Königs Wille war, Deutſchland ſcharfen 


96 


r 


E— pen 


* 


Widerſtand zu leiſten und Frankreich bei jeder Gelegenheit zu unter- 
ſtützen. Als er darauf aufmerkſam gemacht wurde, man könne ja 
nachher ſich doch auch mit Deutſchland über dieſe oder jene Frage 
auseinanderſetzen und vielleicht einigen, erwiderte er, erſt käme das 
anglo⸗ruſſiſche Agreement: ſei das unter Dach, dann werde man ſich 
auch mit Deutſchland „arrangieren“. Das engliſche, Arrangieren“ 
beſtand in der Einkreiſung Deutſchlands. — 

Das Verhältnis zwiſchen mir und dem Kanzler iſt in dieſer 
ganzen Zeit vertrauensvoll und freundſchaftlich geweſen. Auch zur 
Kieler Woche kam der Kanzler wiederholt. Hier fand er unter an⸗ 
derem Gelegenheit, ſich mit dem Fürſten von Monako und manchen 
auf deſſen Vacht anweſenden einflußreichen Franzoſen ausſprechen 
zu können, unter denen wohl Monſieur Jules Roche der hervor— 
ragendſte war, der beſte Kenner aller europäiſchen Budgets und ein 
großer Goetheverehrer, der den „Fauſt“ ſtets bei ſich in der Taſche 
trug. 

Im April 1906 erfolgte der bedauerliche Zuſammenbruch des 
überarbeiteten Kanzlers im Reichstag. Ich eilte, ſobald ich die Nach— 
richt bekam, fofort dorthin und war froh, daß mir Geheimrat Renvers 
beruhigende Auskunft über den Zuſtand Bülows geben konnte. Als 
ſich der Fürſt im Sommer zu ſeiner Erholung in Norderney auf— 
hielt, fuhr ich von Helgoland, wo ich inſpiziert hatte, auf einem 
Torpedoboot nach der Inſel und überraſchte das Kanzlerpaar in 
ſeiner Villa. Ich brachte den Tag bei dem bereits in erfreulichem 
Maße wiederhergeſtellten und von der Seeluft und Sonne gebräunten 
Kanzler plaudernd zu. — 

Im Spätherbſt 1907 fuhren die Kaiſerin und ich, einer Einladung 
König Eduards VII. entſprechend, nach Windſor zum Beſuch, der 
bei ſehr liebenswürdiger Aufnahme ſeitens der engliſchen Königs⸗ 
familie harmoniſch verlief. Nach Abſchluß des Beſuches begab ich 
mich zu einem Erholungsaufenthalt auf das dem General Stuart- 


7 Aäaiſer Wilhelm II. 97 


Wortley gehörige Schloß Highecliffe, das an der Südküſte Englands 
den Needles gegenüber gelegen iſt. 

Vor meiner Abreiſe nach England hatte der Kanzler, der ſehr 
befriedigt über die engliſche Einladung war, längere Geſpräche mit 
mir über die Mittel, mit England auf einen beſſeren „Grüßfuß“ zu 
kommen, gehabt und mir verſchiedene Wünſche und Vorſchläge als 
Richtlinien mitgegeben, die ich in den Geſprächen mit Engländern 
innehalten möchte. Ich hatte im Laufe meines Aufenthaltes mehr— 
fach Gelegenheit gehabt, die verabredeten Themata zu erörtern und 
die mitgegebenen Wünſche an den Mann zu bringen. Chiffretelegramme 
mit meinen Berichten über dieſe Geſpräche gingen regelmäßig nach 
Berlin. Wiederholt erhielt ich vom Kanzler zuſtimmende Telegramme. 
Ich habe fie abends nach Tiſch den Vertrauten, die meinen Aufent- 
halt teilten, gezeigt, ſo haben ſie z. B. der Oberhofmarſchall Graf 
Eulenburg und Fürſt Max Egon Fürſtenberg geleſen und ſich mit 
mir über das Einverſtändnis des Kanzlers gefreut. Nach meiner 
Rückkehr aus England habe ich dem Kanzler ein Generalreferat er— 
ſtattet, worauf er mir ſeinen Dank dafür ausſprach, daß ich mich 
um die Verbeſſerung der Beziehungen der beiden Länder perſönlich 
ſo bemüht und betätigt hätte. 

Ein Jahr ſpäter erfolgte der Zwiſchenfall mit dem ſogenannten 
„Interview“, das im Daily Telegraph veröffentlicht wurde. 
Sein Zweck war die Beſſerung der deutſch-engliſchen Beziehungen. 
Ich hatte den mir vorgelegten Entwurf durch den Vertreter des 
Auswärtigen Amtes, Herrn v. Jeniſch, dem Kanzler zur Prüfung 
übergeben laſſen. Durch Anmerkungen hatte ich auf einige Stellen 
hingewieſen, die meiner Anſicht nach nicht hineingehörten und zu 
ſtreichen ſeien. Das iſt infolge mehrerer Verſehen, die ſeitens des 
Auswärtigen Amtes bei der inſtanzmäßigen Behandlung gemacht 
wurden, nicht geſchehen. Der Sturm in der Preſſe brach los. Der 
Kanzler ſprach im Reichstag, verteidigte aber den angegriffenen Kaiſer 


98 


nicht in dem Maße, wie ich es erwartet hatte, ſondern erklärte, die 
in den letzten Jahren vorgekommenen Neigungen zur perſönlichen 
Politik für die Zukunft verhindern zu wollen. Die konſervative Partei 
unternahm es, in der Preſſe an den König einen offenen Brief zu 
richten, deſſen Inhalt bekannt iſt. 

Ich weilte während dieſer Vorgänge erſt in Eckartsau bei dem 
öſterreichiſchen Thronfolger Franz Ferdinand, dann beim Kaiſer 
Franz Joſeph in Wien. Beide mißbilligten das Verhalten des 
Kanzlers. Von Wien begab ich mich nach Donaueſchingen zum 
Beſuche des Fürſten Fürſtenberg. Die Preſſe hielt es für ange- 
meſſen, an ihn die Aufforderung zu richten, er ſolle als ehrlicher auf— 
rechter Mann dem Kaiſer doch mal ordentlich die Wahrheit ſagen. 
Als wir den ganzen Vorfall beſprachen, riet mir der Fürſt, ich 
möchte den Depeſchenwechſel von 1907 aus Higheliffe im Aus- 
wärtigen Amt zuſammenſtellen und dem Reichstag zugehen laſſen. 

Ich habe unter dieſer ganzen Angelegenheit ſeeliſch ſchwer ge— 
litten. Hinzu kam, daß gerade damals ein jäher Tod meinen Ver— 
trauten und Jugendfreund, den Chef des Wilitär-Kabinetts Grafen 
Hülſen⸗Haeſeler vor meinen Augen dahinraffte. Die treue, auf- 
opfernde Freundſchaft und Pflege ſeitens des Fürſten Fürſtenberg und 
der Seinen habe ich in dieſen ſchweren Tagen wohltuend empfunden. 
Auch Briefe und Kundgebungen aus dem Reich, die ſich zum Teil 
unter ſcharfer Verurteilung des Kanzlers auf meine Seite ſtellten, 
waren mir ein Troſt. 

Nach meiner Rückkehr erſchien der Kanzler, hielt mir eine Vor— 
leſung über meine politiſchen Sünden und verlangte die Unterzeichnung 
des bekannten Aktenſtücks, das nachher der Preſſe mitgeteilt wurde. 
Ich unterſchrieb das Aktenſtück ſchweigend, wie ich auch ſchweigend 
die Preſſeangriffe über mich und die Krone habe ergehen laſſen. 

Der Kanzler hat durch ſein Verhalten dem feſten Vertrauen 
und der aufrichtigen Freundſchaft, die mich bis dahin mit ihm ver— 


. 99 


banden, einen ſchweren Stoß verſetzt. Fürſt Bülow felbjt iſt gewiß 
der Meinung geweſen, mit ſeiner Art, die Angelegenheit ſowohl im 
Reichstage wie mir perſönlich gegenüber zu behandeln, mir und 
der Sache am beſten zu dienen, beſonders weil die Wogen der 
öffentlichen Erregung damals ſehr hoch gingen. Ich habe ihm darin 
nicht beipflichten können, um ſo weniger, als ſein Auftreten mir 
gegenüber in der Daily-Telegraph-Sache in zu ſchroffem Gegen— 
ſatze ſtand zu der Zuvorkommenheit und Anerkennung, die Bülow 
mir ſonſt bekundet hatte. Ich hatte mich an die liebenswürdigen 
Formen des Fürſten ſo gewöhnt, daß die mir jetzt zuteil gewordene 
Behandlung mir unverſtändlich war. Das bis dahin ausgezeichnete 
und freundſchaftliche Verhältnis zwiſchen Kaiſer und Kanzler war 
jedenfalls getrübt. Ich ſtellte den perſönlichen Verkehr mit dem 
Kanzler ein und beſchränkte mich auf den amtlichen und offiziellen. 
Nach Beratung mit dem Hausminifter und dem Kabinettschef be— 
ſchloß ich, den Vorſchlag des Fürſten Fürſtenberg, den Schriftwechſel 
aus Higheliffe zuſammenſtellen zu laſſen, in die Tat umzuſetzen und 
beauftragte das Auswärtige Amt damit. Die Ausführung ſcheiterte 
daran, daß das betreffende Material unauffindbar war. 

Gegen Ausgang des Winters erbat ſich der Kanzler eine 
Audienz. Ich ging mit ihm in der Bildergalerie des Schloſſes auf 
und ab, zwiſchen den Bildern meiner Ahnen, der Schlachten des 
Siebenjährigen Krieges ſowie der Kaiſerproklamation in Verſailles, 
und war erſtaunt, als der Kanzler auf die Vorgänge vom Herbſt 
1908 zurückkam und fein Verhalten zu erklären unternahm. Dar- 
auf nahm ich Gelegenheit, die ganze Vergangenheit mit ihm durch— 
zuſprechen. Die offene Ausſprache und die mich befriedigenden Erklä— 
rungen des Fürſten beſeitigten die Spannung. Das Ergebnis war 
ſein Verbleiben im Amte. Der Kanzler bat mich, ich möchte am 
Abend dieſes Tages, um auch der Außenwelt zu dokumentieren, daß 
wieder alles in Ordnung ſei, wie früher ſo oft das Eſſen bei ihm 


100 


— 


einnehmen. Ich tat das. Ein angeregter Abend, von der ſichtlich 
erfreuten Fürſtin mit reizvoller Liebenswürdigkeit, vom Fürſten mit 
der gewohnten lebhaften, geiſtvollen Konverſation getragen, beſchloß 
den denkwürdigen Tag. Ein Spaßvogel hat nachher in einer Zeitung 
über die Audienz nach berühmtem Muſter den Vers gedichtet: „Die 
Träne quillt, Germania hat mich wieder.“ 

Mit dieſer Ausſöhnung habe ich auch zu erkennen geben wollen, 
daß ich die Sache über perſönliche Empfindlichkeit zu ſtellen gewohnt 
bin. Trotz der mich ſchmerzenden Haltung des Fürſten Bülow 
im Reichstage habe ich ſelbſtverſtändlich niemals feine hervorragen— 
den ſtaatsmänniſchen Qualitäten und die ausgezeichneten Dienſte 
vergeſſen, die er dem Vaterlande geleiſtet hat. Seinem Geſchick iſt 
es gelungen, den Weltkrieg trotz mancherlei Kriſen zu vermeiden, 
und zwar während der Zeit, in der ich mit Tirpitz unſere Schutz 
flotte baute. Das war eine große Leiſtung. | 

Ein ernſtes Nachſpiel zu der erwähnten Audienz folgte noch mit 
den Konſervativen. Das Zivilkabinett machte dem Vorſtand der 
Partei Mitteilung von der Audienz und ihrem Verlauf, mit dem 
Erſuchen, daß nun auch die Partei ihren „Offenen Brief“ zurück— 
nehmen möchte. Dieſes Erſuchen, das lediglich im Intereſſe des 
Anſehens der Krone — nicht meiner Perſon — geſtellt war, wurde 
von der Partei abgelehnt. Erſt im Laufe des Krieges (1916) iſt es 
durch einen Abgeſandten der Partei im Großen Hauptquartier wieder 
zu einer Fühlungnahme gekommen. 

Wenn ſchon die Konſervativen nicht hinreichend für die Krone 
eingetreten waren, ſo hatten ſich die Linksliberalen, Demokraten, 
Sozialiſten erſt recht durch einen Entrüſtungsſturm hervorgetan, 
der in ihren Parteipreſſen wahre Orgien feierte und laut nach 
Einſchränkung der autokratiſch-ſelbſtherrlichen Gelüſte uſw. rief. 
Dieſes Treiben dauerte den ganzen Winter an, ohne ſeitens 
der höheren Regierungskreiſe gehindert zu werden oder Wider— 


101 


ſpruch zu finden. Erſt nach der Kanzleraudienz verſtummte es 
wieder. 

Später bildete ſich nach und nach eine Abkühlung zwiſchen dem 
Kanzler und den Parteien heraus. Die Konſerpativen rückten von 
den Liberalen ab, der Block bekam Riſſe, Zentrum und Sozialiſten 
brachten ſchließlich ihn, vor allem aber auch den Kanzler ſelbſt zu 
Fall, wie es mir ſpäterhin Graf Hertling wiederholt — noch zuletzt 
in Spa — geſchildert hat. Er war ſtolz darauf, am Sturze Bülows 
tatkräftig mitgewirkt zu haben. 

Als es nicht mehr gehen wollte, zog der Kanzler die Folgerung 
und empfahl mir die Wahl des Herrn v. Bethmann als fünften 
Kanzler des Reiches. Nach eingehenden Beratungen entſchloß ich 
mich, dem Wunſche des Fürſten Bülow zu entſprechen und ſein Ent— 
laſſungsgeſuch zu bewilligen unter Berufung des von ihm em— 
pfohlenen Nachfolgers. 


102 


Der bumsen 


9: v. Bethmann Hollweg war mir ſchon aus meiner Jugend- 
zeit wohlbekannt. Als ich im Jahre 1877 meine erſte aktive 
Dienſtzeit als Leutnant bei der 6. Kompagnie 1. Garde-Regiments z. F. 
abſolvierte, lag dieſe einmal in Hohenfinow bei dem alten Herrn 
v. Bethmann, dem Vater des Kanzlers, einquartiert. Ich fühlte mich 
hingezogen zu dem ſympathiſchen Familienkreiſe, dem die verehrungs— 
würdige Frau v. Bethmann, eine geborene Schweizerin, mit Liebens— 
würdigkeit und feinem Geiſte vorſtand. Oft bin ich dann als Prinz 
und ſpäter als Kaiſer nach Hohenfinow gekommen, um den alten 
Herrn zu beſuchen. Dabei empfing mich ſedesmal der junge Landrat 
des Kreiſes, wir ahnten damals beide nicht, daß er einſt unter mir 
der Kanzler des Reiches werden ſollte. Aus dieſen Beziehungen hat 
ſich nach und nach ein reger Verkehr entwickelt, durch den ſich meine 
Wertſchätzung der Arbeitskraft, der Fähigkeiten und des mir fpm- 
pathiſchen vornehmen Charakters Bethmanns ſtetig geſteigert hat, 
ſie hat ihn auf ſeiner ganzen Beamtenlaufbahn begleitet. 

Bethmann hatte ſich als Oberpräſident und als Staatsſekretär 
des Reichsamts des Innern gut bewährt und war in letzterer Stellung 
auch bereits im Reichstag geſchickt aufgetreten. 

Das Einarbeiten des Kanzlers mit mir ging leicht vonſtatten. 
Ich ſetzte auch bei Bethmann die Gewohnheit fort, ihn möglichſt 
täglich zu beſuchen und beim Umhergehen im Garten des Kanzler— 


105 


palais mit ihm die Politik, Tagesereigniſſe, beſondere Vorlagen und 
Vorkommniſſe eingehend zu erörtern und mir von ihm Vortrag 
halten zu laſſen. Auch in des Kanzlers Hauſe verkehrte ich gern, 
war doch die Lebensgefährtin Bethmanns das Urbild einer echten 
deutſchen Frau, deren ſchlichte Vornehmheit einem jeden Beſucher 
Verehrung abgewann, während ihre gewinnende Herzensgüte eine 
warme Atmoſphäre um ſie verbreitete. Die vom Fürſten Bülow be— 
gonnene und von mir beſonders geſchätzte Gepflogenheit der kleinen 
Abendgeſellſchaften wurde von Bethmann fortgefegt und ermöglichte 
mir auch weiterhin, mit Männern aus allen Kreiſen und Berufsarten 
ungezwungen zu verkehren. 

Bei den Reiſen, die der Kanzler, um ſich vorzuſtellen, machen 
mußte, gewann er ſich durch ſeine vornehme Ruhe und ſeine gediegene 
Ausdrucksweiſe überall Sympathie. Das uns nicht feindlich geſinnte 
Ausland betrachtete ihn als einen Faktor politiſcher Stetigkeit und 
des Friedens, den aufrecht zu erhalten und zu ſtärken, ganz in meinem 
Sinne, ſein eifrigſtes Beſtreben war. 

In der auswärtigen Politik beſchäftigte ihn von Anfang an die 
Stellung Englands zu Deutſchland und die ſich ſeit Reval immer 
mehr fühlbar machende Politik der „Einkreiſung“ König Eduards VII., 
die ihm ebenſo Sorge bereitete wie die ſteigende Revancheluſt und 
Feindſchaft in Frankreich und die Unzuverläſſigkeit Rußlands. Daß 
auf Italien militäriſch nicht mehr zu rechnen war, wurde unter ſeiner 
Kanzlerſchaft klar, die Bearbeitung durch Barrère machte dort die 
„Extratouren“ chroniſch. 

Bei ſeinem Antritt fand Herr v. Bethmann die Situation mit 
Frankreich inſofern geklärt, als am 9. Februar 1909 das deutſch— 
franzöſiſche Marokko-Abkommen unterzeichnet worden war. Fürſt 
Bülow hatte damit unter Anerkennung der politiſchen Vorherrſchaft 
Frankreichs den Rückzug der deutſchen Politik aus Marokko be— 
ſiegelt. Der Standpunkt, der für die Reiſe nach Tanger und noch 


106 


für die Algeciras-Konferenz maßgebend geweſen war, wurde damit 
endgültig verlaſſen. Die hohe Befriedigung der franzöſiſchen Re— 
gierung über dieſen Erfolg kam in der Verleihung des Großkreuzes 
der Ehrenlegion an Fürſt Radolin und Herrn v. Schoen zu einem 
für uns unerfreulichen Ausdruck. 

Am ſelben Tage ſtattete König Eduard VII. mit der Königin 
Alexandra dem deutſchen Kaiſerpaar ſeinen erſten offiziellen Beſuch 
in der Hauptftadt Berlin ab, 8 Jahre nach feiner Thronbeſteigung! 
Berlin empfing den hohen Herrn mit Jubel (II) und trug in keiner 
Weiſe Mißſtimmung über ſeine unfreundliche Politik zur Schau. 
Der König machte geſundheitlich keinen günſtigen Eindruck. Er war 
abgeſpannt, gealtert und litt obendrein an einem heftigen Katarrh. 
Der Einladung der ſtädtiſchen Körperſchaften Berlins zum zwang— 
loſen Tee im Rathaus entſprach er trotzdem. Nach ſeinen Schil— 
derungen, die auch von Berliner Herren beſtätigt wurden, ſoll 
das Zuſammenſein in jeder Hinſicht zur beiderſeitigen Befriedigung 
verlaufen ſein. Ich teilte meinem Oheim die Unterzeichnung des 
deutſch-franzöſiſchen Marokko-Abkommens mit, er nahm die Nach— 
richt ſcheinbar mit Freude auf. Als ich hinzufügte: „I hope this 
agreement will be a steppingstone to a better understanding 
between the two countries“ ), nickte der König beifällig mit dem 
Kopfe und ſagte: „May that be so!“) Hätte der König hieran 
mitgearbeitet, dann wäre meine Hoffnung wahrſcheinlich nicht ge— 
ſcheitert. Für den Augenblick hatte der Beſuch der engliſchen Maje— 
ſtäten aber immerhin eine freundlichere Atmoſphäre erzeugt, die Herr 
v. Bethmann bei ſeinem Amtsantritt vorfand. 

Während ſeiner Kanzlerſchaft hat Herr v. Bethmann reichlich 
auswärtige Fragen zu behandeln gehabt, entſprechend den bekannten 


*) „Ich hoffe, dieſes Abkommen wird ein Schritt zu einer beſſeren Verſtän— 
digung zwiſchen den beiden Ländern ſein.“ 
**) „Möchte es fo fein!” 


107 


Ereigniffen der Jahre 1909/14. Über dieſe Zeit ift bereits ein 
reichhaltiges Material von verſchiedenen Seiten veröffentlicht worden, 
namentlich in dem Buche des Staatsſekretärs v. Jagow: „Urfachen 
des Weltkrieges’. In den „Belgiſchen Aktenſtücken“ tft von neu⸗ 
tralem Standpunkte das Verhalten der deutſchen Regierung in den 
verſchiedenen Verwicklungen geſchildert. Als Richtlinien für dieſes 
Verhalten hatte ich feſtgelegt: „Zurückhaltung einerſeits, andererſeits 
Unterſtützung des öſterreichiſch-ungariſchen Bundesgenoſſen, wo es 
ſich um offenſichtliche Bedrohung ſeiner Großmachtſtellung handelt, 
unter Ratſchlägen zur Mäßigung im Verfahren. »Ehrliche Maklere— 
Arbeit in vermittelnder Tätigkeit überall, wo der Friede gefährdet 
erſcheint. Feſtes Eintreten für die eigenen Intereſſen.“ Daß an— 
geſichts der Einkreiſungsgelüſte der Gegner zielbewußter Ausbau 
der Armee und Marine als Verteidigungsmaßnahme nebenher ging, 
war bei der zentralen Lage Deutſchlands mit ſeinen offenen, unge— 
ſchützten Grenzen ein pflichtmäßiges Gebot der Selbſterhaltung. Dieſe 
Geſchichtsperiode iſt auch in dem Buche von Stegemann gut be— 
handelt. Ebenſo ſchildern Friedjung, Helfferich u. a. die Vorkriegs— 
zeit intereſſant. 

Der Tod des „Einkreiſers“ Eduard VII., von dem der belgiſche 
Geſandtſchaftsbericht aus Berlin einſt ſagte, „der Friede Europas 
ſei niemals mehr gefährdet, als wenn der König von England ſich 
mit ſeiner Sicherung befaſſe“, rief mich nach London, wo ich mit 
dem engverwandten Königshauſe die Trauer teilte, in die das Hin— 
ſcheiden des Königs Dynaſtie und Nation verſetzt hatte. Die ganze 
Königliche Familie empfing mich am Bahnhof, ein Zeichen ihrer 
Dankbarkeit für die durch mein Kommen bewieſene verwandtfchaft- 
liche Geſinnung. König Georg fuhr mit mir nach Weſtminſter Hall, 
wo auf hochragendem Katafalk der koſtbar geſchmückte Sarg ruhte, 
bewacht von Haustruppen, Linienſoldaten und Mannſchaften aus 
den indiſchen und Kolonial-Kontingenten, alle in der charakteriſtiſchen 


108 


Trauerhaltung, d. h. mit geſenkten Häuptern, die Hände gekreuzt 
auf den Kolben und Degengriffen der nach unten gekehrten Waffen. 
Mächtig ragte die alte graue Halle, von dem gewaltigen gotiſchen 
Holzdach überwölbt, über dem Katafalk empor, nur ſpärlich von 
einigen Sonnenſtrahlen erhellt, die durch die ſchmalen Fenſter fielen. 
Ein Strahl umflutete des Königs mit der engliſchen Krone gezierten 
Prunkſarg und lockte ein wunderbares Spiel der Farben aus den 
Edelſteinen hervor. An dem Katafalk zogen lautlos unabſehbare 
Mengen von Männern, Frauen und Kindern aus allen Ständen 
und Schichten des Volkes, viele mit gefalteten Händen, vorüber, 
um dem ſo populären Herrſcher ehrfurchtsvollen Abſchiedsgruß zu 
weihen. Ein in ſeinem wunderbaren mittelalterlichen Rahmen tief 
ergreifendes Bild! 

Ich trat mit dem König Georg an den Katafalk heran, legte 
einen Kranz nieder und ſprach ein ſtilles Gebet, nach dem ſich meine 
Rechte und die meines Königlichen Vetters ganz von ſelbſt fanden 
und ſich feſt ineinander ſchloſſen. Dies hat auf die Anweſenden 
einen tiefen Eindruck gemacht, ſo daß mir am Abend einer meiner 
Verwandten darüber ſagte: „Your handshake with our King is 
all over London, the people are deeply impressed by it and 
take it as a good omen for the future.“ — „That is the sincerest 
wish of my heart“) war meine Antwort. 

Bei dem Ritt durch London hinter meines Oheims Sarg war 
ich Zeuge der gewaltigen, ergreifenden Trauerkundgebung, die trotz 
der ungeheuren Scharen — man ſchätzte ſie auf mehrere Millionen — 
auf Straßen, Balkonen und Dächern nur Menſchen in Schwarz 
und die Männer entblößten Hauptes zeigte, alles in muſterhafter 


*) „Der Händedruck, den Sie mit unſerem König ausgetauſcht haben, wird in 
ganz London beſprochen, er hat auf das Volk einen tiefen Eindruck gemacht, und 
es betrachtet ihn als ein gutes Vorzeſchen für die Zukunft.“ — „Das fft der auf— 
richtigſte Wunſch meines Herzens.“ 


109 


Ordnung und lautlofer Stille. Auf dieſem dunklen feierlichen Hinter— 
grund hob ſich das Spalier der britiſchen Truppen um ſo farben— 
reicher ab. Prachtvoll nahmen ſich die Bataillone der engliſchen 
Garde aus: Grenadiere, Scotsguards, Coldſtreamguards und Irifh- 
guards in ihren vorzüglich ſitzenden roten Röcken, weißem Lederzeug 
und ſchwarzen Bärenmützen. Alles ausgeſuchter Erſatz von vor— 
trefflichem Ausſehen und ausgezeichneter militäriſcher Haltung, eine 
Freude für jedes ſoldatiſch empfindende Herz. Das ganze Spalier 
ſtand ebenfalls in der oben ſchon befchriebenen Trauerhaltung. 

Während der Tage meines Aufenthalts wohnte ich auf beſonderen 
Wunſch König Georgs bei ihm in Buckingham Palace. Des ver— 
ewigten Königs Witwe, die Königin Alexandra, hat mich mit rührender, 
liebenswürdiger Güte empfangen und viel mit mir über vergangene 
Zeiten geplaudert, meine Erinnerungen reichten bis in die Kinder— 
jahre zurück, da ich ſchon als kleiner Knabe die Hochzeit meines ver— 
ewigten Oheims miterlebt hatte. 

Für die vielen fürſtlichen Gäſte und ihre Gefolge ſowie für die 
Vertreter fremder Nationen wurde vom König ein Bankett gegeben, 
bei dem unter anderen auch Herr Pichon erſchien. Er wurde mir 
vorgeſtellt. In dem Geſpräch mit ihm konnte ich ihm die mir vom 
Reichskanzler mitgegebenen Wünſche übermitteln, die unſere Intereſſen 
in Marokko und einige andere politiſche Fragen betrafen, deren Er— 
füllung Herr Pichon bereitwillig zuſagte. Alle ſonſtigen Kombinationen, 
die von verſchiedenen Seiten an dieſes Geſpräch geknüpft worden 
ſind, gehören in das Gebiet der Phantaſie. — 

Obwohl die Jahre 1909/14 außerordentliche Aufmerkſamkeit auf 
die auswärtigen Ereigniſſe beanſpruchten, wurde in ihnen doch auch 
der Ausbau im Innern nach Kräften gefördert und den Anſprüchen 
des ſchnell aufblühenden Handels, Verkehrs, der Landwirtſchaft und In— 
duſtrie Rechnung zu tragen verſucht. Leider wurden die Arbeiten hierfür 
durch die arge Zerklüftung unter den Parteien ſehr erſchwert. 


110 


Der Kanzler hatte das Beſtreben, alles, was erfüllbar war, auch 
durchzuführen. Aber ſeine Veranlagung zur Ergründung der Probleme 
und ſein Wunſch, nur das vorzubringen, was er in ſeiner peinlichen 
Bedenklichkeit für völlig ausgereift hielt, wirkten im Laufe der Zeit 
doch recht hemmend. Es war ſchwer, ihn zu Entſchlüſſen zu bringen, 
ſolange er nicht von ihrer abſoluten Einwandfreiheit überzeugt war. 
Das machte das Arbeiten mit ihm mühſam und erweckte bei Ferner- 
ſtehenden den Eindruck der Unentſchloſſenheit, während es im Grunde 
mehr übergroße, zu weitgehende Gewiſſenhaftigkeit war. Dazu ent— 
wickelte ſich mit der Zeit bei dem Kanzler eine ſtarke und zunehmende 
Neigung zur Präponderanz, die ſich bei Diskuſſionen öfters zu einer 
eigenſinnigen, faſt ſchulmeiſterlichen Rechthaberei und Belehrung der 
Andersdenkenden ſteigerte. Das hat ihm viel Feinde geſchaffen und 
mir das Leben oft ſchwer gemacht. Ein Jugendbekannter des Kanz— 
lers, zu dem ich gelegentlich über dieſe Eigenſchaft ſprach, erwiderte 
lachend, das ſei ſchon auf der Schule ſo geweſen. Da habe Herr 
v. Bethmann feine Witſchüler in der Klaſſe, zu denen auch mein 
Gewährsmann gehörte, unaufhörlich belehrt und geſchulmeiſtert, ſo 
daß die Klaſſe ihm den Beinamen „die Gouvernante“ gegeben habe. 
Dieſe Eigenſchaft ſei ein Unglück für ihn, da die meiſten Menſchen 
keine Gouvernante mehr haben wollten, aber ſie ſei ihm nun einmal 
in Fleiſch und Blut übergegangen, und ablegen werde er ſie nicht mehr. 

Ein Beiſpiel dafür iſt Bethmanns Verhältnis zu Herrn v. Kiderlen, 
den er trotz meinem energiſchen Abraten durchaus als Staatsſekretär 
haben wollte. Herr v. Kiderlen war ein tüchtiger Arbeiter und ein 
ſtarker Charakter, der ſich ſtets ſeine Selbſtändigkeit zu wahren 
ſuchte. Er war etwa ein Jahr im Amte, als Herr v. Bethmann 
eines Tages zu mir kam, ſich über Kiderlens Eigenſinn und Un— 
botmäßigkeit beſchwerte und bat, ich möchte ihm doch einmal ins 
Gewiſſen reden. Ich lehnte dieſes Anſinnen mit dem Hinweis ab, 
daß der Kanzler Kiderlen gegen meinen Wunſch gewählt habe und 


111 


nun auch mit ihm auskommen müſſe, die Aufrechterhaltung der Diſ— 
ziplin im Auswärtigen Amt ſei Sache des Kanzlers: ich hätte keine 
Neigung, mich einzumiſchen. 

Bethmanns Unzulänglichkeit als Kanzler iſt inzwiſchen erwieſen. 
Er war im Grunde ſeines Weſens Pazifiſt und hatte ſich in den 
Gedanken verrannt, mit England zu einer Verſtändigung zu kommen, 
koſte es was es wolle. Ich verſtehe durchaus, daß ein Mann von 
pazifiſtiſcher Grundrichtung ſo handelt, in der Hoffnung, auf dieſe 
Weiſe einen Krieg zu vermeiden. Sein Ziel entſprach durchaus 
meiner Politik. Die Art und Weiſe, auf die Bethmann es zu er— 
reichen ſuchte, hielt ich für ungeeignet. Gleichwohl habe ich ſeine 
Bemühungen unterſtützt. An einen wirklichen Erfolg habe ich aller— 
dings nicht geglaubt. Im Laufe ſeiner Kanzlerſchaft ſtellte ſich 
ſchließlich immer mehr heraus, daß die Realitäten der Politik ihm 
recht fern lagen. Er wußte aber immer alles beſſer als alle anderen. 
Auch mich belehrte er ſtändig. Er hielt in dieſer Selbſtüberſchätzung 
an ſeinen Gedankengängen unverrückbar feſt, ſelbſt wenn alles anders 
kam, als er es ſich gedacht hatte. 

Seine Vorträge waren ſtets ausgezeichnet vorbereitet, in der 
Form glänzend, daher eindrucksvoll und beſtechend. Darin lag eine 
gewiſſe Gefahr. Seiner Meinung nach gab es immer nur die eine 
Löſung, die er vorſchlug. Die ſcheinbare Gediegenheit und Gründ— 
lichkeit ſeiner Vorträge und Vorſchläge, die Beleuchtung der Vor— 
tragsgegenſtände von allen Seiten, die Berufung auf Experten, auf 
ausländiſche und inländiſche Staatsmänner und Diplomaten uſw. er- 
weckten leicht den Eindruck, als käme einzig und allein die Beth— 
mannſche Löſung in Betracht. Trotz dieſer gründlichen Vorbereitungen 
machte er Fehler über Fehler. 

So hat er in der Tat unſer Unglück mit verſchuldet. Als ich 
1914 von der Nordlandreiſe kam, hat er mir zwar nicht fein Porte⸗ 
feuille zur Verfügung geſtellt, aber er hat zugegeben, daß allerdings 


112 


alle feine politiſchen Berechnungen fehlgeſchlagen waren. Gleichwohl 
beließ ich ihn auch nach ſeiner Reichstagsrede und der engliſchen 
Kriegserklärung am 4. Auguſt 1914 im Amt, weil ich es für äußerſt 
bedenklich hielt, im kritiſchſten Augenblick der deutſchen Geſchichte den 
oberſten Reichsbeamten zu wechſeln. Die geſchloſſene Stimmung 
des Volkes, die wir gegenüber der Herausforderung der Entente 
brauchten, hätte dadurch geſtört werden können. Zudem behaupteten 
ſowohl der Kanzler ſelbſt wie auch der Chef des Zivilkabinetts, daß 
Bethmann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte. Ich wollte der 
Arbeiterſchaft, die ſich 1914 tadellos benahm, nicht den Staats⸗ 
mann nehmen, zu dem ſie — wie mir geſagt wurde — Vertrauen 
hatte. 

Die mir immer wieder vom Chef des Zivilkabinetts und dem 
Vertreter des Auswärtigen Amtes gemeldete Theſe, daß nur Beth- 
mann die Arbeiterſchaft hinter ſich hätte, wurde ſchließlich noch ergänzt 
durch an mich erſtattete Meldungen, nach denen der Kanzler auch 
das für den Friedensſchluß erforderliche Vertrauen im Ausland be- 
ſäßſe. So kam es, daß Bethmann immer wieder im Amte blieb, 
bis ſchließlich der Kronprinz die bekannte Feſtſtellung bei den Partei⸗ 
führern machte, aus der ſich ergab, daß die erwähnte Theſe ein Irr— 
tum war. Dieſer Irrtum wurde um ſo deutlicher für mich, als ich 
bei Bethmanns Abgange, bei dem noch andere Einwirkungen mit⸗ 
ſpielten, gerade in der Preſſe der Sozialdemokratie und der Demo⸗ 
kratie die abträglichſten Urteile über ihn las. 

Ich wünſche mit dieſen offenen Bemerkungen Bethmann nicht 
zu belaſten und andere zu entlaſten, wenn aber über ſo wichtige 
Dinge geſprochen wird, ſo müſſen perſönliche Rückſichten ſchweigen. 
An Bethmanns vornehmer Geſinnung habe ich nie gezweifelt. 

Es ſeien hier noch ein paar Worte über die Reform des preu— 
ßiſchen Wahlrechts eingeſchaltet, weil deren Behandlung durch 
Herrn v. Bethmann für ſeine Zauderpolitik kennzeichnend iſt. Im 


8 Kaiſer Wilhelm IT. 115 


Laufe des Winters 1914/15, als nach dem glänzenden Sommer— 
feldzug der harte ſchwere Winter- und Grabenkampf die ſtehende 
Kriegführung brachte, machten die großartigen Leiſtungen der ge— 
ſamten Truppen und der Geiſt, den ich bei Offizieren wie Nlann- 
ſchaften im Felde wie im Lazarett gefunden hatte, auf mich einen ſo 
tiefen Eindruck, daß ich bei mir beſchloß, dem bewährten herrlichen 
„Volk in Waffen“ bei der Heimkehr auch auf politiſchem Gebiete eine 
Freude und Anerkennung zu bereiten. Ich habe des öfteren in Ge— 
ſprächen dieſes Thema behandelt und dabei auf die Reform des 
preußiſchen Wahlrechts hingewieſen. Der Mann, der mit dem 
Eiſernen Kreuz, vielleicht beider Klaſſen, heimkehre nach ſolchem 
Kampf, der dürfe bei der Wahl nicht mehr „klaſſifiziert“ werden. 

In dieſe Überlegung traf eine mir von Herrn v. Loebell unter— 
breitete Denkſchrift hinein, in der aus ähnlichen Gründen eine 
Reform des preußiſchen Wahlrechts angeregt wurde. Die knappe, 
klare und überzeugende Darlegung gefiel mir ſo ſehr, daß ich die 
Denkſchrift, die zunächſt nur allgemeine Geſichtspunkte, noch keine 
Details enthielt, verſchiedenen Herren zu leſen gab. Ich freute mich, 
daß ſie bei allen Befragten volle Anerkennung fand. 

Ich ließ Herrn v. Loebell durch den Chef des Zivilkabinetts 
v. Valentini meinen Dank ausſprechen und ihn veranlaſſen, eine 
detaillierte Ausarbeitung mit Vorſchlägen einzureichen. Dies erfolgte 
im Frühjahr 1915. Die Denkſchrift war ſehr eingehend und be— 
handelte verſchiedene Möglichkeiten des Wahlmodus, ohne ein be— 
ſtimmtes Syſtem vorzuſchlagen. Sie wurde von mir gebilligt und 
durch den Kabinettschef dem Reichskanzler zugeſchickt mit dem Be— 
fehl, fie im Laufe des Jahres durch das Staatsminiſterium durch⸗ 
beraten und deſſen Votum bzw. eventuelle Vorſchläge und die Aus⸗ 
arbeitung einer Geſetzesvorlage mir vorlegen zu laſſen. Natürlich 
ſollte das Geſetz erſt nach dem Friedensſchluß eingebracht werden. 

Gleich darauf begab ich mich nach Pleß. Die Schlacht von 


114 


Gorlice⸗Tarnow mit ihrem den Feind niederſchmetternden Sieg 
leitete den galiziſch⸗polniſchen Feldzug ein, der zur Wiedereroberung 
von Lemberg, Przemysl, zur Einnahme von Warſchau, Iwangorod, 
Modlin, Breſt⸗Litowsk ufw. führte und mich voll in Anſpruch nahm. 
Auch der „Luſitania“⸗Fall warf feine Schatten, und Italien brach 
das Bündnis — es iſt daher nicht zu verwundern, daß die Denk⸗ 
ſchrift bei mir ins Hintertreffen geriet. 

Auch der Winter und der Sommer 1916 mit ihren Kämpfen 
an allen Fronten, der furchtbaren Sommeſchlacht und der glänzenden 
rumäniſchen Herbft- und Winterkampagne führten mich auf alle 
möglichen Punkte der Weft- und Oſtfront bis nach Niſch, wo die 
erſte denkwürdige Zuſammenkunft mit dem Zaren der Bulgaren er— 
folgte, und nach Orſova, ſo daß ich zu ſo eingehender Beſchäftigung 
mit der Reform, wie deren Wichtigkeit erforderte, nicht kommen konnte. 

Im Frühjahr 1917 wandte ich mich an den Kanzler mit der 
Aufforderung, zu Oſtern eine Ankündigung der Reform an das Volk 
zu entwerfen, da ich vorausſetzte, daß das Staatsminiſterium die 
Denkſchrift längſt beraten habe. Der Kanzler vereinbarte in Hom— 
burg mit dem Kabinettschef und mir den Text des Erlaffes, in dem 
er die Wahlform noch offen zu laſſen vorſchlug, da er damit noch 
nicht ganz im reinen ſei. Es erſchien der Oſtererlaß, dem nach wie 
vor der Gedanke zugrunde lag, daß die Reform erſt nach dem 
Friedensſchluß Platz greifen ſolle, da ja der größte Teil der Wähler 
vor dem Feinde ſtand. 

Parteien und Preſſe haben das ihrige dazu getan, meine urſprüng⸗ 
liche Abſicht durch Zank und Streit, durch das Aufwerfen der Frage 
des Reichstagswahlrechts für Preußen und durch das Verlangen 
nach Einbringung der Vorlage ſchon während des Krieges, zu ver— 
ſchieben. So nahm die Frage ihren bekannten, wenig erfreulichen 
Verlauf, der ſich durch die endloſen Verhandlungen im Landtage 
recht langwierig geſtaltete. Erſt nach dem Abgange des Herrn 


85 115 


v. Bethmann erfuhr ich durch Loebell, daß die Denkſchrift vom Jahre 
1915 dem Miniſterium gar nicht vorgelegt worden war, ſondern 
anderthalb Jahre unerledigt im Tiſchkaſten gelegen hatte. Der 
Kanzler habe unter dem Eindruck der Wünſche aus dem Lande die 
verſchiedenen vorgeſchlagenen Formen fallen laſſen und ſich direkt 
auf das allgemeine (Reichstags-) Wahlrecht konzentriert, von deſſen 
Kommen er wohl ſchon innerlich überzeugt geweſen fein werde. 

Jedenfalls iſt der urſprüngliche Grundgedanke durch Bethmanns 
Verſchleppung und durch das Parteigezänk gründlich verhunzt worden. 
Ich hatte meinem ſiegreich heimkehrenden Heer, dem „Volk in 
Waffen“, meinen tapferen Preußen, mit denen ich vor dem Feinde 
geſtanden hatte, aus freier Entſchließung eine Ehrengabe entgegen— 
bringen wollen. — 

Es war ein Ausfluß der ſtarken Neigung Bethmanns zur Prä— 
ponderanz, daß der Staatsſekretär des Auswärtigen unter ihm bloßer 
Hilfsarbeiter blieb, ſo daß das Auswärtige Amt dem Reichskanzler— 
amt quafi affiliiert war, was in der Benutzung der Preſſeabteilung 
beſonders fühlbar wurde. Auch mir gegenüber nahm Bethmann 
eine ſtarke Selbſtändigkeit für ſich in Anſpruch. Geſtützt darauf, 
daß der Kanzler nach der Verfaſſung allein die Verantwortung für 
die auswärtige Politik zu tragen hat, ſchaltete und waltete er frei 
nach Belieben. Das Auswärtige Amt durfte mir nur mitteilen, 
was dem Kanzler paßte, ſo daß ich oft über wichtige Angelegenheiten 
nicht informiert worden bin. 

Daß das überhaupt möglich war, liegt an der Neichsverfaſſung. 
Es iſt hier wohl der Platz, ein Wort über das Verhältnis von 
Kaiſer und Kanzler im allgemeinen einzufügen. Ich ſpreche im fol— 
genden alſo nicht über mein Verhältnis zu Herrn v. Bethmann, 
ſondern ganz unperſönlich über die Schwierigkeiten in dem Ver— 
hältnis des deutſchen Kaiſers zu den Reichskanzlern, die 
ihren Grund in der Reichsverfaſſung hatten. 


116 


Ich hebe folgende Punkte hervor: 


15 


Nach der Reichsverfaſſung iſt der Kanzler der Leiter und 
Vertreter der auswärtigen Politik des Reiches, er trägt für 
dieſe die volle Verantworlichkeit und läßt ſie durch das ihm 
unterſtehende Auswärtige Amt ausführen, nachdem er dem 
Kaiſer Vortrag gehalten hat. 


Der Kaiſer hat auf die auswärtige Politik nur inſoweit 


Einfluß, als der Kanzler ihn einräumt. 


Der Kaiſer kann ſeinen Einfluß geltend machen im Wege 


der Diskuſſion, Information, Anregung, durch Vorſchläge 
und die Berichterſtattung über ſeine auf Reiſen empfangenen 
Eindrücke, die dann als Ergänzung zu den politiſchen Be— 
richten der Botſchafter oder Geſandten der Länder, die er 
perſönlich beſuchte, gilt. 


Der Kanzler kann auf ſolche Einwirkung des Kaiſers ein⸗ 


gehen, ſie zur Grundlage ſeiner Entſchlüſſe machen, wenn er 
mit der Auffaſſung des Kaiſers übereinſtimmt. Im andern 
Falle bleibt er bei ſeiner Auffaſſung und führt ſie durch 
(Krügerdepeſche). 


Verfaſſungsmäßig hat der Kaiſer kein Mittel, den 


Kanzler und das Auswärtige Amt zur Annahme ſeiner 
Anſicht zu zwingen. Er kann den Kanzler nicht zu einer 
Politik veranlaſſen, die dieſer nicht verantworten zu können 
glaubt. Beſteht der Kaiſer auf ſeiner Auffaſſung, ſo kann 
der Kanzler ſeinen Abſchied anbieten oder fordern. 


Auf der andern Seite beſitzt der Kaiſer kein verfaſſungs— 


mäßiges Mittel, den Kanzler und das Auswärtige Amt 
an einer Politik zu hindern, die er für bedenklich oder 
falſch hält. Es bleibt ihm, wenn der Kanzler auf ſeiner 
Auffaſſung beſteht, nur übrig, zum Kanzlerwechſel zu 
ſchreiten. — Jeder Kanzlerwechſel iſt aber eine ſchwierige, 


117 


in das Leben der Nation tief eingreifende Prozedur und deg- 
halb in Zeiten politiſcher Verwicklungen und Hochſpannung 
äußerſt bedenklich, eine ultima ratio, die um ſo gewagter iſt, 
als die Zahl der für dieſen anormal ausgewachſenen Poſten 
geeigneten Männer ſehr gering iſt. 

Die Stellung des Reichskanzlers, die auf die überragende Perſön— 
Nchkeit des Fürſten Bismarck zugeſchnitten war, hatte durch die ſich 
immer mehr vergrößernden Reichsämter, deren aller Chef und verant— 
wortlicher Vorgeſetzter der Kanzler war, ein bedenkliches Übergewicht 
gewonnen. Beachtet man dieſe Tatſache, dann geht es ſchlechterdings 
nicht an, hinterher, wie es ſchon früher und beſonders gegen Ende 
des Krieges und nach dem Kriege ſeitens kritiſcher Beſſerwiſſer und 
nörgelnder Umſtürzler zu Haus wie ſeitens der Entente geſchehen iſt, 
den Kaiſer kurzweg für alles allein verantwortlich zu machen. Das 
iſt, ganz abgeſehen von allem Perſönlichen, ein Beweis völliger Un— 
kenntnis der früheren deutſchen Reichsverfaſſung. — 

Der Beſuch des Zaren in Potsdam im November 1910 ver⸗ 
lief zur Zufriedenheit aller Beteiligten und wurde vom Kanzler und 
Herrn v. Kiderlen benutzt, mit dem neu ins Amt getretenen Herrn 
Saſonow Fühlung zu nehmen, den der Zar dazu mitgebracht hatte. 
Der ruſſiſche Herrſcher fühlte ſich bei uns anſcheinend wohl und nahm 
an der zu ſeinen Ehren veranſtalteten Jagd, bei der er ſich als 
paſſionierter Waidmann zeigte, lebhaften Anteil. Der Erfolg der 
Beſprechungen der beiderſeitigen Staatsmänner bot anſcheinend gute 
Ausſichten für die Zukunft, fo daß beide Seiten, nachdem fie über- 
einander orientiert waren, beruhigt auf eine günſtige Geſtaltung 
unſerer Beziehungen hofften. 

Während meines Frühjahraufenthaltes auf Korfu begannen die 
Unruhen der Waliſſoren, die auch das Intereſſe der Griechen fehr 
in Anſpruch nahmen. Man war in Korfu über den andauernden 
Waffenſchmuggel, der von Italien über Valona nach Albanien ging, 


118 


gut orientiert und neigte in griechiſchen Kreiſen der Anſicht zu, daß 
Machinationen von jenſeits der Adria wie auch aus Montenegro an 
den Ereigniſſen nicht unbeteiligt ſeien. Auch habe das neue türkiſche 
Regime keine glückliche Hand in der Behandlung der Albaneſen ge— 
habt, die recht empfindlich und mißtrauiſch ſeien. Der frühere Sultan 
Abdul Hamid habe das ſehr wohl erkannt und es trefflich verſtanden, 
ſich gut mit den Albaneſen zu ſtellen und fie in Ruhe zu halten. 
Man befürchtete aber keine weitergehenden Komplikationen aus den 
Ereigniſſen. 

Zu Anfang 1911 erhielt ich eine ſehr herzlich gehaltene ſchriftliche 
Einladung des Königs Georg von England, mit der Kaiſerin der 
Enthüllung des Standbildes der Königin Victoria, unſerer 
gemeinſamen Großmutter, beizuwohnen. Infolgedeſſen begab ich 
mich Mitte Mai mit der Kaiſerin und unſerer Tochter nach London. 
Der Empfang ſeitens der engliſchen Königsfamilie ſowie der Be— 
wohner Londons war herzlich. Die Enthüllungsfeier war geſchickt 
inſzeniert und ſehr großartig. Der weite kreisrunde Platz vor 
Buckingham Palace war von Tribünen umgeben, die von eingelade— 
nem Publikum überfüllt waren. Davor ſtand ein Truppenſpalier 
aller Waffengattungen und Regimenter der britiſchen Armee in 
Paradeausrüſtung, die Kavallerie und Artillerie zu Fuß. Am Denk- 
mal waren ſämtliche Fahnen der Truppen zuſammengezogen. Die 
Königliche Familie mit ihren Gäſten und den Gefolgen gruppierte 
ſich vor dem Denkmal. König Georg hielt eine weihevolle Anſprache 
von guter Wirkung, in der er auch des deutſchen Kaiſerpaares Er— 
wähnung tat. Die Hülle fiel unter Salut und Gruß. Die Kö— 
nigin in Marmor, auf einem Thron ſitzend, von einer goldenen Vic— 
toria überragt, wurde ſichtbar, ein Augenblick von packender Wirkung. 
Danach folgte der Vorbeimarſch der in der Parade ſtehenden Truppen, 
die Garden voraus, dann Hochländer, die in ihrer kleidſamen farbigen 
Tracht eine beſonders maleriſche Note in das militäriſche Schauſpiel 


119 


brachten, dann die übrigen Truppen. Der Vorbeimarſch vollzog 
ſich auf dem kreisrunden Platze in einer andauernden Schwenkung, 
die äußeren Flügel mußten ausſchreiten, die inneren verhalten, eine 
ſchwierige Aufgabe für die Truppe. Sie wurde glänzend gelöſt, 
kein Mann kam aus der Richtung. Der Herzog von Connaught, 
welcher die ganzen militärifhen Anordnungen getroffen hatte, erntete 
mit Recht ungeteilten Beifall. Die übrigen Tage des Aufenthaltes 
wurden zu Ausflügen benutzt, auch genoſſen wir die Gaſtfreundſchaft 
hoher engliſcher Familien, wobei ſich Gelegenheit bot, mit vielen 
Mitgliedern der Geſellſchaft in Verkehr zu treten. 

Einen beſonderen Kunſtgenuß bot der König ſeinen Gäſten durch 
eine Theatervorſtellung in Drury Lane. Es wurde ein bekanntes 
engliſches Schauſpiel „Money“ gegeben von einer beſonders dazu 
zuſammengeſtellten Truppe, die aus den erſten Schauſpielern und 
Schauſpielerinnen Londons beſtand. Als Überraſchung fiel im 
Zwiſchenakt ein von einer Dame ad hoc gemalter Vorhang, der in 
Lebensgröße den König Georg und mich zu Pferde darſtellte, wie 
wir militäriſch ſalutierend aufeinander zureiten. Das Bild war mit 
viel Schwung gemalt und wurde vom Publikum lebhaft akklamiert. 
Das Spiel der Herren und Damen in „Money“ war geradezu 
muſtergültig, da ein jeder ſeine Rolle, auch die kleinſte, in der Voll— 
endung gab. Es war eine wirklich klaſſiſche Aufführung. An 
einem anderen Tage wurden in der Olympiabahn die Sportturniere 
der britiſchen Armee und Marine befichtigt, die ſowohl hervorragende 
Einzelleiſtungen zu Fuß und zu Pferde, wie auch ſolche von ge— 
ſchloſſenen Truppenteilen zur Darſtellung brachten. 

Ich habe mich hier bei der Schilderung der Denkmalsenthüllung 
wie auch der Beerdigung König Eduards VII. abſichtlich mit den 
Außerlichkeiten und dem Pomp beſchäftigt, die bei derartigen Ge— 
legenheiten in England üblich ſind. Aus ihnen erſieht man, daß in 
einem parlamentariſch regierten, ſogenannten demokratiſchen Lande 


120 


auf faſt mittelalterliche Prachtentfaltung mehr Wert gelegt wurde, 
als im deutſchen Kaiſerreiche. 

Das franzöſiſche Verhalten in Marokko, das mit der Algecfras— 
akte nicht mehr recht in Einklang zu bringen war, hatte wiederum 
die Aufmerkſamkeit der Diplomaten auf ſich gelenkt. Der Kanzler 
hatte mich daher gebeten, wenn ſich Gelegenheit dazu böte, die An— 
ſicht des Königs Georg über die Marokkaniſche Frage zu hören. Ich 
fragte ihn, ob er der Anſicht ſei, daß die franzöſiſche Handlungsweiſe 
ſich noch mit der Algecirasakte vertrage. Der König meinte, eigent— 
lich beſtehe die Akte nicht mehr, und man tue wohl am beſten, ſie 
der Vergeſſenheit anheimzugeben. Die Franzoſen machten ja im 
Grunde in Marokko nichts anderes, als was die Engländer ſeiner— 
zeit in Agypten auch getan hätten. England werde deshalb den 
Franzoſen keine Schwierigkeiten in den Weg legen, ſondern ſie ge— 
währen laſſen, man ſolle ſich mit dem fait accompli der Beſetzung 
abfinden und ſich wegen kommerzieller Sicherungen mit Frank- 
reich arrangieren. — Der Beſuch verlief bis zuletzt harmoniſch, 
und die Einwohner aus allen Schichten Londons gaben ihrer 
Sympathie Ausdruck, fobald fie der Gäſte ihres Königs anſichtig 
wurden. 

So konnte das deutſche Kaiſerpaar mit den beſten Eindrücken 
heimkehren. Als ich dieſe dem Kanzler mitteilte, äußerte er große 
Zufriedenheit. Aus den Bemerkungen des Königs Georg entnahm 
er, daß England die Algecirasakte als nicht mehr beſtehend betrachte 
und auch der Beſetzung Marokkos keine Schwierigkeiten bereiten 
werde. Daraus entwickelte ſich die von ihm und dem Auswärtigen 
Amte befolgte Linie, welche zum Agadirfall führte, dem letzten 
ebenfalls mißglückten Verſuch, Einfluß in Marokko zu behalten. 
Die Lage ſpitzte ſich zu während der Kieler Woche. Das Aus- 
wärtige Amt unterbreitete mir ſeine Abſicht, den „Panther“ nach 
Marokko zu ſchicken. Ich habe ſtarke Bedenken gegen dieſe Maß— 


121 


regel geltend gemacht, mußte fie aber angeſichts der dringlichen Vor— 
ſtellungen des Auswärtigen Amtes zurückſtellen. — 

Das Jahr 1912 brachte in ſeiner erſten Hälfte die Sendung 
Sir Erneſt Caſſel's mit einer Verbalnote, in welcher England 
ſeine Neutralität im Falle eines auf Deutſchland erfolgenden „un— 
provozierten“ Angriffes anbot, falls Deutſchland auf eine Beſchrän— 
kung ſeines Kriegsſchiffbaues und das verſteckt angedeutete Fallen— 
laſſen ſeiner neueſten Marinevorlage eingehen würde. Infolge unſerer 
entgegenkommenden Antwort wurde Lord Haldane mit den Ver— 
handlungen betraut und nach Berlin entſandt. Die Verhandlungen 
ſcheiterten ſchließlich an der immer intranſigenter werdenden Haltung 
Englands (Sir E. Grey), das zuletzt Lord Haldane desavouierte 
und ſeine eigene Verbalnote zurückzog, weil Grey befürchtete, durch 
ein deutſch-engliſches Abkommen die Franzoſen zu verletzen und das 
engliſch-franzöſiſch-ruſſiſche Einvernehmen zu gefährden. 

Im einzelnen war der Verlauf folgender: Am Vormittag des 
29. Januar 1912 ließ ſich im Schloß zu Berlin Herr Ballin bei 
mir anmelden und um Audienz bitten. Ich nahm an, daß es ſich 
um eine nachträgliche Geburtstagsgratulation handeln werde. Ich 
war daher nicht wenig erſtaunt, als Ballin nach kurzem Glückwunſch 


mir meldete, daß er als Abgeſandter von Sir Erneſt Caſſel er— 


ſchienen ſei, der in beſonderer Miſſion ſoeben in Berlin eingetroffen 
ſei und um Empfang bäte. Ich fragte, ob es ſich um eine politiſche 
Sendung handle, und, wenn das der Fall ſei, warum nicht der 
engliſche Botſchafter die Audienz vermittle. Aus Ballins Antwort 
ging hervor, daß die Angelegenheit nach Andeutungen Caſſel's ſehr 
wichtig zu ſein ſcheine, die Umgehung des Botſchafters aber dadurch 
zu erklären ſei, daß man in London den beſonderen Wunſch aus⸗ 
geſprochen habe, die amtlichen diplomatiſchen Stellen mit der Ans 
gelegenheit nicht zu befaſſen, weder die engliſchen noch die deutſchen. 
Ich erklärte mich zum ſofortigen Empfang bereit, fügte aber hinzu, 


122 


— — 


daß ich, falls Caſſel's Auftrag auf Fragen der Politik Bezug haben 
ſollte, als konſtitutioneller Herrſcher ſogleich den Kanzler hinzuziehen 
würde, da ich nicht in der Lage ſei, allein ohne den Kanzler mit dem 
Vertreter einer fremden Macht zu verhandeln. 

Ballin holte Caſſel herbei, der mir ein Schriftſtück überreichte, 
das mit „Billigung und Kenntnis der engliſchen Regierung“ auf⸗ 
geſetzt worden ſei. Ich las den kleinen Bogen durch und erſtaunte 
nicht wenig, als ich ein formelles Neutralitätsangebot für den Fall 
künftiger kriegeriſcher Verwicklungen Deutſchlands in den Händen 
hielt, abhängig gemacht von gewiſſen Beſchränkungen auf dem Ge— 
biete des Flottenbaues, die Gegenſtand von gegenſeitigen Be— 
ſprechungen und Vereinbarungen bilden ſollten. Ich ging mit Ballin 
ins Nebenzimmer (Adjutantenzimmer) und gab ihm das Schriftſtück 
zu leſen. Nachdem er das getan hatte, fagten wir a tempo: „Eine 
Verbalnote!“ 

Es war offenbar, daß ſich dieſe „Verbalnote“ auf die vorliegende 
Novelle zu unſerem Flottengeſetz bezog und beſtimmt war, fie auf 
irgendeine Weiſe zu verzögern oder zu hintertreiben. Jedenfalls be— 
fand ich mich vor einer eigentümlichen Situation, die auch Ballins 
Verwunderung erregte. Sie erinnerte mich an die Lage in Cron⸗ 
berg⸗Friedrichshof 1908, als ich das an mich perſönlich gerichtete An— 
ſinnen des engliſchen Unterſtaatsſekretärs Hardinge, unſeren Flotten⸗ 
bau einzuſtellen, zurückweiſen mußte. Jetzt erſchien ein intimer 
Geſchäftsfreund Eduards VII. — ohne vorherige Anmeldung auf 
amtlichem diplomatiſchen Wege — beim deutſchen Kaiſer mit einer 
von der engliſchen Regierung inſpirierten „Verbalnote“, mit der aus⸗ 
drücklichen Inſtruktion, ſämtliche diplomatiſchen Inſtanzen beider Länder 
zu umgehen. Er überreichte ein Angebot der engliſchen Regierung, 
in kommenden kriegeriſchen Verwicklungen ihre Neutralität zu wahren 
gegen Abmachungen über Beſchränkungen in unſerem Schiffbau. 
Und dies geſchah ſeitens Englands, des Mutterlandes des „Kon⸗ 


123 


ſtitutionalismus“! Ballin fagte, als ich ihn hierauf hinwies: „Hei- 
liger Konſtitutionalismus! Wo biſt du hin? Das tft ja »personal 
politics, with a vengeance sl“) Ich einigte mich mit Ballin dahin, 
daß Herr v. Bethmann ſofort zitiert werden müſſe, um ſeinerſeits 
ſich zu informieren und zu dieſer eigentümlichen Lage Stellung zu 
nehmen. 

Telephoniſch gerufen war Bethmann bald zur Stelle. Auch ihm 
verurſachte die Situation zunächſt ein gewiſſes Erſtaunen, es war 
intereſſant, ſein Mienenſpiel zu beobachten, als er orientiert wurde. 
Der Kanzler ſchlug vor, zur reſſortmäßigen Erledigung auch den 
Staatsſekretär des Reichsmarineamts Admiral v. Tirpitz hinzuzu⸗ 
ziehen, und empfahl, in derſelben Art und Form, wie die von Caſſel 
überreichte Note, eine Antwort in engliſcher Sprache aufzuſetzen und 
ſie Sir Erneſt mitzugeben, der abends wieder reiſen wollte. (Engliſch 
wurde gewählt, weil man Unklarheiten und Wißverſtändniſſe bei einer 
Überſetzung in London befürchtete.) Der Kanzler bat mich, da ich 
am beſten Engliſch verſtände, die Note aufzuſetzen, nach einigem 
Sträuben mußte ich mich dazu entſchließen, das Schreiberhandwerk 
ſelbſt zu verſehen. 5 

Nun ergab ſich folgendes Bild: Ich ſaß am Schreibtiſch im 
Adjutantenzimmer, die Herren ſtanden um mich herum. Ich las 
einen Satz aus der Note vor und entwarf eine Antwort, die wieder 
verleſen wurde. Darauf ſetzte die Kritik von rechts und von links 
ein. Dem einen war es zu entgegenkommend, dem andern zu 
ſchroff; es wurde gemodelt, umgegoſſen, verbeſſert und gedrechſelt. 
Beſonders der Kanzler mit ſeiner philoſophiſch prüfenden, tief for— 
ſchenden Gründlichkeit, die ſedes Wort auf die Goldwage legte, da— 
mit es von allen Seiten beleuchtet nachher niemandem einen Anlaß 
zur Kritik bieten könnte, bereitete mir manche grammatikaliſche und 


*) „Das iſt ja perſönliche Politik in höchſter Potenz!“ 
124 


ſtiliſtiſche Pein. Nach ſtundenlanger Arbeit war der Guß endlich 
gelungen und wurde, nachdem die Note ein paarmal von Hand zu 
Hand gegangen und dann noch ein halbes Dutzend Mal von mir 
verleſen worden war, unterſchrieben. 

Beim Auseinandergehen fragte der Kanzler Sir Erneſt noch, 
wer von England aus zu den Verhandlungen zu erwarten ſei. 
Caſſel erwiderte, es werde ſedenfalls ein Minifter geſandt werden, 
welcher, ſei ihm nicht bekannt, vielleicht Mr. Winſton Churchill, der 
jetzige Marineminiſter, da es ſich ja um eine Marineangelegenheit 
handle. Dann vereinbarte der Kanzler noch mit ihm, daß der in— 
offizielle Weg beibehalten werden und Ballin die Übermittlung aller 
die Angelegenheit betreffenden Nachrichten aus England übernehmen 
ſolle. Sir Erneſt drückte ſeinen lebhaften Dank für liebenswürdigen 
Empfang und feine Zufriedenheit mit dem Tenor unſerer Antwort— 
note aus. Später teilte mir Ballin noch einmal vom Hotel aus 
mit, daß Caſſel ſich in jeder Beziehung befriedigt über den Erfolg 
ſeiner Miſſion ausgeſprochen habe und über den guten Eindruck, den 
er empfangen hätte, auch ſeiner Regierung berichten werde. 

Als ich dann die Angelegenheit mit Admiral v. Tirpitz beſprach, 
waren wir beide uns darüber einig, daß die Novelle in Gefahr 
komme, alſo ſcharf aufgepaßt werden müßte. Es wurde nun in aller 
Stille das Material geordnet, das Admiral v. Tirpitz bei den Ver— 
handlungen vorzulegen haben würde: ein kleiner hiſtoriſcher Überblick 
über die Entwicklung der Flotte und deren ſich erweiternde Aufgaben, 
das Flottengeſetz in feinen Zielen, feinem Weſen ſowie feine Durch— 
führung und ſeine Erweiterung, ſchließlich die vorliegende Novelle, 
ihre Bedeutung und die Art ihrer Ausführung. Vom Kanzler 
wurde erbeten, daß die Hauptverhandlung im Schloß in meiner 
Gegenwart ſtattfinden ſolle. Mit Tirpitz verabredete ich noch, daß 
er, ſoweit er könne, engliſch ſprechen ſolle, bei ſchwierigen Ausdrücken 
würde ich eventuell dolmetſchen. 


125 


Bis zur Bekanntgabe des Unterhändlers feitend Englands er- 
ging man ſich in Vermutungen, und Ballin berichtete über Kombi— 
nationen, bei denen verſchiedene Namen, ſogar der Grey's, genannt 
wurden. Endlich kam durch Ballin die Nachricht, daß Haldane 
— ausgerechnet der Kriegsminiſter, früher Advokat — mit der 
Verhandlung betraut worden ſei und demnächſt eintreffen werde. 
Allgemeines Erſtaunen! Man denke ſich mutatis mutandis, daß 
Deutſchland an Stelle von Admiral v. Tirpitz den Kriegsminiſter 
(v. Heeringen damals) zur Beſprechung einer Flottenfrage nach 
London geſchickt hätte! Bei der Beſprechung dieſes Punktes mit 
Bethmann und Tirpitz wurden verſchiedene Mutmaßungen laut. 
Der Kanzler meinte, Haldane ſei in England als Goetheforſcher und 
Kenner der deutſchen Philoſophie, auch als des Deutſchen mächtig 
bekannt, es ſei alſo wohl eine Höflichkeit gegen uns, die ſich in 
ſeiner Wahl kund tue. Tirpitz bemerkte, daß Haldane ja früher 
einige Zeit in Berlin geweſen ſei und bei General v. Einem im 
Kriegsminiſterium gearbeitet, alſo die hieſigen Verhältniſſe kennen 
gelernt habe. Ich wies darauf hin, daß das alles wohl in Betracht 
komme, daß aber durch Haldane's Wahl, da er die Marine doch 
nur oberflächlich kennen könne, die Angelegenheit zu einer für Eng— 
land rein politiſchen geſtempelt ſei. Sehr wahrſcheinlich richte ſich das 
Ganze gegen die Varinepolitik Deutſchlands überhaupt und gegen 
die Novelle im beſonderen. Man werde deshalb gut tun, dieſen 
Punkt nicht aus den Augen zu laſſen, damit ſich nicht unverſehens 
ein fremder Eingriff in unſer Selbſtbeſtimmungsrecht hinſichtlich der 
Stärke unſerer Wehrkraft aus der ganzen Affäre herauskriſtalliſiere. 

Haldane kam an. Er wurde als Kaiſerlicher Gaſt aufgenommen. 
Ballin, der ihn begleitete, löſte nun auch das Rätſel von Haldane's 
Wahl auf Grund von Nachrichten, die ihm aus England zugegangen 
waren. Als Caſſel, nach London heimgekehrt, der Regierung über 
ſeinen Empfang berichtet und die Antwortnote übergeben hätte, wäre 


126 


der Eindruck fo günſtig geweſen, daß dort an dem befriedigenden 
Verlauf und Abſchluß des Abkommens nicht mehr gezweifelt wurde. 
Es habe ſich nunmehr zwiſchen den Miniſtern, zumal zwiſchen Churchill 
und Grey, ein edler Wettſtreit darüber entſponnen, wer nach Berlin 
ſolle, um ſeinen Namen unter dieſes große hiſtoriſche Dokument zu 
ſetzen — wenn es nämlich gelungen wäre, Deutſchland zur voll— 
ſtändigen Preisgabe der weiteren Ausgeſtaltung feiner Flotte zu be— 
ſtimmen. Churchill habe gemeint, er ſei der gegebene Mann, da er die 
Marine habe. Aber Grey und Asquith gönnten dem Kollegen den 
Ruhm nicht. Daher ſtand eine Zeitlang Grey im Vordergrunde — 
wieder ein Beweis, daß die Politik und nicht ſo ſehr die Zahl der 
Schiffe dabei die Hauptrolle ſpielen ſollte. Nach einiger Zeit aber 
beſchloß man, daß es Grey's ganzer Perſon und Stellung doch 
würdiger ſei, erſt zum Schluß der Verhandlungen zu erſcheinen und 
ſeinen Namen unter das Abkommen zu ſetzen und — wie es in 
Ballins engliſchen Informationen lautete — „to get his dinner from 
the Emperor and to come in for his part of festivities and fire- 
works“ *), auf gut Deutſch: die „bengaliſche Beleuchtung“ einzu⸗ 
heimſen. Da nun Churchill dieſe keinesfalls bekommen ſollte, ſo 
mußte für die Verhandlungen eine Perſönlichkeit gewählt werden, 
die Asquith und Grey naheſtand und, deren volles Vertrauen be— 
ſitzend, bereit war, die Verhandlungsarbeit bis zum Beginn der 
„bengaliſchen Beleuchtung“ auf ſich zu nehmen, und die außerdem in 
Berlin ſchon bekannt und in Deutſchland nicht fremd war. Churchill 
war das freilich auch nicht, denn er war einige Male bei den Kaifer- 
manövern in Schleſien und Württemberg als Kaiſerlicher Gaſt zu— 
gegen geweſen. Ballin verbürgte ſich für die Zuverläſſigkeit ſeiner 
Londoner Quelle 


) „fein Feſteſſen vom Kaffer zu bekommen und bei den Feſtlichketten und 
Feuerwerken auf ſeine Rechnung zu kommen“ 


127 


Ehe die Verhandlungen begannen, machte ich den Staatsſekretär 
v. Tirpitz noch darauf aufmerkſam, daß Haldane, obgleich augen— 
blicklich Kriegsminiſter, ſich wohl vorbereitet haben werde und ſicher— 
lich von der engliſchen Admiralität, in der der Geiſt Fiſher's walte, 
eingehend inſtruiert worden ſei. Fiſher hatte in ſein Handbuch für 
engliſche Seeoffiziere neben anderen beherzigenswerten Vorſchriften 
einen Satz aufgenommen, der für den Admiral, ſeine Behörde und 
ihren Geiſt charakteriſtiſch iſt und wörtlich lautet: „If you tell a lie, 
stick to it.“*) Außerdem, ſagte ich zu Tirpitz, dürfe man nicht 
vergeſſen, welch fabelhaftes Anpaſſungsvermögen die Angelſachſen be— 
ſäßen; es befähige fie zur Übernahme von Poſten, die ihrem ſon— 
ſtigen Lebens- und Bildungsgange fern lägen. Auch ſei in England 
das Intereſſe für die Marine allgemein ſo intenſiv, daß faſt jeder 
Gebildete bis zu gewiſſem Grade für Marinefragen ſachverſtändig ſei. 

Bei den Verhandlungen zeigte ſich Haldane vortrefflich informiert 
und als geſchickter, zäher Debatter, wobei feine brillanten Advokaten— 
eigenſchaften in die Erſcheinung traten. Das Geſpräch dauerte mehrere 
Stunden und führte zu einer generellen Klärung ſowie zu einer vor— 
läufigen Einigung über Verſchiebung von Bauterminen uſw. Die 
Einzelheiten ſeines Verlaufs ſind im Reichsmarineamt in den Akten 
niedergelegt. Tirpitz war hervorragend. 

Nachdem noch einige Beſprechungen — auch unter Teilnahme 
Ballins — ſtattgefunden hatten, reiſte Haldane zurück. Ballin mel— 
dete mir, Haldane habe ſich ihm gegenüber in jeder Hinſicht befriedigt 
über den Ausgang ſeiner Wiſſion ausgeſprochen und der Meinung 
Ausdruck verliehen, daß in etwa 8-14 Tagen das Konzept zu dem 
Abkommen an uns werde überſandt werden können. 

Die Zeit verſtrich. Der Zeitpunkt für das Einbringen der No⸗ 
velle rückte näher. Tirpitz ſchlug vor, falls das Abkommen vor- 


) „Wenn Du lügſt, dann bleib” auch feſt dabei.“ 
128 


her zum Abſchluß käme, die Novelle entfprechend zu ändern, andern— 
falls ſie unverändert einzubringen. Endlich traf, zwar nicht der 
Entwurf zum Abkommen, aber eine allerhand Fragen und Orien— 
tierungswünſche enthaltende Schrift ein, deren Beantwortung viele 
Beſprechungen und Erwägungen erforderte. Allmählich befeſtigte 
ſich in mir der Verdacht, daß es den Engländern mit dem Abkommen 
nicht ernſt ſei. Denn Rückfrage reihte ſich an Rückfrage, Details 
wurden hervorgeſucht, die mit dem Abkommen direkt nichts zu tun 
hatten. England nahm allmählich von ſeinen Angeboten und Zuſagen 
mehr und mehr zurück, und ein Entwurf zum Abkommen kam nicht. 

In Berlin ſetzte nun vom Auswärtigen Amt und von berufener 
und unberufener Seite ein Keſſeltreiben gegen die Novelle, gegen Tirpitz 
und gegen mich ein. Auch der Kanzler, der in der Hoffnung lebte, 
das Abkommen zuſtande zu bringen und ſeinen Namen unter ein 
Inſtrument ſetzen zu können, das Deutſchland aus der „Einkreiſung“ 
befreien und mit England in ein geregeltes beſſeres Verhältnis 
bringen ſollte, trat für das Fallenlaſſen der Novelle ein. Das hätte 
aber nichts anderes bedeutet, als einer auswärtigen Macht eine un⸗ 
geheure Einflußnahme auf Fragen der deutſchen Landes verteidigung 
einzuräumen und dadurch das Selbſtbeſtimmungsrecht der Nation 
und unſere Schlagfertigkeit für den Fall eines uns aufgezwungenen 
Krieges zu gefährden. Deutſchland hätte ſich damit, ohne irgend— 
eine Gegenleiſtung garantiert zu erhalten, von ſeinem ſchärfſten Geg— 
ner vorſchreiben laſſen, was dieſer — in ſeinem eigenen Intereſſe — 
für gut befinden würde, uns noch eben zuzubilligen. 

Bei dieſer unklaren Lage entſtanden Meinungsverſchiedenheiten 
und heftige Kämpfe, die gerade von den Kreiſen, die von der Marine 
de facto wenig verftanden, recht ſcharf und nicht immer ganz ſach— 
lich geführt worden ſind. Admiral v. Tirpitz hat in dieſem für 
ihn und mich ſo ſchweren Winter, mit klarem Blick die Lage und 
den Gegner durchſchauend, als ein echter, vaterlandsliebender Offizier 


9 gaiſer Wilhelm II. 129 


im Kampfe feinen Mann geftanden, von mir aus voller Überzeugung 
nach beſten Kräften geſtützt. Alle Inſtanzen ſtimmten darin über— 
ein, daß kein fremdes Land darüber mitzubeſtimmen haben dürfe, 
was wir für unſeren Schutz zu tun hätten oder nicht. 

Die Hoffnung auf das Zuſtandekommen des Abkommens ſchrumpfte 
mehr und mehr zuſammen. England zeigte immer weniger Intereſſe 
und bröckelte wichtige Beſtandteile ſeiner erſten Verbalnote ab. So 
erkannten Admiral v. Tirpitz und ich, daß der ganze Vorſchlag nur 
ein „Manöver“ geweſen war. 

Der Kampf um die Novelle wurde immer heißer. Da traf es 
ſich, daß ich in Cuxhaven Dr. Burchard, dem Präſidenten des Se— 
nats von Hamburg, begegnete, der von mir als Urbild des ariſto— 
kratiſchen Bürgers einer Hanſaſtadt verehrt und auch über politiſche 
Fragen öfters zu Rate gezogen wurde. Ich ſchilderte ihm den ganzen 
Verlauf der Angelegenheit und die Kämpfe in Berlin um die Ein— 
bringung oder Nichteinbringung der Novelle. Dann bat ich ihn, 
mir ſo rückhaltlos wie ſtets ſeine Anſicht zu ſagen, was er im Inter— 
eſſe des Staatswohls für das Richtige halte, da mir daran liege, 
ein objektives, von den in Berlin kämpfenden Gegenſätzen unbeein— 
flußtes Urteil zu hören. 

Dr. Burchard antwortete in ſeiner klaren, ſcharf pointierten, über— 
zeugenden Art: Das Feſthalten an der Vovelle ſei einfach meine 
Pflicht gegen Volk und Vaterland. Wer gegen ihre Einbringung 
ſpräche, verſündige ſich an ihnen. Was wir für unſere Verteidigung für 
nötig hielten, müſſe unbedingt geſchaffen werden. Vor allem aber 
dürfe niemals geduldet werden, daß ein fremder Staat ſich erdreiſte, bei 
uns hineinreden zu wollen. Das engliſche Angebot ſei eine „Finte“, 
um uns zu veranlaſſen, die Novelle fallen zu laſſen. Das dürfe 
unter keinen Umſtänden geſchehen. Das deutſche Volk würde es 
nicht verſtehen, wenn man ſein Selbſtbeſtimmungsrecht preisgebe. Die 
Novelle müſſe unbedingt eingebracht werden. Er werde im Bundesrat 


130 


für ihre Annahme eintreten (das ift in einer glänzenden, fortreißenden 
Rede geſchehen) und auch ſonſt in Berlin dafür wirken. Die Eng— 
länder würden zwar ſchimpfen, das ſei aber egal, das täten ſie doch 
ſchon ſeit langem, einen Krieg würden ſie deswegen gewiß nicht an— 
fangen. Admiral v. Tirpitz tue nur ſeine Pflicht und Schuldig— 
keit, ich möchte ihn nach jeder Richtung fügen. Der Kanzler 
müſſe ſeinen Widerſtand aufgeben, er riskiere ſonſt, daß man ihm 
wegen „Engländerei“ zuletzt noch die Fenſter einwerfen werde. — 
So der Vertreter der großen Handelsſtadt, die bei einem Kriege 
mit England zuerſt bedroht war. Aus ihm ſprach echter Hanſeaten— 
geiſt. 

Merkwürdigerweiſe iſt mir dieſes Urteil Dr. Burchards über das 
engliſche Angebot neuerdings in Holland von einem Holländer be— 
ſtätigt worden, dem Engländer ſeinerzeit die engliſche Abſicht mit— 
geteilt haben. Tirpitz und ich hatten es richtig erkannt: das Neu— 
tralitätsangebot war ein politiſches Manöver. 

Bald kamen nun auch Nachrichten von Ballin, daß die Sache 
in England nicht zum Beſten ſtehe. Nach eingelaufenen Informa— 
tionen ſei ein Streit über das Abkommen entſtanden, man ſei mit 
Haldane nicht zufrieden und behaupte, daß er ſich von Tirpitz habe 
übertölpeln laſſen! Das verriet deutlich den Arger darüber, daß 
Tirpitz nicht auf den Leim kroch und die Novelle einfach fallen ließ, 
und daß Haldane nicht die Novelle auf dem Teebrett zum after- 
noontea dem Ninifterium hatte ſervieren können. Von einem „Über— 
tölpeln“ ſeitens Deutſchlands kann nicht die Rede ſein. Aber der 
Vorwurf gegen Haldane berechtigt zu dem Verdacht, daß deſſen 
Inſtruktionen dahin gingen, er ſolle die Deutſchen „übertölpeln”. 
Wenn ſeine Landsleute der Anſicht waren, das Umgekehrte ſei ein— 
getreten, dann kann man Admiral v. Tirpitz nur wärmſten Dank 
dafür zollen, daß er den deutſchen Standpunkt richtig gewahrt hat, 
zum Heile unſeres Vaterlandes. 


9" 4 


Gegen Ende März ſpitzten fih die Kämpfe um die Novelle derart 
zu, daß der Kanzler ſchließlich am 22., als ich aus der Charlottenburger 
Gruft trat, im Park um ſeine Entlaſſung bat. Nach eingehender 
Ausſprache und nachdem ich ihm Dr. Burchards Urteil mitgeteilt 
hatte, zog der Kanzler ſein Abſchiedsgeſuch zurück. 

Als ich einige Zeit danach Herrn v. Bethmann in ſeinem Garten 
beſuchte, fand ich ihn ganz gebrochen mit einer Depeſche aus London 
in der Hand. Sie enthielt die glatte Desavouierung der von Caſſel 
überreichten Verbalnote, die Zurücknahme ſowohl des Neutralitäts- 
wie jedes anderen Angebots und am Schluſſe noch die Admonition an 
mich, Herrn v. Bethmann als Reichskanzler zu belaſſen, da er in be— 
ſonderem Maße das Vertrauen der britiſchen Regierung beſitze! Tränen 
der Empörung ſchimmerten in den Augen des in ſeinen Hoffnungen 
ſchwer enttäuſchten Kanzlers. Das ihm von einer fremden Regierung, 
mit der Deutſchland und er ſoeben ſchmerzliche Erfahrungen gemacht 
hatten, geſpendete Lob kränkte ihn tief. Er bot zum zweiten Male 
ſeine Entlaſſung an, ich nahm ſie nicht an, ſondern verſuchte, ihn 
zu tröſten. Sodann befahl ich, dem Botſchafter in London die 
Frage zu ſtellen, wie er ein ſolches Schreiben überhaupt habe ent— 
gegennehmen und weiter befördern können. 

Mit der Novelle war der Kanzler nunmehr einverſtanden. Lopaler 
Weiſe wurde ſie aber mit der Einſchränkung gebracht, wie ſie für 
den Fall des Abſchluſſes des Abkommens beabſichtigt war. In Eng- 
land hingegen baute man das volle Programm. 

Dieſe „Epiſode Haldane“ iſt bezeichnend für die Politik Englands. 
Dieſes ganze großangelegte Manöver wurde veranſtaltet, lediglich 
um die Entwicklung der deutſchen Flotte zu verhindern, während 
gleichzeitig in Amerika, das eine kaum nennenswerte Handelsflotte 
beſaß, in Frankreich, deſſen Kriegsflotte der deutſchen an Zahl 
überlegen war, in Italien, in Rußland, das auch im Ausland 
bauen ließ, großartige Bauprogramme ausgeführt wurden, ohne 


132 


daß dies den geringften Proteſt ſeitens Englands hervorrief. Und 
Deutſchland, das zwiſchen Frankreich und Rußland eingekeilt war, 
mußte zum mindeſten doch ſo gerüſtet ſein, daß es zur See in der 
Verteidigung gegen jene das Meer halten konnte. Zu dieſem Zwecke 
war unſer Flottenbau unbedingt nötig. Er war niemals gegen die 
4—5fach ſtärkere engliſche Flotte gerichtet, die Englands Überlegen- 
heit und Sicherheit garantierte, und deren Stärke zu erreichen kein 
vernünftiger Menſch in Deutſchland je geträumt hat. Die Flotte 
war für uns nötig zur Küſtenverteidigung und zum Schutze unſeres 
Handels. Dazu reichen die kleinen Mittel, wie U-Boote, Torpedo— 
boote und Minen nicht aus. Zudem waren an der Oſtſee die Küften- 
batterien ſo veraltet und miſerabel beſtückt, daß ſie durch das Maſſen— 
feuer ſchwerer Artillerie moderner Großkampfſchiffe in 48 Stunden 
raſiert worden wären. So war unſere Küſte an der Oſtſee eigentlich 
wehrlos. Zu ihrem Schutze war die Flotte nötig. Skagerrak hat 
es bewieſen, was ſie bedeutete und wert war. Die Schlacht wäre 
für England vernichtend geworden, wenn nicht bis 1900 der Reichs— 
tag alle Anträge auf Verſtärkung der Flotte abgekehnt hätte. Dieſe 
12 verlorenen Jahre ſind nicht wieder einzuholen geweſen. 

Ehe wir von Haldane ſcheiden, ſei noch auf eine andere Epiſode 
feines Wirkens hingewieſen. Im Jahre 1906 kam er mit Erlaub- 
nis der deutſchen Regierung nach Berlin, um ſich über die preußiſche 
Wehrverfaſſung, Rekrutierung, den Generalſtab uſw. zu unterrichten. 
Er wurde im Kriegsminiſterium beſchäftigt, wo ihn der Miniſter, 
General v. Einem, perſönlich orientierte. Nachdem er etwa 2-3 
Wochen dort gearbeitet hatte, kehrte er ſehr befriedigt nach England 
zurück. 

Als nach dem Ausbruch des Weltkrieges der Goethefreund Hal— 
dane als „Prodeutſcher“ boykottiert und ſo feindſelig behandelt wurde, 
daß er ſich öffentlich nicht mehr ſehen laſſen durfte, ließ er zu ſeiner 
Verteidigung durch den bekannten Literaten und Journaliſten Mr. 


133 


Begbie eine Apologie feiner Amtszeit als Kriegsminiſter ſchreiben, 
das Buch trägt den Titel „Vindication of Great Britain“. Es 
werden darin ſeine Verdienſte um die Formierung eines regelrechten 
Generalſtabes und um die Kriegsvorbereitung des britiſchen Heeres 
für den Weltkrieg in ein helles Licht geſtellt. Dabei wird betont, 
wie geſchickt er feinerzeit die Erlaubnis, im Preußiſchen Kriegsmini- 
ſterium zu arbeiten, ausgenutzt habe, um in Deutſchland militäriſch 
zu lernen und nach unſerem Muſter die Neuorganiſation des britiſchen 
Heeres und Generalſtabes für den bevorſtehenden Kampf gegen ſeine 
damaligen deutſchen Gaſtgeber bis ins Kleinſte vorzubereiten. Hier 
zeigt ſich der ſchlaue, gewandte Advokat, der unter dem Schutz der 
Gaſtfreundſchaft eines fremden Landes deſſen militäriſche Einrich— 
tungen ſtudiert, um aus dem gewonnenen Material und Kenntniſſen 
Waffen gegen jenes zu ſchmieden. Ganz charakteriſtiſch iſt das Buch 
dem Andenken König Eduards VII. gewidmet, deſſen Vertrauter, 
Sendling und Werkzeug Haldane war. In Berlin ſah man da— 
mals in Haldanes Miffion eine „Annäherung“! Englands, nach der 
man immer ſtrebte, de facto war fie eine „Aus kundſchaftung“ 
des deutſchen Vetters unter deſſen eigenem Dach. Den Dank 
quittierte England mit dem Weltkriege, den Haldane mit vor— 
bereiten half. In dieſem Falle hatte Haldane die Deutſchen „über— 
tölpelt“! 

Das iſt der Hergang der Wiſſion Haldane' s. Späterhin iſt von 
allerhand Politikaſtern in Preſſe und Publikum kurzweg behauptet 
worden, die ausſichtsreiche „Annäherung“ Englands an Deutſchland 
durch Haldane ſei durch den Starrſinn des Kaiſers und des Admi— 
rals v. Tirpitz, durch ihr Feſthalten an der Novelle gegen den 
Willen aller „vernünftigen Ratgeber“ geſcheitert! — 

In jener Zeit trat die Frage der Bildung eines ſelbſtändigen 
Albaneſenſtaates und die von den Mächten zu treffende Wahl 
eines Oberhauptes für dieſes Gebilde auch an mich heran. Mancher 


134 


kronlüſterne Kandidat hatte ſich ſchon beim Mächteareopag gemeldet, 
ohne angenommen zu werden, mancher von den Mächten in Ausſicht 
genommene wurde von den Albaneſen abgelehnt. Ich ſtand der 
Frage an und für ſich kühl gegenüber und war der Meinung, man 
müſſe — wie bei jeder „Staatenbildung“ — möglichſt der hiſtoriſchen 
Entwicklung, beſonders auch den eigentümlichen geographiſchen Ver— 
hältniſſen und den Sitten des Volkes Rechnung tragen. 

Ein einheitliches Reich mit einem Herrſcher und einer Dynaſtie hat 
es in dieſem merkwürdigen Volke nie gegeben. In Tälern, die von 
hohen Gebirgszügen eingefaßt und abgeſchloſſen ſind, wohnend leben 
die Albaneſenſtämme ziemlich geſondert von einander. Ihr politiſcher 
Habitus iſt dem Clansweſen der Schotten nicht unähnlich. Chriſten 
und Mohammedaner ſind gleichmäßig vertreten. Die Blutrache iſt 
eine uralt überlieferte geheiligte Inſtitution, nicht minder das Rauben 
und Stehlen von Vieh. Die Landwirtſchaft iſt noch wenig ent— 
wickelt, der Ackerbau in den Anfängen, die dazu benutzten Geräte 
ſind vorſündflutlich. Das Recht wird vom Stammesoberhaupt im 
Freien unter dem Dorfbaum geſprochen, wie einſt bei den alten 
Deutſchen. Waffen trägt jeder Mann, die meiſten ſind vorzügliche 
Schützen. Erſcheint das Stammesoberhaupt auf einem Umritt in 
ſeinem Gau in einer Ortſchaft, ſo erwartet die Bevölkerung von ihm 
Segen in klingender Münze, die zuweilen vom hohen Roſſe herab 
ausgeteilt wird. Das iſt natürlich bei einem Regierungsantritt erſt 
recht der Fall, und es wird gar übel vermerkt, wenn es nicht ge— 
ſchieht. 

Bis zum Balkankrieg traten viele Albaneſen in türkiſche Dienſte, 
wo ſie es zu hohen Würden bringen konnten, da ſie ihres Fleißes 
und ſcharfen Verſtandes wie ihrer zähen Energie wegen ſehr geſchätzt 
waren. Sie ſtellten der Verwaltung des türkiſchen Staates eine 
große Anzahl von Beamten, auch einen gewiſſen Prozentſatz in Diplo— 
matie und Armee. Mit Stolz dienten die vornehmen jungen Alba— 


135 


neſen in einer prachtvollen Palaſtgardekompagnie des Sultans, die an 
Größe, martialifchem Ausſehen und männlicher Schönheit der Soldaten 
ihresgleichen ſuchte. Sie waren zum Teil Verwandte des Sultans, 
da dieſer vornehme Albaneſerinnen aus den wichtigſten Stämmen 
in ſeinem Harem hatte, um — durch die Blutbande geſchützt — vor 
der Blutrache der Stämme ſicher zu ſein und auch alles zu erfahren, 
was die Gemüter der Fürſten etwa bewegen konnte. Die auf dieſem 
Wege an ihn gelangenden Wünſche, wie z. B. Waffen- und Muni⸗ 
tionsſendungen, Schulhäuſer, Straßenbauten uſw. wurden dann in 
unauffälliger Weiſe gewährt. Auf dieſe Weiſe iſt es dem Sultan 
gelungen, die fonft turbulenten Albaneſen auf „verwandtſchaftlichem“ 
Wege in Ruhe und Anhänglichkeit zu erhalten. 

Auf Grund dieſer Kenntnis der Verhältniſſe ſuchte ich meinen 
Einfluß dahin geltend zu machen, daß möglichſt ein mohammedaniſcher 
Fürſt, eventuell ein ägyptiſcher Prinz, gewählt werde, unter Berück— 
ſichtigung einer vollen Börſe, die in Albanien beſonders vonnöten 
iſt. Mein Rat wurde vom „Nlächteareopag”, dem es gar nicht auf 
die Intereſſen der Albaneſen, ſondern darauf ankam, möglichſt viel 
Grund und Gelegenheit zu haben, in Albanien pro domo im Trüben 
zu fiſchen, nicht gewürdigt. 

Sehr wenig erbaut war ich daher, als die Wahl auf den Prinzen 
Wilhelm von Wied fiel. Ich ſchätzte ihn als vornehme, ritter- 
liche, feinfühlige Natur hoch, hielt ihn aber für jenen Poſten für 
ungeeignet. Der Prinz war mit den Verhältniſſen auf dem Balkan 
viel zu wenig vertraut, um dieſe dornenvolle Aufgabe mit Erfolg 
übernehmen zu können. Es war mir überhaupt unſympathiſch, daß 
ein deutſcher Fürſt ſich dort blamieren ſollte. Denn, daß die Entente 
einem ſolchen in jeder Beziehung Schwierigkeiten bereiten würde, 
war von vornherein klar. Auf Anfrage ſeitens des Prinzen äußerte 
ich daher meinem Vetter freimütig alle meine Bedenken unter Be— 
tonung der Schwierigkeiten, die ihn erwarteten, und riet dringend 


136 


ab. Befehlen konnte ich ihm nicht, da der Fürſt zu Wied als Chef 
des Hauſes das letzte Wort zu ſprechen hatte. 

Nach feiner Annahme der ihm von den Vächten angebotenen 
Kandidatur empfing ich den Prinzen im Beiſein des Kanzlers. Eine 
gewiſſe Unſchlüſſigkeit in der Haltung des Prinzen, der ſeiner neuen 
Aufgabe keineswegs mit Enthuſiasmus entgegenſah, beſtärkte mich 
und den Kanzler, nochmals eindringlich davon abzuraten, daß der 
junge Kandidat auf den neu erfundenen albaneſiſchen „Thron“ ſteige. 
Aber ohne Erfolg. Die ehrgeizige, myſtiſch angeregte Gattin des 
Prinzen erblickte in Albanien die Erfüllung ihrer Wünſche. Und: 
ce que femme veut, Dieu le veut!*) Auch Carmen Sylva hat 
fördernd mitgewirkt und ließ ſogar einen Artikel in der Preſſe er— 
ſcheinen, der anfing: „Märchenland will feinen Fürſten haben ...“ 

So nützten alle noch ſo wohlgemeinten Warnungen nichts. Ich 
hatte dem Prinzen noch dringend ans Herz gelegt, Albanien nicht 
vor der Regelung der Finanzfrage zu betreten. Denn was mich zu 
dem Vorſchlag eines reichen Fürſten bewogen hatte, trat nunmehr 
ein. Der Prinz war nicht ſehr vermögend, und nun mußten die 
Mächte eine „Dotation“ ſpenden, über deren Höhe bzw. Raten ein 
unerquicklicher Zank ausbrach. Endlich kam eine Abſchlagszahlung. 

Eine Gefahr für den neuen Fürſten und ſein etwaiges Syſtem 
lag in der Perſon Eſſad Paſchas, eines unzuverläſſigen, intriganten, 
geldgierigen Landsknechtes, der ſelbſt Aſpirationen auf die Fürften- 
ſtellung hegte und über eine gewiſſe Macht an bewaffneten Anhängern 
verfügte. Er war von Anfang an ein Gegner des neuen Fürſten. 
Unter der Hand konſpirierte er mit Italien, das dem Prinzen von 
Wied nichts weniger als wohlgeſinnt war. Nun wäre es ganz na— 
türlich und ſelbſtverſtändlich geweſen, wenn der neue Fürſt ihm be— 
kannte, treu ergebene Männer aus Deutſchland in ſeine Umgebung 


*) Frauenwille — Gottes wille. 


137 


genommen hätte. Auch das geſchah nicht. Ein Engländer und ein 
Italiener wurden als „Sekretäre“ ſeiner Perſon attachiert. Sie hatten 
nichts Beſſeres zu tun, als gegen ſeine Intereſſen zu arbeiten, ihn 
ſchlecht zu beraten und gegen ihn zu intrigieren. 

Während der Zeit der Vorbereitungen des Prinzen Wied erſchien 
die vortrefflich geſchriebene Broſchüre eines öſterreichiſchen General— 
ſtabsoffiziers über ſeine Reiſe durch Albanien. Lebhaft und an— 
ſchaulich ſchilderte der Offizier das Land mit feinen geographiſchen 
und klimatiſchen Schwierigkeiten, die Bevölkerung und ihre Sitten, 
die ganze Armut und Rückſtändigkeit des Landes. Er wies darauf 
hin, daß ein zukünftiger Fürſt unter keinen Umſtänden an der Küſte 
wohnen bleiben dürfe, ſondern ſich der Bevölkerung zeigen und im 
Lande umherreiſen müſſe. Bei den primitiven Verkehrsverhältniſſen 
müſſe der Landesherr den ganzen Tag zu Pferde ſitzen und durch 
das Land reiten, den berühmten — aus allen orientalifchen Er— 
zählungen und Sagen bekannten — „Beutel Zechinen“ am Sattel— 
bogen, um in den Orten, die er aufſuchte, ſofort durch den erwar— 
teten Geldregen die Gemüter für ſich einzunehmen. Unter den 
Stämmen des Landes müſſe er einige auf alle Weiſe feſt an ſich 
ketten, ſo daß ihm eine bewaffnete Macht, auf die er ſich verlaſſen 
könne, zu Gebote ſtände. Nur dann könne er ſeinen Willen durch— 
fegen und Gegner, die ſich auflehnen wollten, in die Schranken 
weiſen. Das ſei bei dem gänzlichen Mangel einer Truppe oder 
Armee im europäiſchen Sinne das einzige Mittel! 

Daraus ergab ſich, daß der Fürſt für das erſte ein Nomaden— 
und Reiterleben führen und dazu ſich ein fliegendes Zeltlager und 
Zubehör mit den nötigen Pferden bilden mußte. Geeignete Leute 
wären in feiner Eskadron 3. Garde-Ulanen-Regiments hinreichend 
zu finden geweſen, da viele ſeiner Ulanen, die ſehr am Prinzen 
hingen, ſich bereit erklärt hatten, ihn als Freiwillige zu begleiten. 
Sie hätten ihm ſicher beſſere Dienſte geleiſtet und mehr genützt 


138 


wie die landfremden Vorbereitungen für die Ergreifung der Herr— 
ſchaft. 

Jene Broſchüre empfahl ich meinem Vetter angelegentlichſt zu 
ſtudieren und die Ratſchläge zu befolgen, vor allem bezüglich des 
Wohnſitzes, der möglichſt fern von den Kriegsſchiffen der Mächte zu 
wählen ſei, damit er nicht unter ihrem Zwange handeln müſſe und 
bei den Albaneſen den Verdacht erwecke, als brauche der Fürſt ſie 
zum Schutze gegen ſeine Untertanen. Ob der Fürſt die Broſchüre 
geleſen hat? Sein ſpäteres Verhalten ſtand jedenfalls im Gegenſatz 
zu ihren und meinen Ratſchlägen. 

Das Fürſtenpaar reiſte nach Albanien ab, und es kam ſo, wie 
ich es vorhergeſehen hatte. Nach Berichten über die Ankunft der 
Herrſchaften ſoll die Fürſtin — obwohl eine Deutſche — die ver— 
ſammelten Albaneſen vom Balkon herab auf Franzöſiſch angeredet 
haben, weil fie kein Deutſch verſtünden! Der „Hof!“ blieb in Du⸗ 
razzo unter den Kanonen der fremden Schiffe. Der Fürſt reiſte 
nicht zu Roß im Lande umher, ſtreute keine Zechinen aus, auch nicht 
am Ankunftstage vom Balkon, beſeitigte Eſſad nicht rechtzeitig, und 
ſo endete das Abenteuer, wie es vorauszuſehen war. 

Ich habe bei der Beſchreibung meiner Auffaſſung und meines 
Verhaltens bei der Angelegenheit der Wahl des Fürſten von Al— 
banien länger verweilt, weil von allen möglichen Seiten falſche Ge— 
rüchte verbreitet worden ſind in der Abſicht, mir Motive anzudichten, 
die mir völlig fern lagen. Ich habe auch in dieſem Falle auf Be— 
fragen unter Waltenlaſſen des geſunden Wenſchenverſtandes ehrlichen 
Rat erteilt. — 

Das Jahr 1912 brachte noch die Zuſammenkunft mit dem 
Zaren in Baltiſch-Port, wohin ich mich auf Einladung Nikolaus“ II. 
an Bord meiner Vacht begab. Unſere beiden Vachten ankerten 
nebeneinander, ſo daß der Verkehr von Schiff zu Schiff ſich leicht 
bewerkſtelligen ließ. Der Zar, ſeine Kinder und ſeine ganze Um— 


139 


gebung wetteiferten in Beweiſen von Liebenswürdigkeit und Gaſt— 
freundſchaft. Es wurden die ruſſiſchen und deutſchen Begleitſchiffe 
abwechſelnd gemeinſam beſichtigt und die Mahlzeiten bald beim Zaren, 
bald bei mir eingenommen. Ein Vormittag wurde an Land bei Baltifch- 
Port zugebracht. Auf einer Wieſe hatte das Inf.-Reg. „Wiborg” 
Nr. 85, deſſen Chef ich war, Aufſtellung genommen, es wurde 
zuerſt in Paradeaufſtellung, danach in Kompagnie- und Bataillong- 
Exerzitien beſichtigt, die ebenſo zur Zufriedenheit ausgeführt wurden, 
wie der zum Schluß ſtattfindende Parademarſch. Das Regiment, 
zu 4 Bataillonen, machte einen vortrefflichen Eindruck. Es war in 
Feldausrüſtung — braungraue Bluſen und Mütze — ausgerückt, 
welch letztere, von allen keck auf dem einen Ohr getragen, den ſonnen— 
verbrannten, martialiſchen Geſichtern der kräftigen jungen Soldaten 
einen verwegenen Anſtrich verlieh, der jedes Soldatenauge erfreuen 
mußte. 

Bei dieſer glänzenden und ungewöhnlich liebenswürdigen Auf- 
nahme wurde mir indeſſen keinerlei Andeutung über den kurz vor— 
her abgeſchloſſenen Balkanbund gemacht. 

Es war mein letzter Beſuch in Rußland vor Ausbruch des 
Krieges. — — — 


140 


Meine 
Mitarbeiter auf dem 


Gebiete der Verwaltung 


E. dürfte nicht unbekannt fein, daß ich an der Mitarbeit Exzel— 
lenz v. Stephan's und dem Verkehr mit ihm beſondere Freude 


gehabt habe. Er war derſenige Mann der alten Schule, der ſo gut 
zu mir paßte, daß meine Gedanken und Anregungen bei ihm immer 
Verſtändnis fanden und dann von ihm aus Überzeugung voll Schwung 
und Kraft durchgeführt wurden. Von eiſerner Energie, nie erlah— 
mender Arbeitskraft und -freudigkeit, dabei immer voll friſchen 
Humors, mit raſchem Blick für neue Möglichkeiten, um Auskunfts- 
mittel nie verlegen, ſehr gut auf den Gebieten der Politik und 
Technik beſchlagen, war er wie geboren zu ſchöpferiſcher Mitarbeit. Ich 
hatte unbedingtes Vertrauen zu ihm, das niemals getäuſcht worden 
iſt, und habe viel durch den Verkehr mit dem anregenden, klugen 
Ratgeber gelernt. 

Das Poſtweſen kam auf eine ungeahnte Höhe und erregte die 
Bewunderung der ganzen Welt. Die große Erfindung des Telephons 
wurde ausgenutzt, in weitgehender Weiſe in den Dienſt des öffent— 
lichen Verkehrs geſtellt und zu deſſen Erleichterung ausgebaut. Auch 
auf dem Gebiete des Bauweſens tat Stephan einen entſcheidenden 
Schritt, der meine Billigung und Unterſtützung fand. 

Alle großen Staatsbauten unterliegen dem Votum der über— 
prüfenden „Akademie des Bauweſens“, die damals eine langſam 
arbeitende, umſtändliche und rückſtändige Behörde war. Ich ſelbſt 


143 


hatte ſchon meine Erfahrungen mit ihr gemacht. Der „Weiße Saal”, 
der nur ein Proviſorium geweſen war — zum erſten Vale flüchtig 
für ein indiſches Maskenfeſt „Lallah Rokh“ zu Ehren der Groß— 
fürſtin Charlotte, der Tochter Friedrich Wilhelms III., und ihres 
Gemahls, des ſpäteren Zaren Nikolaus J. inſtand geſetzt — war 
ziemlich ſtillos hergerichtet. Das Material erwies ſich bei der von 
mir befohlenen Unterſuchung als unecht und ſchlecht. Der Saal 
war in hohem Maße baufällig und ſtark gefährdet, fo daß ein Neu— 
bau erforderlich wurde. Unter Anteilnahme und Mitwirkung der 
Kaiſerin Friedrich entſtanden Projekte, Pläne, zuletzt ein großes Modell 
ſeitens des Baurats Ihne — des modernen Schlüter, wie Kaiſerin 
Friedrich ihn zu bezeichnen pflegte —, die allſeitige Billigung er— 
fuhren. Nur die Bauakademie leiſtete langwierigen Widerſtand und 
meinte, daß der „Weiße Saal“ in ſeiner „alten hiſtoriſchen Schön— 
heit“ zu erhalten ſei und einer Anderung nicht bedürfe. Als dann 
der Neubau vollendet war, fand er indeſſen auch den Beifall der 
vorher ſo kritiſchen Herren. 

Wit der Akademie des Bauweſens war nun auch Herr v. Stephan 
in Streit geraten. Er hatte viele Poſtämter, beſonders in den 
großen Städten, um- oder neuzubauen und bekam bei der furcht— 
baren Langſamkeit und Umſtändlichkeit jener Behörde gar keine oder 
ablehnende Antworten. Schema F war dort vorherrſchend. Herr 
v. Stephan jedoch vertrat die Anſicht, das junge deutſche Reich 
müſſe auch durch ſeine Bauten kraftvollen Eindruck erwecken, daher 
müßten die Reichspoſtgebäude entſprechend aufgeführt werden. Sie 
müßten ſich auch nach dem Geſamtſtil der betreffenden Stadt richten 
oder mindeſtens den älteſten und bedeutendſten Bauwerken im Städte— 
bild ſich anſchließen. Ich konnte mich mit dieſen Grundſätzen nur 
einverſtanden erklären. 

Schließlich kam es zum Bruch mit der erwähnten Akademie des 
Bauweſens. Exzellenz v. Stephan verlor die Geduld und meldete mir, 


144 


er habe ſich für fein Reſſort und feine Bauten von der Überprüfung 
der Akademie losgemacht, felbft eine Kommiffion aus eigenen Archi— 
tekten und Beamten zu jenem Zweck zuſammengeſetzt und bäte mich, 
die wichtigſten Gebäudepläne meinerſeits noch einer Prüfung zu unter⸗ 
ziehen. Das habe ich gern getan. 

Stephan war ein begeiſterter Jäger, ſo hatte ich Gelegenheit, 
mich auch auf den Hofjagden an dem Verkehr mit dieſem friſchen, 
ſich ſtets gleichbleibenden treuen Beamten und Natgeber zu erfreuen. — 

Unter den Winiſtern, die ich beſonders hochſchätzte, war vor allem 
Exzellenz v. Miquel. Er führte als mein Finanzminiſter die große 
Finanzreform für Preußen durch, die das Land auf eine geſunde Baſis 
geſtellt und ihm mit zu ſeiner Blüte verholfen hat. Der Umgang 
mit dieſem feinen politiſchen Kopf gewährte mir hohen Genuß, reiche 
Belehrung und Anregung. Es war erſtaunlich, wie Miquel auf 
allen möglichen Gebieten bewandert war. Seine Unterhaltung war 
friſch, launig und ſcharf in der Beleuchtung und Ergründung des Themas. 
Dabei zog ſich als roter Faden ein markierter hiſtoriſcher Einſchlag 
durch ſeine Ausführungen. Er war geſchichtlich und in den alten 
Sprachen ganz fabelhaft orientiert, ſo daß er bei ſeinen Vorträgen 
oft bis in die Römerzeiten zurückgreifen und aus ſeinem Wiſſensſchatz 
— nicht aus Büchmann — lateiniſche Zitate für feinen Stoff an— 
zuführen wußte. Selbſt wenn er belehrte, war er bei ſeiner glän— 
zenden Dialektik niemals langweilig, ſondern feſſelte feine Zuhörer 
bis zum letzten Augenblick. 

Exzellenz Miquel war es auch, der mich zu den großen Kanal- 
projekten ermunterte und mir Beiſtand leiſtete, als die preußiſchen 
Konſervativen gegen den Mittellandkanal fochten und ihn zu Falle 
brachten. Er ſtärkte den König und beſtimmte ihn, in dieſem Kampf 
nicht nachzulaſſen, bis der Sieg gewonnen war. Er wußte, wie ich, 
welchen Segen die Kanäle in Holland und das großartige Kanal— 
netz in Frankreich den Ländern gebracht haben und welche Entlaſtung 


10 gaiſer Wilhelm II. 145 


fie für die immer mehr beanſpruchten Eiſenbahnen bedeuten. Im 
Weltkrieg hätten wir eine großartige Oſt-Weſt⸗Transportader für 
Munition, Verwundete, Belagerungsmaterial, Verpflegung und der— 
gleichen gehabt, die den dadurch entlafteten Bahnlinien geſtattet hätte, 
den Transport von Mannſchaften in noch höherem Grade zu be— 
werkſtelligen, und die auch die Kohlenknappheit vermindert hätte. 
Aber auch für die Zelten des Friedens, für die der Kanal beſtimmt 
war, bot er die größten Vorteile. 

Miquel war eine für die deutſche Kaiſeridee und das deutſche 
Kaiſertum der Hohenzollern beſonders entflammte Perſönlichkeit, bei 
feiner geiftvollen Behandlung dieſes Themas fand er an mir einen 
aufmerkſamen Zuhörer. Er war ein Mann, der auf der alten Tradi⸗ 
tion fußend großdeutſch, kaiſerlich dachte und vollkommen den Er— 
forderniſſen und Anſprüchen der neuen Zeit bei richtiger Einſchätzung 
ihres jeweiligen Wertes gewachſen war. — 

Dem Ausbau des Eiſenbahnnetzes galt gleich von Anfang 
an meine Sorge. Aus den Vorträgen über Landesverteidigung 
und den Klagen des Generalſtabes ſowie aus eigener Anſchauung 
kannte ich die ganz unerhörte Vernachläſſigung Oſtpreußens in be— 
zug auf Bahnen. Dieſer Zuſtand war geradezu gefahrdrohend ge— 
worden im Hinblick auf die zwar allmählichen, aber andauernden 
ruſſiſchen Truppenverſtärkungen gegenüber unſerer Grenze und auf 
die Ausgeſtaltung des ruſſiſchen Bahnnetzes. 

Schon Kaiſer Wilhelm der Große hatte, als im Laufe ſeiner 
letzten Regierungsjahre die ruſſiſchen Armeen unter dem Einfluß Frank— 
reichs immer augenfälliger an die Oſtgrenze des Königreichs Preußen 
disloziert wurden und namentlich die großen Maſſen der ruſſiſchen 
Kavallerie auf Einbrüche in Preußen, Poſen, Schleſien rechnen 
ließen, den Feldmarſchall Moltke zum Vortrag über die Lage be— 
fohlen. Generalquartiermeiſter Graf Walderſee und ich wohnten 
dieſem Vortrage bei. Das Refultat war der Entſchluß, preußiſche 


146 


Truppen nach dem Oſten zu verſchieben und dort den Ausbau des 
vernachläſſigten Bahnnetzes zu fördern. Die unter dem Kaiſer 
Wilhelm J. befohlenen und begonnenen Maßnahmen erforderten ge— 
raume Zeit, zumal die Neubauten und beſonders die großen, neuen 
Weichſel⸗ und Nogat⸗Eiſenbahnbrücken militäriſcherſeits gegen ſtarken 
Widerſtand der Behörde (Maybach) durchgefochten werden mußten. 
Da die Eiſenbahnen als „Staatsportemonnaie“ angeſehen wurden, 
wollte man nur „rentable“ Bahnen bauen. Man ſtand deshalb den 
durch militäriſche, der Vaterlandsverteidigung dienende Wünſche be— 
gründeten Ausgaben wenig wohlwollend gegenüber, da dadurch die 
ſchönen Überſchüſſe herabgeſetzt wurden, auf die ſo hoher Wert ge— 
legt wurde. Vollſtändig ſind die von Kaiſer Wilhelm J. geplanten 
Maßnahmen erſt im Laufe meiner Regierung durchgeführt worden. 
Wer eine Eiſenbahnkarte aus dem Jahre 1888 zur Hand nimmt, 
wird erſtaunt ſein über den Mangel an Eiſenbahnverbindungen im 
Oſten und beſonders in Oſtpreußen, zumal wenn er ſie mit einer 
Karte vom Jahre 1914 vergleicht, die den Ausbau in der Zwifchen- 
zeit erkennen läßt. Mit dem alten Netz wäre der Oſten im Jahre 1914 
verloren geweſen. 

Miniſter v. Maybach hatte unſtreitig große Verdienſte um 
die Förderung und Entwicklung des Eiſenbahnweſens. Er mußte 
den Wünſchen und Anforderungen des ſich rapide entwickelnden 
induſtriellen Weſtens Rechnung tragen, wobei allerdings auch mili- 
täriſche Wünſche ſo viel als möglich berückſichtigt wurden. Der 
Oſten aber war unter ihm in bezug auf Linien und Brücken wie 
rollendes Material zu kurz gekommen. Im Mobilmachungsfall 
hätten damals Hunderte von Lokomotiven nach dem Oſten gefahren 
werden müſſen, um überhaupt Fahrtafeln zu ermöglichen, die nur 
einigermaßen den Anforderungen des Generalſtabes entſprochen 
hätten. Als Verbindungen mit dem Oſten exiſtierten nur die bei⸗ 
den veralteten Gitterbrücken bei Dirſchau und Marienburg. Der 


10 147 


Generalſtab wurde dringlich, und fo kam es zwiſchen Maybach und 
ihm zum Konflikte. 

Erſt Minifter Thielen hat in dankenswerter, aufopfernder Arbeit 
in dieſen Fragen Wandel geſchaffen und, die militäriſchen Anforde— 
rungen richtig einſchätzend, den Ausbau im Oſten begünſtigt. Er 
war ein tüchtiger, fleißiger, durch und durch zuverläſſiger altpreußiſcher 
Beamter, mir treu ergeben und von mir hochgeſchätzt. Er hat ge— 
meinſchaftlich mit Miquel treu an der Seite ſeines Herrn den Kampf 
um den Mittellandkanal geführt. Bezeichnend für ihn war das 
Wort, das er bei der Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals in Lübeck in 
meiner Gegenwart zu einer großen Verſammlung ſprach: „Der Wittel⸗ 
landkanal muß und wird gebaut werden.“ Das Verhältnis zwiſchen 
ihm und mir iſt bis zu ſeinem Ausſcheiden ungetrübt geblieben. 

Trotz des Ausbaues im Weſten waren vom Mobilmahungs- 
und Aufmarſchſtandpunkt aus auch dort noch erhebliche Lücken im 
Eiſenbahnnetz vorhanden, die ſchon lange Abhilfe erheiſchten. Der 
Rhein konnte bis Mainz nur auf einer Bahnbrücke paſſiert, der 
Main nur bei Frankfurt überſchritten werden. Der Generalſtab 
hatte längſt Beſeitigung dieſes Übelftandes verlangt. Es traf ſich 
gut, daß die allgemeinen Verkehrsbedürfniſſe ſich in derſelben Rich— 
tung bewegten. Wenn z. B. jemand von Weſten kommend nach 
den Taunusbädern oder auf die rechtsrheiniſche Linie wollte, ſo 
mußte er erſt bis Frankfurt und von dort wieder rückwärts fahren, 
obwohl er bei Mainz faſt Wiesbaden gegenüber vorbeigefahren war. 

Miniſter Budde war der Mann, der für die Durchführung 
dieſer Aufgaben auserſehen wurde. Als früherer Chef der Eiſen— 
bahnabteilung des Generalſtabes war er durch ſeine außergewöhn— 
liche Arbeitskraft, zähe Energie und ſchnelle Entſchlußkraft mir ſchon 
lange bekannt, er hatte mir die Lücken unſeres Eiſenbahnweſens in 
bezug auf den ſchnellen Aufmarſch nach zwei Fronten des öfteren 
vorgetragen, immer unter dem Hinweiſe auf die ruſſiſchen und fran— 


148 


zöſiſchen Vorbereitungen, denen wir im Intereſſe der Verteidigung 
des Landes Gleichwertiges entgegenſtellen müßten. 

Der Ausbau hatte natürlich ſtets in erſter Linie die Hebung 
und Erleichterung von Induſtrie und Handel im Auge, deren ſich 
ins Ungemeſſene fteigernden Anforderungen damit freilich noch nicht 
genügt wurde, da das große, die Bahnen entlaſtende Kanalnetz 
fehlte. Der mehr und mehr uns bedrohende Zwei-Frontenkrieg, dem 
bahntechniſch manches, ſchon aus finanztechniſchen Gründen, noch 
nicht gewachſen war, führte aber zu der Notwendigkeit, das militä— 
riſche Bedürfnis ſtärker zu berückſichtigen als bisher. Rußland 
baute mit franzöſiſchen Milliarden ein enormes Bahnnetz gegen uns 
aus, während in Frankreich raſtlos das Aufmarſchnetz gegen Deutſch— 
land erweitert wurde durch Ausbau von drei und vier Gleiſen, 
was bei uns noch etwas ganz Unbekanntes war. 

Miniſter Budde ging ohne Säumen ans Werk. Die große 
zweite Eiſenbahnbrücke bei Mainz über den Rhein entſtand, ebenſo 
die Brücke über den Main bei Coſtheim. Dazu die nötigen Kehren 
und Schleifen, durch welche die Verbindung mit der rechtsrheiniſchen 
Linie und Wiesbaden erreicht wurde, und der Ausbau des Drei— 
eckes bei Biebrich-Mosbach. Glänzend bewährte ſich das Talent 
Buddes in der Organiſation und Diſziplinierung des zu einem 
großen Heer angewachſenen Eiſenbahnperſonals und in ſeiner vor— 
ausſchauenden Fürſorge für ſeine Untergebenen. 

Ich verehrte den friſchen, tätigen Mann von Herzen und be— 
trauerte ſeinen Verluſt tief, als ein tückiſches Leiden ihn zu früh 
mitten aus ſeiner Tätigkeit riß. 

In Exzellenz v. Breitenbach gewann ich einen neuen be— 
deutenden Helfer und Mitarbeiter für meine Eiſenbahnpläne. Im 
Laufe der Jahre wuchs dieſer Mann ſich zu einer hervorragenden 
Perſönlichkeit aus. Vornehm und verbindlich, von umfaſſendem 
Wiſſen und weitem politiſchen Scharfblick, großer Arbeitskraft und 


149 


unermüdlichem Fleiß, hat er mir nahe geſtanden. Sein Zufammen- 
arbeiten mit dem Generalſtab in militäriſchen Dingen geſchah aus 
voller Überzeugung von der Notwendigkeit, unſere Verteidigungs⸗ 
fähigkeit gegen etwaige feindliche Angriffe ſtärken zu müſſen. Drei 
neue Rheinbrücken bei Rüdesheim, Neuwied und der Loreley wurden 
in Angriff genommen, ſie wurden erſt während des Krieges voll— 
endet und nach dem Kronprinzen, Hindenburg und Ludendorff be— 
nannt. Im Oſten wurden große Bahnhofserweiterungen, Brücken 
und neue Linien gebaut, auch noch während des Krieges. 

Im Weſten wurden als weitere bedeutungsvolle Arbeiten von 
Breitenbach durchgeführt: die große Rheinbrücke bei Cöln als Er— 
ſatz für die alte Gitterbrücke, ferner eine neue Brücke am Bayen— 
turm für den Güterverkehr, ſowie neue Bahnen in der Eifel. So— 
dann wurde auf meine ſpezielle Anregung hin eine durchlaufende 
Linie von Gießen bis Wiesbaden durchgeführt mit Umbau der 
Bahnhöfe von Homburg und Wiesbaden und einer Schleife um 


Frankfurt und Höchſt. Ferner wurden Züge mit durchgehenden 


Wagen von Dliffingen direkt nach dem Taunus eingelegt. Da man 
es niemals allen recht machen kann, waren wir — wie ich nebenbei 
erwähnen will — ſeitens der Frankfurter Hotelbeſitzer ſtarken An— 
griffen ausgeſetzt. Sie waren ob dieſer Ausſchaltung Frankfurts und 
des früheren Umſteigezwanges natürlich nicht erfreut, da ihnen viele 
Kunden auf dieſe Weiſe verloren gingen, die früher gezwungen 
waren, eine Nacht in Frankfurter Hotels zu verbringen. Beſonders 
gegen die Höchſter Umgehungsſchleife hatten dieſe Kreiſe eine ſehr 
energiſche Oppoſition ins Werk geſetzt. 

Der Sieg im Streit um den Mittellandkanal war endlich zu— 
gunſten meiner Pläne entſchieden. Der Bau ging unter Breiten 
bach mit großen Schritten in Abteilungen vorwärts. Was von 
dieſem Werk in Gebrauch genommen werden konnte, das hat den 
Erwartungen vollkommen entſprochen. Auch die außerordentlich 


150 


ſchwierige Erweiterung und Vertiefung des Kaiſer Wilhelm-Kanals, 
die einem Neubau gleichkam, wurde in dieſer Zeit durchgeführt, 
ebenſo die große Seeſchleuſe von Emden. Dieſe Bauten zeitigten 
ganz ungewöhnliche Leiſtungen auf dem Gebiet des Brücken- und 
Schleuſenbaus, die die Bewunderung der Welt verdienen, da ſie 
3. B., was die Schleuſen betrifft, den Panamakanal weit übertreffen. 
Die ſchwierigen Aufgaben ſind von den Beamten glänzend und 
reſtlos gelöſt worden. Auch ſoweit das Reich Bauherr war, wur— 
den die Arbeiten unter meiſt maßgebender Mitwirkung des preußiſchen 
Verkehrsminiſteriums ausgeführt. 

Ich habe viel im Hauſe Breitenbachs verkehrt, wo mir durch 
intereſſante Vorträge handelspolitiſcher und nationalökonomiſcher Art 
von einem Gremium bedeutender Kapazitäten Gelegenheit geboten 
wurde, durch Vermittlung des Winiſters mit einer Reihe hervor- 
ragender Männer zu verkehren und wichtige Fragen zu erörtern. 
Alle größeren Bahnhöfe, Schleuſen und Brücken ſind mir vor ihrem 
Neu⸗ oder Umbau durch den Winiſter in Plan und Anſicht vor= 
gelegt und vorgetragen worden. 

Ich habe mit Abſicht des längeren bei dieſem Thema verweilt, 
um daraus folgendes zu beweiſen. Erſtens den Einfluß, den ein 
Monarch auf die Entwicklung ſeines Landes durch perſönliche Be— 
tätigung nehmen kann und ſoll. Zweitens: wie feine von jeder 
Parteirückſicht freie Wahl tüchtige Männer an die Spitze der Reſſorts 
bringen kann. Drittens: wie durch die ehrliche Zuſammenarbeit dieſer 
Männer mit dem Herrſcher, deſſen volles Vertrauen ſie beſaßen, 
glänzende Leiſtungen gezeitigt worden find. Alles in unſerer gemein— 
ſamen Arbeit war klar und ehrlich. Nur die Sache galt, nämlich 
das Wohl und die Entwicklung des Vaterlandes, ſeine Kräftigung 
und Ausrüſtung für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt. — 

Mit dem Kultus miniſterium habe ich, wie es in der Natur 
der Sache lag, eingehende und andauernde Verbindung gehabt. 


151 


Herr v. Goßler und Herr v. Trott dürften wohl als die be- 
deutendſten und hervorragendſten Träger dieſes Amtes zu bezeichnen 
fein, das in der Geſtalt des genialen Winiſterialdirektors Althoff 
einen faſt einzigartigen Mitarbeiter beſaß. 

Aus den Erfahrungen meiner eigenen Schuljahre kannte ich 
die Schattenſeiten der Gymnaſialerziehung. Der vorwiegend philo— 
logiſche Charakter der Ausbildung führte auch in der ganzen Er— 
ziehung zu einer gewiſſen Einſeitigkeit. 

Ich hatte von 1874 bis 77 auf dem Gymnaſium in Caſſel beob- 
achten können, daß zwar eine große Begeiſterung für 1870/71 und 
für das neue Reich unter der Jugend vorhanden war, daß aber 
das richtige Verſtändnis für das Deutſchtum, das Gefühl „eivis 
Germanus sum“ — wie ich es ſpäter bei der Grundſteinlegung der 
Saalburg meinem Volke ins Gewiſſen rief — noch vielfach fehlte. 
Solche Geſinnung zu ſchaffen und in der heranwachſenden Genera— 
tion wach zu rufen, die Fundamente dazu feſt in die ſungen Herzen 
zu legen, dazu war die Lehrerſchaft bei dem etwas verknöcherten, 
antik-philologiſchen Lehrplan kaum imſtande. Der vaterländiſche 
Geſchichtsunterricht, der ja gerade die jungen Herzen erglühen und 
die Liebe zur Heimat, zu deren Zukunft und Größe erſtarken laſſen 
ſoll, war ſtark vernachläſſigt. Von der neueren Geſchichte ſeit 1815 
erfuhr man nur wenig. Es wurden junge Philologen ausgebildet, 
aber keine für praktiſche Mitarbeit am aufblühenden jungen Reich 
geeigneten deutſchen Staatsbürger, mit anderen Worten: keine 
ſelbſtbewußten Deutſchen. In einem kleinen Leſezirkel mit meinen 
Klaſſengenoſſen habe ich des öfteren verſucht, den großdeutſchen Ge— 
danken zu behandeln, um partikulariſtiſche und andere die deutſche 
Idee hindernde Gedanken zu eliminieren. Admiral Werners „Buch 
der deutſchen Flotte“ war eines der wenigen Werke, mit dem 
das lebendige Empfinden für das Deutſche Reich entflammt werden 
konnte. 


152 


Neben der Einſeitigkeit der Schulbildung fiel mir beſonders die 
Richtung auf, in der ſich die Lebenspläne der damaligen Jugend 
bewegten. Es waltete vorherrſchend die Überlegung, wie man als 
Beamter Karriere machen wollte, wobei der Juriſt und Aſſeſſor immer 
als das erſtrebenswerteſte Ziel galten. Das rührte wohl daher, daß 
die Verhältniſſe des alten Preußens im jungen Deutſchen Reiche noch 
nachwirkten. Solange der Staat ſozuſagen aus Regierung und 
Verwaltung beſtand, war jene Lebensrichtung der deutſchen Jugend 
verſtändlich und berechtigt, ſie war, als wir im Beamtenſtaat lebten, 
für einen jungen Mann der gegebene Weg, dem Staate zu dienen. 
Die ſelbſtbewußten, ſportlich erſtarkten britiſchen Jungens, wie ich 
fie in Eton kennen gelernt hatte, ſprachen freilich ſchon damals von 
kolonialen Eroberungen, von Expeditionen zur Erforſchung neuer 
Länder der Erde, von der Ausbreitung des britiſchen Handels und 
ſtrebten danach, als Pioniere der Macht ihres Vaterlandes in prak— 
tiſcher freier Betätigung, nicht als ſtaatlich Beſoldete, Great Britain 
noch ſtärker und größer zu machen. England war eben längſt ein 
Weltreich, als wir noch ein Beamtenſtaat waren, deshalb konnte 
ſich die engliſche Jugend weitere und größere Ziele ſtecken als die 
deutſche. Nachdem nun aber Deutſchland auch in die Weltwirt— 
ſchaft und in die Weltpolitik als nicht zu unterſchätzender Faktor 
eingetreten war, hätte ſich die Gedankenwelt der deutſchen Jugend 
ſchneller umſtellen ſollen. Deshalb verglich ich in meiner ſpäteren 
Regierungszeit mit Sorge im Herzen die ſtolzen jungen Briten, die 
viel weniger Latein und Griechiſch gelernt hatten, als es bei uns 
gefordert wurde, mit meinen blaſſen, überſtudierten Landeskindern. 
Gewiß hat es auch damals ſchon in Deutſchland unternehmende 
Männer gegeben — leuchtende Namen dafür können genannt wer— 
den —, aber der Gedanke, nicht in einer beſtimmten, amtlich befchei= 
nigten Tour, ſondern im freien Wettbewerb dem Vaterlande zu 
dienen, war noch nicht genügend Allgemeingut geworden. Deshalb 


153 


5 
habe ich das engliſche Beiſpiel herangezogen, denn es erſcheint mir 
richtiger, vorurteilslos das Gute zu nehmen, wo man es findet, als 
mit Scheuklappen durch die Welt zu gehen. 

Aus ſolchen Erwägungen heraus erkämpfte ich als Kaiſer für 
meine deutſche Jugend die Schulreform gegen einen verzweifelten 
Widerſtand der Philologie innerhalb und außerhalb des Miniſteriums 
und der Schulkreiſe. Die Reform iſt leider nicht ſo geworden, wie 
ich ſie erhoffte, und hat nicht zu dem Ergebnis geführt, das ich er— 
wartet hatte. 

Das Germanentum in ſeiner Herrlichkeit iſt dem erſtaunten deut⸗ 
ſchen Volk erſt durch Chamberlain in ſeinen „Grundlagen des 
XIX. Jahrhunderts“ klar gemacht und gepredigt worden. Aber, wie 
der Zuſammenbruch des deutſchen Volkes zeigt, erfolglos. Man hat 
zwar „Deutſchland über alles“ geſungen, aber man hat auf Befehl 
der Feinde das Kaiſertum ſtürzen und das Reich zerſchlagen laſſen, 
hat ſich unter die Führung von kulturell meilenweit tiefer ſtehenden 
ruſſiſchen Verbrechern geſtellt und damit dem eigenen ſchwer käm— 
pfenden Heere den Dolchſtoß in den Rücken verſetzen laſſen. Wären 
die Deutſchen aller Schichten und Stände zur Freude und zum 
Stolze an ihrem Vaterlande erzogen geweſen, dann wäre eine ſolche 
Selbſterniedrigung eines großen Volkes undenkbar geweſen. Dieſe 
Erniedrigung, die ſich gewiß unter beſonderen, äußerſt ſchwierigen 
Verhältniſſen vollzog, iſt um ſo weniger verſtändlich, als die deutſche 
Jugend, trotzdem ſie überſtudiert und nicht ſo ſportgeſtählt war als 
die engliſche, im Weltkrieg glänzende, nirgends erreichte Leiſtungen 
vollbracht hat. Die Jahre 1914/18 haben gezeigt, was aus dem 
deutſchen Volke werden könnte, wenn es ſeine trefflichen Eigenſchaften 
richtig entwickelte. Der 4. Auguſt 1914, die Helden von Langemark, 
unzählige prächtige Geſtalten aus allen Ständen in Not und Tod 
des langen Krieges zeigen, weſſen der Deutſche fähig iſt, wenn er 
das Philiſtertum beiſeite wirft und ſich mit der Begeiſterung, die ſich 


154 


* 


bei ihm jo ſelten rückhaltlos Bahn bricht, für eine große Sache ein- 
ſetzt. Das deutſche Volk möge das Andenken an dieſe Verkörpe— 
rungen ſeines beſten Selbſt nie vergeſſen und mit allen Kräften 
ihnen nachſtreben, indem es den wahrhaft deutſchen Geiſt unver— 
lierbar in ſich aufnimmt! — 

Als Juſtizminiſter fand ich den geſchätzten Vertrauten meines 
Vaters, Exzellenz v. Friedberg vor, den ich ſchon von meiner Jugend 
her als willkommenen Gaſt im Elternhaus kannte. Das hohe An— 
ſehen, das dieſer ſchlichte, leutſelige Mann bei meinen Eltern genoß, 
beſaß er auch bei mir. 

In fpäteren Jahren habe ich viel und gern mit Ezzellenz Beſeler 
verkehrt, der mir auch durch Vorträge namhafter Juriſten die Ge— 
legenheit bot, in feinem Haus ungezwungen manch intereſſantes Rechts- 
problem erörtert zu hören und mit juriſtiſchen Kapazitäten in Ver— 
bindung zu kommen. An und für ſich empfand ich für die Juriſten 
keine beſondere Zuneigung, da in der Juriſterei für meinen Geſchmack 
oft zuviel Pedanterie, Weltferne und Doktrinarismus zutage tritt. 
Die Zuſammenſtellung des Bürgerlichen Geſetzbuches intereſſierte 
mich indeſſen ſehr. Ich habe auch an Sitzungen, die damit zuſammen— 
hingen, teilgenommen und war ſtolz, daß dieſes grundlegende deutſche 
Werk unter meiner Regierung zum Abſchluß kam. 

Als ich bei einem Beſuch in England mit dem Lord Oberrichter 
von England gelegentlich eines Frühſtücks bei Lord Haldane zu— 
ſammentraf, fragte ich den großen Juriſten, was er von der Recht- 
ſprechung und -auslegung in Deutſchland halte. Die Antwort lautete: 
„Sie urteilen zu viel nach dem Buchſtaben, wir nach dem Sinne 
und Inhalt des Geſetzes.“ Ich habe oftmals betont, wie bedauer— 
lich es ſei, daß für die polizeilichen Fälle, Verkehrs-, Straßen- uſw. 
Delikte, nicht das raſche Verfahren des engliſchen „Police Court“ 
bei uns eingeführt werden könne. Denn in England werden die 
Strafen ſchon am nächſten Tage diktiert, während in Deutſchland 


155 


oft Monate mit Beweisaufnahmen und Zeugenverhör vergehen und 
ſchließlich eine oft unbedeutende Strafe zu einem Zeitpunkt auferlegt 
wird, zu dem der Fall ſchon längſt vergeſſen iſt. Auch die ſchweren 
Strafen, denen in England die Preſſeverleumdungen unterliegen, 
hätte ich gern in Deutſchland eingeführt. 

Beim Finanzminiſter v. Scholz hatte ich als Prinz einige Zeit 
hoſpitiert und an Sitzungen teilgenommen, bei denen die berühmte 
Exzellenz Meinecke eine Rolle ſpielte. Meinecke war Unterſtaats— 
ſekretär im Finanzminiſterium und hatte daher auch viel mit anderen 
Miniſterien zu tun, weil die Finanzen überall wichtig waren. Er hatte 
eine gewiſſe Berühmtheit dadurch erlangt, daß er, ſtets lächelnd, immer 
die — nach ſeiner Meinung — beſten Auswege aus ſchwierigen Lagen 
fand. Scholz war pflichttreu und tüchtig, aber es gelang ihm nicht, 
mir die trockene Materie von Steuern uſw. beſonders intereſſant und 
ſchmackhaft zu machen. Das änderte ſich erſt, als der vielgewandte 
Miquel das Miniſterium übernahm. Von dieſem geiſtvollen Manne 
habe ich ſchon geſprochen. Als er mir den Vortrag über die preußiſche 
Finanzreform hielt, legte er drei Projekte vor. Ein kleines, ein mitt— 
leres und ein großes. Ich entſchied mich zur Freude des Winiſters 
ohne Zaudern für das letztere. Herrſcher und Miniſter erlebten eine 
große Befriedigung, als die Reform zur Durchführung kam. — 

Der Miniſter des Innern, Herr v. Puttkamer, war während 
der 99 Tage, ſehr zum Kummer des damaligen Kronprinzen, zum 
Abgang gezwungen worden. Er war ein tüchtiger, bewährter alt— 
preußiſcher Beamter und königstreuer Pommer von echtem Schrot 
und Korn, durch und durch ein Edelmann. Die Fama wollte wiſſen, 
daß die Kaiſerin Friedrich ihn durch eine Intrige geſtürzt habe. Das 
iſt unzutreffend. Die Kaiſerin, dem engliſchen Liberalismus huldigend, 
mochte zwar den altpreußiſchen konſervativen Herrn wohl nicht, hat 
aber an ſeinem Abgang keine Schuld. Fürſt Bismarck hat ihn be— 
ſeitigt, vielleicht in Rückſicht auf die Kaiſerin Friedrich. — 


156 


Die Forſtwirtſchaft und deren praftifche Förderung hat mir 
immer am Herzen gelegen, zumal dem Staat durch Neuaufforſtungen 
neue Geldreſerven geſchaffen werden konnten. 

Nächſt Herrn v. Podbielski iſt Freiherr v. Schorlemer der 
tüchtigſte Miniſter für Landwirtſchaft und Forſten geweſen. Hat Herr 
v. Podbielski dahin geſtrebt, große Forſtkomplexe im Oſten zu ſchaffen, 
um durch eine zuſammenhängende Waldzone den Oſtwind abzuhalten 
und damit unſer Klima zu verbeſſern ſowie einen Naturſchutz gegen 
ruſſiſche Einfälle zu ſchaffen, ſo hat Herr v. Schorlemer die Er— 
ſchließung der öſtlichen Forſtreviere durch große Wegebauten und in— 
folge der dadurch erleichterten Holzabfuhr die Konkurrenzfähigkeit gegen 
das ruſſiſche Holz weſentlich gefördert. Beide Miniſter haben im 
Verein mit mir unſer prachtvolles preußiſches Forſtperſonal zu heben 
und deſſen Lebensbedingungen zu verbeſſern ſowie ſein Avancement 
zu fördern getrachtet, was dieſe mir beſonders naheſtehende, immer 
arbeitswillige und königstreue Beamtenſchaft wohl verdiente, von 
ihrer Ehrlichkeit, ihrem Fleiß und ihrer Zuverläſſigkeit hing auch die 
Zuführung großer Beträge zum Staatsſäckel ab. Don der ftaatg- 
männiſchen Klugheit und Tüchtigkeit des ſtets zielklaren Herrn 
v. Schorlemer erwarte ich für den Wiederaufbau unſeres Vater— 
landes noch viel.“) 

Auf dem Gebiete des Forſtweſens habe ich von den Forſtmeiſtern 
Freiherrn v. Hövel (Joachimstal, Schorfheide) und Freiherrn 
Speck v. Sternburg (Szittkehmen, Rominten) auf meinen Pürſch— 
fahrten mit dieſen vorzüglichen Pürſchjägern und Adminiſtratoren 
viel gelernt. 

Ein ruſſiſches Kurioſum auf dem Gebiet der Wildpflege ſei hier 
eingeſchaltet. Der Zar, der von den ſtarken Geweihen der Romintener 
Hirſche oft gehört hatte, wünſchte in Spala (Polen) gleichfalls ſolche 


*) Sein vor kurzem erfolgter Tod, der ihn aus ſegensreichem Schaffen herausriß, 
bedeutet für das Vaterland einen ſchweren Verluſt. 


157 


zu bekommen. Um Rat zu dieſem Zwecke zu erteilen, wurde Freiherr 
v. Sternburg im Sommer nach dem Jagdſchloß Spala entſandt. 
Er wurde ſehr zuvorkommend von einem General empfangen, der 
die dortige Jagd unter ſich hatte und im Schloſſe wohnte. Es fiel 
Sternburg auf, daß alle Räume, auch die nicht bewohnten Gemächer, 
ſtets geheizt waren. Als er auf den enormen Holzverbrauch auf— 
merkſam machte, zuckte der General die Achſeln und meinte: Man 
könne nie wiſſen, ob der Zar nicht doch einmal kommen würde. Ein 
Wildmeiſter, der Deutſcher war, wurde Sternburg zugeteilt, weil der 
General im Revier ſich nicht auskannte und von Wildpflege und 
Wildfütterung nichts verſtand. 

Auf den Fahrten bemerkte Sternburg manchen Platz, wo gute 
Wieſen zur Fütterung hergerichtet oder Futterplätze angelegt werden 
konnten. Er machte auf die Notwendigkeit ſolcher Anlagen aufmerkſam, 
da er beobachtet habe, daß das Wild ſchon ſtark zu ſchälen begonnen 
und dadurch dem Baumbeſtand vielen Schaden zugefügt habe. Der 
Wildmeiſter ſchüttelte traurig den Kopf: Er habe das alles ſchon 
gemeldet, aber ohne Erfolg, da nämlich das Heu für das Wild vom 
Schwarzen Meer per Bahn bezogen werden müſſe. Die Transporte 
kämen oft überhaupt nicht an oder ſehr verſpätet oder verdorben. Es 
werde aber nichts geändert, da zu viele Leute an dieſen Transporten, 
die mit enormen Preiſen bezahlt würden, verdienten. Zudem habe 
man, als er auf die vielen Holzreſte, die beim Aufbrechen in dem 
Geſcheide des Wildes gefunden wurden, als Beweis für deſſen mangel- 
hafte Ernährung und die Notwendigkeit der Schaffung von Fütterungen 
aufmerkſam gemacht habe, eine Kommiſſion von Tierärzten aus Peters— 
burg kommen laſſen, um dieſen Fall zu unterſuchen. Dieſe Kommiſſion 
wohnte und tafelte wochenlang auf Zarenkoſten in Spala. Sie ſchoß 
viel Wild, unterſuchte es und hielt Sitzungen ab. Das Refultat 
war: Das Wild habe Holz im Magen, das bewieſe, daß es davon 
leben könne, daher ſeien Fütterungen überflüſſig, das Heu vom Schwarzen 


158 


Meer genüge als Zuſchuß. Dabei iſt es denn auch trotz Sternburgs 
Beſuch verblieben!! 

Als ich dieſe Geſchichte hörte, mußte ich unwillkürlich an eine 
Anekdote denken, die Fürſt Bülow mit Vorliebe aus feiner Peters⸗ 
burger Zeit erzählte. Er hatte dort auch im Salon der Madame 
Durnowo verkehrt, in dem ſich die Geſellſchaft oft zu verſammeln 
pflegte. Eines Tages beklagte ſich ein hochſtehender General der Gaſt⸗ 
geberin gegenüber, daß er bei einer „Geldgeſchichte“ abgefaßt und 
hereingefallen ſei und daß ihm daraus von „oben“ viel Unannehmlich⸗ 
keiten erwachſen wären. Anſcheinend wünſchte er durch ſeine wehleidige 
Schilderung Teilnahme für ſein Pech zu erwecken, aber Madame 
Durnowo erwiderte ihm kurz in ihrer derben Art: „Mon cher general, 
quand on fait des saletes, il faut qu'elles rẽussissent!“ *) — 

Auch als Staatsſekretär des Reichspoſtamts hat Herr v. Pod⸗ 
bielski, den ich perſönlich nach Ablehnung einer Reihe anderer Kandi⸗ 
daten ausgeſucht hatte, würdig in die Fußtapfen Stephans tretend 
hervorragend gewirkt. Sehr praktiſch veranlagt, mit Geſchäftsſinn 
und großer Geſchäftskenntnis ausgeſtattet, in finanziellen Fragen ge— 
wandt und beſchlagen, ein geborenes adminiſtratives Talent, dabei 
ſchlagfertig, mit kauſtiſchem Witz begabt, guter Sprecher und Debatter, 
hat er mit Eifer und Geſchick zum Teil bahnbrechend gewirkt, beſonders 
in den Fragen des Weltpoſtverkehrs, der Funkentelegraphie uſw. 
Dieſer einſtige Ziethenhuſarenobriſt hat ſich im Dienſt feines Vater⸗ 
landes einen Namen gemacht, der nimmer vergeſſen werden wird. Ein 
heiteres Gegenſtück zu feiner Karriere iſt die eines ruſſiſchen Huſaren— 
kommandeurs unter Nikolai I. Der Zar hatte, ſchwer über den Heiligen 
Synod erzürnt, deſſen Vorſitzenden fortgeſagt. Kurz darauf beſichtigte 
er das Leib⸗Garde⸗Huſaren⸗Regiment, das vom Oberſt Grafen Protaſſow 
vorgeführt wurde. Des Zaren allerhöchſte Zufriedenheit über das vor⸗ 


*) „Mein lieber General, wenn man unfaubere Geſchäfte macht, muß man 
wenigſtens Glück dabei haben!“ 


159 


zügliche Ausſehen und Zvolutionieren des ſchönen Regiments fand 
den für Kommandeur wie Truppe gleich überraſchenden anerkennenden 
Ausdruck in den Worten: „Du haſt Dein Regiment vortrefflich vor— 
geführt. Als Zeichen meiner Zufriedenheit ernenne ich Dich zum 
Procureur des Heiligen Synods. Den bringſt Du mir in Ordnung.“ 

Eines vortrefflichen ehrenwerten Mannes ſei hier noch Erwähnung 
getan, des Miniſters Möller. Er war Bielefelder wie Hinzpeter 
und ſtand in andauernder freundſchaftlicher Beziehung mit meinem 
alten Erzieher. Er war eine der Koryphäen der Nationalliberalen 
und im Reichstage wie Abgeordnetenhauſe bei allen Parteien ſehr 
geachtet wegen feines aufrechten, sornehmen Weſtfalencharakters und 
ſeiner großen handelspolitiſchen Erfahrung. Als der Reichskanzler 
Fürſt Bülow mir Möller zum Winiſter vorſchlug, machte ich darauf 
aufmerkſam, daß er Parteimann und Abgeordneter ſei. Der Kanzler 
meinte, die Nationalliberalen würden durch Möllers Ernennung ſich 
angenehm berührt fühlen. Ich bemerkte darauf, daß das Staats- 
miniſterium des preußiſchen Königs kein Parteiminiſterium ſein ſolle 
und dürfe, ſondern ganz unabhängig von den Parteien über den— 
ſelben ſtehen müſſe. Ich ſchätze Möller perſönlich ſehr, aber wenn 
dieſer Miniſter werde, ſo würde bald ſeder Parlamentarier die Ambition 
haben, ebenfalls Miniſter zu werden. Durch Wöllers Ernennung 
werde alſo die Begehrlichkeit auch der anderen Parteien nach Ninifter- 
ſeſſeln geweckt und die Konſequenzen ſeien unabſehbar. Außerdem 
werde Möller im Parlament ſehr fehlen, wo ich ihn gerade wegen 
ſeines Einfluſſes bei allen Parteien nicht miſſen wolle. Trotz dieſer 
Einwürfe und meines Abratens beſtand Bülow auf ſeinem Plan. 
Möller wurde Winiſter und ſtand als ſolcher in ſehr guten Be— 
ziehungen mit mir. Verhältnismäßig bald trat aber ein, was ich 
vorausgeſagt hatte: der Miniſter Möller wurde durch Umſtände, die 
auch innerhalb ſeiner Partei eine Rolle ſpielten, zum Rücktritt genötigt. 


160 


Wiſſenſchaft und Kunſt 


11 Kaiſer Wilhelm I, 


Di weite und vielſeitige Gebiet, deſſen Pflege dem Kultus⸗ 
miniſterium obliegt, Kunſt, Wiſſenſchaft, Forſchung, Arzteweſen 
uſw., habe ich ſtets mit lebhaftem Intereſſe beobachtet und zu 
fördern geſucht. 

Beſondere Freude hat mir die Förderung der Techniſchen Hoch— 
ſchulen bereitet. Die zunehmende Bedeutung der Technik zog immer 
größere Scharen der tüchtigſten Jugend nach dieſen Bildungsſtätten 
hin, und die Leiſtungen der dort tätigen Lehrer wie der aus jenen 
hervorgehenden jungen Ingenieure brachten dem deutſchen Namen 
in der Welt immer neue Ehre. 

Profeſſor Dr. Slaby war unter den Lehrern in Charlottenburg 
einer der hervorragendſten Männer von Weltruf. Er hat bis zu 
ſeinem Tode im regſten Verkehr mit mir geſtanden und mich durch 
feſſelnde Vorträge über die neueſten Erfindungen auf dem Laufenden 
gehalten. Dies geſchah nicht nur im Laboratorium, ſondern auch 
im ſtillen Jagdhaus im märkiſchen Walde, wo ich mit der Kaiſerin 
im kleinen Kreiſe den Worten Slaby's geſpannt lauſchen durfte. 
Auch als Menſch hat er mir nahe geſtanden und mir durch ſeine 
ſchlichte klare Auffaſſung über alle möglichen Dinge dieſer Welt, 
die er ſtets in anregender und feſſelnder Weiſe wiederzugeben ver— 
ſtand, manch geiſtigen Genuß verſchafft. Slaby iſt mir viel geweſen, 
und ich habe dem klugen Manne immer dankbare Zuneigung bewahrt. 


11* 163 


Unter dem Eindruck der Leiſtungen der Techniſchen Hochſchulen 
und ſolcher Männer wie Slaby, Intze u. a. beſchloß ich, den Hoch— 
ſchulen dieſelbe Berechtigung der Vertretung im Herrenhauſe zu ver— 
leihen, wie die Univerſitäten ſie beſaßen. Allein die Univerſitäten 
erhoben beim Kultusminiſter energiſchen Einſpruch dagegen, es 
folgte ein heftiger Kampf gegen den klaſſiſch-wiſſenſchaftlichen Ge— 
lehrtenſtolz, bis ich durch einen Erlaß meinen Willen durchſetzte. 
Slaby erhielt die telegraphiſche Mitteilung von mir in ſeinem La— 
boratorium während feiner Vorleſung und verkündete fie den Stu— 
denten, die in Begeiſterungsrufe ausbrachen. Die Techniſchen Hoch— 
ſchulen haben ſich der Ehre würdig gezeigt. 

Bei dem ſtets ſchärfer werdenden Kampf um den Weltmarkt 
und ſeine Abſatzgebiete war es, um das Wiſſen der Koryphäen der 
deutſchen Wiſſenſchaft für jene Zwecke nutzbar zu machen, geboten, 
ihnen mehr Freiheit, Ruhe, Arbeitsmöglichkeit und Material zu ver— 
ſchaffen. Viele bedeutende Köpfe waren durch ihre Lehrtätigkeit in 
ihren Forſchungen behindert, ſo daß ihnen für dieſe nur die Ferien 
zur Verfügung ſtanden. Dieſer Zuſtand ergab Überarbeitung und 
Überbürdung, die verhindert werden mußten. Zunächſt ſollte die 
Chemie Förderung erfahren. Winiſter v. Trott und Winiſterial⸗ 
direktor Althoff haben, mit klarem Verſtändnis die Situation er— 
faſſend, mir die Schaffung der „Kaiſer Wilhelm-Geſellſchaft'? 
ermöglicht und ihre Statuten entworfen. Sie hat ſeit ihrem kurzen 
Beſtehen Hervorragendes geleiſtet und mir Gelegenheit gegeben, 
bei den Generalverſammlungen bedeutende Männer aller möglichen 
Diſziplinen kennen zu lernen, mit denen ich dann in regelmäßigen 
Verkehr trat, ich beſuchte auch ihre Laboratorien und konnte ſo den 
Fortgang ihrer Arbeiten verfolgen. Neue Laboratorien wurden ge— 
ſtiftet, andere aus den Beiträgen der Senatoren und Witglieder 
unterſtützt. Ich bin auf dieſe meine Schöpfung ſtolz geweſen, weil 
fie ſich als nutzbringend für das Vaterland erwies und die Erfin— 


164 


dungen ihrer Forſcher dem ganzen Volke zugute kamen. Es war 
ein Friedenswerk von großer, viel verſprechender Zukunft, das bei 
Herrn v. Trott in vortrefflicher Hand lag. Leider hat der Krieg 
mir neben allen anderen auch dieſe Freude geraubt. Ich muß nun 
den Verkehr mit den Gelehrten meiner Geſellſchaft miſſen und em- 
pfinde dies ſchwer. Möge dieſe Schöpfung zum Heil für die For⸗ 
ſchung und zum Segen des Vaterlandes fortleben und fortarbeiten! 

Einen ſchweren Kampf hatte ich zu beſtehen, als ich die Berufung 
Profeſſor Harnack's nach Berlin durchſetzte. Die rechtsſtehenden 
Theologen und „Orthodoxen“ erhoben ſcharfe Proteſte. Nachdem ich 
mich bei Hinzpeter noch einmal eingehend erkundigt und dieſer ſein 
Urteil mit den Worten geſchloſſen hatte, daß es für Berlin und 
Preußen äußerſt bedauerlich ſein würde, falls ich nachgäbe, beſtand 
ich auf der Berufung, und fie erfolgte. Jetzt kann man jenen Wider⸗ 
ſtand gar nicht mehr verſtehen. Welch eine Perſönlichkeit iſt Har— 
nack! Was für eine gebietende Stellung in der Geiſteswelt hat 
er ſich errungen! Welchen Nutzen und wieviel Wiſſen hat mir 
der rege und intime Verkehr mit dieſem feurigen Geiſt gebracht! 
Was hat er als Leiter der Königlichen Bibliothek und als Dekan 
des Senats der Kaiſer Wilhelm⸗Geſellſchaft geleiſtet, in der er, der 
Theologe, die geiſtvollſten und inhaltreichſten Reden über die exakten 
Wiſſenſchaften, über Forſchungen und Erfindungen auf dem Gebiet 
der Chemie uſw. hielt. An die Perſönlichkeit Harnack's und ſein 
Wirken werde ich immer gern zurückdenken. 

Auch der Profeſſor Erich Schmidt von der Univerfität Berlin 
hat mir nahe geſtanden und oft bei mir verkehrt, ich verdanke den 
geiftvollen Vorträgen dieſes kerndeutſchen Mannes manchen genuß⸗ 
reichen Abend. 

Mein beſonderes Vertrauen gehörte dem Profeſſor Schiemann. 
Ein aufrechter Balte, Vorkämpfer des Deutſchtums gegen flawiſche 
Überhebung, ſcharfblickender Politiker und glänzender Hiſtoriker und 


165 


Schriftſteller, iſt Schiemann von mir andauernd In rebus politicis 
und in bezug auf hiſtoriſche Fragen zu Rate gezogen worden. Ich 
verdanke ihm manche Orientierung, hauptſächlich über den Oſten. Er 
hat viel in meinem Hauſe verkehrt, mich auch oft auf meinen Reiſen 
begleitet — fo z. B. nach Tanger — und auch wichtiges, vertrauliches 
Material in Geſprächen über noch unbekannte politiſche Vorgänge 
von mir mitgeteilt bekommen. Seine unerſchütterliche Verſchwiegen— 
heit hat mein Vertrauen gerechtfertigt. Es war für mich eine Genug— 
tuung, dieſen bewährten Mann nach der Befreiung des Baltikums 
zum Kurator der Univerſität Dorpat machen zu können. 

Die Übereinſtimmung unſerer politiſchen Anſchauungen über Ruß⸗ 
land wird durch einen Fall gut illuſtriert. Nach dem von mir im 
Verein mit Präſident Roofevelt 1905 vermittelten Frieden von Ports⸗ 
mouth zwiſchen Rußland und Japan wurde in Berlin amtlich (Aus⸗ 
wärtiges Amt) und nichtamtlich viel kombiniert, welche politiſche 
Linie Rußland nun wohl einſchlagen werde. Im allgemeinen waltete 
die Auffaſſung vor, daß Rußland ſich aus Grimm über feine Nieder- 
lage dem Weſten — alſo Deutſchland — zuneigen werde, um hier 
neue Verbindung und Stärkung zu finden, mit Hilfe derer ein Re⸗ 
vancheſtreich gegen Japan behufs Wiedereroberung des verlorenen 
Gebiets und Preſtiges geführt werden könnte. Ich vertrat eine ganz 
andere Anſicht, mit der ich ſedoch in der amtlichen Welt nicht durch— 
drang. Ich betonte: die Ruſſen ſeien Aſiaten und Slawen. Als 
erſtere hätten ſie — trotz der Niederlage — Hinneigung zu Japan, 
als letztere verbänden ſie ſich gern mit dem, der ihnen ſeine Stärke 
gezeigt habe. Aus dieſen Gründen ſchloß ich, daß Rußland in einiger 
Zeit — trotz dem Björkö-Abkommen — nicht mit Deutſchland, ſon⸗ 
dern mit Japan zuſammengehen und ſich ſpäter auch gegen Deutſch— 
land wenden werde. Amtlich und nichtamtlich bin ich ob ſolcher 
Phantaſien geradezu verhöhnt worden. Ich ließ Schiemann kommen 
und befragte ihn über dieſes Thema, ohne meinen Standpunkt zu 


166 


erkennen zu geben. Ich war ſehr befriedigt, als Schiemann mir als 
Antwort genau meine Anſichten auseinanderſetzte. Lange Zeit haben 
Schiemann und ich in der Beurteilung dieſer wichtigen Frage der 
äußeren Politik mit unſerer Auffaſſung faſt allein geſtanden. Die 
Ereigniſſe haben uns recht gegeben. Die Berliner ſogenannten 
Ruſſenkenner und mit ihnen die amtliche Welt hatten ſich geirrt. — 

Gleich in meiner erſten Regierungszeit trat die Veranlaſſung zu 
mancherlei Bauten an mich heran. 

Zunächſt galt es, ein würdiges Grabmal für meine Großeltern 
zu ſchaffen. Da das alte Mauſoleum in Charlottenburg nicht aus⸗ 
reichte, war ein Anbau notwendig. Leider waren die für ſolche 
„Extrabauten“ von Kaiſer Wilhelm dem Großen zurückgelegten Geld— 
mittel — der ſogenannte Extrabaufonds — während der 99 Tage 
anderweitig verwendet worden. So mußte ich die Krone mit Aus⸗ 
gaben für Bauten belaften, die nicht vorgeſehen waren. Das Mau⸗ 
ſoleum meiner Eltern in Marly, zu dem ich gleichfalls Mittel bereit⸗ 
ſtellen mußte, wurde von der Kaiſerin Friedrich nach eigenen Zeich— 
nungen und Plänen errichtet. 

Eine genaue Unterſuchung der Königlichen Schlöſſer — auch der 
in den Provinzen — hatte, insbeſondere bei dem Berliner Schloſſe, 
eine ſolche Rückſtändigkeit in ſanitärer, wohnlicher und ſonſtiger Be— 
ziehung ergeben, daß die Behebung der Schäden nicht weiter hin— 
ausgeſchoben werden durfte. Ich habe nach ſorgfältig aufgeſtellten, 
von mir ſelbſt revidierten, korrigierten und kontrollierten Etats im 
Laufe meiner 30 jährigen Regierung mit Hilfe von Architekten (Ihne), 
Künſtlern uſw. mit viel Mühe, Geduld, aber auch Freude, die alten 
Traditionen meiner Vorfahren achtend, die Schlöſſer wieder in Stand 
geſetzt. Für das Berliner Schloß hat Kaiſerin Friedrich mit ihrem 
ſtilſicheren, ſcharfen Blick und Urteil viel mitgeholfen, die Schäden 
und Verſäumniſſe vergangener Zeiten zu beſeitigen. Von allgemeinem 
Intereſſe dürfte die Auffaſſung meiner Mutter ſein: „Ein jeder Stil 


167 


iſt gut, ſolange er rein iſt.“ — Den Eklektizismus der 90er Jahre 
bezeichnete Ihne als „à peu près-Stil“. Das letzte Werk des leider 
zu früh verſtorbenen Herrn v. Ihne, die Wiederherſtellung der 
Bildergalerie, iſt erſt in der erſten Kriegshälfte vollendet worden. 
Das mühſam hergeſtellte Schloß meiner Väter, auf das ich ſtolz 
war, iſt dann von revolutionären Haufen beſchoſſen, geſtürmt, geplün⸗ 
dert und verwüſtet worden. 

Dieſe künſtleriſchen Bauten, wie auch die ſchon erwähnte Reſtau⸗ 
ration des Weißen Saales, gehören zu den Pflichten der Repräfen- 
tation, die ſeder Staat hat, gleichgültig ob er abſolutiſtiſch, konſti⸗ 
tutionell oder demokratiſch geleitet wird. Sie ſind ein Maßſtab für 
die Kultur des Landes und fördern die Künſtler und dadurch die 
Entwicklung der Kunſt. — 

Ein Gebiet, das mich in den Stunden der Erholung beſchäftigt 
hat, war die Archäologie und die Ausgrabungstätigkeit. Ich hatte 
dabei einen leitenden Grundgedanken: die Feſtſtellung der Wurzeln, 
aus denen ſich die helleniſche antike Kunſt entwickelt hat, und das 
Schlagen oder Finden einer Brücke, um den Einfluß des Oſtens 
auf den Weſten in kultureller Beziehung zu ergründen. Die Aſſy— 
riologie erſchien mir beſonders wichtig, weil von ihr eine Beleuch— 
tung und Belebung des Alten Teſtamentes, alſo der Heiligen Schrift, 
zu erwarten war. Mit Freuden nahm ich daher den mir angebo— 
tenen Vorſitz der Deutſchen Orient-Geſellſchaft an und vertiefte 
mich in ihre Arbeiten, die ich nach Kräften förderte, wie ich auch nie 
einen ihrer öffentlichen Vorträge über die Ergebniſſe der Forſchungen 
verſäumt habe. Ich verkehrte viel mit dem Vorſtand und ließ mir 
ſtändig über die Ausgrabungen von Ninive, Aſſur, Babylon, in 
Agypten und Syrien berichten. Für ihren Schutz und ihre Erleich— 
terung bin ich oft perſönlich bei der Türkiſchen Regierung eingetreten. 

Der der Geſellſchaft angehörende Profeſſor Delitzſ ch hielt ſeinen 
bekannten, viel angefochtenen Vortrag über Babel und Bibel, der 


168 


leider ein noch zu unkundiges und faft unvorberettetes Publikum vor⸗ 
fand und zu allerhand Mißdeutungen und Angriffen, auch ſeitens 
kirchlicher Kreiſe, Veranlaſſung gegeben hat. Ich habe mich eifrig 
bemüht, für Aufklärung zu ſorgen. Da ich erkannte, daß die Aſſy⸗ 
riologie, die ſo viele bedeutende Männer, auch Geiſtliche beider Kon⸗ 
feffionen, beſchäftigte, von der Allgemeinheit in ihrer Bedeutung 
noch nicht verſtanden und gewürdigt wurde, ließ ich durch meinen 
bewährten Freund und glänzenden Theaterintendanten, den Grafen 
Hülſen⸗Haeſeler, das Stück „Aſſurbanipal“ in Szene ſetzen, das nach 
langer Vorbereitung unter Aufſicht der Deutſchen Orient⸗Geſellſchaft 
aufgeführt wurde. Zu der Generalprobe wurden Aſſyriologen aller 
Länder eingeladen. Man ſah in den Logen in bunter Reihe Pro⸗ 
feſſoren, proteſtantiſche und katholiſche Geiſtliche, Juden und Chriſten 
beieinanderſitzen. Von vielen hörte ich Dank dafür, daß ich durch 
dieſe Aufführung einmal gezeigt habe, wie weit die Forſchungsarbett 
ſchon gediehen war, und gleichzeitig dem großen Publikum die Be⸗ 
deutung der Aſſyriologie näher gebracht hätte. 

Auch der Aufenthalt auf Korfu gewährte mir die Freude, der 
Archäologie zu dienen und mich perſönlich mit Ausgrabungen zu be⸗ 
ſchäftigen. Der zufällige Fund des Reliefhauptes einer Gorgo in 
der Nähe der Stadt Korfu veranlaßte mich, die Arbeiten ſelbſt in 
die Hand zu nehmen. Ich berief zu meiner Unterſtützung den be⸗ 
währten Ausgraber und Kenner griechiſcher Altertümer Profeſſor 
Dörpfeld, der die Leitung der Ausgrabungen übernahm. Der 
ebenſo wie ich für das Hellenentum der Antike begeiſterte Gelehrte 
iſt im Laufe der Jahre für mich zu einem treuen Freunde und un⸗ 
ſchätzbaren Quell für Belehrung über die Baukunſt, Stilfragen uſw. 
bei den alten Griechen und Achäern geworden. 

Es war ein Genuß, wenn Dörpfeld die alten Homerifchen Lieder 
vortrug und auslegte und auf der Landkarte, nach den Angaben und 
Beſchreibungen des Dichters, die alten achäiſchen — durch die do⸗ 


169 


riſche Wanderung zerſtörten — Anſiedelungen wieder feſtſtellen konnte. 
Die Namen der alten Ortſchaften ſcheinen von den entwurzelten 
Einwohnern häufig auf ihre neuen Siedlungen übertragen worden 
zu ſein. Das erſchwert die Feſtſtellung der Lage der alten Orte. 
Gleichwohl hatte Dörpfeld eine Reihe von ihnen, mit dem Homer 
als „Bädeker“ in der Hand auf Grund der genauen geographiſchen 
Beſchreibungen Homers die Gegend erkennend, wiedergefunden. Das 
feſſelte mich dergeſtalt, daß ich gemeinſam mit der Kaiſerin in 
Dörpfelds Begleitung eine Fahrt zu Waſſer unternahm, um ſelbſt 
die Probe aufs Exempel zu machen. Wir fuhren nach Leukas 
(Ithaka) und beſuchten dort nacheinander die aus der Odyſſee be— 
kannten Orte, wobei Dörpfeld den betreffenden beſchreibenden Text 
aus dem Homer vorlas. Überraſcht mußte ich zugeben, daß Gegend 
und Beſchreibung einander vollkommen entſprachen. 

Die von mir unter Dörpfelds Leitung begonnenen Ausgrabungen 
auf Korfu haben wichtige Ergebniſſe für die Archäologie gezeitigt, da 
ſie ein ſehr hohes Alter früheſter doriſcher Kunſt nachwieſen. Das 
Gorgorelief hat bereits zu vielen Kombinationen — wahrſcheinlichen 
und unwahrſcheinlichen, leider auch mit überflüffiger Polemik ver— 
verbundenen — Veranlaſſung gben. Es ſcheint ſich hier ein Pfeiler 
zu der von mir geſuchten Brücke zwiſchen Aſien und Europa heraus⸗ 
zukriſtalliſieren. Ich habe regelmäßig Berichte an die Archäologiſche 
Geſellſchaft geſandt, auch den bewährten Profeſſor Caro aus Athen 
mit herangezogen und war mit der Vorbereitung von Vorträgen für 
den Winter 1914/15 beſchäftigt, die vor der Geſellſchaft gehalten 
werden ſollten. An ſie wollte man weitgehende Diskuſſionen über 
die vielen ſtrittigen Fragen anſchließen, die ich einer Löſung sine ira 
et studio zuführen zu können hoffte. Ich hatte die Freude, faſt regel— 
mäßig in Korfu von engliſchen und amerikaniſchen Archäologen be— 
ſucht zu werden, die, frühere Schüler Dörpfelds, ſich eifrig an der 
Beleuchtung der oft auftauchenden ſchwierigen Probleme beteiligten. 


170 


Da fie in Kleinaſien beſchäftigt waren, fo war es für mich hoch⸗ 
intereſſant, zu hören, welche Wichtigkeit fie — auf Grund ihrer 
Funde — dem aſiatiſchen Einfluß auf die frühhellenſſche Kunſt bei⸗ 
maßen und wie ſie in den Korfioter Funden Anklänge an den Oſten 
erkannten. Im Jahre 1914 beſuchte Profeſſor Duhn aus Heidel⸗ 
berg die Ausgrabungen in Korfu und pflichtete nach eingehendem 
Studium Dörpfelds und meiner Auffaſſung bei. Über das Ergeb⸗ 
nis meiner Ausgrabungen auf Korfu werde ich mich in einer bes 
ſonderen Schrift äußern. 

Solcher Geſtalt war die Beſchäftigung des Deutſchen Kaifers, 
der, auf Raub und Eroberung ſinnend, blutdürſtig den Weltkrieg 
herbeigeführt haben ſoll, im Frühjahr 19141 Derweilen ich in Korfu 
über Gorgonen, doriſche Säulen und Homer forſchte und diskutierte, 
wurde im Kaukaſus und in Rußland ſchon gegen uns mobil ger 
macht! Und der Zar hatte zu Jahresbeginn auf die Frage nach 
feinen Reiſedispoſitionen erwidert: „je resteral chez mol cette aun. 
parce que nous aurons la guerre!“ ) 


*) „Ich werde in dieſem Jahr zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“ 


Mein 
Verhältnis zur Kirche 


77 a 
2 K mein Verhältnis zur Kirche iſt viel geſchrieben und geredet 
worden. — Ich hatte ſchon als Prinz, während ich in Bonn 
ſtudierte, den nachteiligen Einfluß des Kulturkampfes in ſeinem letzten 
Stadium zu beobachten Gelegenheit gehabt. Die konfeſſionelle Kluft 
wirkte fo trennend, daß ich 3. B. vom rheiniſch-weſtfäliſchen ultra— 
montanen Hochadel auf einer Jagd direkt boykottiert wurde. Im 
nationalen Intereſſe nahm ich mir ſchon damals vor, dahin zu wirken, 
daß ein modus vivendi, der ein friedliches Nebeneinanderleben der 
beiden Konfeſſionen ermöglichen ſollte, herbeigeführt würde. Der 
Kulturkampf als folder iſt ja ſchon vor meinem Regierungsantritt 
beigelegt worden. 

Ich habe mit Geduld und Sorge ſtets ein gutes Verhältnis zum 
Epiſkopat zu erhalten getrachtet und mit einzelnen Kirchenfürſten in 
recht guten Beziehungen geſtanden. So beſonders mit Kardinal 
Kopp, Erzbiſchof Simar, Dr. Schulte, Fürſtbiſchof Bertram, Biſchof 
Thiel und last not least mit Erzbiſchof Faulhaber und Kardinal 
v. Hartmann. Sie alle ſind Männer weit über dem Durchſchnitt 
und eine Zierde des deutſchen Epiſkopats, deſſen Patriotismus für 
Kaiſer und Reich im Kriege zum Ausdruck kam. Darin liegt ein 
Beweis, daß es mir gelungen war, die Nebel des Kulturkampfes 
wieder zu zerſtreuen und auch den katholiſchen Untertanen die Freude 
am Reich zu ermöglichen, nach dem Grundſatze: suum cuique, 


175 


Beſonders eng war ich zeitlebens mit dem Fürftbifchof von Breslau 
Kardinal Kopp verbunden. Er hat mir immer loyal gedient, mein 
Verhältnis zu ihm war durchaus vertrauensvoll. Wertvoll für mich 
war ſeine Vermittlung mit dem Vatikan, bei dem er großes An— 
ſehen genoß, obgleich er durchaus den deutſchen Standpunkt wahrte. 

Wenig bekannt in der Offentlichkeit dürfte das freundſchaftliche 
Vertrauensverhältnis fein, das zwiſchen dem Papſt Leo XIII. und 
mir beſtanden hat. Ein dem Papſt naheſtehender Prälat hat mir 
ſpäter erzählt, daß ich mir bei meinem erſten Beſuch das Vertrauen 
des Papſtes erworben habe durch die abſolute Offenheit, mit der ich 
ihm entgegengetreten bin und mit der ich ihm auch Dinge geſagt 
habe, die man ihm ſonſt gern vorenthielt. 

Die Empfänge beim Papſt ſpielten ſich unter ungeheurer Pracht— 
entfaltung ab. Schweizer- und Nobelgarden in glänzenden Uniformen, 
Diener, Kammerherren und geiſtliche Würdenträger in großer Zahl: 
ein kleines äußeres Bild der Macht der römiſch-katholiſchen Kirche. 

Nachdem ich durch die Höfe, Hallen und Säle geſchritten war, 
in denen alle dieſe Menſchen Aufſtellung genommen hatten, ſaß ich 
dann in ſeinem kleinen einfenſtrigen Arbeitszimmer dem Papſte 
ſelbſt gegenüber. Der würdige Herr mit dem feinen edelgeformten 
Greiſenkopf, deſſen große kluge Augen den Beſucher durchdringend 
anblickten, hat einen bedeutenden Eindruck auf mich gemacht. Wir 
haben viele ſchwebende Fragen erörtert. Ich freute mich herzlich 
darüber, daß der Papſt mit Anerkennung und Dank die Stellung 
hervorhob, die die katholiſche Religion und ihre Anhänger in Deutſch— 
land einnehmen, und daran die Verſicherung ſchloß, er werde an 
ſeiner Stelle dazu beitragen, daß die deutſchen Katholiken keinem 
anderen Deutſchen an Vaterlandsliebe und Treue nachſtehen ſollten. 

Wo er konnte, hat Papſt Leo XIII. mir Freundlichkeiten erzeigt. 
So hat er bei einem meiner Beſuche in Rom mein Gefolge und 
meine Dienerſchaft durch eine beſondere Audienz ausgezeichnet. Er 


176 


hat zur Einweihung des von mir geftifteten Portals der Metzer 
Kathedrale als päpſtlichen Legaten den Fürſtbiſchof Kopp entſandt 
und mir die Aufmerkſamkeit erwieſen, die zur Feier dieſes Tages 
vollzogene Ernennung des Erzbiſchofs Fiſcher (Cöln) zum Kardinal 
mir zur Bekanntgabe mitzuteilen u. dgl. 

Zu ſeinem 25 jährigen Papſtjubiläum (1903) ließ ich Leo XIII 
meine Glückwünſche ausſprechen durch eine beſondere Miſſion, die der 
dem Papſt ſeit langen Jahren naheſtehende Generaladjutant Freiherr 
von Loé führte. 

Nicht lange nachher — wenige Monate vor ſeinem Tode — 
konnte ich dem Papſt meinen dritten und letzten Beſuch abſtatten. 
Trotz ſeiner großen Schwäche kam der Dreiundneunzigjährige mir 
entgegen und ſtreckte mir beide Hände hin. Ich habe über dieſen 
Beſuch, der ſich durch große Herzlichkeit von beiden Seiten aus— 
zeichnete, damals ſogleich Aufzeichnungen gemacht, die mir unlängſt 
wieder in die Hand kamen. 

Der Papſt ſagte unter anderem, er könne die Grundſätze, nach denen 
ich regiere, nur mit voller Anerkennung billigen. Er habe meine 
Regierungsart mit Intereſſe verfolgt und mit Freude erkannt, daß ich 
meine Herrſchaft auf der Grundlage des feſten Chriſtentums aufgebaut 
habe. Sie werde von ſo hohen religiöſen Grundſätzen geleitet, daß 
er nicht anders könne, als den Segen des Himmels für mich, die 
Dynaſtie und das Deutſche Reich zu erflehen und ſeinen apoſtoliſchen 
Segen zu erteilen. 

Intereſſant war mir, daß der Papſt mir bei dieſer Gelegenheit 
ſagte, Deutſchland müſſe das Schwert der katholiſchen Kirche werden. 
Ich wendete ein, daß das alte römiſche Reich deutſcher Nation doch 
nicht mehr beſtehe, daß die Vorausſetzungen andere geworden wären. 
Aber er blieb dabei. 

Dann fuhr der Papſt fort, er müſſe mir wiederum warmen Dank 
dafür ſagen, daß ich unabläſſig um das Wohl auch meiner katho— 


12 Kaiſer Wilhelm II. 77756 


liſchen Untertanen bemüht ſei. Er habe das von fo vielen Seiten 
gehört, daß er Wert darauf lege, mir perſönlich zu ſagen, wie dank— 
bar ſowohl er wie die deutſchen Katholiken für dieſe Fürſorge ſeien. 
Er könne mir verſichern, daß meine katholiſchen Untertanen in guten 
und in böſen Tagen in abſoluter Treue zu mir ſtehen würden. 
„Is resteront absolument et infailliblement fidèles.“ “) 

Ich habe mich dieſer Anerkennung aus ſo hohem berufenen Munde 
herzlich gefreut und geantwortet, ich betrachte es als Pflicht eines 
chriſtlichen Souveräns, ohne Unterſchied der Konfeſſion für ſeine 
Untertanen nach beſten Kräften zu ſorgen. Ich könne verſichern, 
daß unter meiner Regierung ſedermann ungehindert ſeine Religion 
ausüben und ſeinen Pflichten gegen ſein kirchliches Oberhaupt ob— 
liegen könne. Das ſei ein Lebensgrundſatz von mir, von dem ich 
nie abweichen werde. — 

Dadurch, daß ich von vornherein meinen katholiſchen Landsleuten 
zeigte, daß ich ihnen in der Ausübung ihrer Religion ſede Freiheit 
laſſen wollte, wurde bald eine ruhigere Stimmung im Lande erzeugt, 
und die Nachwehen des Kulturkampfes verſchwanden mehr und mehr. 
Allein ich verhehlte mir nicht, daß trotz aller Höflichkeit und allem 
Zuvorkommen die Kirchenfürſten — mit alleiniger Ausnahme von 
Kardinal Kopp — in mir doch den Ketzer ſahen, und ich mußte 
damit rechnen, daß im katholiſchen Süden und Weſten des Reiches 
dieſer Gedanke nie ganz verſchwinden würde. Es iſt mir wieder— 
holt dankbar beſtätigt worden, daß die Katholiken es unter meiner 
Regierung ſo gut hätten, wie ſie es nur wünſchen könnten. Aber 
das immer intranſigenter werdende Verhalten der Kirche auf dem 
Gebiete der Wiſchehen ſowie des Zentrums in der Politik waren 
doch ein Fingerzeig dafür, daß unter der ruhigen Oberfläche die 
antiketzeriſche Tendenz fortwirkte. — 


*) „Sie werden ſich in jeder Lage als unbedingt treu erweifen.” 


178 


Um fo intenfiver befchäftigte mich der Gedanke an den feften Zu— 
ſammenſchluß der proteftantifhen Kirchen, zunächſt Preußens, 
dann Deutſchlands, ſchließlich Europas. Mein Verkehr mit dem 
Oberkirchenrat, den Generalſuperintendenten uſw. war ſehr lebhaft, 
um den Weg zu dieſem Zuſammenſchluß zu finden. Die Eiſenacher 
Konferenz habe ich mit Intereſſe begrüßt und verfolgt. Zur Kirchen— 
weihe in Jeruſalem habe ich alle Generalſuperintendenten verſammelt 
und auch Deputationen aus Schweden, Norwegen ufw. begrüßen 
können. Ebenſo bei der Domweihe in Berlin, wo unter vielen anderen 
Deputationen auch die engliſche Kirche durch den als Schriftſteller wie 
Prediger gleich bedeutenden Biſchof von Ripon, W. Boyd Carpenter, 
den Seelſorger der Königin Victoria von England, vertreten war. Bei 
jeder Gelegenheit ſuchte ich Ausgleich, Annäherung und Zuſammen— 
ſchluß herbeizuführen. Allein es kam zu keinem pofitiven Ergebnis. 
Trotzdem die Union in Preußen ſich gut bewährt hatte, ſtanden ſich 
in anderen Teilen des Vaterlandes Lutheraner und Reformierte fremd 
gegenüber. Manche Landesherren wachten eifrig über ihr Recht 
ihren Kirchen gegenüber und waren darum einem engeren Zuſam— 
menſchluß der Landeskirchen abhold. So hat trotz meinen Bemühungen 
die deutſche proteſtantiſche Kirche ſich lange nicht zum Zuſammenſchluß 
und zu gemeinſamem Widerſtand gegen die ihr feindlichen Kräfte zu 
entwickeln vermocht. Erſt die Not, in die die Kirche durch den poli— 
tiſchen Umſturz geraten iſt, hat das zuſtande gebracht. Am Himmel— 
fahrtstage 1922 iſt zu meiner großen Freude die Gründung des 
„Deutſchen Evangeliſchen Kirchenbundes“ in der Schloßkirche zu 
Wittenberg feierlich vollzogen worden. 

In der Zeit meiner erſten militäriſchen Dienſtjahre in Potsdam 
hatte ich die Unzulänglichkeit der Predigten, die häufig nur trockene 
Dogmatik behandelten, hingegen die Perſon Chriſti allzu ſehr zurück— 
treten ließen, ſtark empfunden. In Bonn lernte ich dann D. Dry— 
ander kennen, der auf mich für mein ganzes Leben einen tiefen 


12° 179 


Eindruck gemacht hat. Die Predigt war bei ihm von der Dogmatik 
befreit, die Perſon Chriſti wurde in den Wittelpunkt geſtellt und das 
„praktiſche Chriſtentum' in den Vordergrund gerückt. Ich zog ihn 
ſpäter nach Berlin und bald an den Dom und mein Schloß. So 
hat Dryander mich, mir geiſtig naheſtehend, mit geiſtlichem Zuſpruch 
jahraus, jahrein treu begleitet bis über den 9. November hinaus. 
Die kirchlichen Angelegenheiten ſind häufig zwiſchen uns beiden be— 
ſprochen, die Aufgaben und die Zukunft der proteſtantiſchen Kirche 
eingehend behandelt worden. Die milde, doch kraftvolle, klare und 
von echt evangeliſcher Stärke getragene Auffaſſung Dryanders machte 
ihn zu einer Säule und Zierde ſeiner Kirche und zu einem treuen, 
mit feinem Kaiſer innig verbundenen Mitarbeiter an ihr und ihrer 
Fortentwicklung. Seit dem 9. November iſt auch Exzellenz Dryander 
Verfolgungen ausgeſetzt geweſen, er hat ruhig ſtandgehalten. Seines 
Königs Hoffen, Glauben und Vertrauen geht mit ihm und der 
evangeliſchen Kirche. Die Kirche muß das niedergebrochene Volk 
innerlich wieder aufrichten mit dem Glaubensſatz: Ein' feſte Burg 
iſt unſer Gott! 

Nicht unerwähnt laſſen möchte ich den Einfluß der auf meine 
Veranlaſſung überſetzten Schrift des engliſchen Miſſionars Bernard 
Lucas „Conversations with Christ“ ſowie die Jeſuspredigten von 
Paſtor Schneller (Jeruſalem) und die Andachtſammlungen „Der alte 
Gott lebt noch” und „Aus tiefer Not” des Oberkonſiſtorialrats Conrad. 
Dieſe Schriften haben der Kaiſerin und mir durch ihre lebendige Art, 
den Hörer und Leſer zu packen und zu feſſeln, manche Anregung 
und Troſt gegeben. 

Daß ich die religiöfen und kirchlichen Fragen mit voller Objek— 
tivität sine ira et studio behandeln konnte, verdanke ich meinem 
vortrefflichen Erzieher Profeſſor Dr. Hinzpeter, einem weſtfäliſchen 
Calviniſten. Er hat ſeinen Zögling mit der Bibel aufwachſen und 
leben laſſen unter Beiſeiteſtellung aller dogmatiſch-polemiſchen Fragen, 


180 


fodaß Polemik in der Religion mir fremd geblieben iſt und ein Be⸗ 
griff wie das ſelbſtherrliche „orthodox“ mich abſtößt. Meinen eigenen 
religiöſen Standpunkt habe ich ſeinerzeit in dem ſchon damals der 
Offentlichkeit bekannt gewordenen, am Schluſſe dieſes Kapitels teil— 
weiſe abgedruckten Briefe an meinen Freund Hollmann dargelegt. — 

Das Herz meiner katholiſchen Untertanen vermochte ich zu er— 
freuen, als ich 1898 das von mir vom Sultan erworbene Grund— 
ſtück der „Dormition“ aus Anlaß meines Aufenthaltes in Jeru— 
ſalem den dortigen deutſchen Katholiken zum Geſchenk machte. Der 
würdige treue Pater Schmidt, der Vertreter des katholiſchen Vereins 
in Jeruſalem, ftattete mir an Ort und Stelle bei der Übernahme: 
feier in herzlichen Worten den Dank der deutſchen Katholiken ab. 
Als ich die zukünftige Bebauung und Beſetzung der Niederlaſſung 
mit ihm beſprach, riet der erfahrene alte Jeruſalemkenner, keinen 
der dortigen Mönchsorden zu wählen, da ſie alle mehr oder minder 
in die Intrigen und Kämpfe um die „loci sacri“ verwickelt ſeien. 
Nach meiner Heimkehr erſchien eine Abordnung der deutſchen 
Malteſerritter unter Graf Praſchma, um auch ihrerſeits Dank 
darzubringen. Der von einem ſehr begabten Cölner Baumeiſter 
entworfene Plan der Kirche, dem Stil des Landes geſchickt an— 
gepaßt, wurde mir zur Anſicht vorgelegt. Nach ihrer Vollendung 
beſtimmte ich, daß die Beuroner Benediktiner die Dormition über— 
nehmen ſollten, 1906 bezogen fie das neben der neuen Marienkirche 
erbaute Kloſter. 

Zu den Benediktinern der Beuroner Kongregation, deren Erz— 
abt Wolter ich in Sigmaringen kennen gelernt hatte, pflegte ich durch 
viele Jahre nähere Beziehungen. Der Orden hat im Mittelalter 
ſtets in gutem Verhältnis zu den deutſchen Kaiſern geſtanden, von 
denen faſt keiner unterlaſſen hat, bei den Romreiſen auch das herr— 
lich gelegene Monte Caſſino zu beſuchen. Als die Benediktiner um 
eine Niederlaſſung am Rhein baten, ſorgte ich dafür, daß dem Orden 


181 


die prächtige — damals unbenutzte — romaniſche Abtei Maria Laach 
übergeben wurde. Der Orden, der feine Künſtler — darunter den 
Pater Deſiderius — unter ſeinen Mitgliedern beſitzt, hat die Abtei 
aus Vernachläſſigung und Verfall durch herrliche Innendekoration 
zu neuer Blüte emporgebracht. Oft habe ich Maria Laach beſucht 
und mich an dem Fortſchreiten der Ausgeſtaltung erfreut, wie auch 
an dem Verkehr mit den klugen Abten und dem herzlich ſchlichten 
Empfang ſeitens der treuen Brüder. 

In dem Erzabt Mfgr. Krug lernte ich bei meinem Beſuch des 
Kloſters Monte Caſſino einen Mann von ungewöhnlichen geiſtigen 
Gaben und umfaſſender Bildung kennen, der viel in der Welt herum— 
gekommen war, er konnte ſich ebenſo fließend auf Italieniſch, Eng⸗ 
liſch, Franzöſiſch ausdrücken wie in ſeiner deutſchen Mutterſprache. 
In ſeiner Anſprache an König Victor Emanuel von Italien und 
mich erwähnte er, daß faſt alle deutſchen Kaiſer und vor ihnen die 
Langobardenkönige Monte Caſſino beſucht haben. Er übergab mir 
eine prachtvolle Sammlung von Kopien von Urkunden Kaiſer 
Friedrichs II. aus der Bibliothek des Ordens, ich habe dieſe Gabe 
mit dem Geſchenk der Werke Friedrichs des Großen erwidert. In 
der Umgebung der Klöſter des Ordens floriert der Feldbau, der mit 
allen Neuerungen auf dieſem Gebiet dem langſamen Landvolk von den 
Laienbrüdern beigebracht wird. In den Land- und Stadtgemeinden 
werden Kirchengeſang und Orgelſpiel, in denen die Ordensbrüder 
es zu einer hohen Kunſt gebracht haben, liebevoll gepflegt. Auch 
die Goldſchmiedekunſt floriert im Orden, ebenſo wie die Kunſtſtickerei 
bei den Benediktinerinnen. Das nach den Forſchungen von Mfgr. 
Wilpert gezeichnete Labarum (die Standarte) Kaiſer Konſtantins des 
Großen ließ ich in natürlicher Größe anfertigen. Ein Exemplar 
ſchenkte ich dem Papſte, ein anderes meiner Schloßkapelle in Berlin. 
Letzteres iſt in den Revolutionstagen durch den Pöbel aus der Kapelle 
geſtohlen worden! Die Metallarbeiten waren ſämtlich von Brüdern, 


182 


die Stickereien von Schweſtern des Ordens vorzüglich gearbeitet. 
Im Jahre 1917 habe ich die Schweſtern in ihrem Kloſter St. Hilde⸗ 
gardis oberhalb Rüdesheim beſucht. 


Mein Brief an Admiral Hollmann war veranlaßt durch die 
Erregung, die ein von Prof. Delitzſch in der Deutſchen Orient⸗ 
Geſellſchaft — deren Vorſtandsmitglied Admiral Hollmann war — 
gehaltener Vortrag über „Babel und Bibel“ hervorgerufen hatte. 
Der erſte Teil des Briefes, der ſich des näheren mit Prof. Delitzſch's 
Ausführungen beſchäftigt, iſt bei dem folgenden Abdruck weggelaſſen 
worden. 


15. Februar 1903. 
Mein lieber Hollmann! 


Ich möchte nun noch einmal auf meinen perſönlichen Stand⸗ 
punkt bezüglich der Offenbarungslehre oder ⸗anſchauung zurück⸗ 
kommen, wie ich ihn Ihnen, mein lieber Hollmann, und anderen 
Herren auch des öfteren ſchon auseinandergeſetzt habe. Ich unter⸗ 
ſcheide zwei verſchiedene Arten der Offenbarung: eine fortlaufende, 
gewiſſermaßen hiſtoriſche, und eine rein religiöfe, auf die fpätere 
Erſcheinung des Meſſias vorbereitende Offenbarung. 

Zur erſten iſt zu ſagen: Es iſt für mich keinem, auch nicht dem 
leiſeſten Zweifel unterworfen, daß Gott ſich immerdar in Seinem 
von Ihm geſchaffenen Menſchengeſchlecht andauernd offenbart. Er 
hat dem Menſchen „Seinen Odem eingeblaſen“, d. h. ein Stück 
von ſich ſelbſt, eine Seele gegeben. Mit Vaterliebe und inter: 
eſſe verfolgt Er die Entwicklung des Menſchengeſchlechts, um es 
weiter zu führen und zu fördern, „offenbart“ Er ſich bald in 
dieſem oder jenem großen Weiſen oder Prieſter oder König, fei 


183 


es bei den Heiden, Juden oder Chriſten. Hammurabi war einer, 
Moſes, Abraham, Homer, Karl der Große, Luther, Shakeſpeare, 
Goethe, Kant, Kaiſer Wilhelm der Große. Die hat Er ausge— 
ſucht und Seiner Gnade gewürdigt, für ihre Völker auf dem 
geiſtigen wie phyſiſchen Gebiet nach Seinem Willen Herrliches, 
Unvergängliches zu leiſten. Wie oft hat mein Großvater dieſes 
nicht ausdrücklich betont, er ſei ein Inſtrument nur in des Herrn 
Hand. Die Werke der großen Geiſter ſind von Gott den Völkern 
geſchenkt, damit ſie an ihnen ſich fortbilden, weiterfühlen können 
durch das Verworrene des noch Unerforſchten hienieden. Gewiß 
hat Gott der Stellung und Kulturſtufe der Völker entſprechend 
den Verſchiedenen ſich verſchieden „geoffenbart“, und tut das 
auch noch heute. Denn ſo wie wir am meiſten durch die Größe 
und Gewalt der herrlichen Natur der Schöpfung überwältigt 
werden, wenn wir ſie betrachten, und über die in ihr offenbarte 
Größe Gottes bei ihrer Betrachtung ſtaunen, ebenſo ſicherlich 
können wir bei ſedem wahrhaft Großen und Herrlichen, was ein 
Menſch oder ein Volk tut, die Herrlichkeit der Offenbarung 
Gottes darinnen mit Dank bewundernd erkennen. Er wirkt un— 
mittelbar auf und unter uns ein! 

Die zweite Art der Offenbarung, die mehr religiöſe, iſt die, 
welche zur Erſcheinung des Herrn führt. Von Abraham an wird 
ſie eingeleitet, langſam aber vorausſchauend, allweiſe und all— 
wiſſend, denn die Menſchheit war ſonſt verloren. Und nun be— 
ginnt das ſtaunenswerteſte Wirken, Gottes Offenbarung. Der 
Stamm Abrahams und das ſich daraus entwickelnde Volk be— 
trachten als Heiligſtes mit eiſerner Konſequenz den Glauben an 
einen Gott. Sie müſſen ihn hegen und pflegen. In der ägyp— 
tiſchen Gefangenſchaft zerſplittert, werden die zerteilten Stücke 
von Moſes zum zweiten Male zuſammengeſchweißt, immer noch 
beſtrebt, ihren „Monotheismus“ feſtzuhalten. Es iſt das direkte 


184 


Eingreifen Gottes, das dieſes Volk wiedererſtehen läßt. Und fo 
geht es weiter durch die Jahrhunderte, bis der Meſſias, der durch 
die Propheten und Pfalmiften verkündet und angezeigt wird, end⸗ 
lich erſcheint. Die größte Offenbarung Gottes in der Welt! 
Denn Er erſchien im Sohne ſelbſt, Chriſtus iſt Gott, Gott in 
menſchlicher Geſtalt. Er erlöſte uns, Er feuert uns an, es lockt 
uns Ihm zu folgen, wir fühlen Sein Feuer in uns brennen, Sein 
Mitleid uns ſtärken, Seine Unzufriedenheit uns vernichten, aber 
auch Seine Fürſprache uns retten. Siegesgewiß, allein auf Sein 
Wort bauend, gehen wir durch Arbeit, Hohn, Jammer, Elend 
und Tod, denn wir haben in Ihm Gottes offenbartes Wort und 
Er lügt niemals. 

Das iſt meine Anſicht über dieſe Frage. Das Wort iſt ing- 
beſondere für uns Evangeliſche Alles durch Luther geworden, und 
als guter Theologe mußte doch Delitzſch nicht vergeſſen, daß unſer 
großer Luther uns ſingen und glauben gelehrt: „Das Wort ſie 
follen laſſen ſtaͤhn!' Es verſteht fi für mich von ſelbſt, daß das 
Alte Teſtament eine große Anzahl von Abſchnitten enthält, welche 
rein menſchlich hiſtoriſcher Natur ſind und nicht „Gottes geoffen— 
bartes Wort“. Es ſind rein hiſtoriſche Schilderungen von Vor— 
gängen aller Art, welche ſich in dem Leben des Volkes Iſrael 
auf politiſchem, religiöſem, ſittlichem und geiſtigem Gebiet des 
Volkes vollziehen. Wie z. B. der Akt der Geſetzgebung am Sinai 
nur ſymboliſch als von Gott inſpiriert angeſehen werden kann, 
als Moſes zu einer Auffriſchung vielleicht altbekannter Geſetzes— 
paragraphen (möglicherweife dem Kodex Hammurabi's entſtammend) 
greifen mußte, um das in ſeiner Zuſammenſetzung lockere und 
wenig widerſtandsfähige Gefüge ſeines Volkes zuſammenzufaſſen 
und zu binden. Hier kann der Hiſtoriker aus Sinn oder Wort- 
laut vielleicht einen Zuſammenhang mit den Geſetzen Hammurabi's, 
des Freundes Abrahams, konſtruieren, der logiſch vielleicht richtig 


185 


wäre, das würde aber niemals der Tatſache Eintrag tun, daß 

Gott Moſes dazu angeregt und inſofern ſich dem Volke Iſrael 

geoffenbart hat. 

Daher iſt meine Auffaſſung, daß unſer guter Profeſſor hin— 
fürder lieber die Religion als ſolche bei feinen Vorträgen in un⸗ 
ſerer Geſellſchaft anzuführen und zu behandeln vermeidet, dagegen, 
was die Religion, Sitten etc. der Babylonier etc. in Beziehung 
zum Alten Teſtament bringt, ruhig ſchildern möge. — 

Für mich ergibt ſich daraus die nachſtehende Schlußfolgerung: 
a) Ich glaube an Einen, Einigen Gott. 

b) Wir Menſchen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zu— 
mal für unſere Kinder. 

c) Dieſe Form iſt bisher das Alte Teſtament in ſeiner jetzigen 
Überlieferung geweſen. Dieſe Form wird unter der Forſchung 
und den Inſchriften und Grabungen ſich entſchieden weſentlich 
ändern, das ſchadet nichts, auch daß dadurch viel vom Nim⸗ 
bus des auserwählten Volks verloren geht, ſchadet nichts. 
Der Kern und Inhalt bleibt immer derſelbe, Gott und Sein 
Wirken! 

Nie war Religion ein Ergebnis der Wiſſenſchaft, ſondern ein 
Ausfluß des Herzens und Seins des Menſchen aus feinem Vers 
kehr mit Gott. 

Mit herzlichſtem Dank und vielen Grüßen 

ſtets Ihr treuer Freund 
gez.: Wilhelm J. R. 


186 


rn 


Heer und Flotte 


e 
* 


I engen Beziehungen zur Armee find befannt. Ich folgte 
auf dieſem Gebiet der Überlieferung meines Hauſes. Preußens 


Könige ſind nicht kosmopolitiſchen Phantaſien nachgejagt, ſondern ſie 
haben erkannt, daß der Wohlſtand eines Landes nur gedeihen kann, 
wenn eine reale Macht Gewerbefleiß und Handel ſchützt. Wenn ich in 
manchen Kundgebungen die Mahnung ausſprach, „das Pulver trocken“, 
„das Schwert ſcharf“ zu halten, ſo war das gleicherweiſe an die 
Adreſſe von Feind und Freund gerichtet. Der Feind ſollte es ſich 
dreimal überlegen, bevor er mit uns anzubinden wagte. Im deutſchen 
Volke wollte ich männlichen Geiſt pflegen. Die Stunde, in der wir 
die Früchte unſeres Fleißes gegen feindliche Eroberungsluſt zu ver— 
teidigen haben würden, ſollte ein ſtarkes Geſchlecht finden. 

Daneben habe ich die erzieheriſche Aufgabe des Heeres hoch ge— 
wertet. Die allgemeine Wehrpflicht wirkt in einem Maße, wie nichts 
anderes, ſozial. Sie bringt Reiche und Arme, Söhne von Land 
und Stadt zuſammen. Sie ließ die jungen Leute, deren Lebenswege 
ſonſt weit auseinander gehen, ſich gegenſeitig kennen und verſtehen 
lernen. Das Gefühl, einem Gedanken zu dienen, einte ſie. Und 
was haben wir aus unſerer männlichen Jugend gemacht! Aus 
blaſſen Stadtjungeng wurden ſtramme, geſunde, ſportgeſtählte Männer; 
durch ſchwere Arbeit ſteif gewordene Glieder wurden gewandt und 
elaſtiſch. 


189 


Ich bin— um das bekannte Wort des Königs Friedrich Wil 
helm III. zu gebrauchen — vom Brigadekommandeur gleich König 
geworden. Bis dahin habe ich die Stufenleiter der Offtzierlaufbahn 
durchgemacht. Gern denke ich heute noch daran zurück, mit welchem 
Stolze ich am 2. Mai 1869 bei der Frühjahrsparade vor meinem 
Großvater zum erſten Male in Reih und Glied ſtand. Die Be— 
ziehungen zum einzelnen Manne ſind mir immer wertvoll geweſen. 
Deshalb ſchätzte ich die Dienſtſtellungen, in denen ich dieſe Beziehungen 
pflegen konnte, beſonders hoch. Meine Tätigkeit als Kompagnie⸗, 
Eskadron- und Batterie-Chef ſowie als Regimentskommandeur iſt 
mir unvergeßlich. 

Bei meinen Soldaten habe ich mich heimiſch gefühlt. Mein un— 
eingeſchränktes Vertrauen gehörte ihnen. Die ſchmerzlichen Er— 
fahrungen des Herbſtes 1918 haben dieſes Vertrauen nicht geſchmälert. 
Ich vergeſſe nicht, daß ein Teil des deutſchen Volkes nach den 
4 Jahren unerhörter Leiſtungen und Entbehrungen zu krank ge— 
worden war, um den Verführungen der äußeren und inneren Feinde 
widerſtehen zu können. Die Beſten deckte zudem der grüne Raſen. 
Der Reſt war durch die unerhörten, nie für möglich gehaltenen Vor— 
gänge der Revolution fo konſterniert, daß er ſich zur Tat nicht auf- 
raffen konnte. 

Die allgemeine Wehrpflicht war die beſte Schule für die körper— 
liche und ſittliche Ertüchtigung unſeres Volkes. Sie ſchuf uns freie, 
ihres Wertes bewußte Männer. Aus dieſen Männern ergänzte ſich 
ein vortreffliches Unteroffizierkorps, und dieſes wieder lieferte uns 
eine Beamtenſchaft, wie ſie in ihrer Tüchtigkeit, Unbeſtechlichkeit und 
Pflichttreue kein anderes Volk der Erde aufzuweiſen hatte. Auch 
gerade aus dieſen Kreiſen bekomme ich jetzt Zeichen der Treue, die 
mir immer wieder wohltun. Meine alte 2. Kompagnie des Erſten 
Garderegiments zu Fuß hat in guten und böſen Tagen an dem Er— 
gehen ihres alten Hauptmanns teilgenommen. Zuletzt ſah ich ſie 


190 


geſchloſſen — noch 125 Mann — unter dem braven Feldwebel Hart- 
mann bei meinem 25jährigen Regierungsjubiläum 1913. 

Das Offizierkorps nahm, entſprechend feiner hohen Aufgabe als 
Erzieher und Führer des Volkes in Waffen, eine beſondere Stellung 
im Staate ein. Die Selbſtergänzung, die mit der Einrichtung der 
Offizierswahl in die Hände der einzelnen Offizierkorps gelegt war, 
verbürgte die notwendige Homogenität. Schädliche Auswüchſe von 
Kaſtengeiſt waren vereinzelt. Wo ſie ſich fühlbar machten, wurden 
fie ſogleich abgeſtellt. Ich habe viel und gern in den Offizierkorps verkehrt 
und mich in ihnen als Kamerad gefühlt. — Gewiß war der materia- 
liſtiſche Zug unſerer Zeit auch am Offizierkorps nicht ſpurlos vor- 
übergegangen. Aber im ganzen muß man ſagen, daß in keinem 
anderen Stande Selbſtzucht, Pflichttreue und Einfachheit ſo gepflegt 
wurden wie in den Offizierkorps. 

Eine Prüfung, wie ſie in keinem anderen Beruf erfolgt, ließ 
nur die Tüchtigſten und Beſten in maßgebende Stellungen gelangen. 
Die kommandierenden Generale waren Männer von hohem Wiſſen 
und Können und — was mehr ſagen will — Charaktere. Es iſt 
ſchwer, aus ihrer Zahl einzelne herauszugreifen. 

Hat meinem Herzen der Frontſoldat auch immer beſonders nahe 
geſtanden, ſo muß ich doch die Schule hervorheben, die der General— 
ſtab für das Offizierkorps bedeutete. Ich erwähnte bereits, daß der 
Generalfeldmarſchall Graf Moltke es verftanden hatte, ſich durch forg- 
fältige Schulung Männer heranzubilden, die nicht nur techniſch auf 
der Höhe fanden, ſondern auch zu verantwortungsfreudiger, ſelb— 
ſtändiger, weitblickender Tätigkeit befähigt waren. „Mehr fein als 
ſcheinen!“ ſteht im Vorwort des „Taſchenbuches für den General— 
ſtabsoffizier“. Zu dieſer Ausbildung hat der Feldmarſchall Graf Moltke 
den Grund gelegt. Seine Nachfolger, Graf Walderſee, der geniale 
große Graf Schlieffen und der General v. Moltke haben auf dieſer 
Grundlage weiter gebaut. Das Ergebnis war der Generalſtab, der 


191 


im Kriege unerreichte Leiſtungen vollbracht hat, auf die die Welt 
mit Bewunderung blickt. 

Früh erkannte ich, daß die denkbar größte Ausgeſtaltung unſerer 
hochentwickelten Technik ein unentbehrliches Hilfsmittel war und 
koſtbares Blut ſparen würde. Wo immer ich konnte, habe ich an 
der Vervollkommnung unſerer Bewaffnung gearbeitet und die Maſchine 
in den Dienſt der Truppe geſtellt. 

Von Neuſchöpfungen ſteht in vorderſter Linie die ſchwere Artillerie 
des Feldheeres, bei deren Schaffung ich ſeinerzeit große Wider— 
ſtände — und merkwürdigerweiſe beſonders in den Reihen der Ar— 
tillerie — zu überwinden hatte. Es iſt mir eine große Genugtuung, 
ſie durchgeſetzt zu haben. Sie hat für die Führung der Operationen 
im großen Stil die Grundlage geſchaffen. Es währte lange, bis 
unſere Gegner den Vorſprung, den wir auf dieſem Gebiet hatten, 
einholen konnten. 

Zu nennen iſt weiter das Maſchinengewehr, das ſich aus be— 
ſcheidenen Anfängen zum Rückgrat der infanteriſtiſchen Kampfkraft 
entwickelt hat. Der Erſatz des Einzelgewehrs durch die Maſchine 
vervielfachte die Feuerkraft unter gleichzeitiger Verminderung der 
Verluſte. 

Nicht unerwähnt laſſen will ich auch die Einführung der fahr— 
baren Feldküche, die ich zuerſt gelegentlich eines Manövers in der 
ruſſiſchen Armee geſehen hatte. Sie war für die Erhaltung der 
Schlagfähigkeit des Heeres von größter Bedeutung, da die Mög— 
lichkeit ausreichender Ernährung unſere Mannſchaft friſch und ge— 
ſund erhielt. 

Alles Menſchenwerk bleibt Stückwerk. Aber man kann ohne 
Übertreibung ſagen, daß die deutſche Armee, die 1914 ins Feld 
zog, ein Inſtrument darſtellte, das ſeinesgleichen nicht gehabt hat. 

Fand ich bei meinem Regierungsantritt die Armee in einer Ver— 
faſſung, bei der auf der vorhandenen Grundlage nur weitergebaut 


192 


zu werden brauchte, ſo war damals noch die Marine in der erſten 
Entwicklung begriffen. 

Nachdem alle erdenklichen Verſuche des Staatsſekretärs Admiral 
Hollmann, den widerſpenſtigen Reichstag zu einer langſam ſich ent— 
wickelnden, ſyſtematiſchen Verſtärkung der deutſchen Seemacht zu be— 
wegen, geſcheitert waren, vornehmlich an den billigen Schlagworten 
des Abgeordneten Richter und an der Verſtändnisloſigkeit der durch 
fie betörten Linksliberalen, bat er mich um feine Entlaſſung. Ich 
gewährte ſie ihm mit Bewegung, da mir der ſchlichte, treue Mann, 
der Sohn einer echten, guten Berliner Bürgerfamilie, mit ſeinem 
aufrichtigen Charakter, ſeinem Pflichtbewußtſein und ſeiner Anhäng— 
lichkeit wert geworden war. Mein auf dieſer Wertſchätzung beruhen— 
des Verhältnis zu ihm hat bis zu des Admirals plötzlichem Tode 
noch viele Jahre hindurch weiter beſtanden und mich oft veranlaßt, 
den treuen Mann mit dem prächtigen Berliner Witz ſowohl in ſeinem 
Hauſe aufzuſuchen und dort mit den Herren des Vorſtands der Deut— 
ſchen Orient-Geſellſchaft zu verkehren, wie auch ihn im kleinen Kreife 
bei mir zu ſehen oder als geſchätzten Reiſebegleiter mitzunehmen. Er 
iſt einer der treueſten meiner Getreuen geweſen, ſich ſtets gleichbleibend 
in ſeiner Selbſtloſigkeit, niemals etwas für ſich verlangend. Glücklich 
die Stadt, die ſolche Bürger hervorbringen kann! Ich bewahre die— 
ſem bewährten Vertrauten ein dankbares Andenken. 

Admiral Tirpitz wurde Hollmanns Nachfolger. Er war bei 
ſeinen erſten Vorträgen, die den Grund zum erſten Flottengeſetz 
legten, mit mir vollkommen darüber im reinen, daß der Flotten— 
bau auf die bisherige Art und Weiſe im Reichstage nicht zur An— 
nahme zu bringen ſei. Wie ſchon hervorgehoben, war die Oppoſition 
unüberzeugbar. Der Ton, in dem die von Richter geführten Debatten 
ſich abſpielten, war des Ernſtes des Gegenſtandes unwürdig. Es 
ſei daran erinnert, daß die durch die Polen unter Herrn v. Koſcielski 
durchgebrachte Korvette im Haufe ſpottweiſe „Koscielska“ getauft 


13 Kaiſer Wilhelm II. 193 


wurde. Man entblödete ſich nicht, mit Spott zu operieren, während 
es ſich um die Zukunft des Vaterlandes handelte. Das mußte 
anders werden. Der Vertreter der Marine mußte ſowohl am Re⸗ 
gierungstiſch wie im Haufe eine geſchloſſene Phalanx hinter ſich 
haben, die ſich aus Überzeugung energiſch für ihn und die Sache 
einſetzte. Deshalb war es nötig, daß die in rebus navalibus noch 
ziemlich unkundigen Reichsboten erſt einmal mit den Einzelheiten 
der großen Aufgabe vertraut gemacht wurden. Ferner galt es, eine 
allgemeine Bewegung im Volke auszulöſen, das noch gleichgültige 
„große Publikum“ für die Marine zu intereſſieren und zu erwärmen, 
damit aus dem Volke ſelbſt heraus ein Druck auf die Abgeordneten 
erfolgte. Dazu war eine energiſche Propaganda durch eine gut or⸗ 
ganifierte und geleitete Preſſe ſowie durch bedeutende Männer der 
Wiſſenſchaft von den Univerſitäten und Techniſchen Hochſchulen 
erforderlich. 

Die ganze Behandlung der Materie im Reichstage mußte von 
Grund aus geändert werden. Die Zänkereien über einzelne Schiffe 
und Docks mußten wegfallen. Beim Militäretat wurde ja auch 
nicht über den Beſtand der Armee verhandelt, wenn nicht Neufor- 
mationen in Frage ſtanden. Daher mußte auch der Beſtand der 
Flotte, wie der der Armee, ein für allemal geſetzlich fixiert und da⸗ 
durch ihre Daſeinsberechtigung anerkannt und geſchützt werden, ihre 
Einheiten mußten ein für allemal der Debatte entzogen ſein. Ferner 
mußten ſowohl das Offizier- wie das Unteroffizierkorps verſtärkt 
und ausgebildet werden, um für den Dienſt auf den neuen Schiffen 
bereit zu fein. Im Anfang meiner Regierung traten jährlich höch⸗ 
ſtens 60 - 80 Kadetten ein, in den letzten Jahren vor dem Kriege 
meldeten ſich mehrere Hundert zum Eintritt. Zwölf koſtbare Jahre 
waren durch das Verſagen des Reichstags verloren. Sie waren nicht 
wieder einzubringen, da eine Flotte noch viel weniger als eine Armee 
im Handumdrehen geſchaffen werden kann. 


194 


Das Ziel, deſſen Erreichung erftrebt werden follte, war in dem 
Paſſus des Geſetzes enthalten, der den „Riſikogedanken“ zum Aus druck 
brachte. Auch die ſtärkſte gegneriſche Flotte ſollte es ſich ernſtlich 
überlegen, ehe ſie ſich mit der deutſchen einließ, aus Rückſicht auf die 
durch den Kampf zu befürchtenden ſchweren Verluſte, die den Gegner 
in die Gefahr brachten, für andere Aufgaben zu ſchwach zu werden. 
Beim Skagerrak hat der „Riſikogedanke“ ſich glänzend bewährt. 
Der Feind hat trotz ſeiner ungeheuren Überlegenheit keine zweite 
Schlacht mehr gewagt. Trafalgar war ſchon verblaßt, ſeine Lor⸗ 
beeren durften nicht ganz zerzauſt werden. 

Als Grundlage für das Flottengeſetz wurde die Zahl der vor= 
handenen Einheiten (Schiffe) — es handelte ſich vornehmlich um 
Linienſchiffe — genommen, obwohl dieſe mit Ausnahme der vier 
Schiffe der Brandenburg⸗Klaſſe nicht viel mehr als altes Eiſen wert 
waren. 

Das Flottengeſetz iſt von vielen Laien als eine Flottenvermeh⸗ 
rung — den Zahlen nach — angeſehen worden. In Wirklichkeit war 
das ein Trugſchluß. Denn die ſogenannte beſtehende Flotte war 
überhaupt gar keine Flotte mehr, ſie ſtarb — wie Hollmann bei 
ſeinem Abgange ſagte — langſam an Altersſchwäche dahin, ſie wies 
faft die älteſten Schiffe auf, die ſich in ganz Europa noch im aktiven 
Dienſte befanden. 

Als nun das Flottengeſetz allmählich wirkſam wurde, eine rege 
Bautätigkeit einſetzte und Stapelläufe regiſtriert wurden, da freuten 
ſich die Leute, die von der „rage du nombre“ beherrſcht waren, 
über die wachſende Zahl der Schiffe. Als ihnen aber dann klar 
gemacht werden mußte, daß, wenn die neuen Schiffe erſt fertig ſeien, 
die alten ſofort ausfallen müßten, ſo daß de facto die Zahl der 
Schiffe mit Kampfwert ſich zunächſt nicht vermehrte, waren ſie ent⸗ 
täuſcht. Wären in den verlorenen 12 Jahren rechtzeitig die not⸗ 
wendigen Schiffbauten ausgeführt worden, ſo hätte das Flotten⸗ 


13% 195 


gefeg eine ganz andere, brauchbare Baſis vorgefunden. Wie die 
Dinge ſetzt lagen, handelte es ſich tatſächlich um einen völligen Neu— 
bau der ganzen deutſchen Flotte überhaupt, die hohe Zahl der Schiffe, 
bei der die notwendig auszurangierenden mitgezählt wurden, war 
bloß Schein. Darum errechneten ſich die Engländer, die nur zählten 
— weil das für die Propaganda gegen Deutſchland paßte —, nicht 
aber Alter oder Typ der Schiffe berückſichtigten, eine viel zu hohe 
Schiffszahl und nährten durch ſolche irreführende Angaben künſtlich 
die ſogenannte Sorge vor dem Wachſen der deutſchen Flotte. 

Admiral Tirpitz ging nun nach dem von mir genehmigten Pro— 
gramm ans Werk. Mit eiſerner Energie und rückſichtsloſem Einſatz 
ſeiner Kräfte und Geſundheit wußte er bald Fluß und Schwung in 
die Flottenfrage zu bringen. Auf meinen Befehl begab er ſich auch 
mit dem Entwurf zum Flottengeſetz nach Friedrichsruh zum Fürſten 
Bismarck, um dieſen von der Notwendigkeit einer deutſchen Seemacht 
zu überzeugen. 

Die Preſſe wirkte zur Vorbereitung der Einbringung des Flotten— 
geſetzes eifrig mit, und Nationalökonomen, Handelspolitiker uſw. 
ſtellten ihre Federn in den Dienſt der großen vaterländiſchen Sache, 
deren Notwendigkeit nun doch allmählich in weiten Kreiſen erkannt 
wurde. 

Inzwiſchen halfen auch die Engländer — wenn auch gänzlich un— 
beabſichtigt — mit, die Chancen für die Annahme des Flottengeſetzes 
zu vergrößern. Der Burenkrieg war ausgebrochen und hatte im 
deutſchen Volke große Sympathien für den kleinen Staat und Ent— 
rüſtung über ſeine Vergewaltigung ausgelöſt. Da kam die Nach— 
richt von der gänzlich unberechtigten Aufbringung zweier deutſcher 
Dampfer an der oſtafrikaniſchen Küſte durch engliſche Kriegsſchiffe. 
Die Empörung war allgemein. Die Nachricht vom Aufbringen des 
zweiten Dampfers erhielt der Staatsſekretär Graf Bülow gerade 
als Tirpitz und ich zufällig bei ihm waren. Sobald Bülow die 


196 


Depeſche vorgeleſen hatte, zitierte ich das alte engliſche Sprichwort: 
It's an ill wind that blows nobody good«*), und Tirpitz rief aus: 
„Jetzt haben wir den Wind, den wir brauchen, um unſer Schiff 
in den Hafen zu bringen, das Flottengeſetz geht durch. Euere 
Maſeſtät müßten dem engliſchen Kommandanten noch einen Orden 
verleihen, zum Dank für die Durchbringung des Flottengeſetzes.“ 
Der Reichskanzler beſtellte Sekt, und ſo tranken wir drei mit Dank 
an die engliſche Marine, die ſich ſo hilfreich erwieſen, in hellem Ver— 
gnügen auf das Geſetz, ſeine Annahme und die zukünftige deutſche 
Flotte. 

Viele Jahre ſpäter ſpeiſte ich auf der Rückreiſe von Lowther 
Caſtle, wo ich beim Lord Lonsdale zur Jagd geweſen war, auf Ein— 
ladung von Lord Roſebery — dem großen liberalen Politiker und 
früheren auswärtigen Miniſter, auch bekannten Napoleonforſcher —, 
in deſſen ſchönem, nicht weit von der gewaltigen Forthbrücke am Meer 
gelegenen Landhaus Dalmeny Caſtle. Unter den Gäſten befand ſich 
u. a. der aus dem Burenkrieg bekannte General Sir Jan Hamilton 
(ein Schotte), den ich im Kaifermanöver als Gaſt kennen gelernt 
hatte, der Lord Provoſt (Bürgermeiſter) von Edinburg und ein 
Kapitän der engliſchen Flotte, der Kommandant der dortigen Naval 
Station war. 

Letzterer ſaß neben Admiral Freiherrn v. Senden mir ſchräg 
gegenüber und fiel mir durch ſein merkwürdig verlegenes Weſen auf, 
das er während feiner halblaut mit dem Admiral geführten Kon— 
verſation an den Tag legte. Nach Tiſch ſtellte Freiherr v. Senden 
mir den Kapitän vor, wobei dieſer vor Verlegenheit ſich noch lin— 
kiſcher benahm und durch den unruhigen Ausdruck ſeiner Augen in 
ſeinem blaſſen Geſicht meine Aufmerkſamkeit erweckte. Nachdem die 
Unterhaltung über verſchiedene maritime Dinge beendet war, fragte 


*) „Kein Wind iſt fo ſchlecht, daß er nicht irgend jemand etwas Gutes brächte.“ 
197 


ich den Freiherrn v. Senden, was eigentlich mit dem Manne los 
ſei. Der Admiral lachte und ſagte, er habe bei Tiſch aus ſeinem 
Nachbarn herausgebracht, daß er der Kommandant geweſen ſei, der 
die beiden deutſchen Dampfer im Burenkrieg gekapert habe, nun 
habe er Angſt, daß ich das erfahren könne. Senden habe ihm aber 
geſagt: da irre er ſich total, wenn Seine Majeftät erfahren würde, 
wer er fei, dann könne er ſicher darauf rechnen, daß er ſehr gut be= 
handelt und noch Dank ernten werde. „Dank? Wofür?“ lautete des 
Briten Frage. „Dafür, daß Sie dem Kaiſer das Zuſtandekommen 
des Flottengeſetzes ſo ſehr erleichtert haben!“ — 

Eine Hauptſache für die Durchführung des Flottengeſetzes — wie 
auch bei allen ſpäteren Novellen und für die ganze Bauentwicklung 
überhaupt — war die Frage, ob die deutſche Schiffbauinduſtrie in 
der Lage ſein werde, mit dem Programm Schritt zu halten und es 
überhaupt durchzuführen. Auch hier ſetzte Admiral v. Tirpitz mit 
raſtloſer Energie ein. Die deutſchen Werften gingen, von ihm er- 
muntert und angefeuert, mit deutſchem Wagemut getroſt an die große 
Aufgabe heran. Sie haben dieſe geradezu glänzend gelöſt und dabei 
ihre ausländiſchen Konkurrenten weit überholt. Das vorzügliche 
techniſche Können der deutſchen Ingenieure ſowie die beſſere Bil— 
dung des deutſchen Arbeiterſtandes kamen hierbei zur vollen Gel— 
tung. 

Beratungen, Konferenzen, Vorträge bei mir, Dienſtreiſen nach 
allen Werften waren für Tirpitz, den unermüdlichen, das tägliche 
Brot. Aber die gewaltige Mühe und Arbeit wurde reich belohnt. 
Das Volk wachte auf, fing an, über den Wert der Kolonien (eigene 
Rohſtoffverſorgung ohne Vermittlung des Auslandes!) und Handels⸗ 
beziehungen nachzudenken und ſich für Handel, Schiffahrt und 
Reederei uſw. zu erwärmen. Die ſpottlüſterne Oppoſition unterließ 
ſchließlich ihre Witze. Tirpitz führte ſchlagfertig eine ſcharfe Klinge 
im Gefechte, ſpaßte nicht und ließ nicht mit ſich ſpaßen, ſo daß den 


198 


Gegnern das Lachen verging. Beſonders dem Abgeordneten Richter 
erging es übel, als Tirpitz ihn mit einem patriotiſchen Wort aus 
den 40er Jahren vom alten Harkort — deſſen Wahlkreis Richter ver⸗ 
trat — über die Notwendigkeit einer deutſchen Flotte glänzend abführte 
und auf den Sand ſetzte. Da lachte die andere Seite des Hauſes. 

So kam der große Tag. Das Geſetz ward nach Kampf und 
Reden mit großer Maforität angenommen. Der Beſtand der deut⸗ 
ſchen Flotte war geſichert, der Flottenbau war unter Dach. 

Durch Bau und erhöhte Indienſthaltung kam nun bald ein Ge⸗ 
ſchwader zuſtande. Um dasſelbe zu manövrieren, zu führen und aus⸗ 
zubilden bedurfte es eines neuen Reglements und Signalbuches, 
bei meinem Regierungsantritt war es nur für eine Diviſion — vier 
Schiffe — ausgearbeitet, weil damals mehr Einheiten in der deut⸗ 
ſchen Flotte nicht zuſammenfuhren, d. h. in Dienſt gehalten wurden. 
Und ſelbſt dieſe ſtellten im Herbſt außer Dienſt, ſo daß die deutſche 
Flotte im Winter (abgeſehen von den Auslandskreuzern) eigentlich 
überhaupt nicht exiſtierte. Alle Mühe, die im Sommerhalbjahr 
auf die Ausbildung der Mannſchaften, Offiziere, Unteroffiziere, des 
Maſchinen⸗ und Heizerperſonals wie auf Takelage und Haltung der 
Schiffe verwendet wurde, ging mit der Außerdienſtſtellung im Herbſt 
wieder verloren. Im Frühjahr bei der Indienſtſtellung mußte wieder 
ganz von vorn angefangen werden. Die Folge davon war, daß 
eine Kontinuität in der Ausbildung, ein engerer Zuſammenhang der 
Beſatzung untereinander ſowie zum Schiff — mit einem Wort der 
„Schiffsgeiſt“ — überhaupt nicht aufrecht zu erhalten war. Nur 
bei den Auslandskreuzern, die auf Station waren, war das der 
Fall. So befahl ich nach Einbau der nötigen Heizungen u. dgl. 
die Indienſthaltung auch für den Winter, was eine wahre Wohltat 
für die Entwicklung der Flotte war. 

Um die nötige Zahl an Einheiten zuſammen zu bekommen, die für 
die Neubearbeitung des Reglements nötig waren, hatte Admiral 


199 


Tirpitz ſchon früher alle vorhandenen Schifftypen — inkluſive Ka— 
nonenboote und Aviſos — in Ermangelung von Linienſchiffen zu 
„markierten“ Diviſionen zuſammenziehen und mit ihnen evolutio— 
nieren laſſen, ſo daß, als der Nachſchub von Linienſchiffen in Er— 
ſcheinung trat, der Grund zum Reglement bereits gelegt war. Dieſes 
wurde nun mit größtem Eifer durch Mitwirkung aller beteiligten 
Inſtanzen ſtändig weiter ausgebaut und hielt mit dem Wachstum 
der Flotte Schritt. 

An der Ausgeſtaltung der wichtigen Torpedowaffe wurde mit 
Eifer gearbeitet. Es erfüllte uns ſeinerzeit mit freudigem Stolz, daß 
eine deutſche Torpedoboots-Diviſion der erſte geſchloſſene Torpedo— 
boots⸗Verband war, der die Nordſee durchquerte: Sie fuhr unter 
dem Kommando meines Bruders, des Prinzen Heinrich, zu den 
Feſtlichkeiten anläßlich des 50 jährigen Regierungsjubiläums der 
Königin Victoria (1887). 

Auch der Ausbau Helgolands und ſeiner Befeſtigungen zu einem 
Stützpunkt für kleine Kreuzer und Torpedoboote, ſowie ſpäter für 
U-Boote, wurde in die Hand genommen, nachdem die nötigen 
Schutzbauten zur Erhaltung der Inſel von Staatswegen geleiſtet 
worden waren, wobei das Reich und Preußen ſich gründlich zankten. 

Durch das Wachstum der Flotte wurde die Verbreiterung des 
Kaiſer Wilhelm-Kanals erforderlich. Nach energiſchen Kämpfen 
ſetzten wir für die neuen Schleuſen die größtmöglichen Abmeſſungen 
durch, die der Entwicklung des „Dreadnoughts“ auf lange Zeit Rech— 
nung trugen. Hierbei hat die weiſe Vorausſicht des Admirals ſich 
glänzend bewährt. Das fand eine unerwartete Beſtätigung durch 
einen Fremden. Der Oberſt Goethals, Erbauer des Panamakanals, 
erbat durch die amerikaniſche Regierung die Erlaubnis, den Kaiſer 
Wilhelm-Kanal und ſeine neuen Schleuſen beſichtigen zu dürfen. 
Sie wurde ihm bereitwilligſt erteilt. Nach einem Eſſen bei mir mit 
Admiral v. Tirpitz fragte der Admiral den von unſeren Bauten 


200 


fehr begeiſterten amerikaniſchen Ingenieur nach den Abmeſſungen der 
Panamaſchleuſen. Es ergab ſich, daß die Schleuſen des Panama— 
kanals bedeutend geringere Abmeſſungen hatten als die des Kaiſer 
Wilhelm-Kanals. Auf meine erſtaunte Frage, wie das möglich ſei, 
erwiderte Goethals, das Naval-Department habe auf feine Anfrage 
die Maße für die Linienſchiffe ſo angegeben. Admiral v. Tirpitz 
bemerkte darauf, daß dieſe Maße für die Zukunft bei weitem nicht 
ausreichend ſeien und die neueren „Dreadnoughts“ und „Super— 
dreadnoughts“ die Schleuſen nicht würden paſſieren können, mithin 
werde der Kanal bald für amerikaniſche und andere Großkampf— 
ſchiffe unbenützbar ſein. Der Oberſt gab zu, daß dieſer Fall bei 
den neueſten auf Stapel geſetzten Typen bereits eingetreten ſei und 
gratulierte Seiner Exzellenz, daß er den Mut gehabt hatte, die 
großen Schleuſen beim Kaiſer Wilhelm-Kanal anzufordern und durch— 
zuſetzen, die er mit Bewunderung und Neid geſehen habe. 

Ebenſo wurden die ſehr zurückgebliebenen und veralteten Kaiſer— 
lichen Werften (die alten „Klempnerwerkſtätten“, wie Tirpitz ſie 
nannte) zu modernen Muſterbetrieben um- und ausgebaut und 
auch ihre ſozialen Einrichtungen für das Wohl der Arbeiter muſter— 
gültig entwickelt. Nur wer, wie ich, die Entſtehung und Entwicklung 
aller dieſer Faktoren, die zum Aufbau — eigentlich Neuſchöpfung 
— der Flotte notwendig waren, von den erſten Anfängen an verfolgt 
und miterlebt hat, kann ſich ein einigermaßen zutreffendes Bild von 
der enormen Arbeitsleiſtung des Admirals v. Tirpitz wie ſeiner ge— 
ſamten Behörde machen. 

Auch die Behörde Reichsmarineamt war eine Neuſchöpfung. 
Seit der Aufhebung des alten „Oberkommandos“ ftanden die beiden 
Hauptzweige der Marineleitung: Admiralſtab und Reichsmarineamt, 
ſelbſtändig nebeneinander und (wie bei der Armee) unmittelbar unter 
dem Oberſten Kriegsherrn, ſodaß ſich keine Zwiſcheninſtanz mehr zwi— 
ſchen dem Kaiſer und ſeiner Marine befand. 


201 


Als Admiral Fiſher für die englifhe Flotte, überfallartig die 
Welt überraſchend, mit der „Dreadnought“ einen völlig neuen Typ 
erdacht hatte und damit für England endgültig eine unerreichbare 
Übermacht geſchaffen zu haben glaubte, der die übrigen Wächte 
ähnliches entgegen zu ſetzen nie imſtande ſein würden, waren natur⸗ 
gemäß alle Marinegemüter in großer Bewegung. Allerdings war 
der Gedanke nicht von Fiſher ausgeheckt, ſondern ſtammte — mehr 
in Form einer Anregung an die Konſtrukteure der Welt — von 
dem berühmten ſtalieniſchen Ingenieur Cuniberti, der eine Entwurfs⸗ 
ſkizze im Illuſtrierten Flottenatlas von Fred Jane veröffentlicht 
hatte. Ich war bei der erſten Beſprechung über die Einführung des 
„Dreadnought'“-Typs (Großkampfſchiff) ſeitens Englands fofort mit 
Admiral v. Tirpitz darin einig, daß durch ihn ſämtliche „Prä⸗ 
Dreadnoughts“ entwertet und außer Kurs geſetzt wären, insbeſon⸗ 
dere die deutſchen Schiffe, die der Abmeſſungen unſerer alten 
Schleuſen halber ſtets weſentlich kleiner hatten gehalten werden 
müſſen, als die der anderen Flotten, beſonders der engliſchen. 
Admiral v. Tirpitz machte darauf aufmerkſam, daß jener Geſichts⸗ 
punkt natürlich auch für die engliſche Flotte ſelbſt gelte, ſobald die 
anderen Staaten Fiſher's Beiſpiel folgen würden. Damit habe 
England ſelbſt das ungeheure Prä-Dreadnought-Matertal, auf dem 
feine gewaltige Überlegenheit beruhte, entwertet und müſſe nun von 
vorn anfangen, eine ganze neue Flotte von Großkampfſchiffen zu 
bauen, im Konkurrenzkampf gegen die ganze Welt, die dasſelbe tun 
werde. Das werde enorm teuer werden. Und in Großkampfſchiffen 
den berüchtigten „Zwei Mächte-Standard“ aufrecht zu erhalten, 
werde England ſolche Ausgaben verurſachen, daß es noch mehr wie 
bisher neidiſch auf die Neubauten anderer, denen es mißgünſtig ge⸗ 
ſinnt ſei, ſehen und ſich agitatoriſch gegen ſie wenden werde. Das 
gelte beſonders von uns. Das helfe aber nichts. Mit den fetzigen 
Typen unſerer Flotte ſeien Großkampfſchiffe nicht mehr zu be— 


202 


kämpfen, wir feien gezwungen, nolens volens auf dieſem Gebiete 
zu folgen. Der Krieg hat Admiral v. Tirpitz durchaus Recht ge⸗ 
geben. Sämtliche Nichtgroßkampfſchiffe mußten außer Dienſt ges 
ſtellt werden. 

Als das erſte deutſche Großkampfſchiff in Dienſt geſtellt wurde, 
erhob ſich großer Lärm im Britenland. Es wurde allmählich be⸗ 
kannt, daß Fiſher und ſeine Konſtrukteure feſt darauf gerechnet 
hatten, Deutſchland könne keine Großkampfſchiffe bauen. Um ſo 
größer war nun die Enttäuſchung. Jene Annahme iſt unverſtänd⸗ 
lich. Denn ſchon damals hatte der deutſche Schiffbau die großen 
Schnelldampfer — an Tonnengehalt unſeren Linienſchiffen weit 
überlegen — gebaut, die den engliſchen Linien eine ſchmerzlich fühl— 
bare Konkurrenz machten. Unſere Großkampfſchiffe haben ſich beim 
Skagerrak den engliſchen Gegnern nicht nur gleichwertig, ſondern 
überlegen gezeigt ſowohl an Schwimmfähigkeit wie im Vertragen 
von Treffern. 

Der U-Bootbau konnte vor dem Kriege leider nicht fo gefördert 
werden, wie es meinem Wunſche entſprochen hätte. Einerſeits ſollte 
der Marineetat während der Ausführung des Flottengeſetzes nicht allzu 
ſehr belaſtet, vor allem aber ſollten erſt noch mehr Erfahrungen ge— 
ſammelt werden. Tirpitz war der Anſicht, daß die Typen, mit denen 
andere Staaten ihre Verſuche machten, zu klein, nur zur Küftenver- 
teidigung geeignet ſeien. Deutſchland müſſe „ſeegehende“, das freie Meer 
halten könnende Boote bauen. Dazu ſei ein großer Typ nötig, der 
müſſe aber erſt ſyſtematiſch entwickelt werden. Das nahm lange 
Zeit in Anſpruch und verlangte viele eingehende Verſuche mit 
Modellen. So kam es, daß 1914 zunächſt nur eine geringe Zahl 
von ſeefertigen Booten vorhanden war. Immerhin hätte man auch 
mit den vorhandenen Kräften noch mehr auf England drücken 
können, wenn der Kanzler nicht ſo beſorgt geweſen wäre, England 
dadurch zu reizen. Die Zahl und Leiſtungsfähigkeit der Boote iſt 


203 


dann während des Krieges raſch gewachſen. Bei der Wertung der 
Zahlen muß man aber immer beachten, daß im Kriege zu rechnen 
iſt: /] in Aktion, /½ auf Hin- und Rückfahrt, / in Reparatur. 
Die Leiſtungen der U-Boote haben ſich die Bewunderung der ganzen 
Welt und den heißen Dank des Vaterlandes erworben. 

Unvergeſſen muß dem Admiral v. Tirpitz die großartig ge— 
lungene Schöpfung der Handelskolonie Tſingtau bleiben. Hier be— 
währte ſich fein glänzendes Talent für Adminiſtration und Organi— 
ſation auf allen Gebieten. Sie haben aus dem Ort, der vorher 
faſt unbekannt und ganz bedeutungslos war, einen Handelsplatz 
geſchaffen, der in wenigen Jahren einen Handelsumſatz von 50 bis 
60 Millionen bewältigte. 

Der aus ſeiner amtlichen Stellung ſich ergebende Verkehr mit 
Parlamentariern, der Preſſe und den Kreiſen der Großinduſtrie 
und des Welthandels erhöhte mit der Zeit das Intereſſe des 
Admirals an politiſchen Vorgängen, insbeſondere an den auswär— 
tigen Fragen. Bei ſolchen mußte ſa immer mit der Verwendung 
von Schiffen gerechnet werden. Der klare Weitblick des das Aus— 
land von ſeinen Reiſen kennenden Seemanns befähigte Tirpitz zu 
raſchen Entſchlüſſen, die ſein feuriges Temperament gern ſchnell in 
die Tat umgeſetzt ſehen wollte. Der Widerſtand und das lang— 
ſame Arbeiten der Beamtengeiſter vermochten ihn ſtark zu reizen. 
Eine gewiſſe, durch mancherlei Erfahrungen vielleicht beſtärkte, Neigung 
zum Mißtrauen verführte ihn öfters dazu, berechtigten oder unbe— 
rechtigten Verdacht gegen einzelne Menſchen zu hegen. Das gab 
Tirpitz etwas ſtark Zurückhaltendes in ſeinem Weſen und „hemmte 
des Herzens freudige Bewegung” bei anderen. Auch konnte er, 
wenn er auf Grund neuer Überlegungen oder neuer Tatſachen ſeinen 
bisher vertretenen Standpunkt änderte, ſeine neue Anſicht recht ent— 
ſchloſſen geltend machen. Daraus reſultierte, daß das Zuſammen— 
arbeiten mit ihm ſich nicht immer ganz amön und leicht geſtaltete. 


204 


Die gewaltigen Erfolge feiner Leiſtungen, auf die er mit Recht ſtolz 
war, verliehen ihm ein Gefühl der Macht ſeiner Perſönlichkeit, das 
auch ſeine Freunde zuweilen ſpüren mußten. 

Während des Krieges gewann die politiſche Ader bei Tirpitz ſo 
ſehr die Oberhand, daß es ſchließlich zu Differenzen kam, die letzten 
Endes zu ſeinem Ausſcheiden führten. Denn der Reichskanzler 
v. Bethmann verlangte die Entlaſſung des Großadmirals mit dem 
Hinweiſe, daß die Reichsſtaatsſekretäre feine Untergebenen ſeien, 
und daß die Politik von ihm allein geführt werden müſſe. 

Schweren Herzens ließ ich dieſen tatkräftigen, willensſtarken 
Mann gehen, der meine Pläne in genialer Weiſe durchgeführt hat 
und mir ein unermüdlicher Mitarbeiter geweſen iſt. Meines Kaifer- 
lichen Dankes wird Tirpitz ſtets ſicher ſein. Es iſt nur zu wünſchen, 
daß dieſe Kraft dem in Not und Bedrängnis befindlichen armen 
deutſchen Vaterland bald wieder helfend zur Seite ſtehen möge. 
Sie wird können und wagen, was viele andere nicht wagen. Jeden— 
falls gilt vom Admiral v. Tirpitz das Dichterwort: Höchſtes Glück 
der Erdenkinder iſt doch die Perſönlichkeit! 

Die Kritik, die der Großadmiral in ſeinem leſenswerten Buche 
an mir üben zu müſſen glaubt, kann mein Urteil über ihn nicht 
beeinträchtigen. 


205 


Ken Re eee e e ee 
In 1 Wan at NN A 

e , ene re ee 
re ee ene e een e 
rn 11 re eee ee HET nenne 
Dre ER be, 


een Ar en Hy Ng 3 


4 N 700 
Winne Ne 1 Mini. RE N 1 
. Sa 
1 N e NN 189 Pau ir nAnN Brit g 28 


e * 2 


FR Ti i 1 Tan 1% Ich 1 ET. arg if 
N u ea ee 
ve Re AN n 6 


sn j Weng 1 7 * n — 


vr are L 1 Aar 5 t 9 IE 1 160 
N * Mae, gie gie 
N. HE TR ri 1 Br ri 


9 114 4 . 
aD ‘ 1 9 7 iu 920 
" ö * in N N Int IE 
4 
* « \ 7 
8 e al 
u N Al wur { m 
| 95580 r eee e 
K 45 u 


Kriegsausbruch 


SI dem Eintreffen der Nachricht von der Ermordung meines 
Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, gab ich die Kieler 
Woche auf und reiſte nach Hauſe, weil ich beabſichtigte, mich zu der 
Beiſetzung nach Wien zu begeben. Von dort wurde ich aber gebeten, 
von dieſem Vorhaben abzuſtehen. Nachträglich hörte ich, daß hier⸗ 
für u. a. auch die Rückſicht auf meine perſönliche Sicherheit mitge- 
ſprochen habe, die ich natürlich zurückgewieſen haben würde. In 
tiefer Sorge über die Wendung, die die Dinge nehmen konnten, 
beſchloß ich nun, meine geplante Nordlandreiſe aufzugeben und zu 
Haus zu bleiben. Der Reichskanzler und das Auswärtige Amt 
waren der entgegengeſetzten Auffaſſung und wünſchten gerade, ich 
ſolle die Reiſe ausführen, weil das auf ganz Europa eine beruhigende 
Wirkung ausüben werde. Ich habe mich lange dagegen geſträubt, 
angeſichts der unſicheren Zukunft mein Land zu verlaſſen. Aber der 
Reichskanzler v. Bethmann erklärte mir kurz und bündig, wenn 
ich den nun einmal ſchon bekannten Reiſeplan fetzt noch aufgeben 
würde, ſo werde das dazu führen, die Lage ernſter erſcheinen zu 
laſſen, als ſie bisher ſei, und möglicherweiſe zum Ausbruch des 
Krieges beitragen, für den ich dann verantwortlich gemacht werden 
könne. Alle Welt warte nur auf die erlöſende Nachricht, daß ich 
trotz der Lage ruhig auf Reiſen gegangen ſei. Ich konferierte mit 
dem Chef des Generalſtabes darüber, als auch dieſer eine ruhige 
Auffaſſung der Lage zeigte und ſelbſt um Sommerurlaub nach Karls— 
bad bat, entſchloß ich mich ſchweren Herzens abzufahren. 

Der vielbeſprochene ſogenannte Potsdamer Kronrat vom 5. Juli 
hat in Wirklichkeit niemals ſtattgefunden. Er iſt eine Erfindung 


14 Kaiſer Wilhelm II. 209 


Böswilliger. Ich habe ſelbſtverſtändlich vor meiner Abreiſe, wie das 
immer zu geſchehen pflegte, einzelne Miniſter empfangen, um mir 
über den Stand ihrer Reſſort-Angelegenheiten Bericht erſtatten zu 
laſſen. Auch ein Miniſterrat hat nicht getagt, und von Kriegsvor— 
bereitungen iſt bei keiner einzigen Beſprechung die Rede geweſen. 

Meine Flotte lag, wie auf der Erholungs-Sommerreiſe üblich, 
in den norwegiſchen Fjorden. Ich wurde während des Aufenthaltes 
in Balholm vom Auswärtigen Amt nur ſpärlich mit Nachrichten 
verſehen und war hauptſächlich auf die norwegiſche Preſſe angewieſen, 
aus der ich zu erkennen glaubte, daß die Lage ernſter wurde. Ich 
telegraphierte wiederholt an Kanzler und Auswärtiges Amt, daß ich 
es für ratſam hielte, nach Hauſe zurückzukehren, wurde aber jedes— 
mal gebeten, meine Reiſe nicht abzubrechen. Als ich erfuhr, daß 
die engliſche Flotte nach der Revue von Spithead nicht ausein— 
andergegangen, ſondern konzentriert geblieben war, telegraphierte ich 
nochmals nach Berlin, daß ich meine Rückkehr als nötig anſehe. Meine 
Auffaſſung wurde dort nicht geteilt. Als mir dann aber aus der 
norwegiſchen Preſſe — nicht etwa von Berlin aus — zunächſt das 
öſterreichiſche Ultimatum an Serbien und gleich darauf die ſerbiſche 
Note an Oſterreich bekannt wurde, trat ich ohne weiteres die Heim— 
reiſe an und befahl der Flotte, nach Wilhelmshaven zu gehen. Bei 
der Abfahrt erfuhr ich aus norwegiſcher Quelle, daß ein Teil der 
engliſchen Flotte heimlich nach Norwegen ausgelaufen ſein ſollte, um 
mich (noch im Frieden!) abzufangen. 

Es iſt bezeichnend, daß dem engliſchen Botſchafter Sir Edward 
Goſchen am 26. Juli im Auswärtigen Amt erklärt wurde, die von 
mir aus eigenem Antriebe angetretene Rückreiſe ſei bedauerlich, da 
dadurch aufregende Gerüchte entſtehen könnten. 

In Potsdam eingetroffen, fand ich den Kanzler und das Aus— 
wärtige Amt im Konflikt mit dem Chef des Generalſtabes, weil 
General v. Moltke die Anſicht vertrat, der Krieg werde unbedingt 


210 


ausbrechen, während die beiden erfteren feſt auf ihrer Auffaſſung 
beſtanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde ſich ver— 
meiden laſſen, wenn ich nur nicht mobil machen ließe. Dieſer Streit 
dauerte die ganze Zeit über an. Erſt als General v. Moltke mel- 
dete, daß die Ruſſen bereits ihre Grenz-Kordon-Häuſer angeſteckt, 
die Grenzbahngeleiſe aufgeriſſen und rote Mobilmachungszettel an— 
geſchlagen hätten, ging auch den Diplomaten in der Wilhelmſtraße 
ein Licht auf. Ihre Widerſtandskraft und ſie ſelbſt brachen zuſammen. 
Sie hatten an den Krieg nicht glauben wollen. 

Hieraus geht deutlich hervor, wie wenig wir im Juli 1914 auf 
den Krieg gefaßt waren, geſchweige denn, daß wir ihn vorbereitet 
hätten. Als im Frühjahr 1914 Zar Nikolaus II. von ſeinem Hof— 
marſchall über fein Frühjahrs- und Sommer-Programm befragt wurde, 
antwortete er: „Je resterai chez moi cette anne, parce que 
nous aurons la guerre.”*) (Dieſe Tatſache ſoll dem Reichskanzler 
v. Bethmann gemeldet worden ſein, ich habe damals nichts davon 
gehört und ſie erſt im November 1918 erfahren.) Das iſt derſelbe 
Zar, der mir zu zwei verſchiedenen Malen, in Björkö und in Bal— 
tiſch⸗Port, ganz unaufgefordert und für mich überraſchend fein feier— 
liches Ehrenwort (word of honour of a sovereign), durch Handſchlag 
und Umarmung bekräftigt, gegeben hat: er werde aus Dankbarkeit 
für die treue und freundnachbarliche Haltung des Deutſchen Kaiſers 
im ruſſiſch⸗japaniſchen Kriege, den England allein Rußland einge— 
brockt habe, niemals gegen ihn das Schwert ziehen, wenn etwa 
ein Krieg in Europa ausbrechen ſollte, am allerwenigſten als 
Bundesgenoſſe von England. Dieſes Land haſſe er, denn es habe 
ihm und Rußland zu ſchweres Unrecht angetan, indem es ihm Japan 
auf den Hals gehetzt habe. 

Zu derſelben Zeit, als der Zar fein Sommerkriegsprogramm aug- 
ſprach, beſchäftigte ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Alter- 

*) „Ich werde in dieſem Jahre zu Haus bleiben, weil wir Krieg bekommen.“ 


14: 211 


tümern, dann reifte ich nach Wiesbaden und ſchließlich nach Nor— 
wegen. Ein Herrſcher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um ſeine 
Nachbarn zu überfallen, wozu es langer heimlicher Mobilmachungs⸗ 
vorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet ſich nicht 
monatelang außer Landes und läßt nicht ſeinen Generalſtabschef auf 
Sommerurlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdeſſen 
planmäßig Vorbereitungen zum Überfall getroffen. 

Die ganze diplomatiſche Maſchine bei uns hat verſagt. Man ſah 
den heraufziehenden Krieg nicht, weil das Auswärtige Amt mit ſeinem 
Standpunkt des „surtout pas d'histoires!“ von dem Gedanken des 
Friedens à tout prix dergeſtalt hypnotiſiert war, daß es den Krieg als 
mögliches Mittel der Entente-Staatskunſt aus feinen Berechnungen 
gänzlich ausgeſchaltet hatte und deshalb die Kriegsanzeichen in ihrer 
Bedeutung nicht richtig einſchätzte. Auch hierin liegt übrigens ein 
Beweis für die Friedfertigkeit Deutſchlands. Jener Standpunkt des 
Auswärtigen Amtes brachte es in einen gewiſſen Gegenſatz zum 
Generalſtab und Admiralſtab, die pflichtmäßig warnten und zur Ab— 
wehr vorbereiten wollten. Dieſer Gegenſatz hat noch lange nachgewirkt. 
Die Armee konnte dem Auswärtigen Amt nicht vergeſſen, daß ſie 
durch ſeine Schuld überraſcht worden war. Und die Diplomaten 
waren pikiert, daß es trotz ihrer Kunſt zum Kriege gekommen war. 

Unzählig ſind die Zeugniſſe dafür, daß ſchon im Frühjahr und 
Sommer 1914, als bei uns noch niemand an den Angriff der 
Entente dachte, der Krieg in Rußland, Frankreich, Belgien und 
England vorbereitet worden iſt. Die weſentlichſten der mir bekannt ge— 
wordenen Beweiſe hierfür habe ich in die von mir zufammengeftell- 
ten „Vergleichenden Geſchichtstabellen“ aufgenommen. Aus ihrer 
großen Zahl möchte ich hier nur einige anführen. Wenn ich dabei 
nicht alle Namen nenne, ſo geſchieht das aus begreiflichen Gründen. 
Dieſes ganze Material iſt mir natürlich erſt nachträglich, z. T. wäh- 
rend des Krieges, größtenteils erſt nach dem Kriege, bekannt geworden. 


212 


1. Schon im April 1914 begann die Anſammlung von Golo- 
reſerven in den engliſchen Banken. Deutſchland dagegen führt noch 
im Juli Gold und Getreide aus, auch nach den Entente-Ländern. 

2. Im April 1914 berichtet der deutſche Marineattaché in Tokio 
Korvettenkapitän v. Knorr: „Er ſei geradezu betroffen über die Ge— 
wißheit, mit der dort alles den Krieg der Tripelallianz gegen Deutſch⸗ 
land in naher Zeit für ſicher halte ... Es liege etwas in der Luft 
wie eine Art Beileid über ein noch nicht ausgeſprochenes Todes⸗ 
urteil.“ | 

3. Ende März 1914 hält der General Schtſcherbatſchew, Di- 
rektor der Kriegsakademie in Petersburg, an feine Offiziere eine An⸗ 
ſprache, in der es u. a. hieß: „Der Krieg mit den Dreibundmächten 
ſei infolge der gegen Rußlands Intereſſen gerichteten öſterreichiſchen 
Balkanpolitik unvermeidlich geworden . .. Höchſtwahrſcheinlich werde 
er noch in dieſem Sommer zum Ausbruch kommen. Rußland ſei 
die Ehre geworden, ſofort die Offenſive zu ergreifen.“ 

4. Im Bericht des belgiſchen Geſandten in Berlin über eine aus 
Petersburg eingetroffene japanifche Militärmiſſion — April 1914 — 
heißt es u. a.: „In den Regimentsmeſſen hatten die japaniſchen Offt⸗ 
ziere ganz offen von einem nahe bevorſtehenden Kriege gegen Oſter— 
reich⸗Ungarn und Deutſchland reden hören. Man ſagte dabei, daß 
die Armee bereit ſei, ins Feld zu rücken, und der Augenblick ſei eben⸗ 
ſo günſtig für die Ruſſen, wie für ihre Verbündeten, die Franzoſen.“ 

5. Nach den in der Revue des Deux Mondes 1921 veröffent⸗ 
lichten Denkwürdigkeiten des damaligen franzöſiſchen Botſchafters in 
St. Petersburg, Herrn Paléologue, haben am 22. Juli 1914 in 
Tſarskoje Selo die Großfürſtinnen Anaſtaſia und Militza zu ihm 
geäußert: „Ihr Vater, der König von Montenegro, hätte ihnen in 
einem Chiffretelegramm mitgeteilt, »daß wir vor Monatsende (ruſſi⸗ 
ſchen Stils, alſo vor dem 13. Auguſt neuen Stils) Krieg haben 
werden ... Von Oſterreich wird nichts übrig bleiben ... Ihr wer⸗ 


213 


det Elfaß-Lothringen wiedernehmen . .. Unſere Heere werden ſich 
in Berlin treffen . .. Deutſchland wird vernichtet werdens.“ 

6. Der frühere ſerbiſche Geſchäftsträger in Berlin Boghitſche— 
witſch berichtet in ſeinem 1919 erſchienenen Buche „Kriegsurſachen“ 
eine Außerung, die der damalige franzöſiſche Botſchafter in Berlin 
Cambon am 26. oder 27. Juli 1914 zu ihm getan habe: „Wenn 
Deutſchland es auf einen Krieg ankommen laſſen will, ſo wird es 
auch England gegen ſich haben. Die engliſche Flotte wird Ham— 
burg forcieren. Wir werden die Deutſchen glatt ſchlagen.“ Boghi— 
tſchewitſch ſagt, er habe von dieſer Unterredung die „Gewißheit“ mit— 
genommen, daß der Krieg, falls nicht ſchon früher, ſo doch gewiß 
bei der Begegnung Poincaré's mit dem ruſſiſchen Kaiſer in Peters— 
burg beſchloſſen worden war. 

7. Ein hochgeſtellter Ruſſe, Mitglied der Duma und guter 
Bekannter von Saſonow, erzählte mir ſpäter von dem geheimen 
Kronrat unter Vorſitz des Zaren im Februar 1914, was mir 
auch durch andere ruſſiſche, in meinen „Geſchichtstabellen“ auf— 
geführte Quellen beſtätigt worden iſt: In dieſem Kronrat hielt 
Saſonow einen Vortrag, in welchem er dem Zaren vorſchlug, 
Konſtantinopel zu nehmen. Da der Dreibund das nicht zugeben 
würde, werde daraus ein Krieg gegen Deutſchland und Oſterreich 
folgen. Italien werde von dieſen abfallen, auf Frankreich könne 
man unbedingt rechnen, auf England wahrſcheinlich. Der Zar habe 
zugeſtimmt und den Befehl gegeben, die nötigen Vorarbeiten zu be— 
ginnen. Der ruſſiſche Finanzminiſter Graf Kokowzow hat dagegen eine 
Denkſchrift an den Zaren gerichtet — dieſe iſt mir nach dem Breſter 
Frieden durch Graf Mirbach mitgeteilt worden —, in der er dem 
Zaren ein feſtes Zuſammengehen mit Deutſchland empfahl und vor 
dem Kriege warnte, der unglücklich verlaufen und zur Revolution 
und zum Sturze der Dynaſtie führen werde. Der Zar iſt dieſem 
Rate nicht gefolgt, hat vielmehr den Krieg betrieben. 


214 


8. Derfelde Herr erzählte mir folgendes: Zwei Tage nach 
Kriegsausbruch ſei er zu Saſonow zum Frühſtück geladen geweſen. 
Dieſer ſei ihm freudeſtrahlend entgegengekommen und habe ihn, ſich 
die Hände reibend, gefragt: „Nun, lieber Baron, ſie müſſen doch 
zugeben, daß ich mir den Moment des Krieges vortrefflich gewählt 
habe?“ Als der Baron ihn etwas beſorgt fragte, wie denn England 
ſich dazu ftellen werde, ſchlug der Minifter lachend auf feine Taſche 
und flüſterte dem Baron mit liſtigem Augenzwinkern zu: „Ich habe 
etwas in meiner Taſche, was in den nächſten Tagen ganz Rußland 
erfreuen und die Welt in Erſtaunen ſetzen wird: ich habe die eng— 
liſche Zuſage erhalten, daß England mit Rußland gegen Deutſch— 
land gehen wird!“ 

9. Ruſſiſche Gefangene der ſibiriſchen Korps, die in Oft 
preußen gefangen genommen wurden, ſagten aus: Sie ſeien im 
Sommer 1913 mit der Bahn in die Umgegend von Moskau trans- 
portiert worden, weil dort ein Manöver vor dem Zaren ſtattfinden 
ſolle. Das Manöver fand nicht ſtatt. Die Truppen wurden aber 
nicht zurückbefördert, ſondern für den Winter in der Umgegend von 
Moskau disloziert. Im Sommer 1914 wurden ſie in die Gegend 
von Wilna vorgefahren, weil dort ein großes Manöver vor dem 
Zaren ſtattfinden ſolle. In und bei Wilna ſeien ſie aufmarſchiert 
und dann ſeien plötzlich die ſcharfen Patronen (Kriegsmunition) 
ausgegeben und ihnen mitgeteilt worden, nun ſei Krieg gegen 
Deutſchland. Warum und weshalb, das wußten ſie nicht zu ſagen. 

10. In einem im Winter 1914/15 in der Preſſe veröffentlichten 
Bericht eines Amerikaners über feine Reife im Kaukaſus im Früh⸗ 
jahr 1914 wird erzählt: Als er zu Anfang Mai 1914 im Kaukaſus 
eingetroffen fei, ſeien ihm auf feiner Fahrt nach Tiflis lange Ko- 
lonnen von Truppen aller Waffengattungen in Kriegsausrüſtung 
begegnet. Er habe befürchtet, es ſei im Kaukaſus ein Aufſtand aus— 
gebrochen. Als er bei der Paßreviſion in Tiflis ſich bei den Behörden 


215 


danach erkundigte, erhielt er den beruhigenden Beſcheid, der Kaukaſus 
ſei ganz ruhig, er könne reiſen, wohin er wolle, es handle ſich nur um 
Übungsmärſche und Manöver. Nach Abſchluß feiner Reife Ende Mat 
1914 habe er ſich in einem kaukaſiſchen Hafen einſchiffen wollen, aber 
alle Schiffe ſeien derart mit Truppen beſetzt geweſen, daß er nur mit 
Mühe noch eine Kafüte für ſich und feine Frau erhalten konnte. Die 
ruſſiſchen Offiziere erzählten ihm, ſie würden in Odeſſa landen und 
von da in die Ukraine marſchieren zu einem großen Manöver. 

11. Der Fürſt Tundutow, Ataman der Kalmückenkoſaken, zwi⸗ 
ſchen Zaryzin und Aſtrachan reſidierend, vor und während des Krieges 
perſönlicher Adjutant des Großfürſten Nikolai Nikolajewitſch, kam 
im Sommer 1918 in das Hauptquartier in Bosmont, um Verbin⸗ 
dung mit Deutſchland zu ſuchen, da die Koſaken keine Slawen und 
durchaus Feinde der Bolſchewiken ſeien. Er erzählte, er ſei von 
Nikolai Nikolajewitſch vor Kriegsausbruch zum Generalſtab entfandt 
geweſen, um den Großfürſten über die dortigen Vorgänge auf dem 
laufenden zu halten. Auf dieſe Weiſe ſei er Zeuge des berüchtigten 
Telephongeſpräches zwiſchen dem Zaren und dem Chef des General— 
ſtabes General Januſchkewitſch geweſen. Der Zar habe unter dem 
tiefen Eindruck des ernſten Telegrammes des Deutſchen Kaiſers be— 
ſchloſſen, die Mobilmachung zu inhibieren. Er habe Januſchkewitſch 
telephoniſch befohlen, die Mobilmachung nicht auszuführen bzw. rück⸗ 
gängig zu machen. Dieſer habe dieſen klaren Befehl nicht aus⸗ 
geführt, fondern bei dem Minifter des Auswärtigen Amtes Saſonow, 
mit dem er ſeit Wochen in Verbindung geſtanden, intrigiert und 
zum Kriege gehetzt habe, telephonifh angefragt, was er nun tun 
ſolle. Saſonow habe darauf geantwortet: Der Befehl des Zaren 
ſei Unſinn, der General ſolle die Mobilmachung nur ausführen, er 
(Safonow) werde den Zaren morgen ſchon wieder herumkriegen 
und ihm das dumme Telegramm des Deutſchen Kaiſers ausreden. 
Daraufhin meldete Januſchkewitſch dem Zaren, die Mobilmachung 


216 


fet ſchon im Gange und nicht mehr rückgängig zu machen. Nun 
fügte Fürſt Tundutow hinzu: Das war eine Lüge, denn ich habe 
ſelbſt neben Januſchkewitſch den Mobilmachungsbefehl auf ſeinem 
Schreibtiſch liegen ſehen, er war alſo noch gar nicht abgeſandt. 
Bei dieſem Vorgange iſt pſychologiſch intereſſant, daß Zar Niko⸗ 
laus, der den Weltkrieg vorbereiten half und die Mobilmachung 
ſchon befohlen hatte, im letzten Moment noch umſchwenken wollte. 
Es ſcheint, daß mein ernſtes warnendes Telegramm ihn zum erſten 
Male die ungeheure Verantwortung deutlich erkennen ließ, die er 
mit ſeinen kriegeriſchen Maßnahmen auf ſich lud. Deshalb wollte 
er die völkermordende Kriegsmaſchine, die er ſoeben in Bewegung 
geſetzt hatte, ſtoppen. Das wäre noch möglich, der Friede noch zu 
retten geweſen, wenn nicht Saſonow die Ausführung vereitelt hätte. 
Auf meine Frage, ob der Großfürſt, der als Deutſchenhaſſer 
bekannt war, ſehr zum Kriege gehetzt habe, erwiderte der Fürſt: Der 
Großfürſt habe allerdings eifrig für den Krieg gewirkt, aber ein 
Hetzen ſei überhaupt überflüſſig geweſen, weil ſowieſo eine ſtarke 
Kriegsſtimmung gegen Deutſchland im ganzen ruſſiſchen Offizierkorps 
geherrſcht habe. Dieſer Geiſt ſei hauptſächlich aus der franzöſiſchen 
Armee auf die ruſſiſchen Offiziere übertragen worden. Man habe 
den Krieg eigentlich ſchon im Jahr 1908/09 (Bosniſche Frage) 
machen wollen, aber Frankreich ſei damals noch nicht fertig geweſen. 
Auch 1914 ſei Rußland eigentlich noch nicht ganz fertig geweſen, 
Januſchkewitſch und Suchomlinow hätten den Krieg erſt für 1917 
geplant. Aber Saſonow und Iſwolſki ſowie die Franzoſen waren 
nicht mehr zu halten. Jene fürchteten die Revolution in Rußland und 
den Einfluß des Deutſchen Kaiſers auf den Zaren, durch den der Zar 
vielleicht vom Kriegsgedanken abgebracht werden könnte. Die Frans 
zoſen aber, die für den Augenblick der engliſchen Hilfe ſicher waren, 
befürchteten, England könnte ſich ſpäter auf ihre Koſten mit Deutſch— 
land verſtändigen. Auf meine Frage, ob denn der Zar die Kriegs- 


217 


ſtimmung gekannt und geduldet habe, antwortete der Fürſt: Es fei be= 
zeichnend, daß der Zar aus Gründen der Vorſicht ein für allemal ver— 
boten habe, deutſche Diplomaten oder Militärattacheg zum Wittag- oder 
Abendeſſen im Offizierkorps einzuladen, an denen er perſönlich teilnahm. 

12. Beim Vormarſch im Jahre 1914 fanden unſere Truppen in 
Nordfrankreich und an der belgiſchen Grenze große Depots (stores) 
von engliſchen Soldatenmänteln vor. Nach Ausſage der Einwohner 
ſind dieſe Mäntel ſchon in den letzten Jahren im Frieden an Ort 
und Stelle niedergelegt worden. Die engliſchen Infanteriſten, die im 
Sommer 1914 von uns zu Gefangenen gemacht wurden, hatten meiſt 
keine Mäntel und gaben auf die Frage: warum? ganz naiv an: „We 
ate to find our great coats in the stores at Maubeuge, Le Quesnoy 
etc, in the north of France and in Belgium.“ ) Ebenſo ſtand es mit 
den Karten. Es wurden in Maubeuge von unſeren Leuten große Mengen 
engliſcher Militärkarten von Nordfrankreich und Belgien gefunden, 
Exemplare find mir vorgelegt worden. Die Ortsnamen waren auf 
franzöſiſch und engliſch gedruckt und am Rande alle Bezeichnungen 
für den Gebrauch der Soldaten überſetzt, z. B. moulin = mill, pont 
— bridge, maison — house, ville = town, bois = wood ufw. 
Diefe Karten ſtammten aus dem Jahre 1911 und waren in South— 
ampton geſtochen. Die Depots waren ſeitens Englands mit der Er— 
laubnis der franzöſiſchen und belgiſchen Regierungen ſchon vor dem 
Kriege mitten im Frieden angelegt worden. Was wäre wohl in 
Belgien, dem „neutralen Lande“, für ein Sturm der Entrüſtung los— 
gebrochen, und welchen Lärm hätten England und Frankreich darüber 
geſchlagen, wenn wir in Spa, Lüttich, Namur im Frieden Depots 
von deutſchen Soldatenmänteln und Karten hätten anlegen wollen! — 

Unter den Staatsmännern, die neben Poincaré beſonders zur 
Entfeſſelung des Weltkrieges beigetragen haben, dürfte die Gruppe 


*) „Wir ſollten unſere Mäntel in den Depots zu Maubeuge, Le Quesnop uſw. 
in Nordfrankreich und Belgien vorfinden.” 


218 


Safonow — Iſwolſki an erfter Stelle ſtehen. Iſwolſki hat, wie man 
ſagt, in Paris ſtolz an ſeine Bruſt pochend erklärt: Den Krieg habe 
ich gemacht, „Je suis le père de cette guerre.“ “) Delcaſſé hat großen 
Anteil an der Schuld für den Weltkrieg, noch größeren Grey als der 
geiſtige Leiter der „Einkreiſung“, die er als „Vermächtnis“ ſeines 
verſtorbenen Königs getreulich fort- und durchführte. — 

Es iſt mir mitgeteilt worden, daß eine weſentliche Rolle bei der 
Vorbereitung des gegen die monarchiſchen Mittelmächte gerichteten 
Weltkrieges die langjährige, zielbewußte Politik der internationalen 
„Großorientloge“ geſpielt hätte. Die deutſchen Großlogen aber 
hätten mit zwei Ausnahmen, in denen die nichtdeutſche Finanz herrſcht 
und die im geheimen mit dem „Großorient“ in Paris in Verbindung 
ſtehen, mit dem „Großorient' keinen Zuſammenhang. Sie ſeien, wie 
mir der angeſehene deutſche Freimaurer, der mir dieſen ganzen, mir 
bis dahin unbekannten Zuſammenhang meldete, verſichert hat, durch— 
aus loyal und treu geweſen. Im Laufe des Jahres 1917 habe in 
Paris eine internationale Tagung der Logen des „Großorient“ ftatt- 
gefunden, der ſpäter noch eine Beſprechung in der Schweiz gefolgt 
ſei. Auf dieſer Tagung ſei nachſtehendes Programm feſtgeſetzt wor— 
den: Zerſtückelung von Oſterreich-Ungarn, Demokratiſierung Deutſch— 
lands, Beſeitigung des Hauſes Habsburg, Abdankung des Deutſchen 
Kaiſers, Rückgabe Elſaß- Lothringens an Frankreich, Vereinigung 
Galiziens mit Polen, Beſeitigung des Papſtes und der katholiſchen 
Kirche wie überhaupt ſeder Staatskirche in Europa. 

Ich bin von hier aus nicht in der Lage, die ſehr gravierenden 
Mitteilungen über die Organiſation und das Wirken der Großorient— 
logen, die mir nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen gemacht wurden, 
nachzuprüfen. Geheime und öffentliche politiſche Organiſationen 
haben im Leben der Völker und der Staaten wichtige Rollen ge— 
ſpielt, ſolange es Geſchichte gibt. Manche haben ſegensreich gewirkt, 

*) „Ich bin der Vater dieſes Krieges.“ 


219 


* 

die meiſten deſtruktiv, wenn ſie geheime Parolen führen müſſen, die 
das Tageslicht zu fürchten haben. Die gefährlichſten derartiger 
Bünde umgeben ſich mit dem Vorwande irgendwelcher idealen Be— 
ſtrebungen, wie der Pflege der werktätigen Nächſtenliebe, Hilfsbereit⸗ 
ſchaft für die Schwachen und Armen u. a. m., um unter ſolchem 
Deckmantel ihren eigentlichen verborgenen Zielen zuzuſtreben. Es 
{ft jedenfalls erforderlich, dem Wirken der Großorientlogen nachzu— 
gehen, denn man kann zu dieſer Weltorganiſation endgültig erſt 
Stellung nehmen, wenn ſie gründlich erforſcht iſt. — 

Auf die kriegeriſchen Operationen will ich in dieſer Schrift nicht 
eingehen. Dieſe Arbeit will ich um ſo mehr meinen Offizieren und 
den Hiſtorikern überlaſſen, als ich, da ich ohne ſede Akten ſchreibe, 
die Darlegung hier nur in ganz großen Umriſſen ausführen könnte. 

Wenn ich an die ſchweren vier Kriegsjahre zurückdenke, mit ihrem 
Hoffen und Zagen, mit ihren glänzenden Siegen und ihren Ver— 
luſten an koſtbarem Blute, ſo ſteht bei mir im Vordergrunde das 
Gefühl heißen Dankes und unvergänglicher Bewunderung für die 
unvergleichlichen Leiſtungen des deutſchen Volkes in Waffen. Dieſer 
Dank gilt in erſter Linie den genialen Führern in dem furchtbaren 
Ringen, vor allem dem Generalfeldmarſchall v. Hindenburg, dem 
getreuen Eckart des deutſchen Volkes, und ſeinem von ihm unzer— 
trennlichen ſtarken Berater, dem General Ludendorff. Mein Dank 
für jeden einzelnen meiner wackeren Soldaten iſt aber nicht minder 
warm. Beſonders gebührt er denen, die ihre Treue für Kaiſer und 
Reich mit ihrem Blute beſiegelt haben. 

Wie der Heimat kein Opfer des Ausharrens und der Entbehrung 
zu groß war, fo hat das Heer in Abwehr des uns freventlich auf- 
gezwungenen Krieges nicht nur die erdrückende Ubermacht von 28 
Feindſtaaten abgewehrt. Es hat zu Lande, zu Waſſer und in der 
Luft Siege errungen, deren Glanz im Nebel der heutigen Zeit viel⸗ 
leicht etwas verblaßt erſcheint, im Lichte der Geſchichte aber dereinſt 


220 


um fo heller ſtrahlen wird. Und damit nicht genug. Wo immer 
bei unſeren Bundesgenoſſen Not eintrat — deutſches Eingreifen, oft 
mit ſchwachen Truppen, ſtellte ſtets die Lage wieder her und brachte 
oft namhafte Erfolge. Deutſche fochten auf allen Kampfplätzen des 
ausgedehnten Weltkrieges. 

Fürwahr, die heldenmütige Tapferkeit des deutſchen Volkes hätte 
ein beſſeres Los verdient, als daß ſie dem tückiſchen Dolchſtoße von 
hinten zum Opfer fiel. Es ſcheint deutſches Schickſal zu ſein, daß 
Deutſche immer durch Deutſche beſiegt werden. Jüngſt las ich das 
leider nicht unberechtigte Wort: In Deutſchland hat jeder Siegfried 
ſeinen Hödur hinter ſich. — 

Schließlich noch ein Wort über die deutſchen „Kriegsgreuel“ 
und zwei Beiſpiele dazu! 

Nach dem Einrücken in Nordfrankreich habe ich ſofort den Schutz 
der Kunſtdenkmäler befohlen. Jeder Armee wurden Kunſthiſto— 
riker und Profeſſoren zugeteilt, die umherreiſten und die Kirchen, 
Schlöſſer, Burgen uſw. beſichtigten, aufnahmen und beſchrieben. 
Unter anderen hat ſich beſonders der Konſervator der Rheinprovinz, 
Profeſſor Clemen hervorgetan, der mir im Felde Vortrag über den 
Schutz der Kunſtdenkmäler zu halten hatte. Alle Sammlungen in 
Städten, Muſeen und Schlöſſern wurden katalogiſtert und numeriert. 
Wo ſie durch den Kampf bedroht ſchienen, wurden ſie abtransportiert 
und in Valenciennes und Maubeuge in zwei prachtvollen großen 
Muſeen zuſammengeſtellt und ſorgſam behütet, bei jedem Stück war 
der Name des Beſitzers vermerkt. Die alten Fenſter der Kathedrale 
von St. Quentin wurden von deutſchen Soldaten mit Lebens— 
gefahr unter engliſchem Granatfeuer herausgeholt. Die Geſchichte 
der Zerſtörung der Kirche durch die Engländer iſt durch einen 
deutſchen katholiſchen Prieſter beſchrieben, mit Photographien verſehen 
veröffentlicht und auf meinen Befehl an den Papſt gefandt worden. 

In dem Schloſſe von Pinon, das der Prinzeſſin de Poix ge⸗ 

221 


hört, die bei der Kaiferin und mir in Berlin zu Gaſt gewefen 
war, lag das Generalkommando III. Armeekorps. Ich beſuchte das 
Schloß und wohnte dort. Vorher waren Engländer einquartiert ge— 
weſen. Sie hatten greulich gehauſt. Der kommandierende General 
v. Lochow mit feinem Stabe hatte große Mühe, das Schloß nach der 
engliſchen Verwüſtung einigermaßen wieder in Ordnung zu bringen. 
Ich beſuchte mit dem General die Privatgemächer der Prinzeſſin, 
die bis dahin von unſeren Soldaten nicht betreten werden durften. 
Ich fand die ganze Garderobe der Prinzeſſin von den engliſchen 
Soldaten aus den Schränken geriſſen und ſamt den Hüten auf dem 
Boden verſtreut. Ich ließ alle Garderobeſtücke ſorgſam ſäubern, in 
die Schränke hängen und verſchließen. Ebenſo war der Schreibtiſch 
erbrochen und die Privatkorreſpondenz der Prinzeſſin lag umher. 
Auf meinen Befehl wurden alle Briefe geſammelt, eingepackt, ver— 
fiegelt in den Schreibtiſch gelegt und eingeſchloſſen. Späterhin fand 
man das ganze Tafelſilber im Park vergraben. Wie die Dorf— 
bewohner geſtanden, war das ſchon Anfang Juli angeordnet worden. 
Alſo hatte die Prinzeſſin ſchon lange vor dem Kriege Kenntnis von 
deſſen bevorſtehendem Ausbruch! Ich befahl ſofort die Katalogiſierung 
des Silbers und deſſen Aufbewahrung auf der Aachener Bank und 
Zurückgabe an die Prinzeſſin nach dem Kriege. Durch den Ober— 
hofmarſchall Freiherrn v. Reiſchach ließ ich der Prinzeſſin über die 
Schweiz Nachricht über Pinon, ihr Silber und meine Fürſorge für 
ihr Eigentum zukommen. Antwort iſt nicht erfolgt. Dagegen hat die 
Prinzeſſin in der franzöſiſchen Preſſe einen Brief veröffentlicht des In— 
halts: Der General v. Kluck habe all ihr Silberzeug geſtohlen. 
Durch meine Fürſorge und die aufopfernde Arbeit der deutſchen 
Kunſtgelehrten und Soldaten — teilweiſe unter Gefahr für ihr Leben 
— ſind den franzöſiſchen Beſitzern und den franzöſiſchen Städten 
Kunſtſchätze im Werte von Williarden erhalten worden. Das taten 
die Hunnen, die Boches! 
222 


— 


Der Bapft 


und der Frieden 


N 


wur Tut * 1 


D d u 
Ar aD «rg 1,04 4 
wa ee 


va rück 


Weh, ae een e 
i 
4 ‚a de * | 
a le N 6 
und 
N 60 I 
. 
. 
cha 


9 IP 
5 5 
u 
N 
14 
Dei 
— Dienst * 


N Lobe 


ni 2 1 


= 


yo 


a Sommer 1917 empfing ich in Kreuznach den Beſuch des 
päpſtlichen Nuntius Pacelli, der von einem Kaplan begleitet 
war. Pacelli iſt eine vornehme, ſympathiſche Erſcheinung, von 
hoher Intelligenz und vollendeten Umgangsformen, das Bild eines 
katholiſchen Kirchenfürſten. Er verſteht ſo weit deutſch, daß er 
deutſcher Konverſation gut folgen kann, beherrſcht die Sprache aber 
nicht fo, daß er fie geläufig ſpricht. Die Konverfatfon war fran⸗ 
zöſiſch, doch bediente der Nuntius ſich zuweilen einzelner deutſcher 
Ausdrücke. Der Kaplan ſprach fließend deutſch und beteiligte ſich — 
auch unaufgefordert — an dem Geſpräch, ſobald er befürchtete, daß 
der Nuntius zu ſehr von meinen Ausführungen beeinflußt werde. 

Sehr bald drehte ſich das Geſpräch um die Frage der Friedens⸗ 
vermittlung und ⸗herbeiführung, wobei allerhand Projekte und Mög⸗ 
lichkeiten geſtreift, erörtert und fallen gelaſſen wurden. Schließlich 
ſchlug ich vor, der Papſt möge doch ſeinerſeits einen Verſuch machen, 
nachdem mein Friedensangebot vom 12. Dezember 1916 in ſo un⸗ 
erhörter Weiſe zurückgewieſen worden ſei. Der Nuntius meinte, 
das werde ſeine großen Schwierigkeiten haben, der Papſt habe ſich 
ja bereits bei einigen Anregungen einen Refus geholt. Anderer⸗ 
ſeits ſei der Papſt ganz verzweifelt über die Schlächterei und denke 
unabläſſig darüber nach, wie er dazu helfen könne, die europäifche 
Kulturwelt von der Geißel des Krieges zu befreien. Jede Anregung 
in dieſer Hinſicht würde dem Vatikan von hohem Wert ſein. 


15 Kaiſer Wilhelm II. 225 


Ich führte aus, daß der Papſt als oberſter Prieſter aller römiſch— 
katholiſchen Chriſten und Kirchen zunächſt verſuchen ſollte, feine 
Prieſter in allen Ländern dazu anzuhalten, erſt einmal den Haß 
aus den Gemütern zu bannen, der das größte Hindernis für die 
Anbahnung des Friedens ſei. Leider gehöre gerade die Geiſtlichkeit 
auf ſeiten der Entente in ganz erſchreckender Weiſe zu den Trägern 
und Schürern des Haſſes und Kampfes. Ich führte die vielen 
Meldungen der Truppen aus dem Anfang des Krieges an, wo 
Abbés und Eures mit der Waffe in der Hand gefangen wurden. 
Ich wies hin auf die Machinationen des Kardinals Mercier und des 
belgiſchen Klerus, deſſen Mitglieder häufig die Spionage leiteten, auf 
die Predigt des proteſtantiſchen Biſchofs von London, der von der 
Kanzel herab die Baralong-Mörder verherrlichte, u. dgl. Es fei 
daher ein großes Werk, wenn es dem Papſt gelänge, in allen am 
Kriege beteiligten Ländern die römiſche Geiſtlichkeit einheitlich zur 
Verurteilung des Haſſes und zur Empfehlung des Friedens — ſei 
es von der Kanzel, ſei es durch Hirtenbriefe — zu veranlaſſen, wie 
das ſeitens des deutſchen Klerus bereits geſchehe. Pacelli fand dieſen 
Gedanken durchaus glücklich und beachtenswert, nur meinte er, es 
werde ſchwer ſein, die verſchiedenen Epiſkopate dazu zu bekommen. 
Ich erwiderte, ich könne mir bei der ſtrammen Diſziplin der 
Hierarchie der römiſchen Kirche nicht vorſtellen, daß, wenn der 
Papſt die Kirchenfürſten feierlich öffentlich auffordern würde, Ver— 
ſöhnlichkeit und Achtung des Gegners zu verkünden, der Epiſkopat 
irgendeines Landes das verweigern würde. Der Epiſkopat ſei doch 
durch ſeine Stellung über den Parteien und weil Verſöhnlichkeit 
und Nächſtenliebe Grundvorſchriften der chriſtlichen Religion ſeien, 
geradezu verpflichtet, auf deren Befolgung einzuwirken. 

Pacelli gab dies zu und verſprach, den Gedanken in ernſtliche 
Erwägung zu ziehen und an den Vatikan zu berichten. Im weiteren 
Verlauf des Geſpräches kam der Nuntius auf die Frage, wie man 


226 


—— 


fih nun, außer dem von mir angeregten rein kirchlichen Schritt, die 
Einwirkung des Papſtes auf die Herbeiführung von Friedensmöglich— 
keiten denken könnte. Ich wies darauf hin, daß Italien und Oſter— 
reich zwei römiſch-katholiſche Staaten ſeien, auf die der Papſt leicht 
und nachdrücklich einwirken könne. Der eine Staat ſei ſein Vater— 
land und Wohnort, wo er vom Volk verehrt werde und direkten 
Einfluß auf die eigenen Landsleute habe. Oſterreich werde von einem 
Herrſcher regiert, der ſogar den Titel „apoſtoliſch“ führe, der ſelbſt 
wie ſein ganzes Haus unmittelbare Verbindungen mit dem Vatikan 
habe und zu den treueſten Söhnen der römiſchen Kirche gehöre. 
So meine ich, es müſſe dem Papſt nicht ſchwer fallen können, 
wenigſtens zu verſuchen, bei dieſen beiden Ländern den Anfang 
zu machen, ſie zum Friedensgeſpräch zu bringen. Das diplomatiſche 
Geſchick und der weite Blick des Vatikans ſeien ja weltbekannt. 
Sei auf dieſe Weiſe erſt einmal der Anfang gemacht, der doch gute 
Chancen böte, ſo würden die anderen Mächte ſich der Einladung 
des Vatikans zu zunächſt unverbindlichem Meinungsaustauſch wohl 
kaum entziehen können. Der Nuntius meinte, es werde für den 
Vatikan ſchwer halten, die ſtalieniſche Regierung dazu zu be— 
kommen, da er ja keine direkte Beziehung zu ihr und keine Ein- 
wirkung auf ihre Mitglieder beſäße. Vollends eine Einladung zu 
Beſprechungen werde die italieniſche Regierung ſich nie gefallen laſſen. 

Hier miſchte ſich der Kaplan in das Geſpräch und erklärte einen 
ſolchen Schritt des Papſtes für völlig ausgeſchloſſen, da daraus 
Folgen entſtehen würden, die für den Vatikan geradezu gefährlich 
werden könnten. Die Regierung würde ſofort die „Piazza“ ) gegen 
den Vatikan mobil machen, dem dürfe der Vatikan ſich nicht aus— 
ſetzen. Als ich dieſem Einwurf keinen Glauben ſchenken wollte, er— 
eiferte der Kaplan ſich immer mehr. Ich kennte, meinte er, die 
Römer nicht, die ſeien, wenn ſie aufgehetzt wären, ganz ſchrecklich, 

*) d. h. „die Straße“ (eigentlich „den Platz“). 


15* 227 


ſowie die „Piazza in Bewegung käme, werde die Lage unangenehm. 
Dann könne man ſich fogar auf einen Sturm auf den Vatikan ge: 
faßt machen, durch den der Papſt ſelbſt in Lebensgefahr kommen 
könnte. Ich erwiderte, ich kenne den Vatikan doch auch genau, den 
könnte keine Volksmenge oder „Piazza“ ſtürmen, außerdem habe der 
Papſt eine ſtarke Partei in Geſellſchaft und Volk, die ſofort zu ſeiner 
Verteidigung bereit ſtehen werde. Dem ſtimmte der Nuntius zu. 
Der Kaplan fuhr ſedoch unbeirrt fort, die Schrecken der „Piazza“ 
auszumalen und die Gefahren für den Papſt auf das ſchwärzeſte zu 
ſchildern. Darauf ſagte ich: Wenn jemand den Vatikan einnehmen 
wolle, dann müſſe er ſich erſt eine Batterie ſchwerer Mörſer und 
Haubitzen, ſowie Pioniere und Sturmtruppen zu regelrechter Be⸗ 
lagerung kommen laſſen, alles dies habe aber die „Piazza“ nicht 
zur Verfügung. Daher ſei es höchſt unwahrſcheinlich, daß fie etwas 
unternehmen werde. Außerdem erwähnte ich, daß ich gehört hätte, 
im Vatikan ſei für ſolche Fälle bereits Vorſorge getroffen. Darauf 
ſchwieg der Prieſter. 

Der Nuntius wendete hier ein, daß es für den Papſt ſchwer ſei, 
etwas greifbar Praktiſches für den Frieden zu tun, ohne im welt⸗ 
lichen Italien Anſtoß zu erregen und Widerſtand zu finden, der ihn 
gefährde. Er ſei eben leider nicht frei. Wenn der Papſt eigenes 
Land oder wenigſtens einen eigenen Bezirk beſitzen würde, wo er 
autonom regieren und frei ſchalten und walten könnte, dann läge 
die Situation ganz anders, ſo aber ſei er zu ſehr vom weltlichen 
Rom abhängig und könne nicht ſo, wie er wolle. Ich bemerkte: 
Das Ziel, der Welt den Frieden zu bringen, ſei ſo heilig und groß, 
daß der Papſt unmöglich aus rein weltlichen Gründen ſich davon 
abſchrecken laſſen dürfe, dieſe für ihn wie geſchaffene Aufgabe zu 
löſen. Gelänge ſie ihm, ſo werde die dankbare Welt gewiß nach 
dem Frieden feine Wünſche nach Unabhängigkeit bei der ftalienifchen 
Regierung gern unterſtützen. Das machte Eindruck auf den Nuntius, 


228 


und er meinte, ich hätte doch recht, der Papſt müſſe in der Frage 
etwas tun. 

Ich machte hierauf den Nuntius auf folgenden Punkt aufmerk⸗ 
ſam: Der Nuntius werde beobachtet haben, wie die Sozialiſten aller 
Länder ſich mit Eifer auf alle mögliche Weiſe bemühten, die 
Friedensbeſtrebungen zu fördern. Wir hätten den deutſchen Sozia⸗ 
liſten ſtets die Erlaubnis gewährt, ins neutrale Ausland zu reiſen, 
um auf Kongreſſen die Friedensfrage zu erörtern, da ich der Meinung 
ſei, daß ſie die Wünſche und Anſichten kennten, die in den unteren 
Volksſchichten verbreitet ſeien. Keinem, der ehrlich und ohne Hinter⸗ 
gedanken den Frieden zu fördern beabſichtige, werde bei uns ein 
Hindernis in den Weg gelegt. Die gleichen Friedenswünſche ſeien auch 
bei den Völkern der Entente und unter ihren Sozialiſten verbreitet. 
Letztere würden jedoch durch Paßverweigerung daran gehindert, zu den 
Kongreſſen im neutralen Ausland zu gehen. Der Wunſch nach 
Frieden nehme in der Welt zu. Die Völker würden immer mehr von 
ihm durchdrungen, und wenn niemand unter den Regierenden ſich 
fände, feine Hand dazu zu bieten — mein Verſuch fei ja leider 
geſcheitert —, dann würden die Völker ſchließlich die Sache feibft 
in die Hand nehmen. Das werde, wie die Geſchichte beweiſe, nicht 
ohne bedenkliche Erſchütterungen und Umwälzungen vor ſich gehen, 
von denen die römiſche Kirche und der Papſt nicht unberührt bleiben 
würden. Was ſolle ein katholiſcher Soldat ſich denken, wenn er 
immer nur von den Bemühungen ſozialiſtiſcher Männer um den 
Frieden höre, nie aber von einem Verſuch des Papſtes, ihn aus 
der Kriegsnot zu befreien? Tue der Papſt nichts, dann beſtehe die 
Gefahr, daß der Friede durch die Sozialiſten erzwungen werde, und 
dann ſei es mit der Machtſtellung des Papſtes und der römiſchen 
Kirche auch bei den Katholiken vorbei! 

Dieſes Argument ſchlug beim Nuntius durch. Er erklärte, daß 
er dieſe Auffaſſung ſofort an den Vatikan berichten und ſich dafür 


229 


einfegen werde, daß der Papſt handeln müſſe. Höchſt beforgt fuhr 
der Kaplan wieder dazwiſchen: Der Papſt bringe ſich dadurch in Ge— 
fahr, „la Piazza“ werde ihm zu Leibe gehen! Ich erwiderte darauf: 
Ich ſei ein Proteſtant, daher in des Kaplans Augen ein Ketzer, 
trotzdem müſſe ſch hier folgendes konſtatieren: Der Papſt werde von 
der katholiſchen Kirche und Welt als „Statthalter Chriſti auf Erden“ 
bezeichnet. Ich hätte bei meinem Studium der Heiligen Schrift 
mich ernſt und eingehend mit der Perſon des Heilandes befaßt und 
mich in fie zu vertiefen geſucht. Nun, der Herr habe jedenfalls 
niemals Angſt vor der „Piazza“ gehabt, obgleich ihm kein feſtungs— 
artiger Bau mit Garden und Waffen zu Gebote geſtanden habe, 
der Herr ſei immer mitten in die „Piazza“ hineingegangen und habe 
zu ihr geſprochen und ſchließlich ſei er für dieſe feindliche „Piazza“ 
in den Kreuzestod gegangen. Und nun ſolle ich glauben, daß ſein 
„Statthalter auf Erden“ Angſt haben ſollte, eventuell ein Märtyrer 
nach ſeines Herrn Vorbild zu werden, um der blutenden Welt den 
Frieden zu bringen, nur wegen der lumpigen römiſchen „Piazza“? 
Dazu dächte ich, der Proteſtant, viel zu hoch von einem römiſchen 
Prieſter, zumal vom Papſt. Es könne für ihn nichts Herrlicheres 
geben, als mit ſeiner ganzen Perſon ſich für die große Sache des 
Friedens rückſichtslos einzuſetzen, ſelbſt auf die in weiter Ferne 
ſtehende Gefahr hin, dafür ein Märtyrer zu werden! 

Mit leuchtenden Augen ergriff der Nuntius meine Hand und 
ſagte tiefbewegt: „Vous avez parfaitement raison! C'est le devoir 
du Pape, il faut qu'il agisse, c'est par lui que le monde doit £tre 
regagne à la paix. Je transmetterai vos paroles a Sa Sainteté.“ 
Der Kaplan wandte ſich kopfſchüttelnd ab und murmelte vor ſich 
hin; „Ah, la Piazza, la Pia 


*) „Sie haben durchaus recht. Das tft die Pflicht des Papſtes, er muß handeln, 
durch ihn muß die Welt den Frieden wieder erhalten. Ich werde Ihre Anregung 
Seiner Heiligkeit wörtlich übermitteln.“ 


230 


Kriegsende 
und Abdankung 


Nr Tage nad) dem 8. Auguſt 1918 berief ich einen Kron⸗ 


rat, um Klarheit über die Lage zu gewinnen und die daraus 
u ziehenden Schlüſſe für die vom Grafen Hertling zu befolgende 
Politik ziehen zu können. Die Oberſte Heeresleitung billigte den 
Gedanken, daß der Reichskanzler die Möglichkeit einer Annäherungs⸗ 
aktion an den Feind ins Auge faſſen ſolle, betonte aber die Not⸗ 
wendigkeit, zuvor die Siegfriedſtellung zu beziehen und den Feind 
dort gründlich abzuſchlagen, dann erſt könne man mit dem Ver⸗ 
handeln beginnen. Daraufhin wurde von mir befohlen, daß der 
Kanzler ſich mit einer neutralen Macht — den Niederlanden — in 
Verbindung ſetzen ſolle, um zu erkunden, ob ſie bereit ſei, einen 
ſolchen Vermittlungsſchritt zu tun. 

Sehr erſchwerend für den über Holland beabſichtigten Schritt 
war es, daß Oſterreich zu keinem klaren Einverſtändnis zu bringen 
war, ſondern ſeine erbetene Erklärung endlos hinſchleppte. Sogar 
eine mündliche Verabredung des Kaiſers Karl mit mir wurde bald 
nachher unter Burkans Einfluß von ihm wieder umgeſtoßen. Die 
niederländiſche Regierung war von mir ſchon benachrichtigt und hatte 
ihre Bereitſchaft erklärt. Inzwiſchen hatte Oſterreich ohne unſer 
Wiſſen das erſte Sonderfriedensangebot gemacht und brachte dadurch 
den Stein ins Rollen. Kaiſer Karl war wohl unter der Hand 
ſchon von ſich aus mit der Entente in Fühlung getreten und längſt 


233 


entſchloſſen, uns allein zu laſſen. Er handelte nach dem von ihm 
zu ſeiner Umgebung geäußerten Plan: „Wenn ich zu den Deutſchen 
gehe, dann ſtimme ich ihnen in allem zu, und wenn ich nach Hauſe 
komme, dann tue ich, was ich will.“ So kam es, daß meine 
Regierung und ich von Wien aus fortgeſetzt getäuſcht wurden, 
ohne daß wir etwas dagegen tun konnten, da man von dort immer 
durchfühlen ließ: Macht ihr Schwierigkeiten, dann laſſen wir euch 
im Stich, d. h. unſer Heer ficht nicht mehr an eurer Seite. Das 
aber mußte in der Lage, in der wir uns befanden, aus mili⸗ 
täriſchen wie politiſchen Gründen wenn irgend möglich vermieden 
werden. i 

Der Abfall Ungarns und Oſterreichs hat die Kriſis für uns ge— 
bracht. Hätte Kaiſer Karl nur drei Wochen länger die Nerven 
behalten, dann wäre vieles anders gekommen. Andraſſy hatte aber 
— nach ſeinem eigenen Eingeſtändnis — ſchon längſt hinter unſerem 
Rücken in der Schweiz mit der Entente verhandelt. Somit glaubte 
ſich Kaiſer Karl guter Behandlung ſeitens der Entente ſicher. 

Nach unſerem Mißerfolge am 8. Auguſt hatte General Luden— 
dorff erklärt, daß er einen militäriſchen Sieg nicht mehr verbürgen 
könne. Die Anbahnung von Friedensverhandlungen fei daher not— 
wendig. Da es der Diplomatie nicht gelungen war, ausſichtsreiche 
Verhandlungen anzuknüpfen, die militäriſche Lage dagegen ſich in— 
folge der revolutionären Wühlarbeit noch verſchlechtert hatte, forderte 
Ludendorff nunmehr am 29. September an Stelle der Friedens- 
verhandlungen die Anbahnung eines Waffenſtillſtandes. 

In dieſer kritiſchen Zeit ſetzte in der Heimat eine ſtarke Bewegung 
dafür ein, für den nunmehr notwendigen Abſchluß des Krieges eine 
neue Regierung zu bilden. Ich konnte mich dieſer Bewegung des— 
halb nicht verſchließen, weil es der alten Regierung in den 7 Wochen 
vom 8. Auguſt bis Ende September nicht gelungen war, Friedens- 
verhandlungen mit Ausſicht auf Erfolg anzubahnen. 


234 


Inzwifhen waren die von der Front befohlenen Generale 
v. Gallwitz und v. Mudra bei mir erſchienen. Sie entwarfen ein 
Bild der inneren Lage des Heeres, wobei auch die große Zahl der 
Drückeberger hinter der Front, die Fälle von Inſubordination, das 
Erſcheinen der roten Flagge in den Urlauberzügen, die aus der 
Heimat kamen, u. dgl. erwähnt wurden. Die Generale erblickten 
die Haupturſache der vorhandenen Übelftände in der ungünſtigen 
Wirkung der in der Heimat herrſchenden Stimmung auf die Truppen. 
Der allgemeine Wunſch nach Beendigung des Kampfes und nach 
Frieden habe von der Heimat auf die Etappe übergegriffen und 
mache ſich auch bereits bei einzelnen Fronttruppenteilen bemerkbar. 
Die Generale vertraten die Anſicht, daß die Armee deshalb ſofort 
hinter die Antwerpen-Maas-Linie zurückgenommen werden müßte. 

Noch am ſelben Tage ſandte ich telephoniſch an den Feldmarſchall 
v. Hindenburg den Befehl, ſobald als möglich den Rückzug in die 
Antwerpen⸗Maas⸗Linie zu bewirken. Das Zurückgehen des ermüdeten, 
aber an keiner Stelle entſcheidend geſchlagenen Heeres in dieſe Stel— 
lung bedeutete nur die Einnahme einer weſentlich kürzeren und vom 
Gelände vielfach begünſtigten Stellung, die freilich nicht ausgebaut 
war. Aber auch an der Somme hatten wir uns in Trichterſtellungen 
geſchlagen. Das Ziel mußte fein, die Operationsfreiheit wieder zu 
gewinnen, was meines Erachtens keineswegs ausſichtslos war. Hat— 
ten wir doch im Laufe des Krieges mehrfach Rückzüge ausgeführt, 
um uns in militäriſch günſtigere Lagen zu verſetzen. 

Gewiß war das Heer nicht mehr das alte. Namentlich der Er— 
ſatz des Jahres 1918 war vielfach von revolutionärer Propaganda 
verſeucht und benutzte oft das Dunkel der Nacht, um ſich dem Feuer 
zu entziehen und in der Etappe zu verſchwinden. Aber die Mehr— 
zahl meiner Diviſionen hat ſich bis zuletzt tadellos geſchlagen, Diſzi— 
plin und militäriſchen Geiſt bewahrt. Sie waren dem Feinde an 
innerem Gehalt noch immer gewachſen. Denn trotz feiner Ubermacht 


235 


an Zahl, Geſchützen, Munition, Tanks und Flugzeugen blieben die 
feindlichen Truppen ſofort liegen, wenn ſie auf ernſthaften Wider— 
ſtand ſtießen. So ſind die Verbände unſerer alten Frontſoldaten 
im Recht, wenn fie ſtolz das Motto „Im Felde und zur See un- 
beſiegt!“ auf ihr Panier geſchrieben haben. 

Was der deutſche Frontkämpfer und damit das deutſche Volk 
in Waffen in 4 Kriegsjahren geleiſtet hat, iſt über alles Lob er- 
haben. Man weiß nicht, was man mehr bewundern ſoll, die Be— 
geiſterung, mit der die herrliche Jugend von 1914, ohne die Wir⸗ 
kung unſeres Artilleriefeuers abzuwarten, freudig auf den Feind 
ſtürmte, oder die entſagungsvolle Pflichttreue und Beharrlichkeit, mit 
der unſere Feldgrauen, knapp ernährt und ſelten abgelöſt, Jahr aus, 
Jahr ein, in der Nacht ſchippend, am Tage in Unterſtänden, Erd- 
höhlen hauſend oder im Granattrichter liegend, dem Stahlgewitter 
der feindlichen Artillerie, Flieger und Tanks getrotzt haben. Und 
dieſes Heer, das man für abgekämpft hätte halten ſollen, war nach 
faſt 4 Kriegsjahren noch zu Angriffserfolgen fähig geweſen, deren 
unſere Feinde trotz ihrer Rieſenübermacht ſich nirgends rühmen 
konnten. Trotzdem durfte man ihm nicht Übermenſchliches zumuten. 
Wir mußten zurückgehen, um Atem ſchöpfen zu können. 

Der Feldmarſchall ſträubte ſich gegen den Rückzugsbefehl: aus 
politiſchen Gründen (Friedensverhandlungen uſw.) ſolle man noch 
ſtehen bleiben, der Rücktransport von Material ufw. müſſe erſt be⸗ 
werkſtelligt werden uſw. — a 

Ich entſchloß mich nunmehr, dem mir ausgeſprochenen Wunſche 
des Heeres entſprechend, mich an die Front zu begeben, um mit 
meinen im ſchweren Kampfe ſtehenden Truppen zuſammen ſein 
und mich perſönlich von ihrem Geiſt und Zuſtand überzeugen zu 
können. 

Ich konnte dieſen Entſchluß um fo eher ausführen, als ich, feit- 
dem die neue Regierung eingeſetzt war, von dieſer wie vom Reichs— 


236 


kanzler in keiner Weiſe mehr in Anſpruch genommen wurde, mein 
Aufenthalt zu Hauſe alſo zwecklos erſchien. Die Noten an Wilſon 
wurden von Solf, dem Kriegskabinett und Reichstag in ftunden- 
langen Sitzungen beraten und abgefaßt, ohne daß ich darüber orien- 
tiert worden wäre, ſo daß ich ſchließlich bei der letzten Note an 
Wilſon Solf durch meinen Kabinettschef in ſehr deutlicher Weiſe zu 
verſtehen gab, daß ich verlange, von der Note vor ihrem Abgange 
Kenntnis zu erhalten. Solf erſchien und trug ſie vor, ſtolz auf ſeine 
Antitheſe zwiſchen Waffenſtreckung, die Wilſon's Verlangen war, 
und Waffenſtillſtand, der beantragt wurde. Als ich dann auf die 
Abdankungsgerüchte aufmerkſam machte und verlangte, das Aus⸗ 
wärtige Amt müſſe in der Preſſe gegen das Unwürdige der Zeitungs⸗ 
polemik Stellung nehmen, erwiderte Solf: Davon ſprächen ja doch 
ſchon alle Leute an allen Straßenecken, auch in den beſten Kreiſen 
erörtere man dieſe Frage ganz ungeniert. Als ich meiner Empörung 
darüber Ausdruck verlieh, bemerkte Solf zu meinem Troſt: Wenn 
Seine Mafeftät ginge, ginge er auch, er könne unter ſolchen Verhält⸗ 
niſſen nicht weiterdienen. Ich ging oder vielmehr ich wurde von 
meiner eigenen Regierung geſtürzt, und — Herr Solf blieb. 

Als der Reichskanzler Prinz Max von meinem Entſchluß zur Ab⸗ 
reiſe nach der Front erfuhr, verſuchte er, ſie auf alle Weiſe zu ver⸗ 
hindern. Er fragte, warum ich reiſen wollte, und erhielt zur Ant⸗ 
wort, daß ich die Rückkehr ins Feld für meine Pflicht als Oberſter 
Kriegsherr hielte, nachdem ich faſt einen Monat von der ſchwer⸗ 
ringenden Armee getrennt geweſen ſei. Auf den Einwurf des Kanz⸗ 
lers, ich ſei zu Hauſe unentbehrlich, entgegnete ich, wir befänden 
uns im Kriege, und der Kaiſer gehöre zu feinen Soldaten. Schließ— 
lich erklärte ich endgültig, ich würde reifen. Wenn die Waffenſtill⸗ 
ſtandsnote Wilſon's eintreffe, dann müſſe fie ja doch im Haupt: 
quartier bei der Armee beſprochen werden und der Kanzler zu den 
Beratungen nach Spa kommen. 


Ich begab mich zu der Armee in Flandern, nachdem ich in Spa 
dem Generalſtab nochmals den beſtimmten Befehl gegeben hatte, 
ſchleunigſt in die Antwerpen-Maas-Stellung zurückzugehen, damit 
die Truppen endlich aus dem Kampfe heraus zur Ruhe kämen. 
Trotz der Einwendungen, das brauche Zeit, die Stellung ſei noch 
nicht fertig, das Material müſſe erſt zurück uſw., erhielt ich den 
Befehl aufrecht. Der Rückzug wurde eingeleitet. 

In Flandern ſah ich Abordnungen der verſchiedenen Divifionen, 
ſprach mit den Leuten, verteilte Dekorationen und wurde überall 
von Offizieren wie Mannſchaften freudig begrüßt. Beſonders be— 
geiftert waren die Soldaten eines Kgl. Sächſiſchen Rekrutendepots, 
die mir auf dem Bahnhofe, auf dem ich meinen Zug wieder beſtieg, 
ſtürmiſche Huldigungen darbrachten. Während ich an Angehörige 
der Garde-Erſatz-Diviſion Dekorationen austeilte, flog, von Abwehr— 
geſchützen und Maſchinengewehren heftig beſchoſſen, ein feindliches 
Bombengeſchwader direkt über uns weg und warf in der Nähe des 
Sonderzuges Bomben ab. Die höheren Führer meldeten überein— 
ſtimmend: Der Geiſt der Truppe vorn ſei gut und zuverläſſig, weiter 
rückwärts bei den Kolonnen ſei das nicht in gleichem Maße der Fall. 
Das Schlimmſte ſeien die Urlauber, die zu Hauſe offenbar bearbeitet 
und verſeucht worden ſeien und von dort einen ſchlechten Geiſt mit— 
brächten. Die jungen Rekruten in den Depots ſeien gut. 

In Spa, wohin ich mich nun begab, trafen andauernd Nach— 
richten aus der Heimat von der immer heftiger werdenden Agitation 
und Stimmung gegen den Kaiſer ein und von der zunehmenden 
Schlaffheit und Hilfloſigkeit der Regierung, die ohne Initiative und 
Kraft ſich nur noch willenlos treiben ließ. In der Preſſe wurde ſie 
fpottend „Debattierklub“ genannt, in führenden Blättern bezeichnete 
man den Prinzen Max als „Revolutionskanzler“. Er lag, wie ich 
ſpäter erfuhr, über zehn Tage an Grippe zu Bett, unfähig, die 
Geſchäfte wirklich zu führen. Exzellenz v. Payer und Solf re— 
238 


gierten mit dem andauernd tagenden ſogenannten Kriegskabinett das 
Deutſche Reich. In ſolch kritiſchen Zeiten durfte meines Erachtens 
das gefährdete Staatsſchiff nicht von Vertretern des Reichskanzlers 
geſteuert werden. Vertreter können eben nicht die Autorität haben, wie 
der verantwortliche Regierungschef. Autorität aber war gerade damals 
vonnöten. Es waren, ſoweit es mir bekannt iſt, nicht einmal ſtarke 
Vollmachten an den Vizekanzler gegeben worden. Die richtige, d. h. 
die pflichtmäßige Löſung wäre die wirkliche Erſetzung des Prinzen 
Max als Reichskanzler und die Berufung einer ſtarken Perſönlich— 
keit an ſeine Stelle geweſen. Da wir das parlamentariſche Re— 
gierungsſyſtem hatten, mußten die Parteien den Wechſel im Kanzler— 
amte veranlaſſen und mir einen Nachfolger des Prinzen Max präſen— 
tieren. Das iſt nicht geſchehen. 

Nun ſetzten Verſuche der Regierung und des Reichskanzlers ein, 
um mich zur Abdankung zu bewegen. Der Nlinifter des Innern, 
Drews, erſchien im Auftrage des Kanzlers, um mich über die 
Stimmung zu orientieren. Er ſchilderte die bekannten Vorgänge 
in Preſſe, Hochfinanz und Publikum, und betonte, daß der Reichs— 
kanzler zur Abdankungsfrage ſelbſt keine Stellung genommen, ihn 
jedoch zu mir geſandt habe. Er ſollte mir alſo quaſi ſuggerieren, ſelbſt 
zu dem Schluſſe zu kommen, daß ich abdanken müſſe, damit es nicht ſo 
ausſehe, als ob die Regierung einen Druck auf mich ausgeübt hätte. Ich 
legte dem Miniſter die verhängnisvollen Folgen der Abdankung dar und 
fragte ihn, wie er als preußiſcher Beamter eine ſolche Zumutung mit 
ſeinem Beamteneid ſeinem Könige gegenüber glaube vereinigen zu kön— 
nen. Drews wurde verlegen und entſchuldigte ſich mit dem Befehl des 
Reichskanzlers, der keinen anderen Mann habe finden können. Später 
teilte man mir mit, daß Drews einer der erſten Beamten geweſen 
iſt, der von der Abdankung feines Herrn und Königs geſprochen hat. 

Ich lehnte es ab abzudanken und erklärte, ich werde Truppen 
ſammeln und mit ihnen zurückkehren, um der Regierung zu helfen, 


239 


die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Danach wurde Drews 
in meiner Gegenwart vom Feldmarſchall v. Hindenburg und General 
Gröner empfangen, trug ihnen ſeinen Auftrag vom Reichskanzler 
vor und wurde von beiden Herren im Namen der Armee ſehr ſcharf 
abgewieſen. Zumal Gröners Kennzeichnung des Prinzen Max war 
von einer ſolchen Deutlichkeit, daß ich Drews noch beſchwichtigen 
und tröſten mußte. Der Feldmarſchall machte den Miniſter noch 
darauf aufmerkſam, daß die Armee im Falle meiner Abdankung nicht 
mehr weiterkämpfen, ſondern ſich auflöſen würde, zumal die Mehr⸗ 
zahl der Offiziere vorausſichtlich den Abſchied nehmen und das Heer 
dann ohne Führer ſein würde. 

Bald darauf erfuhr ich durch einen meiner Söhne, daß der 
Reichskanzler ihn zu bereden verſucht habe, den Auftrag, den dann 
Drews übernahm, ſeinerſeits auszuführen. Mein Sohn hat es mit 
Entrüſtung abgelehnt, ſeinem Vater die Abdankung vorzuſchlagen 

Inzwiſchen hatte ich den Zivilkabinettschef v. Delbrück nach 
Berlin geſandt, um dem Kanzler eine allgemeine, auch zur Ver— 
öffentlichung beſtimmte Ordre vorzulegen, die meine vom Kanzler 
nicht publizierte Anſprache an das Miniſterium erſetzen, breiter be— 
handeln und meine Stellung zur Regierung und zur Neuorientierung 
vor der Offentlichkeit klarlegen ſollte. Der Kanzler unterließ zunächſt 
auch die Veröffentlichung dieſer Ordre. Erſt mehrere Tage ſpäter 
hat er ſich veranlaßt geſehen, ſie zuzulaſſen, infolge eines Briefes, 
den, wie ich nachher erfuhr, die Kaiſerin ihm geſchrieben hatte. Herr 
v. Delbrück meldete mir dann, daß die Ordre in Berlin und in der 
Preſſe einen guten Eindruck gemacht, die Lage entſpannt und Be— 
ruhigung gebracht habe, ſo daß die Abdankungsidee zu ſchwinden 
beginne und ſogar die Rechtsſozialiſten die Verhandlung darüber zu 
vertagen beſchloſſen hätten. 

In den folgenden Tagen mehrten ſich die Nachrichten, daß in 
Berlin von den Sozialiſten Unruhen geplant ſeien, der Kanzler 


240 


werde immer nervöfer. Der Bericht, den Drews der Regierung 
nach feiner Rückkehr von Spa erftattet hat, war nicht ohne Ein⸗ 
druck geblieben. Die Herren wollten mich wohl los werden, aber 
vor den Folgen ſchreckten ſie zunächſt zurück. Ihr Standpunkt war 
ebenſo unklar wie ihr Verhalten. Sie taten ſo, als ob ſie keine 
Republik wollten, merkten aber gar nicht, daß ihr Handeln gerade— 
wegs zur Republik führen mußte. Ihr Verhalten iſt auch vielfach 
dahin ausgelegt worden, daß ſie dieſes Ziel direkt im Auge gehabt 
hätten. Es gibt viele, die aus dem rätſelhaften Benehmen des 
Kanzlers mir gegenüber ſchloſſen, daß er auf meine Beſeitigung 
hinarbeite, um ſelbſt Präſident der Deutſchen Republik zu werden, 
mit dem Zwiſchenſtadium eines Reichsverweſers. Mit dieſer Unter⸗ 
ſtellung tut man dem Prinzen Max zweifellos Unrecht. Derartige 
Gedankengänge ſind bei einem Angehörigen eines alten deutſchen 
Fürſtengeſchlechts ausgeſchloſſen. 

General Gröner, der zur Orientierung nach Berlin gefahren 
war, meldete nach ſeiner Rückkehr, daß er von der Regierung und 
von der Stimmung im Lande recht üble Eindrücke erhalten habe. 
Es gehe der Revolution entgegen, die Regierung reiße bloß ein, 
ſchaffe nichts Poſitives, das Volk wolle unter allen Umſtänden 
endlich Frieden, ganz gleich, wie er ausſähe, die Autorität der 
Regierung ſei gleich Null, die Hetze gegen den Kaiſer ſei im vollen 
Gange, die Abdankung ſei kaum mehr zu vermeiden. Die Truppen 
zu Hauſe ſeien unzuverläſſig, bei Aufſtänden könne man unliebſame 
Überraſchungen erleben. Durch die von der Kriminalpolizei be— 
ſchlagnahmten Kurierkiſten des ruſſiſchen Bolſchewiki-Botſchafters ſei 
ſehr belaſtendes Material darüber zutage gefördert, daß von der 
ruſſiſchen Botſchaft aus im Verein mit der Spartakusgruppe ſchon 
ſeit langem die Bolſchewiki-Revolution nach ruſſiſchem Muſter in 
aller Ruhe gründlich organifiert worden ſei. (Das geſchah mit Wiſſen 
des ſtändig gewarnten Auswärtigen Amtes, das aber alle War- 


16 gaiſer Wilhelm II. 241 


nungen verlachte oder mit dem Bemerken: man dürfe die Bolſche— 
wiki nicht reizen, abwies, ſowie unter den Augen der Polizei, der 
das Auswärtige Amt andauernd in den Arm fiel.) Durch die ver⸗ 
ſeuchten Urlauber ſei das Gift bereits in die Armee getragen. Sie 
ſei teilweiſe angefreſſen und werde ſich, ſobald ſie durch Waffenruhe 
frei geworden ſei, bei Rückkehr in die Heimat weigern, gegen die 
Aufſtändiſchen zu kämpfen. Daher müſſe jeder Waffenſtillſtand, ſo 
ſchwer ſeine Bedingungen auch ſein möchten, unbedingt und ſofort 
angenommen werden, das Heer ſei nicht mehr zuverläſſig und die 
Heimat ſtehe vor der Revolution. 

Am Morgen des 9. November“) ließ mir der Reichskanzler 
Prinz Max von Baden nochmals, wie ſchon am 7., mitteilen, die 
Sozialdemokraten, auch die ſozialdemokratiſchen Staatsſekretäre, ver— 
langten meine Abdankung. Derſelben Anſicht ſeien nun auch die 
übrigen Mitglieder der Regierung geworden, die bisher noch dagegen 
geweſen ſeien. Ebenſo ſtehe es bei den Mehrheitsparteien im Reichs- 
tage. Er bitte mich daher, ſofort abzudanken, da ſonſt in Berlin 
umfangreiche Straßenkämpfe mit Blutvergießen zu erwarten ſeien, 
im kleinen hätten ſolche ſchon begonnen. 

Ich berief ſofort den Feldmarſchall v. Hindenburg und den 
Generalquartiermeiſter General Gröner. Dieſer meldete wiederum, 
die Armee könne nicht mehr kämpfen und wolle vor allem Ruhe, 
daher müſſe unbedingt ſeder Waffenſtillſtand angenommen werden. 
Dieſer müſſe ſobald als möglich abgeſchloſſen werden, da die Armee 
nur noch für 6-8 Tage Verpflegung habe und durch die Auf— 
rührer, die alle Verpflegungsmagazine und Rheinbrücken beſetzt 
hätten, von ſedem Nachſchub abgeſchnitten ſei. Unbegreiflicherweiſe 


») Über die Zuſpitzung der Ereigniſſe bis zu dem verhängnisvollen 9. No⸗ 
vember und über dieſen Tag ſelbſt finden ſich authentifhe Angaben eines Augen- 
zeugen in dem leſenswerten Buche des von der Oberſten Heeres leitung zu mir 
kommandterten Majors Niemann „Kaiſer und Revolution“ (Berlin 1922). 


242 


habe die aus Berlin nach Frankreich entſandte Waffenſtillſtands⸗ 
kommiſſion — Erzberger, Geſandter Graf Oberndorff, General 
v. Winterfeldt —, die vorgeſtern abend die franzöſiſchen Linien 
paſſierte, bisher keine Mitteilung über den Inhalt der Bedingungen 
in das Hauptquartier gelangen laſſen. 

Auch der Kronprinz mit ſeinem Chef Graf Schulenburg traf ein 
und nahm an der Beratung teil. Während unſerer Beſprechungen 
kamen mehrere telephoniſche Anfragen des Reichskanzlers, die ſtark 
drängten unter der Mitteilung, daß die Sozialdemokraten aus der 
Regierung ausgeſchieden wären und daß Gefahr im Verzuge ſei. 
Der Kriegsminiſter meldete: Unſicherheit bei Teilen der Truppen in 
Berlin, die 4. Jäger, 2. Kompagnie des Alexanderregiments, 2. Bats 
terie Jüterbog ſeien zu den Aufſtändiſchen übergegangen, kein 
Straßenkampf. 

Den Bürgerkrieg wollte ich meinem Volke erſparen. Falls meine 
Abdankung tatſächlich das einzige Mittel war, um Blutvergießen 
zu verhindern, ſo wollte ich der Kaiſerwürde entſagen, nicht 
aber als König von Preußen abdanken, ſondern als ſolcher bei 
meinen Truppen bleiben. Denn die militäriſchen Führer hatten erklärt, 
die Offiziere würden im Falle meiner völligen Abdankung in Maſſen 
abgehen und das Heer werde dann führerlos auf das Vaterland 
zurückſtrömen und es ſchädigen und gefährden. 

Dem Reichskanzler war erwidert worden, mein Entſchluß müſſe 
erſt reiflich erwogen und formuliert werden. Alsdann werde er 
dem Kanzler übermittelt werden. Als einige Zeit ſpäter dieſe Über- 
mittelung ſtattgefunden hatte, kam die überraſchende Antwort: ... 
mein Entſchluß komme zu ſpät! Der Reichskanzler hatte von ſich 
aus meine — noch gar nicht erfolgte — Abdankung ſowie den 
Thronverzicht des überhaupt nicht befragten Kronprinzen kurzweg 
verkündet. Er hatte die Regierung an die Sozialdemokraten abge— 
geben und Herrn Ebert als Reichskanzler berufen. — Das alles 


16* 243 


war gleichzeitig auch durch Funkſpruch verbreitet worden. Die ganze 
Armee las es mit. So wurde mir die Entſcheidung über mein 
Bleiben oder Gehen, über das Niederlegen der Kaiſerwürde und 
die Beibehaltung der preußiſchen Königskrone kurzweg aus der Hand 
genommen. Die Armee wurde durch den fälſchlichen Glauben, daß 
ihr König ſie im kritiſchen Zeitpunkte verlaſſen hätte, aufs ſchwerſte 
erſchüttert. 

Betrachtet man das Verhalten des Reichskanzlers Prinz Max 
von Baden im ganzen, ſo ſieht man: Erſt feierliche Erklärung, 
ſich mit der neuen Regierung zum Schutze vor den Kaiſerthron zu 
ſtellen, dann Unterdrückung der Anſprache, die in der Offentlich— 
keit günſtig hätte wirken können, Ausſchaltung des Kaiſers von jeder 
Mitarbeit, Preisgabe der Perſon des Kaiſers durch Aufhebung der 
Zenſur, kein Eintreten für die Monarchie in der Abdankungsfrage, 
dann Verſuche, den Kaiſer zur freiwilligen Abdankung zu bewegen, 
und ſchließlich Verkündigung der Abdankung durch Funkſpruch über 
meinen Kopf hinweg. Dieſe ganze Entwicklung zeigt das ſtaats— 
gefährliche Spiel, das Scheidemann, der den Kanzler ganz in 
der Hand hatte, getrieben hat. Er hat feine Miniſterkollegen über 
ſeine wahren Abſichten im unklaren gelaſſen, den Prinzen von einer 
Stufe zur andern getrieben unter ſchließlicher Berufung darauf, 
daß die Führer die Maſſen nicht mehr in der Hand hätten. So hat 
er den Prinzen dazu gebracht, den Kaiſer, die Fürſten und das Reich 
preiszugeben, und ihn dadurch zum Zerſtörer des Reiches gemacht. 
Dann ſtürzte Scheidemann den ſchwachen prinzlichen „Staatsmann“. 

Die Lage nach Eintreffen des Funkſpruches war ſchwer. Zwar 
waren Truppen im Antransport nach Spa begriffen, um die un— 
geſtörte Weiterführung der Arbeit im Großen Hauptquartier zu ge— 
währleiſten. Aber die Oberſte Heeresleitung war nunmehr der Auf— 
faſſung, daß man nicht mehr unbedingt auf ihre Zuverläſſigkeit rechnen 
könne, falls von Aachen und Cöln her aufrühreriſche Soldaten heran— 


244 


2 A —ůÄC—ꝰ ů ů 


——5—— — —¾ . 1k. 


rlicken ſollten und unſere Leute dadurch vor die Frage geftellt wür— 
den, gegen eigene Kameraden kämpfen zu müſſen. Daher empfahlen 
mir meine ſämtlichen Berater, das Heer zu verlaſſen und einen 
neutralen Staat aufzuſuchen, um einen ſolchen „Bürgerkrieg“ zu 
vermeiden. 

Ich habe einen furchtbaren inneren Kampf durchgekämpft. Auf 
der einen Seite bäumte ſich in mir als Soldaten alles dagegen auf, 
meine treugebliebenen tapferen Truppen zu verlaſſen. Auf der an= 
deren Sette ſtand ſowohl die Erklärung der Feinde, mit mir keinen 
für Deutſchland erträglichen Frieden ſchließen zu wollen, wie die 
Behauptung meiner eigenen Regierung, daß nur durch mein Fort— 
gehen ins Ausland der Bürgerkrieg zu vermeiden ſei. 

In dieſem Kampfe ſtellte ich alles Perſönliche zurück. Ich brachte 
bewußt meine Perſon und meinen Thron zum Opfer in der Meinung, 
dadurch den Intereſſen meines geliebten Vaterlandes am beſten zu 
dienen. Das Opfer iſt umſonſt geweſen. Mein Fortgehen hat uns 
weder günſtigere Waffenſtillſtands- und Friedensbedingungen gebracht, 
noch den Bürgerkrieg abzuwenden vermocht, dagegen die Zerſetzung 
in Heer und Heimat in verderblichſter Weiſe beſchleunigt und vertieft. 

Dreißig Jahre iſt die Armee mein Stolz geweſen. Ich habe für 
ſie gelebt und an ihr gearbeitet. Und nun nach über vier glänzenden 
Kriegsjahren mit unerhörten Siegen mußte ſie unter dem von hinten 
gegen ſie geführten Dolchſtoß der Revolutionäre zuſammenbrechen, 
gerade in dem Augenblick, als der Friede in Greifnähe ſtand! Und 
daß in meiner ſtolzen Flotte, meiner Schöpfung, die Empörung zuerſt 
offen zutage getreten iſt, hat mich am tiefſten ins Herz getroffen. 

Es iſt viel darüber geredet worden, daß ich die Armee verlaſſen 
habe und in das neutrale Ausland gegangen bin. 

Die Einen ſagen: Der Kaiſer hätte ſich zu einem Truppenteil der 
Kampffront begeben, mit ihm auf den Feind ſtürzen und in einem 
letzten Angriff den Tod ſuchen ſollen. — Dadurch wäre aber nicht 


245 


nur der vom Volke heiß erſehnte Waffenſtillſtand, über den bereits 
die von Berlin zum General Foch entſandte Kommiſſion verhandelte, 
unmöglich gemacht, ſondern auch das Leben vieler, und gerade der 
beſten und treueſten Soldaten, nutzlos geopfert worden. 

Andere meinen: Der Kaiſer hätte an der Spitze des Heeres in 
die Heimat zurückkehren follen. — Eine friedliche Rückkehr war aber 
nicht mehr möglich, die Aufſtändiſchen hatten ſich der Rheinbrücken 
und anderer wichtiger Anlagen im Rücken des Heeres bereits be⸗ 
mächtigt. Ich hätte zwar an der Spitze treuer, aus der Kampf⸗ 
front gezogener Truppen die Rückkehr erzwingen können. Aber damit 
wäre der Zuſammenbruch Deutſchlands beſiegelt geweſen. Denn zum 
Kampfe mit dem zweifellos nachdrängenden Feinde wäre noch der 
Bürgerkrieg getreten. 

Wieder Andere meinen: Der Kaiſer hätte ſich ſelbſt den Tod geben 
ſollen. — Das war ſchon durch meinen feſten chriſtlichen Standpunkt 
ausgeſchloſſen. Und würde man dann nicht geſagt haben: Wie feige! 
Jetzt entzieht er fich aller Verantwortung durch den Selbſtmord. Diefer 
Weg ſchied auch deshalb aus, weil ich darauf bedacht ſein mußte, in 
der vorauszuſehenden ſchweren Zeit meinem Volke und Lande zu helfen 
und zu nützen. Gerade in der Aufhellung der Schuldfrage, die ſich 
mehr und mehr als der Kernpunkt unſeres künftigen Geſchicks ent⸗ 
hüllte, wußte ich mich beſonders berufen, die Sache meines Volkes 
zu vertreten. Denn mehr wie feder andere kann ich Zeugnis ablegen 
von Deutſchlands Friedenswillen und von unſerem reinen Gewiſſen. 

Nach unendlich ſchweren Seelenkämpfen habe ich auf dringendſtes 
Anraten meiner zurzeit anweſenden höchſten verantwortlichen Rat 
geber den Entſchluß gefaßt, außer Landes zu gehen, weil ich auf Grund 
der mir gemachten Meldungen glauben mußte, dadurch Deutſchland 
am treueſten zu dienen, ihm günſtigere Waffenſtillſtands- und Friedens⸗ 
bedingungen zu ermöglichen und ihm weitere Menſchenverluſte, den 
Bürgerkrieg, Not und Elend zu erſparen. 


246 


Der feindliche 
id der eu tea be 


Gerichtshof 


ar" 


ei: die Forderung der Entente, daß ich und die deutſchen Heer— 
führer ihr zur Aburteilung vor ihren Gerichten ausgeliefert 
würden, bekannt geworden war, habe ich ſofort erwogen, ob ich, ehe 
das deutſche Volk und die deutſche Regierung ſich zu dieſem Anſinnen 
geäußert hätten, durch eine Selbſtſtellung meinem Vaterlande nutzen 
könnte. Es war mir klar, daß nach der Abſicht der Entente die 
Auslieferung das ſtaatliche und völkiſche Anſehen Deutſchlands für 
alle Zeiten ſo ſchwer erſchüttern ſollte, daß wir niemals wieder gleich— 
berechtigt, gleich würdig, gleich bündnisfähig in die uns gebührende 
erſte Reihe der Völker einrücken könnten. Ich kannte meine Pflicht, 
die Ehre und Würde Deutſchlands nicht preiszugeben. Es kam 
darauf an, zu entſcheiden, ob es möglich war, Vorausſetzungen für 
eine Selbſtſtellung zu ſchaffen, die einen Nutzen für das deutſche 
Volk brachten und jene Nachteile ausſchalteten. In dieſem Falle 
wäre ich ohne Zaudern bereit geweſen, den ſchon gebrachten Opfern 
ein weiteres hinzuzufügen. 

Der Vorſchlag der Selbſtſtellung iſt, wie ich weiß, auch in 
wohlmeinenden deutſchen Kreiſen ernſthaft erwogen worden. Wo es 
fih dabei um Auswirkungen pſychologiſcher Depreſſion oder um die 
Verkennung des Eindrucks handelte, den Selbſtkaſteiung, Selbſt— 
erniedrigung, unfruchtbares Martyrium der Entente gegenüber hervor— 
rufen mußten, brauchte man nur den oben kurz geſtreiften real— 


249 


politiſchen Urſprung der Ententeforderung heranzuziehen, um zu klarer 
Entſcheidung, nämlich zu ſtrikter Ablehnung zu gelangen. 

Anders lag es bei den Erwägungen, die von der Annahme aus⸗ 
gingen, ich könne, indem ich die Verantwortung für alle großen 
Entſcheidungen und Handlungen meiner Regierung, die im Zuſammen⸗ 
hange mit dem Kriege ſtehen, vor aller Welt übernahm, das Schickſal 
des deutſchen Volkes erleichtern helfen. Nicht an einen Akt un⸗ 
politiſcher Sentimentalität war gedacht, ſondern im Gegenteil an 
eine Tat, die für mich viel Beſtechendes hatte. Die formale Rück⸗ 
ſicht, daß nach der damaligen Reichsverfaſſung nicht ich, ſondern be⸗ 
kanntlich allein der Reichskanzler die Verantwortung trug, hätte 
mich dabei nicht geſtört. 

Wenn auch nur die geringſte Ausſicht beſtanden hätte, durch 
einen ſolchen Schritt eine Verbeſſerung der Lage Deutſchlands her- 
beizuführen, ſo wäre für mich perſönlich ein Zweifel über mein 
Handeln nicht möglich geweſen. Meine perſönliche Opferfähigkeit 
hatte ich ſa ſchon bewieſen, indem ich außer Landes ging und meinem 
und meiner Väter Thron entſagte, weil mir irrtümlich und täuſchend 
verſichert worden war, daß ich dadurch meinem Volke beſſere Friedens 
bedingungen ermöglichen und den Bürgerkrieg erſparen würde. Ich 
hätte dieſen neuen Verſuch, meinem Volke zu helfen, auf mich ge— 
nommen, obwohl ſich inzwiſchen die eine der mir gegenüber geltend 
gemachten Erwartungen, nämlich die Vermeidung des Bürgerkrieges, 
bereits als falſch herausgeſtellt hatte. 

Die Möglichkeit, dem deutſchen Volke durch eine ſolche Tat zu 
helfen, beſtand aber nicht. Die Selbſtſtellung hätte kein anderes 
Ergebnis gehabt wie die Erfüllung der Auslieferungsforderung des 
Feindes. Denn kein Gerichtshof der Welt kann zu einem gerechten 
Urteil gelangen, bevor nicht die Staatsarchive aller am Kriege be— 
teiligt geweſenen Staaten geöffnet werden, wie das von deutſcher 
Seite ſchon geſchehen iſt und noch weiter geſchieht. Wer aber konnte 


250 


nach dem unerhörten Diktat von Derfailles noch den Optimismus 
aufbringen, daran zu glauben, daß die Ententeſtaaten für jenen Ge— 
richtshof ihre Geheimakten zur Verfügung geſtellt hätten! 

Deshalb kamen bei mir nach ſorgſamer Prüfung die ſchon er- 
wähnten gewichtigen Gründe der perſönlichen und der nationalen 
Würde und Ehre zu der ihnen gebührenden ausſchlaggebenden Be— 
deutung. Ich mußte das Anſinnen der Selbſtſtellung ablehnen. Ich 
durfte nicht die Rolle des Vercingetorix ſpielen, der bekanntlich im 
Vertrauen auf die Großmut feiner Feinde dieſen feine Perſon aus— 
lieferte, um dadurch für ſein Volk ein beſſeres Los zu erlangen. 
Nach dem Verhalten unſerer Feinde während des Krieges und der 
Friedensverhandlungen war nicht anzunehmen, daß die Entente ſich 
etwa großmütiger zeigen würde, als Caeſar, der den edlen Gallier 
in Ketten legen und ſpäter hinrichten ließ und deſſen Volk doch 
nicht mit der Knechtſchaft verſchonte. 

Im allgemeinen möchte ich bemerken, daß es ſich immer als 
falſch erwieſen hat, wenn man Ratſchläge des Feindes befolgt oder 
ſich ſolchen Ratſchlägen nähert. Auch die wohlgemeinten Vorſchläge 
der Selbſtſtellung aus deutſchen Kreiſen ſind immerhin, wenn auch 
vielleicht teilweiſe unbewußt, auf dem Boden der feindlichen Forde— 
rungen gewachſen. Deshalb ſchon waren fie abzulehnen. So bleibt 
der einzige Weg eine iniernationale unpartetifche Inſtanz, die nicht 
einzelne Perſönlichkeiten aburteilt, ſondern alle Vorgänge, die zum 
Weltkriege führten, bei allen am Kriege beteiligten Staaten nach 
Offnung nicht nur der deutſchen, ſondern aller Staatsarchive prüft 
und auf Grund des Ergebniſſes das Urteil fällt. Deutſchland kann 
mit dieſem Verfahren nur einverſtanden ſein. Wer ſich dagegen 
ſträubt, ſpricht ſich ſelbſt das Urteil. 

Meine Auffaſſung über das hier erörterte Thema geht aus dem 
nachſtehend abgedruckten Briefe hervor, den ich unter dem 5. April 
1921 an den Feldmarſchall v. Hindenburg gerichtet habe und den 


251 


dieſer inzwiſchen der Offentlichkeit übergeben hat. Zum beſſeren Ver— 
ſtändnis iſt auch der vorangegangene Brief des Feldmarſchalls 
wiedergegeben.“) 


* 


Hannover, den 30. März 1921. 
Euerer Kaiſerlichen und Königlichen Majeftät 

bitte ich für das gnädige Intereſſe an der Krankheit meiner 
Frau ehrfurchtsvollſten Dank unterbreiten zu dürfen. Die Sorge 
ift noch nicht behoben. 

Aus der Heimat habe ich wenig Erfreuliches zu berichten. Die 
Unruhen in Mitteldeutſchland ſind ernſter, als ſie von der preußiſchen 
Regierung hingeſtellt werden. Hoffentlich gelingt es, ihrer bald Herr 
zu werden. 

Immer drückender laſten auf dem deutſchen Volke die Auswir— 
kungen des Verſailler Friedensdiktates, deſſen Ziel, die Vernichtungs— 
politik unſerer Feinde, von Tag zu Tag unverhüllter hervortritt. Zur 
Begründung dieſer Zwangspolitik muß das Märchen von der deut— 
ſchen Schuld am Kriege herhalten. 

Den Wortführer des Feindbundes, Herrn Lloyd George, ſtört 
es wenig, daß er am 20. Dezember v. J. erklärt hat, kein Staats— 
mann habe im Sommer 1914 den Krieg gewollt. Alle Völker feien 
in ihn hineingeglitten oder hineingeſtolpert. In ſeiner Rede auf der 
Londoner Konferenz am 3. März ſagt er ruhig: Die deutſche Ver— 
antwortlichkeit für den Krieg ſei grundlegend. Sie ſei die Baſis, 
auf der das Gebäude des Vertrages von Verſailles errichtet worden 
wäre. Wenn dieſe Anerkenntnis verweigert oder aufgegeben werde, 
ſei der Vertrag hinfällig. 


*) Die für das in Frage ſtehende Thema wichtigſten Stellen find im Druck 
hervorgehoben. 


252 


Die Schuldfrage bildet nach wie vor den Angelpunkt für die 
Zukunft des deutſchen Volkes. Furchtbar rächt ſich das in Verſailles 
den deutſchen Vertretern wider ihre Überzeugung abgepreßte Zuge— 
ſtändnis unſerer angeblichen „Schuld“ am Kriege. Nicht minder 
rächt ſich das unwahre Zugeſtändnis von Deutſchlands „Wit— 
ſchuld“, das der Miniſter Simons auf der Londoner Konferenz ab— 
gegeben hat. 

Ich fühle in tiefſter Seele mit Euerer Majeſtät. In meiner 
langen militäriſchen Dienſtzeit habe ich das Glück und die Ehre ge— 
habt, zu Euerer Majeſtät in nahe perſönliche Beziehungen zu treten. 
Ich weiß, daß Euerer Majeſtät Arbeit während Ihrer ganzen Re— 
gierungszeit der Erhaltung des Friedens gegolten hat. Ich kann 
ermeſſen, wie maßlos ſchwer es für Euere Majeſtät iſt, von poſitiver 
Mitarbeit für das Vaterland ausgeſchaltet zu ſein. 

Die „Vergleichenden Geſchichtstabellen“, die Euere Majeftät 
aufgeſtellt haben, und von denen Euere Mafeſtät auch mir feinerzeit 
einen Abdruck zuſtellen ließen, ſind ein guter Beitrag zur Entſtehungs— 
geſchichte des Krieges und geeignet, manche unrichtige Vorſtellung 
zu beſeitigen. Ich habe es bedauert, daß Euere Majeftät die Ta— 
bellen nicht der Offentlichkeit übergeben, ſondern ſie auf einen engen 
Kreis beſchränkt haben. Nachdem die Tabellen jegt durch Indis— 
kretionen und zum Teil in unvollſtändigen Auszügen in der Aus— 
landspreſſe veröffentlicht ſind, ſcheint mir nunmehr ihre vollſtändige 
Veröffentlichung in der deutſchen Preſſe empfehlenswert. 

Zu meiner großen Freude höre ich, daß in dem Befinden Ihrer 
Majeftät in der letzten Zeit eine Beſſerung eingetreten iſt. Gott 
helfe weiter! 

In tiefſter Ehrfurcht, in unbegrenzter Treue und Dankbarkeit 
Euerer Kaiſerlichen und Königlichen Majeftät alleruntertänigſter 


gez. v. Hindenburg, Generalfeldmarſchall. 


253 


Haus Doorn, den 5. April 1921. 
Mein lieber Feldmarſchall! 

Haben Sie warmen Dank für Ihren Brief vom 30. v. M. — 
Sie haben recht. Das tft das Schwerſte für mich: im Auslande 
leben müſſen, mit glühender Seele die furchtbaren Geſchicke unſeres 
teuren Vaterlandes, dem meine ganze Lebensarbeit gegolten hat, ver— 
folgen und von der Mitarbeit ausgeſchloſſen ſein. 

Sie haben während der dunklen, unſeligen Novembertage 1918 
mir zur Seite geſtanden. Wie Sie wiſſen, habe ich mich zu dem 
ſchweren, furchtbaren Entſchluß, außer Landes zu gehen, nur auf 
Ihre und meiner übrigen berufenen Ratgeber dringende Vorſtellung 
durchgerungen, daß es nur allein auf dieſem Wege möglich ſei, un⸗ 
ſerem Volke günſtigere Waffenſtillſtandsbedingungen zu verſchaffen 
und ihm einen blutigen Bürgerkrieg zu erſparen. Das Opfer iſt 
umſonſt geweſen. Nach wie vor wollen die Feinde für die angeb— 
liche Schuld des „Kaiſerlichen Deutſchlands“ das deutſche Volk 
büßen laſſen. 

In dem Beſtreben, alle perſönlichen Rückſichten dem Wohle 
Deutſchlands unterzuordnen, halte ich mich völlig zurück. Ich ſchweige 
zu allen Lügen und Verleumdungen, die über mich verbreitet werden. 
Ich halte es für unter meiner Würde, mich gegen Angriffe und 
Schmähungen zu verteidigen. 

Dieſer Zurückhaltung entſprechend habe ich auch die von Ihnen 
eewähnten „Geſchichtstabellen“ ſtreng objektiv gehalten und nur einem 
engen Kreiſe von Bekannten zugänglich gemacht, auf welche Weiſe 
ſie jetzt durch irgendeine Indiskretion (oder Diebſtahl?) in die 
Offentlichkeit gekommen find, iſt mir völlig unverſtändlich. Die Ab— 
ſicht, die mich bei Abfaſſung der hiſtoriſchen Tabellen leitete, war 
die: durch eine ſyſtematiſche Aufzählung nüchterner Tatſachen ſtreng 
geſchichtliches Material zuſammen zu tragen, das den Leſer in die Mög— 
lichkeit verſetzen ſollte, über die Vorgeſchichte des Krieges ſich ſelbſt 


254 


. uU ⁵ ! — . ⁰˙ 22 2 2 nenne ee TEE un nn A 


ein Urteil zu bilden. Meine beſten, überzeugendſten Quellen habe 
ich — nebenbei bemerkt — in der nach dem Kriege entſtandenen Lite⸗ 
ratur gerade von Angehörigen der feindlichen Staaten gefunden. 
Darum freue ich mich, daß Sie meinen beſcheidenen Beitrag zur 
Geſchichte nützlich finden. Für Ihre Anregung, der deutſchen Preſſe 
die inzwiſchen vervollſtändigten Tabellen zugänglich zu machen, danke 
ich Ihnen, ich werde ihr entſprechen.“) 

Die Wahrheit wird ſich Bahn brechen, machtvoll, unaufhaltſam, 
wie eine Lawine. Wer ſich ihr nicht wider beſſeres Wiſſen ver- 
ſchließen will, muß erkennen, daß während meiner 26 jährigen Re— 
gierungszeit vor dem Kriege die deutſche Außenpolitik lediglich auf 
die Erhaltung des Friedens gerichtet war. Sie erſtrebte einzig und 
allein den Schutz des von Weſt und Oſt bedrohten heiligen Heimat- 
bodens ſowie die friedliche Entwicklung unſeres Handels und unſerer 
Volkswirtſchaft. Hätten wir je kriegeriſche Abſichten gehabt, ſo hätten 
wir 1900 losgeſchlagen, als England durch den Burenkrieg, oder 
1905, als Rußland durch den Japaniſchen Krieg gebunden war, und 
uns ein nahezu ſicherer Sieg gewinkt hätte. Aber ſicherlich hätten 
wir uns nicht gerade das Jahr 1914 ausgeſucht, wo uns eine er- 
drückende Übermacht geſchloſſen gegenüberſtand. Auch muß ſich jeder 
Unbefangene ſagen, daß Deutſchland von dem Kriege gar nichts zu 
erwarten hatte, während unſere Feinde davon alles für ihre ſeit 
langem zu unſerer Vernichtung feſtgeſetzten Ziele erhofften. 

Daß mein und meiner Regierung heißes Bemühen in den kriti— 
ſchen Juli- und Auguſttagen 1914 ausſchließlich der Erhaltung des 
Weltfriedens gegolten hat, wird durch die neueſten literariſchen und 
aktenmäßigen Veröffentlichungen von deutſcher und beſonders von 
feindlicher Seite mehr und mehr erhärtet. Den durchſchlagendſten 


*) Das iſt inzwiſchen erfolgt. Die „Vergleichenden Geſchichtstabellen von 
1878 bis zum Kriegsausbruch 1914“ ſind im Dezember 1921 im Verlage von 
K. F. Koehler in Leipzig erſchtenen. 


250 


Beweis dafür bringt das Wort Saſonows: „Die Friedensliebe des 
Deutſchen Kaiſers bürgt uns dafür, daß wir den Zeitpunkt für den 
Krieg ſelbſt beſtimmen können.“ Was bedarf es da noch weiteren 
Zeugniſſes für unſere Unſchuld? Das bedeutet: Die Abſicht, einen 
Überfall auf einen Ahnungsloſen zu machen. Gott iſt mein Zeuge, 
daß ich, um dem Kriege vorzubeugen, bis an die äußerſte Grenze 
deſſen gegangen bin, was ich mit Rückſicht auf die Sicherheit und 
Unverſehrtheit meines teuren Vaterlandes verantworten konnte. 

Von einer Schuld Deutſchlands am Kriege kann nicht die Rede 
ſein. Es beſteht heute kein Zweifel mehr, daß nicht Deutſchland, 
ſondern der Feindbund den Krieg planmäßig vorbereitet und ab— 
ſichtlich herbeigeführt hat. 

Zur Verdunkelung dieſes Vorgehens hat der Feindbund in dem 
ſchmachvollen Friedensvertrag das unwahre „Schuldbekenntnis“ 
Deutſchlands erzwungen und meine Geſtellung vor einen feind— 
lichen Gerichtshof verlangt. Sie, mein lieber Feldmarſchall, 
kennen mich zu gut, um nicht zu wiſſen, daß mir für mein geliebtes 
Vaterland kein Opfer zu groß iſt. Doch ein Gerichtshof, in 
dem der Feindbund gleichzeitig Ankläger und Richter wäre, 
würde nicht ein Organ des Rechtes, ſondern ein Inſtru— 
ment politiſcher Willkür ſein und nur dazu dienen, durch 
meine ſelbſtverſtändliche Verurteilung die uns auferlegten 
unerhörten Friedensbedingungen nachträglich zu rechtfer— 
tigen. Natürlich war daher das feindliche Anſinnen meinerſeits 
zurückzuweiſen. Aber auch meine Geſtellung vor ein wie immer 
zuſammengeſetztes neutrales Gericht kann für mich nicht in Frage 
kommen. Ich erkenne wegen der Anordnungen, die ich als 
Kaiſer und König, alſo als verfaſſungsmäßig unverant— 
wortlicher Repräſentant der deutſchen Nation, nach beſtem 
Wiſſen und Gewiſſen getroffen habe, das ſtrafrechtliche 
Urteil irgendeines irdiſchen Richters, wie hoch er auch 
256 


— ee 


1 


immer geſtellt ſein mag, nicht an, da ich dadurch die Ehre 
und Würde des von mir vertretenen deutſchen Volkes 
preisgeben würde. 

Ein Schuld- und Strafverfahren, das ſich ausſchließlich 
gegen das Oberhaupt eines der am Kriege beteiligten Staaten 
richtet, entkleidet dieſen Staat jeder Gleichberechtigung mit 
den anderen Staaten und damit feines Anſehens in der Gemein— 
ſchaft der Völker. Außerdem würde es von vornherein den von 
den Feinden beabſichtigten Eindruck erwecken, als ob es ſich 
bei der ganzen „Schuldfrage“ nur um dieſes eine Staats— 
oberhaupt und die eine von ihm vertretene Nation handelte. 
Dazu kommt noch, daß eine unparteiiſche Beurteilung der 
„Schuldfrage“ ausgeſchloſſen iſt, wenn das Verfahren nicht 
auch auf die Staatsoberhäupter und leitenden Staats— 
männer der feindlichen Mächte erſtreckt und deren Verhalten 
der gleichen Kritik unterſtellt wird. Denn das Verhalten des ein— 
zelnen Staates bei Ausbruch des Krieges kann ſelbſtverſtändlich nur 
unter Berückſichtigung des Vorgehens ſeiner Gegner richtig bewertet 
werden. 

Eine wirkliche Aufklärung der „Schuldfrage“, woran 
Deutſchland ſicher kein geringeres Intereſſe hätte als ſeine Feinde, 
könnte nur in der Weiſe erfolgen, daß durch eine internationale, 
unparteiiſche Inſtanz nicht einzelne Perſönlichkeiten ſtraf— 
rechtlich abgeurteilt, ſondern alle Vorgänge, die zum Welt— 
kriege geführt haben, ebenſo wie alle ſonſtigen Völkerrechts— 
verletzungen feſtgeſtellt würden, um danach das Verſchulden der 
beteiligten Perſönlichkeiten auf ſeiten aller kriegführenden Mächte 
richtig zu bemeſſen. 

Ein ſolcher loyaler Vorſchlag iſt von deutſcher Seite nach Be— 
endigung des Krieges in amtlicher Form gemacht, aber, ſoweit mir 
bekannt, von den Feinden teils ablehnend beantwortet, teils überhaupt 


17 Kaiſer Wilhelm II. 237 


feiner Antwort gewürdigt worden. Deutſchland hat überdies feine 
Archive gleich nach dem Kriege ohne jede Einſchränkung geöffnet, während 
der Feindbund ſich bisher wohl gehütet hat, ſolchem Beiſpiel zu 
folgen. Die in Amerika jetzt in Veröffentlichung befindlichen Ge— 
heimdokumente aus den ruſſiſchen Archiven ſind erſt der An— 
fang dazu. 

Schon dieſes Verhalten des Feindbundes neben überwältigendem 
einlaufenden Belaſtungsmaterial gibt den Fingerzeig dafür, wo die 
„Schuld am Kriege“ in Wirklichkeit zu ſuchen iſt! Für Deutſchland 
aber erweiſt es ſich um ſo mehr als gebieteriſche Pflicht, mit allen 
Mitteln alles irgendwie für die „Schuldfrage“ in Betracht kom— 
mende Material zu ſammeln, zu ſichten und zu veröffentlichen, um 
dadurch die wirklichen Urſachen des Krieges zu entlarven. 

Im Befinden J. M. iſt leider eine Verſchlechterung eingetreten. 
Mein Herz krampft ſich in ſchmerzvollſter Sorge zuſammen. 

Gott mit uns! 

Ihr dankbarer 
gez. Wilhelm. 


Die Schuldfrage 


=): Geſchichte kennt kein Beiſpiel, das man mit dem Weltkriege 
1914/18 vergleichen könnte. Sie kennt aber auch kein Bei— 
ſpiel für die Verwirrung, die über die Urſachen entſtanden iſt, die 
zum Weltkriege führten. Das iſt um fo erftaunlicher, weil der große 
Krieg eine hochkultivierte, aufgeklärte, politiſch geſchulte Menſchheit 
vorfand, und weil die Urſachen zum Weltkriege klar und offen liegen. 
Auch die ſcheinbare Kompliziertheit in der Julikriſe 1914 kann darüber 
nicht hinwegtäuſchen. Der damalige Telegrammwechſel zwiſchen den 
Kabinetten der Großmächte und den Herrſchern, die Tätigkeit der 
Staatsmänner und hervorragender Privatmänner bei mündlichen Ver— 
handlungen mit wichtigen Perſönlichkeiten der Entente waren gewiß 
von größter Wichtigkeit durch die entſcheidende Bedeutung, die nahezu 
ſedem Worte zukam, das aus verantwortlichem Munde geſprochen, 
und jeder Zeile, die geſchrieben oder gedrahtet wurde. Aber die 
große Linie der Kriegsurſachen wird dadurch nicht geändert, ſie liegt 
feſt und man darf ſich nicht ſcheuen, ſie immer wieder mit Ruhe und 
Sachlichkeit von dem verwirrenden Beiwerk der Vorgänge, die den 
Kriegsausbruch begleiteten, freizulegen. 

Die allgemeine Lage des Deutſchen Reiches hatte ſich in der 
Vorkriegszeit immer glänzender und infolgedeſſen außenpolitiſch immer 
ſchwieriger geſtaltet. Ein niemals dageweſener Aufſchwung in In— 
duſtrie, Handel und Weltverkehr hatte Deutſchland wohlhabend ge— 
macht. Die Kurve unſerer Entwicklung blieb nach oben gerichtet. 
Die damit verbundene friedliche Eroberung eines namhaften Teiles 
des Weltmarktes, auf den deutſcher Fleiß und unſere Leiſtungen ge— 


261 


rechten Anſpruch hatten, konnte älteren Weltvölfern, vor allem Eng⸗ 
land, nicht angenehm ſein. Das iſt ein ganz natürlicher Vorgang, 
dem nichts Verwunderliches anhaftet. Es macht niemandem Freude, 
wenn ſich plötzlich ein Konkurrent etabliert und man zuſehen muß, 
wie die alte Kundſchaft zu ihm abwandert. Ich kann alſo aus der 
Verſtimmung Englands über Deutſchlands Fortſchritte auf dem 
Weltmarkte keinen Vorwurf gegen das Britenreich konſtruieren. 
Wenn es England verſtanden hätte, unter Anwendung beſſerer 
Handelsmethoden die deutſche Konkurrenz abzuſchlagen oder nieder— 
zuhalten, fo wäre das fein gutes Recht geweſen, gegen das Ein- 
wendungen nicht hätten erhoben werden können. Der ZTüchtigere 
gewann eben das Spiel. Es kann im Leben der Völker nicht 
als verwerflich gelten, wenn im friedlichen Wettbewerb von beiden 
Seiten mit gleichartigen, alſo friedlichen Mitteln, aber mit aller 
Energie, mit Kühnheit und Organiſationskunſt zum Beſten des eigenen 
Volkes gearbeitet wird. Etwas ganz anderes iſt es dagegen, wenn 
der eine Teil durch den Fleiß und die Leiſtung, wie durch über⸗ 
legene Geſchäftsmethoden des anderen feinen Aftivpoften in der 
Weltbilanz bedroht ſieht und nun, weil er nicht die Tüchtigkeit des 
jungen Konkurrenten zu entfalten vermag, mit Gewalt, alſo nicht 
mit friedlichen, ſondern mit kriegeriſchen Mitteln gegen den fried⸗ 
lichen Wettbewerb vorgeht, um ihn aufzuhalten oder zu vernichten. 
Unſere Lage wurde ſchwieriger, weil wir genötigt waren, zum 
Schutze unſeres Wohlftandeg, der nicht zuletzt auf den 19 Milliarden 
jährlicher deutſcher Ausfuhr und Einfuhr baſierte, eine Flotte zu 
bauen. Die Unterſtellung, wir hätten die Flotte gebaut, um die 
weit überlegene engliſche anzugreifen und zu vernichten, iſt abſurd, 
denn wir hätten bei dem tatſächlichen Kräfteverhältnis zur See nicht 
ſiegen können. Wir kamen ja auf dem Weltmarkte wunſchgemäß 
vorwärts, wir hatten über nichts zu klagen. Weshalb hätten wir 
alſo den Erfolg unſerer friedlichen Arbeit aufs Spiel ſetzen ſollen? 


262 


In Frankreich war feit 1870/71 der Revanchegedanke ſorgſam 


genährt worden. In der belletriſtiſchen wie in der politiſchen und 


militäriſchen Literatur, im Offizierkorps, in den Schulen, in Ver— 
einigungen, in den politiſchen Kreiſen wurde er in allen möglichen 
Variationen gepflegt. Ich kann dieſe Stimmung verſtehen. Vom 
geſunden nationalen Standpunkt aus geſehen iſt es ſchließlich ehren— 
voller, wenn ein Volk eine erlittene Schlappe wieder gut machen 
will, als wenn es dieſe einſteckt. Elſaß⸗Lothringen aber iſt feit vielen 
Jahrhunderten deutſches Land. Von Frankreich war es geraubt, 
wir hatten es 1871 als uns gehörig zurückgenommen. Deshalb war 
ein Revanchekrieg, der die Eroberung urdeutſchen Gebiets zum Ziele 
hatte, unrechtmäßig und unmoraliſch. Ein Nachgeben unſererſeits 
in dieſem Punkte hätte unſerem nationalen und rechtlichen Em— 
pfinden ins Geſicht geſchlagen. Da Deutſchland Elſaß-Lothringen 
niemals freiwillig an Frankreich zurückgeben konnte, war alſo der 
franzöſiſche Revanchetraum nur durch einen ſiegreichen Krieg zu ver— 
wirklichen, der die franzöſiſchen Grenzpfähle bis an das linke Rhein⸗ 
ufer vorſchieben ſollte. Deutſchland hingegen hatte keinen Anlaß, 
die Errungenſchaften von 1870/71 aufs Spiel zu ſetzen, es mußte 
alſo darauf hinwirken, den Frieden mit Frankreich zu erhalten, um 
fo mehr als die Konſtellation der Mächte gegen den deutſch-öſter⸗ 
reichiſchen Zweibund immer deutlicher hervortrat. 

In Rußland lagen die Dinge fo, daß das gewaltige Zaren- 
reich nach einem Zugang zum ſüdlichen Meer drängte. Dieſes Streben 
iſt natürlich und nicht zu verurteilen. Ferner beſtand der ruſſiſch— 
öſterreichiſche Gegenſatz, hauptſächlich um Serbien, der inſofern 
Deutſchland mitbetraf, als Deutſchland und Oſterreich-Ungarn im 
Bunde waren. Außerdem befand ſich das zariſche Rußland in einer 
andauernden inneren Gärung, und jede zariſche Regierung fand es 
nützlich, eine Möglichkeit für äußere Konflikte bereit zu halten, um 
durch äußere Schwierigkeiten jederzeit von den inneren ablenken zu 


263 


können, ein Ventil für den inneren Konfliftsftoff zu befigen. Es 
kam hinzu, daß der enorme Anleihenbedarf Rußlands faſt aus— 
ſchließlich in Frankreich gedeckt wurde. Uber 20 Milliarden fran- 
zöſiſcher Goldfranken, über deren Verwendung Frankreich teilweiſe 
verfügte, wanderten nach Rußland. Es handelte ſich dabei ausnahms— 
los um ſtrategiſche und kriegvorbereitende Maßnahmen. An der 
goldenen Kette der franzöſiſchen Milliarden wurde das Zarenreich 
nicht nur finanziell an Frankreich gekettet, es wurde dem franzöſi— 
ſchen Revanchegedanken dienſtbar. 

So ergab es ſich, daß England, Frankreich und Rußland, aller- 
dings aus verſchiedenen Gründen, ein gemeinſames Ziel hatten, 
nämlich: Deutſchland niederzuzwingen. England aus handelspoliti— 
ſchen, Frankreich aus revanchepolitiſchen, Rußland als Trabant Frank- 
reichs ſowie aus innerpolitiſchen Gründen und um an das ſüdliche 
Meer zu gelangen. So mußten ſich dieſe drei Großſtaaten finden. 
Den Zuſammenſchluß dieſer Beſtrebungen zu gemeinſamem plan— 
mäßigen Handeln nennen wir die Einkreiſungspolitik. 

Hierzu kommt noch das erſt kürzlich bekannt gewordene, bereits 
im Kapitel „Hohenlohe“ ausführlich erörterte Gentleman's agreement, 
von dem ich während meiner Regierungszeit überhaupt keine Kennt⸗ 
nis gehabt habe. Als ich von ihm erfuhr, habe ich mich ſofort bei 
Herrn v. Bethmann danach erkundigt. Er ſchrieb mir einen etwas 
gewundenen Brief: Irgend etwas ſei wohl in den Akten des Aus— 
wärtigen Amtes darüber vorhanden, der damalige deutſche Bot— 
ſchafter in Waſhington, v. Holleben, hätte darüber vertraulich wohl 
etwas berichtet, aber er hätte die Quelle nicht angegeben, deshalb 
wäre vom Auswärtigen Amte der Sache keine Bedeutung beigemeſſen 
und ſie nicht an mich weitergegeben worden. Jenes Agrement hat 
alſo tatſächlich auf die Politik Deutſchlands keinen Einfluß gehabt. 
Aber es beweiſt nachträglich, daß die angelſächſiſche Welt ſich ſchon 
im Jahre 1897 gegen uns zuſammengeſchloſſen hat, und deckt dadurch 


264 


manche Schwierigkeiten der deutſchen Politik auf. Es erklärt auch 
die Haltung Amerikas während des Krieges. 

Die Entente cordiale hingegen war uns mit allen ihren Grün⸗ 
den und Zielen bekannt und hat den Kurs unſerer Politik be— 
ſtimmend beeinflußt. 

Es ergab ſich für Deutſchland aus der Gruppierung England, 
Frankreich und Rußland, alſo dreier ſehr ſtarker Mächte, nur eine 
politiſche Konſequenz: Die von außen drohende Entſcheidung über 
die Zukunft Deutſchlands mit Waffengewalt mußte vermieden werden, 
bis wir wirtſchaftlich, militäriſch, zur See und nationalpolitiſch uns 
eine derartige reale Weltſtellung erworben hatten, daß es unſeren 
Gegnern ratſam erſcheinen mußte, von dem Riſiko machtmäßiger Ent⸗ 
ſcheidung abzuſehen und uns an der reſtlichen Aufteilung und der 
Bewirtſchaftung der Welt den unſerem Können entfprechenden An— 
teil zu laſſen. Wir wollten und durften unſeren mühſam erarbeiteten 
Wohlſtand nicht aufs Spiel ſetzen. So entſtand der Gegenſatz: 
Die Ziele der Entente konnten nur durch einen Krieg, die 
Ziele Deutſchlands nur ohne Krieg erreicht werden. An 
dieſem Grundgedanken muß feſtgehalten werden, er iſt entſcheidender 
als alles Beiwerk. Deshalb gehe ich hier nicht auf Einzelheiten 
ein, nicht auf belgiſche oder andere Berichte, nicht auf die Telegramme 
kurz vor Kriegsausbruch. Die gründliche Bearbeitung dieſer Einzel— 
heiten iſt Sache der Forſchung. 

Unſere Lage iſt von uns richtig erkannt worden. Wir haben 
entſprechend gehandelt. 

Wir haben uns, um wieder mit England zu beginnen, jede 
Mühe einer Annäherung gegeben, wir ſind auf die Forderung der 
Flottenbaueinſchränkung eingegangen, wie ich das bei dem Bericht 
über Haldane's Beſuch in Berlin ſchon ausgeführt habe. Ich habe 
meine verwandtſchaftlichen Beziehungen zu verwerten verſucht. Es 
war vergeblich. Die Betätigung König Eduards VII. findet eine 


265 


einfache Erklärung darin, daß er eben Engländer war und die von 
ſeiner Regierung ausgegebenen Pläne zu verwirklichen trachtete. Der 
politiſche Ehrgeiz des erſt in vorgerücktem Alter zur Regierung ge— 
langten Königs mag hinzugekommen ſein. Wir haben fedenfalls 
alles nur Mögliche getan, um England entgegenzukommen. Es war 
vergebens, denn die deutſchen Ausfuhrziffern wuchſen. Wir konnten 
natürlich nicht unſeren Welthandel einſchränken, um England zufrieden- 
zuſtellen. Das wäre denn doch zuviel verlangt geweſen. 

Es wird bei Betrachtung unſerer Politik England gegenüber viel— 
fach getadelt, daß wir feiner Zeit das Bündnisangebot, das der eng- 
liſche Kolonialminiſter Chamberlain uns brachte, abgelehnt hätten. 
Dieſe Angelegenheit lag indeſſen bei näherem Zuſehen ganz anders, 
als ſie zunächſt friſiert wurde. Erſtens brachte Chamberlain einen 
Brief des engliſchen Premiers Lord Salisbury an Bülow mit, 
in dem der Premierminiſter erklärte, Chamberlain handele nur für 
ſich, das engliſche Kabinett ſtehe nicht hinter ihm. Nun könnte man 
darin eine diplomatiſch zuläſſige Form ſehen, die dem engliſchen 
Kabinett, das ja vom engliſchen Parlament abhing, freie Hand ließ. 
Es hat ſich aber ſpäter herausgeſtellt, das ſei vorweg bemerkt, daß 
die liberale Gruppe in England damals einem deutſch-engliſchen 
Bündniſſe ablehnend gegenüberſtand. Weil es ſich aber um eine 
diplomatiſche Form handeln konnte, nämlich, daß man Chamberlain 
vorſchickte und dem engliſchen Kabinett, wie es in London ſo gern 
gemacht wird, vollkommene Freiheit des Handelns vorbehalten wollte, 
hat Bülow mit meinem Einverſtändnis doch ausführlich mit Cham— 
berlain verhandelt. Dabei ſtellte ſich einwandfrei heraus, daß die 
engliſch-deutſche Vereinigung gegen Rußland gedacht war. Es wurde 
von Chamberlain direkt von einem dann zu führenden Kriege Eng- 
lands und Deutſchlands gegen Rußland geſprochen. Graf Bülow 
wies in vollem Einvernehmen mit mir die Störung des europäiſchen 
Friedens höflich, aber beſtimmt zurück. Damit handelte er auch im 


266 


Sinne des großen Kanzlers. Denn Fürſt Bismarck hat das Wort 
geprägt — ich habe es ſelbſt im Bismarckſchen Familienkreiſe wieder⸗ 
holt gehört: Deutſchland dürfe niemals der Feſtlanddegen Englands 
werden. Wir haben alſo damals weiter nichts getan, als in kon⸗ 
ſequenter Linie unſere Politik durchgeführt, d. h. jedes Engagement 
abgelehnt, das zu einem Kriege führen konnte, der nicht unmittelbar 
der Verteidigung des Heimatbodens diente. Die Ablehnung des 
Chamberlainſchen Angebots iſt ein Beweis der deutſchen Friedensliebe. 

Frankreich gegenüber haben wir verſucht, in ein leidliches Ver⸗ 
hältnis zu gelangen. Das war ſchwer, denn wir galten ihm als der 
Erbfeind und die Forderungen der Revancheidee konnten von uns nicht 
erfüllt werden. Wir haben die Marokkodifferenz friedlich liquidiert, an 
Krieg um Marokko dachte kein maßgebender Mann in Deutſchland. 
Wir haben es damals des lieben Friedens wegen hingenommen, daß 
Frankreich, geſtärkt durch den mit England geſchloſſenen geheimen Aus⸗ 
tauſchvertrag Agypten⸗Marokko, über die ſehr weſentlichen legitimen 
Intereſſen Deutſchlands in Marokko hinwegging. Die Konferenz von 
Algeciras zeigte ſchon die Konturen des großen Krieges. Es iſt gewiß 
nicht angenehm, politiſche Rückzüge, wie den in der Marokkoangelegen— 
heit, antreten zu müſſen, aber die deutſche Politik hat alles dem großen 
Geſichtspunkte untergeordnet, den Weltfrieden zu erhalten. 

Wir haben es mit Höflichkeiten verſucht, die uns zum Teil ſogar 
übel genommen wurden. Ich erinnere nur an die Reiſe meiner Mutter, 
der Kaiſerin Friedrich, nach Paris. Wir hatten eine leidliche Auf⸗ 
nahme erwartet, weil ſie engliſche Prinzeſſin war und als Künſtlerin 
zur franzöſiſchen Kunſt kam. Ich habe die Kaiſerin Eugenie zweimal 
beſucht, einmal von Alderfhot aus in ihrem Schloſſe Farnborough, 
das andere Mal auf ihrer Baht in den norwegiſchen Gewäſſern bei 
Bergen. Dieſe Courtoiſie erſchien mir ſelbſtverſtändlich, weil ich 
mich in ihrer Nähe befand. Als der franzöſiſche General Bonnal 
mit einigen Offizieren in Berlin war, ſpeiſten die Herren beim 


267 


2. Garde-Regiment z. F. Ich nahm teil und brachte einen Trink— 
ſpruch auf die franzöſiſche Armee aus. Das mag ungewöhnlich 
geweſen ſein, aber es war von den beſten Abſichten getragen. Ich 
habe franzöſiſche Künſtlerinnen und Künſtler herangezogen. Gewiß, 
das alles waren in der großen Politik nur kleine Hilfen, aber ſie 
beweiſen doch unſeren guten Willen. 

Mit Rußland habe ich mir die außerordentlichſte Mühe gegeben. 
Meine inzwiſchen veröffentlichten Briefe ſind natürlich nie ohne Wiſſen, 
ſondern immer im Einvernehmen mit den Reichskanzlern abgegangen, 
vielfach auf deren Wunſch. Unter Alexander III. wäre Rußland wohl 
nie in einen Krieg gegen Deutſchland eingetreten, denn er war zu— 
verläſſig. Kaiſer Nikolaus war ſchwach und ſchwankend. Der Letzte, 
der bei ihm war, hatte recht, und der konnte ich natürlich nicht immer 
ſein. Ich habe auch dieſem Zaren gegenüber alles verſucht, um die 
traditionelle Freundſchaft zwiſchen Deutſchland und Rußland wieder 
herzuſtellen. Dazu bewog mich außer der politiſchen Einſicht das 
Verſprechen, das ich meinem Großvater auf dem Totenbette gegeben 
hatte. Ich habe dem Zaren Nikolaus wiederholt eindringlichſt zu 
liberalen Reformen im Innern, zur Einberufung der ſogenannten 
großen Duma geraten, die ſchon unter Iwan dem Schrecklichen exiſtiert 
und funktioniert hat. Ich hatte damit nicht die Abſicht, mich in innere 
ruſſiſche Angelegenheiten zu miſchen, ſondern ich wollte im Intereſſe 
Deutſchlands die Gefahren der inneren Gärung beſeitigen, die oft 
ſchon aus den erwähnten Gründen der Ablenkung zu äußeren Konflikten 
geführt hatten. Wenigſtens dieſe eine kriegsgefährliche innere ruſſiſche 
Situation wollte ich beſeitigen helfen. Ich konnte das um ſo eher ver— 
ſuchen, als dem Zaren und Rußland ſelbſt damit ebenfalls gedient ge— 
weſen wäre. Der Zar hat nicht gehört, ſondern er hat eine neue Duma 
geſchaffen, die den Zweck gar nicht erfüllen konnte. Bei der alten Duma 
hätte er perſönlich mit allen Vertretern ſeines weiten Reiches verhan— 
deln und ſprechen, ein Vertrauensverhältnis herſtellen können. 


268 


Ich habe, als der Zar fih zum Kriege gegen Japan entſchloß, 
ihm geſagt, daß ich ihm den Rücken freihalten und keinerlei Un⸗ 
bequemlichkeiten bereiten würde. Das hat Deutſchland gehalten. 

Als der Verlauf des Krieges nicht den Erwartungen des Zaren 
entſprach, die ruſſiſchen und japaniſchen Heere ſich ſchließlich ohne große 
Kampfhandlungen wochenlang gegenüber lagen, traf der jugendliche 
Bruder des Zaren, Großfürſt Michael, zum Beſuch in Berlin ein. 
Wir wurden nicht recht daraus klug, was er eigentlich wollte. Fürſt 
Bülow, der damals Kanzler war, bat mich, den Großfürſten einmal 
zu fragen, wie es eigentlich mit Rußland ſtände, er, der Fürſt, hätte 
ſchlechte Nachrichten, er glaube, es ſei für Rußland höchſte Zeit, Schluß 
zu machen. Ich übernahm den Auftrag. Der Großfürſt war ſichtlich 
erleichtert, als ich freimütig mit ihm ſprach, er beſtätigte, daß es für 
Rußland übel ausſähe. Ich ſagte ihm, mir ſchiene es, als ob der 
Zar bald Frieden ſchließen ſollte, denn die mir vom Großfürſten ge— 
ſchilderte Unzuverläſſigkeit der Truppen und des Offizierkorps ſchienen 
mir ebenſo bedenklich wie die erneute Gärung im Innern. Großfürſt 
Michael war dankbar dafür, daß ich ihm Gelegenheit gab, ſich zu 
äußern. Er ſagte, der Zar ſei ſchwankend, wie immer, aber er müßte 
Frieden ſchließen und würde es auch tun, wenn ich dazu riete. Er 
bat mich, ihm in dieſem Sinne einige Zeilen an den Zaren mitzugeben. 
Ich entwarf einen engliſchen Brief an Zar Nikolaus, ging zu Bülow, 
referierte über die Mitteilungen des Großfürſten und zeigte meinen 
Briefentwurf. Der Fürſt bedankte ſich und fand den Brief zweck— 
mäßig. Der Großfürſt unterrichtete den ruſſiſchen Botſchafter in 
Berlin, Grafen Oſten-Sacken, und reiſte, nachdem er ſich wiederholt 
bedankt hatte, direkt zum Zaren, der dann die Friedensverhandlungen 
einleiten ließ. Graf Oſten-Sacken ſagte mir bei der nächſten Be— 
gegnung, daß ich dem Zaren und Rußland einen großen Dienſt er— 
wieſen hätte. Ich freute mich, daß dies anerkannt wurde, und durfte 
alſo hoffen, daß mein Verhalten zur Herſtellung eines guten Ver— 


269 


hältniſſes zu Rußland beitragen werde. Gleichzeitig beugte ich aber 
damit auch der Gefahr eines Übergreifens einer möglichen ruſſiſchen 
Revolution während des ruſſiſch-japaniſchen Kriegszuſtandes über die 
deutſchen Grenzen vor. Dank hat Deutſchland dafür nicht geerntet, 
aber ein Beweis unſerer Friedensliebe bleibt auch unſer Verhalten 
während des ruſſiſch-japaniſchen Krieges. 

In derſelben Richtung bewegte ſich mein Vorſchlag, der zum 
Björkö-Abkommen führte (Juli 1905). Er ſah ein Bündnis zwiſchen 
Deutſchland und Rußland vor, zu dem den beiderſeitigen Verbündeten 
ſowie andern Staaten der Anſchluß freiſtehen ſollte. Die Ratifizierung 
ſcheiterte am Widerſpruch der ruſſiſchen Regierung (Iſwolſki-Gruppe). 

Es bleibt noch übrig, über Amerika einige Worte zu ſagen. Von 
dem ſchon erwähnten Gentleman's agreement abgeſehen, das die prin⸗ 
zipielle Haltung Amerikas in einem Weltkriege auf Seiten Englands 
und Frankreichs feſtlegte, gehörte Amerika nicht zu der von König 
Eduard VII. auf Anordnung ſeiner Regierung geſchaffenen Entente 
cordiale. Vor allem hat Amerika, ſoweit die Vorgänge ſich bisher 
überſehen laſſen, nicht bei der Herbeiführung des Weltkrieges mit⸗ 
gewirkt. Die unfreundliche Antwort, die Präſident Wilſon der deutſchen 
Regierung am Anfang des Krieges gab, mag mit dem Gentleman's 
agreement zuſammengehangen haben. Es beſteht aber kein Zweifel 
darüber, daß Amerikas Eintritt in den Krieg und vorher die gewaltigen 
Munitions- und überhaupt Kriegsbedarfslieferungen Amerikas an die 
Entente die Chancen der Zentralmächte, den Krieg durch die Waffen 
erfolgreich zu beenden, weſentlich beeinträchtigt haben. 

Es iſt aber geboten, auch Amerika gegenüber ſede gefühlsmäßige 
Kritik zu vermeiden; man kann in der großen Politik nur mit 
realen Faktoren rechnen. Es ſtand Amerika (trotz dem Gentleman's 
agreement) frei, neutral zu bleiben oder auf unſerer oder auf der 
andern Seite in den Krieg einzutreten. Man kann einem Staat 
nicht einen Vorwurf aus ſeiner ſouveränen Entſchließung über Krieg 


270 


und Frieden machen, fofern nicht feine Entſcheidung mit feſten Ver⸗ 
trägen in Widerſpruch ſteht. Das iſt hier nicht der Fall. Es muß 
aber doch erwähnt werden, daß John Kenneth Turner in ſeinem 
bereits erwähnten Buche »Shall it be again?« an der Hand umfang⸗ 
reichen Materials nachweiſt, daß alle Gründe Wilſon's für Amerikas 
Eintritt in den Krieg Scheingründe waren, daß er vielmehr lediglich 
im Intereſſe der mächtigen Hochfinanz der Wallſtreet handelte. 

Der große Gewinn, den Amerika aus dem Weltkriege gezogen 
hat, liegt darin, daß die Vereinigten Staaten nahezu 50% des Goldes 
der ganzen Welt an ſich ziehen konnten, ſo daß jetzt der Dollar an 
Stelle des engliſchen Pfund den Wechſelkurs in der Welt beſtimmt. 
Aber auch daraus iſt keinerlei Vorwurf herzuleiten, denn auch jeder 
andere Staat, der dazu in der Lage geweſen wäre, hätte dieſen Zu- 
wachs an Gold und Preſtige auf dem Weltgeldmarkte mit Freuden 
ſich zugeführt. Für uns iſt es gewiß bedauerlich, daß Amerika das 
Geſchäft nicht auf Seiten der Zentralmächte machte. 

Aber ebenſo wie Deutſchland mit vollem Rechte ſich dagegen auf— 
lehnt, daß ſeine friedliche Arbeit von der Entente nicht mit friedlichen, 
ſondern mit kriegeriſchen Mitteln bekämpft wurde, ſo kann und muß 
Deutſchland auch (wie es in Publikationen ſchon verſucht wird) gegen 
den amerikaniſchen Rechtsbruch bei dem Abſchluß des Weltkrieges immer 
wieder proteſtieren. Ich perſönlich bin nicht der Auffaſſung, daß das 
amerikaniſche Volk ſich dazu hergegeben hätte, beſonders die amerika⸗ 
niſche Frauenwelt hätte das Verleugnen der 14 Punkte des Präſiden⸗ 
ten Wilſon nicht mitgemacht, wenn ſie damals hätte aufgeklärt werden 
können. Amerika ſtand mehr als andere Länder unter dem falſchen Ein— 
druck der engliſchen Propaganda und hat deshalb den mit unerhörten 
Vollmachten ausgeſtatteten Präſidenten Wilſon in Paris ſelbſtherrlich 
handeln, d. h. ſeine 14 Punkte ſich abhandeln laſſen. Ebenſo wie Herr 
Wilſon die engliſche Blockade, gegen die er vorher proteſtiert hatte, nach⸗ 
her nicht mehr erwähnte, hat er es auch mit ſeinen 14 Punkten getan. 


271 


Die deutſche Regierung hatte die 14 Punkte Wilſons akzeptiert, 
obwohl fie ſchwer genug waren. Die Alliierten hatten die 14 Punkte 
ebenfalls angenommen, mit Ausnahme der Freiheit der Meere. 
Wilſon hatte die 14 Punkte garantiert. Ich finde die wichtigſten von 
ihnen nicht im Verſailler Inſtrument, ſondern nur diejenigen, die dem 
Machtwillen der Entente entſprachen, und auch dieſe zum Teil noch 
ſtark verfälſcht. Auf die Garantie Wilſons hin hat Deutſchland die 
von ihm beſetzten feindlichen Gebiete geräumt und feine Waffen ab- 
gegeben, ſich alſo wehrlos gemacht. In dieſer Vertrauensſeligkeit und 
dem Fallenlaſſen der 14 Punkte durch Wilſon auf der einen Seite 
und in dem Ausbruch der deutſchen Revolution auf der andern liegt 
der Schlüſſel zu unſerer jetzigen Lage. Nach Turner ſind die 14 Punkte 
ſchon bei Aufſtellung der Waffenſtillſtandsbedingungen für Wilſon nur 
noch ein Wittel geweſen, um Deutſchland zur Waffenſtreckung zu 
bringen. Sobald dieſes Ziel erreicht war, habe er ſie fallen laſſen. 

Ein ſehr großer Teil des amerikaniſchen Volkes hat ſich bereits 
gegen Herrn Wilſon geſtellt und wünſcht nicht gleichzeitig mit ihm dis— 
kreditiert zu ſein. Ich träume nicht etwa von einer ſpontanen Hilfe 
Amerikas für Deutfchland, ich rechne nur mit der nüchternen Erkennt— 
nis des amerikaniſchen Volkes, daß es die Rieſenſchuld ſeines damaligen 
Präſidenten an Deutſchland wieder gutzumachen hat. Denn die Atmo- 
ſphäre eines Sieges währt nicht ewig, und ſpäter wird man ſich nicht 
nur in Deutſchland, ſondern auch anderswo in großen politiſchen Fragen 
an die Unzuverläſſigkeit des amerikaniſchen Präſidenten erinnern und 
ſie als amerikaniſche Unzuverläſſigkeit in Rechnung ſtellen. Das liegt 
aber nicht im Intereſſe des amerikaniſchen Volkes. Die Belaſtung einer 
Staatspolitik mit dem Makel der Unzuverläſſigkeit iſt nicht vorteilhaft. 
Bei der ſpäteren Beurteilung der amerikaniſchen Politik wird vergeſſen 
werden, daß der weltfremde Herr Wilſon von Lloyd George und 
Clemenceau eingefangen worden iſt. Ich habe, beſonders bei den Kieler 
Wochen, viele Amerikaner und Amerikanerinnen kennen gelernt, deren 


272 


politiſche Einſicht und Weitſicht eine derartig flagrante Vertrauens⸗ 
verletzung, wie ſie Herr Wilſon beging, in Rückſicht auf das politiſche 
Anſehen Amerikas unmöglich billigen kann. Von dieſen ſtaatsegoiſti⸗ 
ſchen, nicht von irgendwie ſentimentalen Rückſichten aus erhoffe ich von 
jenſeits des Ozeans Erleichterung für unſer Vaterland. 

Zu dieſem Unrecht der fallengelaſſenen 14 Punkte kommt hinzu, 
daß Herr Wilſon als erſter die Forderung des Rücktritts an das 
deutſche Herrſcherhaus ſtellte, indem er durchblicken ließ, dem deutſchen 
Volke werde dann ein beſſerer Friede gewährt werden. Bevor die 
Regierung des Prinzen Max ſich die Forderung meiner Thronentſagung 
zu eigen machte mit der nämlichen Begründung wie Herr Wilſon, 
daß Deutſchland in dieſem Falle beſſere Bedingungen erhalten 
würde — die Vermeidung des Bürgerkrieges kam erſt als zweites 
Druckmittel —, wäre es ihre Pflicht geweſen, ſich irgendwie reale 
Garantien von ſeiten des Herrn Wilſon zu verſchaffen. Jedenfalls 
haben die Behauptungen, die immer dringender und drängender 
wurden, meinen Entſchluß, außer Landes zu gehen, mit zur Reife 
gebracht, weil ich glauben mußte, meinem Vaterlande damit einen 
großen Dienſt zu erweiſen. Ich ſtellte meine und meines Hauſes 
wahrlich nicht geringen Intereſſen zurück und überwand mich, aller⸗ 
dings unter den ſchwerſten inneren Kämpfen, dazu, dem Wunſche 
der maßgebenden deutſchen Stellen zu entſprechen. Es hat ſich her— 
ausgeſtellt, daß die deutſche Regierung keinerlei reale Garantien 
beſaß. Für mich mußte bei den damals ſich überſtürzenden Ereig⸗ 
niſſen die eindeutige und beſtimmte Meldung des Reichskanzlers 
maßgebend ſein. Deshalb habe ich auf eine Nachprüfung verzichtet. 

Jetzt iſt es klar, weshalb die Entente durch Herrn Wilſon meinen 
Rücktritt forderte. Sie war ſich vollkommen klar darüber, daß mit 
meiner Depoſſedierung militäriſche und politiſche Haltloſigkeit in 
Deutſchland eintreten mußte, die es ermöglichte, nicht beſſere, ſondern 
härtere Bedingungen bei Deutſchland durchzudrücken. Die Revolu⸗ 


18 Kaiſer Wlihelm II. 273 


tion war damals noch nicht als Helferin der Entente aufgetreten. 
Mein Verbleiben auf dem Throne würde alſo ſchon nach Anſicht 
der Entente für Deutſchland vorteilhafter geweſen ſein, als meine 
Thronentſagung. Ich ſelbſt ſtimme dieſer Auffaſſung der Entente 
zu, nachdem ſich herausgeſtellt hat, daß die Regierung Max von 
Baden keinerlei ſubſtanziierte Unterlagen für ihre Behauptung 
hatte, meine Abdankung würde meinem Vaterlande vorteilhaftere 
Bedingungen bringen. Ich gehe noch weiter und ſage, daß die 
Entente es überhaupt nicht gewagt hätte, einem intakten Deutſchen 
Kaiſerreiche derartige Bedingungen anzubieten. Einem Kaiferreiche 
gegenüber, dem nicht gerade im Endkampf um ſeine Exiſtenz mit 
Hilfe deutſcher Utopiſten das parlamentariſche Syſtem aufgezwungen 
geweſen wäre, deſſen Monarchie nicht die Kommandogewalt über 
Heer und Flotte entwunden geweſen wäre, hätte man das nicht 
gewagt. Alſo auch in der Forderung meiner Abdankung ſeitens 
des Herrn Wilſon unter Vorſpiegelung beſſerer Bedingungen für 
Deutſchland liegt eine ſchwere Schuld des amerikaniſchen Ex— 
präſidenten. Jedenfalls bietet ſich auch hierin ein Anſatzpunkt für 
den gewaltigen Hebel, der den Vertrag von Verſailles aus ſeinen 
Siegeln und Verſchlüſſen herausheben muß. In Deutſchland ſollte 
man aber niemals Herrn Wilſon mit dem amerikaniſchen Volke 
verwechſeln. — 

Wenn ich im folgenden meine politiſchen Grundſätze darlege, ſo 
geſchieht das ausſchließlich, um die Beweisführung der deutſchen 
Nichtſchuld am Weltkriege ſtützen zu helfen. 

Von meinem Regierungsantritt an iſt die Grundlage der deutſchen 
Politik auf den Ausgleich der vorgefundenen Gegenſätze eingeſtellt 
worden. Die Geſamtanlage meiner Politik war alſo eminent fried— 
lich. In der inneren Politik zeigte die von mir angeſtrebte Arbeiter— 
ſchutz-Geſetzgebung dieſe friedliche ausgleichende Linie gleich zu Beginn 
meiner Regierung. Auf dem gleichen Grundſatz baſierte der Aus— 


274 


bau der fozialen Geſetzgebung, die Deutſchland in der ſtaatlichen 
Fürſorge an die Spitze der zivilifierten Völker führte. 

Der grundlegende Gedanke ausgleichender Politik führte im Innern 
ſo weit, daß bei der Armeeſtärke weit hinter der Möglichkeit zurück— 
geblieben wurde, die die allgemeine Wehrpflicht und die Bevölkerungs— 
zahl dem Deutſchen Reiche boten. Hier, wie beim Flottenbau, wurden 
die Abſtriche des Reichstages von der Krone und den Regierungen hin— 
genommen. Damals ſchon blieb die Wehrhaftigkeit Deutſchlands der 
Entſcheidung der Volksvertretung überlaſſen. Ein Staat, der den Krieg 
wollte und vorbereitete, hätte eine ganz andere Taktik eingeſchlagen. 

Je deutlicher die Einkreiſungs- und Angriffspolitik der Entente 
wurde, um ſo mehr hätte aus Gründen der Abwehr der Schutz 
unſeres Wohlſtandes geſtärkt werden müſſen. Dieſer natürliche und 
pflichtmäßige Gedanke des Selbſtſchutzes im Sinne der Verteidigung 
für den Fall eines feindlichen Angriffs iſt nur in kümmerlichem 
Maße zur Auswirkung gekommen. 

Deutſchlands Friedfertigkeit hat es in der Tat nicht zuwege 
gebracht, dieſen Schutz zu Lande und zu Waſſer ſeinem finanziellen 
und völkiſchen Können und dem Riſiko entſprechend auszubauen, 
das ein Krieg für unſeren Wohlſtand mit ſich bringen mußte. Wir 
leiden alſo jetzt nicht unter den Folgen einer uns angedichteten An— 
griffstendenz, ſondern gerade unter den Folgen einer kaum glaub— 
lichen Friedensliebe und Vertrauensſeligkeit. 

Die ganz anders gearteten politiſchen Grundſätze der Entente 
habe ich ſchon ausgeführt, ebenſo unſere unausgeſetzten Anſtrengungen, 
mit den einzelnen Ententeländern in gute Beziehungen zu kommen. 

Ich möchte aber auch die Kleinarbeit nicht ganz unter den Tiſch 
fallen laſſen, die von Deutſchland im Rahmen der großen Politik, 
immer mit dem gleichen Ziel des Ausgleichs beſtehender Gegenſätze, 
geleiſtet worden iſt. Die Kieler Woche hat Gäſte aus aller Herren 
Länder zu uns geführt. Auf dem neutralen Gebiete des Sports 


18* 275 


wurde der Ausgleich ebenſo von uns gefucht, wie auf dem Gebiete 
der Wiſſenſchaft durch den Profeſſorenaustauſch. Ausländiſchen 
Offizieren wurde bereitwilligſt Einblick in unſere Heereseinrichtungen 
gewährt. Man mag das letztere rückblickend als Fehler bezeichnen, 
aber dies alles ſind doch untrügliche Beweiſe unſeres ehrlichen 
Willens, mit Allen in Frieden zu leben. 

Deutſchland hat außerdem keine einzige der Gelegenheiten 
benutzt, die ſich ihm boten, um mit ſicherer Ausſicht auf Er— 
folg Krieg zu führen. 

Ich habe ſchon beim ruſſiſch-japaniſchen Kriege die wohlwollende 
Neutralität Deutſchlands Rußland gegenüber hervorgehoben. 

Wir hätten, als England im Burenkrieg ſtark engagiert war, 
gegen England oder aber gegen Frankreich fechten können, das da⸗ 
mals auf die engliſche Hilfe hätte verzichten müſſen. Wir haben es 
nicht getan. Ebenſo hätten wir während des ruſſiſch-japaniſchen 
Krieges nicht nur gegen Rußland, ſondern auch gegen Frankreich 
kämpfen können. Wir haben es nicht getan. 

Neben der ſchon erwähnten Marokkokriſis, bei der wir Kriegs⸗ 
gedanken ablehnten, haben wir in der diplomatiſchen Überwindung 
der bosniſchen Kriſe unſeren Friedenswillen kundgetan. 

Wenn man zuſammenfaſſend dieſe ganz klaren politiſchen Vor- 
gänge überblickt und die Außerungen von Entente-Staatsmännern, 
wie Poincaré, Clemenceau, Iſwolſki, Tardieu und anderen heran— 
zieht, ſo fragt man ſich erſchüttert, wie ein Friedensvertrag auf der 
Schuld Deutſchlands am Weltkriege aufgebaut und durchgeführt 
werden kann. Dieſer Fehlſpruch wird vor dem Richterſtuhl der 
Weltgeſchichte nicht ſtandhalten. — 

Ein Franzoſe, Louis Guetant, Lyoner Delegierter des Verbandes 
für die Menſchenrechte, hat kürzlich folgendes ausgeſprochen: 

„Betrachten wir einmal die Dinge ohne Vorurteil, in voller 
Unabhängigkeit und Offenheit, ohne uns darum zu kümmern, in 


276 


welches Lager der Zufall unferer Geburt uns verſchlagen hat. Da 
drängt ſich uns zuerſt folgende Erwägung auf: Der Krieg von 1914 
iſt eine Folge des Krieges von 1870. Denn ſeit jenem Zeitpunkte 
hat uns, mehr oder weniger verhüllt, der Gedanke an die Revanche 
nicht mehr verlaſſen. 

Den Krieg von 1870 aber hat die franzöſiſche Regierung an— 
geſtrebt und erklärt. Das franzöſiſche Kaiſertum hatte ihn ja ſo 
nötig, um gegen die inneren Schwierigkeiten und ſeine immer zu— 
nehmende Unbeliebtheit in der Offentlichkeit anzukämpfen. Gambetta 
ſelbſt, der wilde Tribun der Oppoſition, ruft aus: »Wenn das 
Kaiſertum uns das linke Rheinufer verſchafft, ſöhne ich mich mit 
ihm aus!« Es handelt ſich alſo um einen Eroberungskrieg. Was 
die eroberten Völkerſchaften dazu ſagen werden, davon iſt nicht die 
Rede. »Wir werden ihren Willen unter den unſeren beugen«, ſo 
will es das Recht des Siegers! 

Und nun ſollte plötzlich die Gelegenheit hierzu Frankreich ent— 
ſchlüpfen. Angeſichts der durch feine Kandidatur hervorgerufenen poli- 
tiſchen Schwierigkeiten und Kriegsgefahren erklärt Prinz Leopold ſich 
bereit, zurückzutreten. Das iſt ſchlimm! Ohne Vorwand kein Krieg! 

Es erging Frankreich, wie dem Milchmädchen in der Fabel mit 
dem zerbrochenen Topf, nur daß es ſtatt: »Fahr wohl, Kalb, Kuh, 
Schwein, Hühnervolk« nun hieß: »Fahr wohl, blutiger Gewinn, 
Ruhm, Sieg, linkes Rheinufer, ja ſogar Belgiens, denn dieſes lag 
ja auch am linken Rheinufer, nach dem Frankreich trachtete. Nein, 
das wäre zu hart, die Enttäuſchung wäre zu groß geweſen, die Ge— 
legenheit mußte wieder herbeigeführt werden. Die ganze chauviniſtiſche 
Preſſe, die ganze großſprecheriſche Sippe bemühte ſich darum, und 
bald war ein Ausweg gefunden. Gramont, der Winiſter des Außern, 
beauftragte den Botſchafter Benedetti, König Wilhelm in Ems, wo 
dieſer zur Kur weilte, aufzuſuchen und von ihm ein ſchriftliches Ver— 
ſprechen zu fordern, daß für den Fall, daß Prinz Leopold über ſeinen 


277 


Verzicht anderen Sinnes werden follte, er, Wilhelm, als Familien- 
oberhaupt dagegen Stellung nehmen werde. 

Der Verzicht des Prinzen Leopold wurde Frankreich in untadel— 
haft rechtskräftiger Form angezeigt und von der ſpaniſchen Regierung 
offiziell angenommen. Ein Zweifel über ſeine Echtheit konnte nicht 
beſtehen. Trotzdem hetzten die Pariſer Zeitungen faſt ausnahmslos 
zum Kriege. Wer, wie Robert Mitchell im »Konftitutionell«, feiner 
Freude über die Friedensausſichten Ausdruck verlieh und ſich für 
befriedigt erklärte, wurde auf der Gaſſe beſchimpft. Gambetta rief 
ihm zu: „Sie find befriedigt?! Welch niederträchtiger Ausdruckle 
Man raubte die Nummern ſeiner Zeitung aus den Kiosken, man 
tauchte ſie in den Fluß und warf ſie ihm ins Geſicht! Emile de Girar— 
din ſchrieb ihm: »Die Gelegenheit iſt einzig, unverhofft, wenn das 
Reich fie verſäumt, iſt es verloren!« Damals begann die Dor- 
bereitung zum Kriege von 1914!“ 

Auch ſolche Stimmen, die weder in Frankreich noch in England 
vereinzelt ſind, müſſen immer wieder als Belege dafür herangezogen 
werden, daß wir nicht die Schuld tragen. — 

Gewiß ſind unſere politiſchen und diplomatiſchen Operationen 
im Laufe der Jahrzehnte nicht fehlerlos angelegt und durchgeführt 
worden. Aber wo Fehler von uns gemacht wurden, gingen ſie doch 
ſtets aus der übergroßen Sorge um die Erhaltung des Weltfriedens 
hervor. Solche Fehler ſind keine Schuld. 

Ich betrachte z. B., wie ich bereits ausführte, ſchon den Berliner 
Kongreß als einen Fehler, denn er verſchlechterte unſer Verhältnis zu 
Rußland. Der Kongreß war ein Sieg Diſraeli's, ein anglosöfter- 
reichiſcher Sieg über Rußland, der die ruſſiſche Wut gegen Deutſchland 
lenkte. Aber was iſt nachdem nicht alles geſchehen, um Rußland aus- 
zuſöhnen! Ich habe es teilweiſe aufgezählt. Und die Abſicht, die Fürſt 
Bismarck mit dem Berliner Kongreß verfolgte, war, wie ich nachgewieſen 
habe, lediglich die Verhinderung eines allgemeinen großen Krieges. 


278 


Auch der Kanzler v. Bethmann Hollweg, der von mir die 
ſtrikte Ordre hatte, den Frieden, wenn irgend möglich, zu erhalten, 
hat 1914 Fehler gemacht, er war ſtaatsmänniſch der Weltkriſe in 
keiner Weiſe gewachſen. Man kann aber nicht, weil die Gegner 
unſere Fehler ausnutzten, uns die Schuld am Kriege zuſchieben. 
Den Krieg wollte Bethmann verhindern, wie wir alle. Das geht 
ſchon daraus hervor, daß er in feinem politiſchen Beharrungsver— 
mögen bis zum 4. Auguſt mit England in dem Irrglauben weiter 
verhandelte, er könne England aus der Entente heraushalten. 

Ich erinnere bei dieſer Gelegenheit auch an den Irrtum, in dem 
ſich der deutſche Botſchafter in London Fürſt Lichnowsky befand. 
Bald nachdem er Botſchafter geworden war, ſagte ſich König Georg 
zum Eſſen in der deutſchen Botſchaft an. Dem Beiſpiel des Königs 
folgte automatiſch die erſte Geſellſchaft Londons. Der Fürſt und 
die Fürſtin wurden ſehr ausgezeichnet und geſellſchaftlich glänzend 
behandelt. Daraus ſchloß der deutſche Botſchafter, daß unſer Ver— 
hältnis zu England ſich gebeſſert hätte, bis Sir Edward Grey ihm 
kurz vor dem Kriege kühl erklärte, der Fürſt dürfe aus geſellſchaft— 
licher Bevorzugung und perſönlich guter Behandlung keine politiſchen 
Schlüſſe ziehen. In dieſer Außerung offenbart ſich der Unterſchied 
zwiſchen dem engliſchen und dem deutſchen Empfinden. Der Deutſche 
nahm geſellſchaftliches Entgegenkommen als den Ausdruck politiſchen 
Entgegenkommens, weil der Deutſche gewohnt iſt, Abneigung und Zu⸗ 
neigung auch in den äußeren Umgangsformen zum Ausdruck zu bringen. 
Er macht aus ſeinem Herzen keine Mördergrube. Der Engländer trennt 
dieſe Dinge, er hat eher ein Vergnügen daran, wenn der andere Form 
und Inhalt verwechſelt, bzw. die Form als den Ausdruck der Geſinnung 
und politiſcher Anſichten anſieht. Vom engliſchen Standpunkte aus 
war die erwähnte Außerung Sir Edward Grey's eine große Offenheit. 

Die viel erörterte, von mir ſchon geſtreifte Nichterneuerung des 
Rückverſicherungsvertrages mit Rußland iſt nicht als ſo einſchneidend 


279 


anzuſehen, daß fie Krieg oder Frieden beeinflußt hätte. Der Rück— 
verſicherungsvertrag hätte meines Erachtens das Rußland Nikolaus II. 
nicht abgehalten, den Weg zur Entente zu gehen, unter Alexander III. 
war er überflüſſig. Die Anſicht des Fürſten Bismarck, der ruſſiſche 
Botſchafter, Graf Schuwaloff, hätte wohl mit ihm, nicht aber mit 
ſeinem Nachfolger den Rückverſicherungsvertrag erneuert, iſt natürlich 
die ehrliche, ſubjektive Auffaſſung des Fürſten. Sachlich hält fie den 
damaligen beiderſeitigen Erwägungen nicht ſtand. Der Unterſtaats⸗ 
ſekretär des Fürſten, Graf Berchem, z. B. hat ſich in einem Bericht 
an den Fürſten amtlich geäußert, daß der Vertrag nicht erneuert 
werden könnte, alfo auch nicht durch Schuwaloff. Ich war der An- 
ſicht, daß nicht der alte, ſondern nur ein neuer, anders gearteter Ver⸗ 
trag möglich war, zu deſſen Abfaſſung nämlich Oſterreich hinzugezogen 
werden mußte, ähnlich dem alten Drei-Kaiſer⸗Verhältnis. Aber, wie 
geſagt, Verträge mit Nikolaus II. wären mir nicht unbedingt haltbar 
erſchienen, zumal nachdem ſich auch die Stimmung in der ſehr einfluß⸗ 
reichen ruſſiſchen Generalität gegen Deutſchland gewendet hatte. 

Von der klaren Erkenntnis, daß Deutſchland ausſchließlich durch 
die Erhaltung des Weltfriedens zu der notwendigen realen Welt⸗ 
ſtellung und Weltgeltung gelangen konnte, war unſer Handeln be— 
ſtimmt worden, Dies wurde noch durch perſönliche Momente unter- 
ſtützt. Ich habe nie kriegeriſchen Ehrgeiz beſeſſen. Mein Vater hatte 
mir in meiner Jugend furchtbare Schilderungen der Schlachtfelder von 
1870 und 71 gegeben, ich ſpürte keine Neigung, ſolches Elend in riefen- 
haft vergrößertem Maßſtabe über das deutſche Volk und über die 
ganze ziviliſterte Menſchheit zu bringen. Der greiſe Feldmarſchall 
Graf Moltke, den ich hoch verehrte, hatte die prophetiſche Warnung 
hinterlaſſen: Wehe dem, der die Brandfackel des Krieges in Europa 
wirft! Und ein politiſches Vermächtnis des großen Kanzlers war 
es für mich, daß Fürſt Bismarck geſagt hat, Deutſchland dürfe nie⸗ 
mals einen Präventivkrieg führen, Deutſchland ſei ſaturiert. 


280 


So ergaben politiſche Einſicht, perſönliche Anlage, die Vermächt— 
niſſe der beiden großen Männer Bismarck und Moltke und der 
Wille des deutſchen Volkes, friedlicher Arbeit nachzugehen und ſich 
nicht in Abenteuer zu ſtürzen, den Kurs der deutſchen Politik 
auf die Erhaltung des Weltfriedens. Das, was in übel- 
wollenden Kreiſen über das Beſtehen einer deutſchen Kriegspartei 
geſagt worden iſt, iſt eine bewußte oder unbewußte Unwahrheit. Es 
gibt in jedem Lande Elemente, die in ſchweren Lagen aus ehrlicher 
Überzeugung oder aus weniger hohen Motiven den Appell an das 
Schwert befürworten, aber niemals haben ſolche Kreiſe Einfluß auf 
den Gang der deutſchen Politik gehabt. Die Anſchuldigungen be= 
ſonders, die gegen den Generalſtab erhoben worden ſind, als habe 
er zum Kriege getrieben, ſind gänzlich haltlos. Der preußiſche 
Generalſtab hat in harter, treuer Arbeit ſeinem Könige und dem 
Vaterlande gedient und Deutſchlands Wehr in langer Friedensarbeit 
ſtark erhalten, wie es ſeine Pflicht war, aber der politiſche Einfluß, 
den er ausübte, war gleich Null. Das Intereſſe an der Politik war 
bekanntlich in der preußiſch-deutſchen Armee nie beſonders groß. 
Zurückblickend könnte man ſogar fagen, daß es beſſer für uns ge— 
weſen wäre, wenn man ſich in den leitenden militäriſchen Kreiſen 
etwas mehr mit der auswärtigen Politik beſchäftigt hätte. 

Wie nun bei dieſer ganz klaren Lage der Frieden von Verſailles 
auf der Schuld Deutſchlands am Weltkriege aufgebaut werden konnte, 
müßte als ein unlösbares Rätſel erſcheinen, wenn man nicht in⸗ 
zwiſchen die ungeheuerliche Wirkung eines neuartigen Kriegsmittels 
hätte erkennen können, nämlich der großangelegten, mit Kühnheit und 
Skrupelloſigkeit durchgeführten politiſchen Propaganda Eng— 
lands gegen Deutſchland. Ich kann mich nicht dazu verſtehen, dieſe 
Propaganda mit Schlagworten, wie „Gemeinheit“ uſw. abzutun, 
denn fie iſt eine Leiſtung, die man trotz ihrer widerlichen Art nicht 
unbeachtet laſſen darf und die uns mehr Schaden getan hat, als 


281 


die Waffe des Gegners. Uns Deutſchen ift ein ſolches Inſtrument 
der Unaufrichtigkeit, der Verdrehung und Heuchelei nicht ſympathiſch, 
es liegt dem deutſchen Volkscharakter nicht. Wir beſtreben uns, auch 
unſere Gegner mit der Waffe der Wahrheit zu überzeugen. Aber 
der Krieg iſt eine harte Kunſt, es kommt darauf an, zu ſiegen. Es 
iſt ja auch nicht ſympathiſch, mit ſchweren Geſchützen auf zivilifierte 
Menſchen, auf ſchöne, alte Städte zu ſchießen, und dennoch mußte 
es von beiden Seiten geſchehen. Wir hätten übrigens während des 
Krieges eine Propaganda ſo großen Stils wie unſere Gegner ſchon 
deshalb nicht entfalten können, weil dieſe den Rücken frei hatten, 
während wir umlagert waren. Die meiſten Deutſchen haben auch 
nicht die Gabe, eine Propaganda auf die verſchiedene Mentalität der 
verſchiedenen Nationen, auf die ſie wirken ſoll, zuzuſchneiden. Aber 
wie die Engländer uns mit ihrer furchtbaren Waffe der Tanks über— 
legen waren, der wir gleichartiges nicht entgegen zu ſtellen hatten, ſo 
waren ſie es auch mit der ſehr wirkſamen Propagandawaffe. Dieſe 
Waffe wirkt auch jetzt noch fort, und gegen ſie müſſen wir uns noch 
immer und immer wieder verteidigen. Denn es kann kein Zweifel 
darüber beſtehen, daß der Fehlſpruch von Verſailles nicht mit der 
Schuld Deutſchlands am Weltkriege hätte begründet werden können, 
wenn nicht die Propaganda vorher ihre Schuldigkeit getan und — 
z. T. mit Unterſtützung der deutſchen Pazifiſten — die Hirne von über 
100 Millionen Menſchen fo auf die Schuld Deutſchlands eingeſtellt 
hätte, daß der Fehlſpruch von Verſailles vielen begründet erſchien. 

Inzwiſchen iſt es anders geworden. Die Schranken zwiſchen den 
Völkern ſind gefallen, und allmählich erwacht unter dieſen die Er— 
kenntnis, wie ihre Gutgläubigkeit irre geleitet worden iſt. Die Reak— 
tion wird vernichtend für die Urheber des Verſailler Friedens ſein, 
aber ſie wird Deutſchland helfen. Es iſt wohl ſelbſtverſtändlich, daß 
von den eingeweihten Staatsmännern, Politikern, Publiziſten der 
Entente nicht ein einziger von der Schuld Deutſchlands am Welt— 


282 


4 5 


T nn 


kriege wirklich überzeugt iſt. Sie alle kennen die wirklichen Zufammen=- 
hänge. Und es haben ſich gewiß noch niemals um ein einziges gemein— 
ſames Geheimnis ſo viele Auguren angelächelt wie bei der Schuld— 
frage am Weltkriege. Man kann geradezu von einem Chor der Auguren 
ſprechen. Das liegt mit daran, daß 28 Staaten gegen Deutſchland im 
Kriege ſtanden. Aber auch mit dem ſchlaueſten Augurenlächeln wird 
am Ende nicht Weltgeſchichte gemacht. Die Wahrheit wird ihre Bahn 
ziehen und damit wird Deutſchland zu ſeinem Rechte kommen. 
Die einzelnen Beſtimmungen des Verſailler Vertrages ſind in 
ſich gegenſtandslos, weil ſie weder von der Entente noch von Deutſch— 
land innegehalten werden können. Man kann ja ſchon ſeit Monaten 
beobachten, welche Schwierigkeiten nicht nur Deutſchland, ſondern 
auch den Siegern aus einem ſo überſpannten Inſtrument erwachſen. 
In vielem iſt der Vertrag ſchon durch die Entente ſelbſt durchlöchert. 
Das hat einen ſehr einfachen Grund. Es iſt bei dem heutigen 
hochentwickelten Zuſtand der Welt, der auf einem freien, nur durch 
die Produktion ſelbſt geregelten planmäßigen Austauſch der mate— 
riellen und der geiſtigen Güter beruht, ganz unmöglich, daß ſich 
irgendwo drei Männer hinſetzen — und mögen ſie noch ſo hervor— 
ragend ſein — und nun einer Welt paragraphierte Geſetze vor— 
ſchreiben. Das aber beſorgt der Verſailler Vertrag nicht nur für 
Deutſchland, ſondern indirekt auch für die Entente und für Amerika, 
denn alle wirtſchaftlichen Fragen ſind nur beiderſeitig, nicht einſeitig 
zu löſen. Das Leben der Völker regelt ſich ſtets und ganz beſon— 
ders in unſerem Zeitalter nicht nach Paragraphen, ſondern einzig 
und allein nach den Bedürfniſſen der Völker. Es kann durch UÜber- 
ſpannung machtmäßiger Entſcheidungen wohl vorübergehend den 
Völkerbedürfniſſen Gewalt angetan werden, dann leiden aber beide 
Teile darunter. In dieſem Stadium befindet ſich die Welt augen— 
blicklich. Solche Zuſtände können nicht von Dauer ſein. Weder 
Geſchütze, noch Tanks, noch Flugzeuggeſchwader können fie verewigen. 


283 


Der Abbau ift deshalb im Beginnen, denn wenn der Friede von 
Verſailles ein ſo einſichtiges, weltbeglückendes, tadelloſes Inſtrument 
wäre, dann brauchte man ſich nicht fortwährend zu neuen Konfe— 
renzen, Ausſprachen, Zuſammenkünften über dieſes „wunderbare“ 
Inſtrument zuſammenzufinden. Die Notwendigkeit immer neuer 
Interpretationen liegt eben darin, daß die Bedürfniſſe des Lebens 
hochkultivierter und ziviliſierter Nationen bei der Redaktion des 
Friedens außer Acht gelaſſen wurden. 

Man ſoll indeſſen nicht phariſäiſch ſein: bis zu einem gewiſſen 
Grade iſt nach einem Weltringen um Leben und Tod die Über— 
fpannung der Bedingungen durch den obſiegenden Teil eine natür— 
liche Folge des befreienden Gefühls, der Todesgefahr entronnen zu 
ſein. Ich weiß trotzdem, daß Deutſchland im Falle eines für uns 
glücklichen Kriegsausganges ganz andere, d. h. billige und erträgliche 
Bedingungen geſtellt hätte. Die Friedensſchlüſſe von Breſt und 
Bukareſt — übrigens gar nicht mit dem von Verſailles vergleich— 
bar — können nicht gegen uns herangezogen werden. Sie wurden 
mitten im Kriege abgeſchloſſen und mußten uns Bedingungen ein— 
räumen, die uns bis zum Schluſſe des Krieges ſicherten. In einem 
allgemeinen Frieden hätte der Oſtfriede ganz anders ausgeſehen. 
Er wäre bei einem für uns glücklich beendeten Kriege von uns ſelbſt 
revidiert worden. Damals, als er geſchloſſen wurde, war es not— 
wendig, die militäriſchen Erforderniſſe voranzuſtellen. 

Aber die Aufklärung über den Fehlſpruch von Verſailles iſt auf 
dem Marſche, und die Bedürfniſſe des heutigen Völkerlebens werden 
für die Sieger und für die Unterlegenen ihre gebieteriſche Sprache 
ſprechen. 

Den Jahren ſchwerſter Prüfung wird die Befreiung von einem 
Joch folgen, das einem großen, ſtarken, ehrlichen Volke zu Unrecht 
aufgezwungen worden iſt. Dann wird wieder jeder froh und ſtolz 
ſein, daß er ein Deutſcher iſt. 


284 


Der limiftun; 
und Deutſchlands 
Zukunft 


2855 unſere Feinde über mich ſagen, iſt mir gleichgültig. Ich 
erkenne ſie als Richter über mich nicht an. Wenn ich ſehe, 
wie dieſelben Leute, die mir früher in übertriebenem Maße Weih— 
rauch geſtreut haben, mich heute mit Schmutz bewerfen, ſo kann ich 
höchſtens ein Gefühl des MWitleids empfinden. Was ich aus der 
Heimat Bitteres über mich höre, enttäuſcht mich. Gott iſt mein 
Zeuge, daß ich immer das Beſte für mein Land und mein Volk 
gewollt habe, und ich glaubte, daß jeder Deutſche das erkannt und 
gewürdigt hätte. Ich habe mich ſtets beſtrebt, mein politiſches Handeln, 
alles, was ich als Herrſcher und als Menſch tat, in Übereinftimmung 
mit den Geboten Gottes zu halten. Manches iſt anders gekommen, 
als ich wollte — mein Gewiſſen iſt rein. Das Wohl meines 
Volkes und meines Reiches war das Ziel meines Handelns. 

Mein perſönliches Schickſal trage ich mit Ergebenheit, denn der 
Herr weiß, was Er tut und was Er will. Er weiß, weshalb Er 
mich dieſe Prüfung durchmachen läßt. Ich werde alles geduldig tragen 
und abwarten, was Gott weiter mit mir vorhat. Wich ſchmerzt nur 
das Schickſal meines Landes und meines Volkes. Wich ſchmerzt die 
harte Leidenszeit meiner deutſchen Landeskinder, die ich — gezwungen, 
im Auslande zu leben — nicht mit ihnen tragen kann. Das iſt der 
Schwertſtreich durch meine Seele, das iſt bitter für mich. Auch 
hier in der Einſamkeit fühle und denke ich nur für das deutſche Volk, 
wie ich durch Aufklärung und Rat beſſern und helfen könnte. Auch 
herbe Kritik vermag niemals meine Liebe zu Land und Volk zu bes 


287 


einträchtigen. Ich bleibe den Deutſchen treu, ganz gleichgültig, wie 
ſich der Einzelne jetzt zu mir ſtellt. Denen, die im Unglück zu mir 
ſtehen, wie einſt im Glück, bin ich dankbar. Sie helfen mich aufrichten, 
ſie lindern das an mir zehrende Heimweh nach meiner geliebten deut— 
ſchen Heimat. Die, die ſich aus ehrlicher Überzeugung gegen mich 
ſtellen, kann ich achten. Die andern mögen ſehen, wie ſie vor Gott, 
ihrem Gewiſſen und der Geſchichte beſtehen. Ihnen wird es nicht 
gelingen, mich von den Deutſchen zu ſcheiden. Ich kann Land und 
Volk immer nur als Ganzes ſehen. Wie ich am 4. Auguſt 1914 bei 
der Reichstagseröffnung im Kaiſerſchloß zu Berlin ſagte: „Ich kenne 
keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutſche“, ſo iſt es geblieben. 

Der Kaiſerin hat der Umſturz das Herz gebrochen. Sie alterte vom 
November 1918 an zuſehends und konnte den körperlichen Leiden nicht 
mehr die frühere Widerſtandskraft entgegenſtellen. So begann bald ihr 
Siechtum. Am ſchwerſten trug ſie das Heimweh nach der deutſchen Erde, 
nach dem deutſchen Volke. Trotzdem ſuchte ſie noch mich zu tröſten. — 

Der Umſturz hat ungeheure Werte vernichtet. Er wurde in dem 
Augenblick durchgeführt, als der Daſeinskampf des deutſchen Volkes 
abgeſchloſſen werden ſollte und alle Kräfte ſich zum Wiederaufbau 
zuſammenſchließen mußten. Er war ein Verbrechen am Volke. Ich 
weiß ſehr wohl, daß viele, die zur ſozialdemokratiſchen Fahne ſtanden, 
die Revolution nicht wollten. Auch einzelne ſozialdemokratiſche Führer 
wollten ſie zu dieſem Zeitpunkte nicht, mancher von ihnen war bereit, 
mit mir zu arbeiten. Aber dieſe Sozialdemokraten haben es nicht 
verſtanden, die Revolution zu verhindern, darin liegt ihre Mitſchuld 
an den heutigen Verhältniſſen. Dies um fo mehr, als die Sozialiſten⸗ 
führer den revolutionären Maſſen näher ſtanden als die Vertreter 
des monarchiſchen Staates, alſo mehr Einfluß ausüben konnten. Aber 
die Führer hatten ſchon in der Vorkriegszeit den revolutionären Ge⸗ 
danken in die Maſſen getragen und gepflegt, und die Sozialdemokratie 
war ſeit jeher ein offener Feind der früheren, der monarchiſchen Staats- 


288 


form und ftrebte programmäßig nach deren Beſeitigung. Sie hat Wind 
geſät und Sturm geerntet. Zeitpunkt und Art des Umſturzes iſt 
auch manchen Führern nicht recht geweſen. Aber gerade ſie haben 
in der entſcheidenden Stunde die Führung den zügelloſeſten Elementen 
überlaſſen und haben ihren Einfluß zur Erhaltung des Staates nicht 
aufgeboten. Die Regierung des Prinzen Max mußte die alte Staats⸗ 
form ſchützen. Sie hat ihre heilige Pflicht nicht erfüllt, weil ſie ſich 
in Abhängigkeit von den ſozialiſtiſchen Führern begeben hatte, die 
bereits ihren Einfluß auf die Maſſen an die radikalen Elemente 
verloren hatten. Die Hauptſchuld fällt alſo auf die Führung. Des— 
halb wird die Geſchichte nicht die deutſche Arbeiterſchaft mit dem 
Fluch des Umſturzes belaſten, ſondern deren Führer, ſoweit ſie die 
Revolution gemacht oder nicht verhindert haben, und die Regierung 
des Prinzen Max von Baden. Die deutſche Arbeiterſchaft hat ſich 
unter mir im Felde glänzend geſchlagen und auch zu Hauſe jahrelang 
für Munition und Kriegsgerät geſorgt. Das darf nicht vergeſſen 
werden. Später erſt bröckelten Teile von ihr ab. Das war aber 
Schuld der Agitatoren und Umſtürzler, nicht des anſtändigen, patrio⸗ 
tiſchen Teiles der Arbeiterſchaft. Die gewiſſenloſen Hetzer ſind die 
wahrhaft Schuldigen an dem völligen Zuſammenbruche Deutſchlands. 
Das wird eines Tages auch von der Arbeiterſchaft erkannt werden. 

Die Gegenwart Deutſchlands iſt ſchwer. An der Zukunft des 
geſunden, ſtarken Volkes zweifle ich nicht. Ein Volk, das einen ſo 
unerhörten Aufſtieg genommen hat, wie das deutſche von 1871 bis 
1914, eine Nation, die ſich gegen 28 Staaten im Verteidigungs- 
kriege über vier Jahre erfolgreich behauptet hat, iſt nicht vom Globus 
zu ſtreichen. Die Weltwirtſchaft kann uns nicht entbehren. 

Um aber die Stellung in der Welt wieder zu erlangen, die 
Deutſchland zukommt, darf man nicht auf Hilfe von außen warten 
oder rechnen. Sie kommt doch nicht. Höchſtens wäre ein Helotentum 
erreichbar. Auch die Hilfe, die die deutſche Sozialdemokratie von 


19 gaiſer Wilhelm 1. 289 


der internationalen erhoffte, iſt ausgeblieben. Der internationale Pro⸗ 
grammteil der ſozialiſtiſchen Lehre hat ſich als ein furchtbarer Irrtum 
herausgeſtellt. Die Arbeiter der Entente ſind gegen das deutſche Volk 
ins Feld gezogen, um es zu vernichten. Von internationaler Solidarität 
der Maſſen war nirgends eine Spur. Dieſer Irrtum iſt auch einer 
der Gründe des für Deutſchland ſchlechten Kriegsausganges. Die 
engliſche und franzöſiſche Arbeiterſchaft war von ihren Führern richtig, 
d. h. national orientiert, die deutſche falſch, nämlich international. 
Das deutſche Volk darf ſich auf keinen anderen, ſondern nur 
auf ſich ſelbſt verlaſſen. Wenn ſelbſtbewußtes nationales Empfinden 
in alle Schichten unſeres Volkes wiederkehrt, dann wird der Auf— 
ſtieg beginnen. Alle Klaſſen der Bevölkerung müſſen im nationalen 
Empfinden einig ſein, wenn ihre Wege ſich auch auf anderen Ge— 
bieten des ſtaatlichen Lebens trennen mögen. Das iſt die Stärke 
Englands, Frankreichs, ja der Polen. Dann wird auch das Gefühl 
der Zuſammengehörigkeit aller Volksgenoſſen, das Bewußtſein der 
Würde unſerer edlen Nation, der Stolz, ein Deutſcher zu ſein, und 
jene echt deutſche Ethik wiederkehren, die eine der geheimen Kräfte 
war, die Deutſchland ſo groß gemacht haben. Deutſchland wird 
wieder wie vor dem Kriege in der Geſellſchaft der Kulturvölker die 
Rolle des Staates der größten Arbeitsleiſtung ſpielen. Es wird 
wieder in friedlichem Wettbewerb auf den Gebieten der Technik, der 
Wiſſenſchaft und der Kunſt ſiegreich vorangehen und nicht nur ſich ſelbſt, 
ſondern allen Nationen der Erde das Beſte bieten. Ich glaube an die 
Beſeitigung des Fehlſpruchs von Verſailles durch die Einſicht der ver— 
nünftigen Elemente des Auslandes und durch Deutſchland ſelbſt. Ich 
glaube an das deutſche Volk und an die Fortſetzung ſeiner friedlichen 
Miffion auf der Welt, die durch einen furchtbaren Krieg unterbrochen 
wurde, den Deutſchland nicht gewollt, alſo auch nicht verſchuldet hat. 


Ende. 


Anmerkungen und Regiſter 


Bei den Seitenangaben hebt ein Sternchen (*) die wichtigen Stellen hervor 


Abdankung: 237, 239/42, *243/5. 

— ihre Gründe: 244/6, 250, 254. 

— u. Wilſon: 273/4. 

Abdul Hamid II., 1876-1909 türk. 
Sultan ( 1918): 119, 136, 181. 

Achenbach, Heinr. v. (1829-99), 1879 
Oberpräſident, führte 1882 Prinz Wilhelm 
in die Verwaltung ein: 27. 

Admiralſtab (f. Reichsmarineamt): 201. 

Agadir ſ. unter Marokko. 

Agrarier: 26, 45. 

Agyptiſche Frage: die Stellung Eng— 
lands in dem 1882 beſetzten A.: 121, 267. 

Ahlbeck (Oſtſeebad), Kinderheim: 37. 

Albanien, ſeit 1913 auf Beſchluß der 
Großmächte ſelbſtändiges Fürſtentum (vgl. 
unter Wied u. Eſſad Paſcha): 118/9,134/9. 

Albedyll, Emil v. (1824-97), 1871/88 
Chef des Wilitärkabinetts: 8. 

Alexander II., 1855/81 Zar: 14. 

Alexander III. (geb. 18450, 1881/94 ruſſ. 
Zar: 11/3,15 e ee 268,280. 

Alexandra (geb. 1844), Königin v. Engl., 
1863 vermählt m. Eduard VII.: 107, 110. 

Algeciras ſ. unter Marokko. 

Althoff, Friedr. (1839-1908), 1882 
Vortrag. Rat, 1897 Miniſterialdirektor im 
preuß. Rultusminifterium: 90, 152, 164. 

Amerika ſ. Vereinigte Staaten. 

Andraſſy, Graf Julius, 1867/79 öfterr.= 
ungar. Miniſterpräſident: 6. 

Andraſſy, Graf Julius (geb. 1860), 
Sohn des vorigen, 24. X./2. XI. 1918 
Miniſter des Außern: 234. 

Antwerpen-Maas-Linie, am 4. XI. 
885 bezogene RNückzugsſtellung: 235/65, 
238. 

Anzer, Joh. Baptiſt v. (1851-1903), 
kath. Miſſionsbiſchof u. apoſtol. Vikar in 
Süd⸗Shantung: 57. 

Arbeiterfhaft u. der Kaſſer: 30/4, 37/9. 
— u. die Revolution: 289. 

Arbefterſchutz-Konferenz, internatio— 
nale in Berlin 15./29. III. 1890: 31, 35. 

Arbeiterſchutz- und Sozial-Geſetz— 
gebung: Ihr Programm verkündete die 
Botſchaft Kaiſer Wilhelms J. vom 17. XI. 
1881. Grundlegende Geſetze: Kranken- 
verſicherung (1883), Unfallverſicherung 


292 


(1884), Invaliden- u. Alters verſicherung 
(1889), durch Novellen ſtändig erweitert 
u. verbeſſert. Die Reichs verſicherungsord— 
nung v. 19. VII. 1911 faßte die bisherigen 
Sozialverſicherungsgeſetze unter weſent— 
licher Ergänzung zufammen. Dem Ar- 
beiterfhut (Erlaß des Kaiſers vom 4.11. 
1890) im engeren Sinne galten die No= 
velle zur Gewerbeordnung von 1891 u. 
andere Geſetze, die vor allem Beſchränkung 
der Sonntags- u. Nachtarbeit, der Arbeits- 
zeit u. der Beſchäftigung von Frauen, Ju⸗ 
gendlichen u. Kindern anordneten u. für 
die Beaufſichtigung durch Gewerbeauf— 
ſichtsbeamte u. Fabrikinſpektoren ſorgten: 
4, *31/5, 274½. 

Archäologie: 168/71. 

Armee, Dienſt des Kaiſers: 17, 190. 

— Entwicklung: *189/92, 275. 

— 8 im Kriege: 114,154, *220/1, 
236. 

— zu Kriegsende: 190, 235, 238, 241/5. 

Artillerie, ſchwere: 192. 

Asquith, Herbert Henry (geb. 1852), 
1908/16 engl. Premierminiſter: 127. 

Affvriologie: 168/9. 

Ausgrabungstätigkeit: 168/71. 

Auslieferungsforderung: 249/50. 

Auswärtiges Amt, unter Bismarck: 6/7, 
9, 63. — u. Flottennovelle (1912): 129. 
— u. d. Krieg: 209/12. — u. d. Bolſche⸗ 
wiki: 242. — feinellnzulänglichfeit: 63/5. 

Automobil-Klub, Kaif., feit 1905: 36. 


Babel und Bibel ſ. unter Delitzſch. 

Bagdadbahn: 73, 74. 

Ballin, Albert (1857 1918), ſeit 1900 
Generaldirektor der Hamburg- Amerika 
Linie: 5, 90, 122/8, 131. 

Baltiſch-Port (Eſtland), 4/5. VII. 1912 
Begegnung des Kaiſers mit dem Zaren im 
Beiſein ihrer Minifter: *139/40, 211. 

Baralong, engl. Hilfskreuzer, verſenkte am 
19. VIII. 1915 das deutſche ll-Boot 27, die 
11 Uberlebenden wurden, im Waſſer ſchwim⸗ 
mend, auf 1 des Baralongkomman⸗ 
danten durch Gewehrfeuer ermordet: 226. 

Barrere, Camille (geb. 1851), feit 1898 
franzöſ. Botſchafter in Rom: 106. 


Bauweſen, Akademie des: 143/4. 

Bauten: 144, 167/8. 

Bayenturm, alter Turm in Cöln: 150. 

Bebel, Aug. (1840-1913), 1869 Mit⸗ 
begründer, ſpäter Führer der ſozialdem. 
Partei: 35. 

Begbie, Harold (geb. 1871); fein Buch 
„Dindication” erſchien 1916: 133/4. 

Belgien, Induſtrie u. Arbeiter: 33/4. 

— engl. Kriegsvorberettungen in B.: 218. 
„Belgiſche Aktenſtücke 1905 - 14“ iſt 
der Titel, unter dem das Auswärt. Amt 
die während der Beſetzung Brüſſels zufällig 
aufgefundenen Berichte der belg. Vertreter 
in Berlin, London u. Paris an den Mini- 
ſter des Außeren veröffentlicht hat (Berlin 
1915). Da ihr Inhalt von unparteiifchem 
Standpunkte beobachtet u. berichtet iſt, 


nichtete u. Armenien an Rußland brachte, 
erhoben England u. Oſterreich Einſpruch. 
Um einen europätſchen Krieg zu verhindern, 
ſuchte Bismarck zu vermitteln. Dies ge= 
lang ihm auf dem (von ihm einberufenen) 
Berliner Kongreß (13. VI./13. VII. 
1878), der zwar die Befrefung der Bal— 
kanſtaaten beſtehen ließ, der Türkei aber 
einen Teil ihrer europäiſchen Beſitzungen 
ſowie den größeren Teil Armentens rettete, 
Oſterreich erhielt die Okkupation Bosniens 
u. der Herzegowina. Rußland war verbit— 
tert u. warf Bismarck vor, er habe es um 
die Früchte ſeines ſchwer erkämpften Sieges 
gebracht: 4,*9/10, 12/5, 278. 

Bertram, Adolf (geb. 1859), 1906 Bi- 
ſchof von Hildesheim, 1919 Fürſtbiſchof 
von Breslau u. Kardinal: 175. 


bilden fie ein unantaftbares Zeugnis für Beſeler, Max v. (1841-1921), 1905/17 


die Einkreiſungspolitik der Entente u. für 
Deutſchlands Friedenswillen: 108, 213. 
Benda, Rob. v. (1816-99), Mitbegrün⸗ 
der d. nat.⸗lib. Partei, ſeit 1858 im preuß. 
Landtag, 1871/98 im Reichstag: 24, 25. 
Benedetti, Vinc. (1817-1900), 1864 / 
71 franzöſ. Botſchafter in Berlin: 277. 
Benedikt XV. (Giacomo della Chieſa, 
1854 - 1919), ſeit 3. IX. 1914 Papſt, ver⸗ 
dient um die Beſſerung des Loſes der Kriegs⸗ 
gefangenen u. um den Austauſch militär— 
untauglicher Gefangener, feine Friedens- 
aufrufe von 1915 u. vom 1. VIII. 1917 
blieben ohne Erfolg: 221, 225/30. 
Benediktiner ſ. unter Beuron, Monte 
Caſſino u. Maria Laach. 
Benediktinerinnen ſ. Hildegardig. 
Bennigſen, Rud. v. (1824 - 1902), Füh— 
rer der Nationalliberalen im Reichstag 
(1871/98) u. preuß. Landtag, 1888/97 
Oberpräſident von Hannover: 24, 25/6. 
Berchem, Graf Maximilian (1841/1910), 
Unterſtaatsſekretär: 45, 280. 
Bergarbeiterſtreik (1889): 29. 
Berlin, neuer Dom (1894/1903 erbaut): 
94, 179. — als Daterftadt Hollmanns: 
193. — Beſuch Eduards VII.: 107. — 
Schloß (ſ. a. Bildergalerie, Weißer Saal): 
96 Huldigung 1907), 144, 16/8, 190. 
— Schloßkapelle: 182. 
Berliner Kongreß. Gegen den den ruff.= 


preuß. Juſtizmintſter: 155. 

Bethmann Hollweg, Felix v. (1824 — 
1900), Vater des Kanzlers, Gutsherr zu 
Hohenfinow bei Eberswalde, vermählt mit 
Iſabella v. Rougemont (1833/1908) aus 
Schloß Schadau am Thuner See: 105. 

Bethmann Hollweg, Theobald v. (1856 
— 1921), vermählt mit Martha v. Pfuel 
(1865 - 1914), 1886 Landrat, 1899 Ober⸗ 
präſident von Brandenburg, 1905 preuß. 
Miniſter des Inneren, 1907 Staatsſekr. im 
Reichsamt des Inneren u. Vizepräſident 
des preuß. Staatsminkſteriums, 1909 — 
14. VII. 1917 Reichskanzler. 

B. u. d. Kalſer: 105/66. — Charakteriſtik B. s: 
111/2, 116. — B. Entlaſſung: 112/3. 
— u. d. aus wärt. Politik: 106/88. — u. d. 
Gentleman's agreement: 264. — u. d. 
Marokkofrage: 121. — u. d. Haldane-Miſ⸗ 
fion: 123/6, 132. — u. d. Flottennovelle 
(1912): 129, 131, 132. u. d. U⸗Boot⸗ 
bau: 203. — u. d. Kriegsausbruch: 112/3, 
209/10, 279. — u. d. Wahlrechtsreform: 

113/6. — u. Tirpitz: 205. 

Beuron, altes Kloſter im oberen Donau- 
tal, ſeit 1863 Benediktinerniederlaſſung u. 
Sit des Erzabts der B.er Kongregation, zu 
der 9 Abteien, das Priorat in Jeruſalem 
u. 3 Srauenabteten gehören. Die B.er Erz— 
abtei pflegt beſonders die kirchl. Kunſt( „Bier 
Schule“) u. den Kirchengeſang: 181. 


türk. Krieg (1877/8) abſchließenden Frle— | Bildergalerie, im Berliner Schloß, 


den von San Stefano (3. III. 1878), 
der die Balkanvölker von der türk. Herr- 


| 


} 


60 m langer Feſtſaal: 100, 168. 
Björk (ruſſ. Infel in den finn. Schären). 


ſchaft befreite, die europ. Türke faſt ver- , 24. VII. 1905 Begegnung des Katſers u. 


293 


des Zaren, bei der dieſe zur Sicherung gegen 
die engl. Bedrohungen den Entwurf eines 
Schutz⸗ u. Trutzbündniſſes aufſetzten, zu 
dem der Zar auch Frankreich zuziehen ſollte: 
166, 211, 270. 

Bismarck, Graf Herbert v. (1849/1904), 


1886/90 Staatsſekretär des Auswärt. 


Amts: 4, 6, 11, 22/3, 63. 

Bismarck, Fürſt Otto, * 1815, F 30. VII. 
1898 in Friedrichsruh, Reichskanzler u. 
(ſeit 1862) preuß. Minſſterpräſident bis 
20. III. 1890. 

— u. d. Katſer: 3/5, 10/1, 21, 28/9. — 
Grund d. Trennung: 32. — Aus ſöhnung 
u. Tod: 76/7. 

— d. III. Bd. der „Erinnerungen“: 5. 

— die Fronde u. der „mißverſtandene B.“ 
(Titel eines 1921 erſchienenen Buches des 
Miniſterialdtrekt. im Aus wärt. Amt Otto 
Hammann): 44/6, 47, 51, 76, 84. 

— u. Raiferin Friedrich: 10/1, 156. — u. 
Zar Alexander III.: 15/6. 

— u. das Auswärt. Amt: 6/7, 53/4. — u. 
ſeine Miniſter: 28/9. 

— u. d. Arbeiterſchaft: 30, 32/3, 37/8. 

— u. d. Sozialdemokratie: 4, 28/9, 32. 

— u. d. Kolonien: 7/8, 47. — u. d. Flotte: 
5, 7, 196. — als ſtaatsmänn., Jongleur“: 
8. — u. d. Berliner Kongreß: 9/10. — 
B. 's Friedenswille: 17, 281. 

— u. England: 8/0, Deutſchland als Feſt⸗ 
landsdegen“: 267, gegen engl. „Drein⸗ 
reden“: 21/2. — u. Rußland: 9/10, 12/4, 
17, 279/80. — u. Türkei: 12/4, 23. 

Bismarck, Graf Wilhelm (Bill) v. (1852 
— 1901), preuß. Verwaltungsbeamter, ſeit 
1895 Oberpräſident von Oſtpreußen: 4. 

Biffing, Morktz Ferd. Frh. v. (1844 — 
1917), ſeit Nov. 1914 Generalgouverneur 
von Belgien, 1915 Generaloberſt: 34. 

Block hieß das enge Bündnis der Konſer⸗ 
vativen u. ſämtl. liberaler Parteien (ohne 
u. gegen das Zentrum), das feit den Reichs⸗ 
tags wahlen 1907 bis 1909 beftand: 93, 
95, 102, vgl. 26. 

Voghitſchewitſch (fein Buch erſchien 
1922 in Zürich): 214. 

Bolſchewiſtiſcher Einfluß: 241/2. 

Bonnal, Gutllaume (geb. 1841), franz. 
General, 1901 Direktor der Ecole supẽ- 
rieure de guerre: 267. 

Bosniſche Kriſe (Okt. 1908- März 
1909), infolge Oſterreichs Annexion der 


294 


ſeit 1878 beſetzten u. verwalteten Länder 

Bosnien u. Herzegowina: 217, 76. 

Bötticher, Karl Heinr. v. (1833-1907), 
1880/7 Staatsſekretär des Reichsamts 
des Inneren, ſeit 1888 auch Vizepräfident 
des preuß. Miniſteriums, 1898/1906 
Oberpräſident der Prov. Sachſen: 30. 

Boxer: chineſ. Geheimbund zur Vertrei⸗ 
bung der Fremden. Ihr von der chineſ. Re⸗ 
gierung begünſtigter Aufſtand (1000) ver⸗ 
anlaßte das Einſchreiten der Mächte, bei 
dem Graf Walderſee (ſ. d.) den Oberbefehl 
über die vereinigten europ., amerik. u. ſa⸗ 
pan. Truppen erhielt: 77. 

Boyd Carpenter, William (1841 
- 1916), 1884/1911 anglikan. Biſchof 
von Ripon, 1879/83 Hofkaplan der Kö⸗ 
nigin Victoria, zuletzt Canon von Weſt⸗ 
minſter. Von ſ. Schriften ſind überſetzt: 
„Der Menſchenſohn unter den Söhnen der 
Menfchen” (1903) u., Er lebt! Cheiſti Be⸗ 
deutung für die Gegenwart“ (1912): 179. 

Breitenbach, Paul v. (geb. 1850), 1906/ 
17 preuß. Eiſenbahn-⸗Miniſter: 149/51. 

Breſter Frieden zwiſchen Rußland u. d. 
Mittelmächten (3. III. 1918): 214, 284. 

Budde, Herm. (1851-1906), General, 
1895/1900 Chef der Eiſenbahnabt. des 
8 ‚1902/6 Eiſenbahn⸗Miniſter 
148/9. 

Bukareſter Friede zwiſchen Rumänſen u. 
den Mittelmächten (7. V. 1918): 284. 

Bulgarien, Zar Ferdinand J. (geb. 1861 
als Prinz v. Coburg), ſeit 1896 Fürſt, 
1908/18 König v. B.: 115. 

Bülow, Bernhard v., 1899 Graf, 1905 
Fürſt (geb. 1840), 1886 vermählt mii Prin⸗ 
zipeſſa Maria di Camporeale (geb. 1848 in 
Neapel), ſeit 1874 im Auswärt. Amt, 1893 
Botſchafter in Rom, 1897 Staatsſekretär 
des Auswärt., 1900 — 14. VII. 1909 
Reichskanzler u. preuß. Miniſterpräſident. 

— u. der Kaiſer 81/2, 97, 99/101. 

— als Staatsſekretär 58, 81. 

— u. d. Flottengeſetz 196 — u. d. Tanger⸗ 
fahrt 90/91 — u. d. „Block“ 93, 95, 
102 — u. d. Interview 99 — u. v. Hol⸗ 
ſtein 83, 85, 86 — u. Möller 160. 

— u. England 86,88, 98, 206/7 „ u. König 
Eduard in Kiel 96. 

— u. Nußland 269, ruſſiſche Anekdote 
159. 

Bülow, Bernhard Ernſt v. (1815-79), 
Vater des vorigen, ſeit 1862 mecklenburg. 


Miniſter u. Geſandter in Berlin, 1873/9 
Staatsſekretär des Auswärt. Amts: 82. 
Burchard, Joh. Heinr. (1852-1912), 
juriſt. Senator u. J mal regierender Bür⸗ 
germeifter von Hamburg, ſeit 1887 Bevoll⸗ 
mächtigter zum Bundesrat: 130 /. 

Buren (niederländ. Boers), die Bevölke⸗ 
rung Südafrikas niederländ. Abkunft, ein⸗ 
gewandert feit 1652, als die Holländiſch— 
Oſtindiſche Kompanie an der Tafelbai eine 
Niederlaſſung begründete. Nach deren Ab- 
tretung an England (1815) begannen 1834 
die Züge (Trecks) der Buren nach dem Nor⸗ 
den, wo ſie den Oranſefreiſtaatu. (in Trans⸗ 
vaal) die Südafrik. Republik begründeten 
u. ihre Selbſtändigkeit behaupteten, bis 
fie durch den Burenkrieg (1899/1902) 
nn wurden: 69, 71, 75, 196, 
276. 

Bürgerl. Geſetzbuch (Nommiſſionsbera⸗ 
tung 1890/5, als Geſetz publiziert 1896, 
in Kraft getreten 1. J. 1900): 155. 

Burian, Graf Stefan (geb. 1851), April — 
Okt. 1918 öſterr. Miniſter d. Ausw.: 233. 


Cambon, Jules (geb. 1845), 1906/14 
franzöſ. Botſchafter in Berlin: 214. 

Cambridge, Herzog Georg von (1819 
- 1904), Enkel König Georgs III, engl. 
Feldmarſchall, 1856/95 Oberbefehlshaber 
des Heeres: 75. 

Cape to-Cairo-Bahn: 72/4. 

Caprivi, Leo (ſeit 1891 Graf) v. (1831 
1899), 1883/8 Chef der Admiralität, 
dann Kommand. General des X. Armee— 
korps, 1890 Reichskanzler u. preuß. Mi⸗ 
niſterpräſident, trat als letzterer 1892, als 
Reichskanzler am 26. X. 1894 zurück: 43/8. 

Carpenter ſ. Boyd Carpenter. 

Carmen Sylva, Dichtername der Kö— 
nigin Eliſabeth von Rumänien (1843 
- 1916), geb. Prinzeſſin Wied, Vaters⸗ 
ſchweſter des Prinzen: 137. 

Caro, Prof. in Athen: 170. 

Caſſel, Sir Erneſt(geb. 1852 als Deutſcher 
in Köln), engl. Bankier: 122/6, 132. 

Chamberlain, Houſton Stewart (geb. 
1855 zu Portsmouth, Sohn eines engl. Ad⸗ 
mirals), deutſcher Schriftſteller, Schwie- 
gerſohn Richard Wagners: 154. 

Chamberlain, Joſeph (1836-1914), 
1895/1903 Staats ſekretär der Kolonien: 
58, 75, 88/91, *266/7. 

Themie, Förderung der: 164. 


Chirol, Sir Valentine (geb. 1862), 1899 
71912 Leit. d. Foreign Depart. d. Times: 71. 

China u. Tſingtau 54/5, 57/8, 65, 66. 

Churchill, Winſton (geb. 1874), 1911 
Erſter Lord der Admiralität, organiſierte 
den engl. Admiralſtab, leitete im Kriege 
die Verhinderung der Lebensmittelzufuhr 
n. Deutſchland, 1918 Munitionsminifter, 
1919 Kriegsminiſter: 125, 127. 

Clemen, Paul (geb. 1866), Prof. der 
Kunſtgeſchichte in Bonn, ſeit 1893 Provin⸗ 
zialfonfervator der Rheinprovinz: 221. 

Clemenceau, Georges (geb. 1841), Nov. 
1917 franzöſ. Miniſterpräſident, ſetzte bet 
den Friedensverhandlungen die Knech— 
tung Deutſchlands durch: 272, 276. 

Cöln, neue Rheinbrücken: 150. 

Connaught, Herzog Arthur von (geb. 
1850), Bruder Königs Eduard VII., ver⸗ 
mählt 1879 mit Louiſe Margarete Prin⸗ 
zeſſin von Preußen: 86, 120. 

Conrad, Paul (geb. 1865), Geh. Ober- 
konſiſtorialrat und Erſter Pfarrer an der 
Kaiſer⸗Wilhelm- Gedächtniskirche in Ber⸗ 
lin, das Andachtsbuch „Der alte Gott lebt 
noch“ erſchien 1919, „Aus tiefer Not“ 
1922: 180. 

Cuniberti, Vittorio, ital. Ingenieur, Chef⸗ 
konſtrukteur der Marine: 202. 


Daily Telegraph ſ. Interview. 

Dares-Salam: 46. 

Delbrück, Klemens v. (geb. 1856), 1909 
„16 Staatsſekretär des Reſchsamts des 
Inneren, Okt. / Nov. 1918 Chef des Zi⸗ 
vilkabinetts: 240. 

Delcaſſé, Theophile (geb. 1852), 1893 
/1905 franzöf. Minifter des Auswärtigen, 
1911 Marineminiſter, 1913 Botſchafter in 
Petersburg, 1914/15 Miniſter des Aus⸗ 
wärtigen: 90/2, 219. 

Delitzſch, Friedr. (geb. 1850), Aſſyriolog, 
ſeit 1899 Prof. in Berlin. In 3 Vor⸗ 
trägen 1902/4 (die beiden erſten in der 
Drientgefellichaft l. Gegenwart d. Kaiſers) 
erörterte D. die Beziehungen des babylo⸗ 
niſchen u. iſraelit. Schrifttums, betonte die 
teilweiſe Überlegenheit der babylon. Reli⸗ 
gion über die altteſtamentl. u. d. Abhängig⸗ 
keit mancher religiöfen Vorſtellungen u. 
Sitten (z. B. Weltſchöpfung, Sündenfall, 
Sintflut, Moſaiſches Geſetz, Sabbatein— 
richtung, Recht, Moral) von den babyloni⸗ 
ſchen. Gegen dieſe Hypotheſe der Abhän— 


295 


gigkelt der Bibel von Babel erhob ſich ſo- Drews, Wilh. (geb. 1870), 1914 Unter⸗ 
wohl aus kirchlichen Krelſen, die darin einen ſtaatsſekretär, Aug. 191 Nov. 1918 
Angriff gegen die geoffenbarte Religton preuß. Miniſter des Innern: 239/41. 

ſahen, wie von wiſſenſchaftlicher Seite leb= Davandes, Ernſt v. (1843 — —1922),1874 
hafter Widerſpruch (der ſogen. Babel u. Pfarrer in Bonn, 1882 in Berlin (Dreifal= 


Bibel-Streit): 168, 183/6. | tigkeitskirche), 1898 Oberhofprediger, 1903 
Deutſchlands Aufſchwung: 261/2. Mitgl. des Herrenhauſes, 1907 Bizepräſt⸗ 
— Friedenswille: 17,68, 2556, "265/70, dent des Oberkirchenrats: 179/80. 
2750, 281. Duhn, Friedr. Karl v. (geb. 1851),1880 
— Zukunft: 284, 289/90. Prof. d. klaſſ. Archäol. in Heidelberg: 171. 


Deutſchtum, Erziehung zum: 152/5. N fett 1905 die aus Wahlen hervor⸗ 
Dhaw, arabifches Küſtenfahrzeug: 46. | gehende ruſſ. Volksvertretung mit legisla= 
Dietze, Adolf v. (1825 - 1910), Herr auf tiver Gewalt (Zweite Kammer). Zur Zeit 


Barby, Mitglied des Staatsrats: 24. IJwans IV. (ſ. d.) wurde neben dem engeren 
Dirſchau, neue (1888/90) Weichfel- | Rat (Duma) der Bojaren bei befonders 
brücke: 147. wichtigen Angelegenheiten als beratende 


Disraelt, Benjamin, feit 1876 Earl of Inſtanz auch eine Art Nationalverſamm⸗ 
Beaconsfield (1804-81), engl. Staats- lung, die ſich aus Abgeordneten aller 
mann u. Schriftfteller, jüdiſcher Abftam- | Stände zuſammenſetzte (die große Duma 
mung, 1874/80 Premierminiſter: 10,278. | oder Sobor), zuſammenberufen: 268. 


Dom bau ſ. unter Berlin. E 
Dormition (de la sainte Vierge) heißt das Ebert, Friedr. (geb. 1871), ſeit 1905 im 
Grundſtück in Jeruſalem (auf dem angeb— Vorſtand der ſoztaldem. Partei, 9. XI. 1918 
lichen Sion), das der Kaiſer 1898 dem 177 0 ‚12.11.1919 provſſor. Reichs⸗ 
„Deutſchen Verein vom heil. Lande“ zur | Präſiden 
freien Nutznleßung im Intereſſe der deut- | Eduard VII. (geb. 1841, T 6. V. 1910), 
ſchen Katholiken überwies: 181. ſeit 1901 König von England: 72, 123, 
CTT 
Do = / 
%% ( 97; in Kiel 96, in Berlin 107. g 


Letter d. Ausgrabungen in Olympla, 1886 
Sekretär, dann Direktor des Deutſchen „ Eintretfungspolti 62, 96/7, 106, 134, 


Archäolog. Inſtituts in Athen: 169/71. 
Downlugſtreet, Straße in London, in 
der ſich das Auswärt. Amt befindet: 59. 
Dreadnought, Name des erſten (1906) 
engl. Großkampfſchiffs, der auf die ganze 
Schiffsklaſſe überging: 200/1, *202/3. 
Drelbund. 7. X. 1879 Bündnis (Zwei⸗ 
bund) zwiſchen Deutſchland u. Oſterreich— 
Ungarn, 20. V. 1882 Dreibund zwiſchen 
Deutſchland, Oſterreich u. Italien: 6, 8. 
Dretl-Kalſer- Verhältnis, 1881 als 
geheimer Vertrag zwiſchen den 3 Kaiſern 
Deutſchlands, Rußlands u. Oſterreichs auf 
3 Jahre geſchloſſen und 1884 auf weitere 
3 Jahre erneuert: Zuſicherung wohlwollen— 
der Neutralität bei einem Kriege, in den 
eine der J Mächte verwickelt würde. Das 
„Dr.⸗K.⸗ Verhältnis“ war eine be=- 
cchränkte Erneuerung des „Dreffaifer- 
bündniſſes“ von 1872, das ſeit dem 
1 Kongreß (ſ. d.) erſchüttert war: 
280. 


Eifel-Bahnen 150. 

Einem, genannt v. Rothmaler, Karl v. 
(geb. 1853), 1903/ Kriegsminiſter, 1909 
Kommand. General, 1914 Oberbefehls— 
haber der 3. Armee: 126, 133. 

Einkreiſungs politik (. a. Eduard VII. 
u. Entente) 264. 

Eiſenacher Konferenz, ſeit 1852 in 
jedem zweiten Jahre tagende Konferenz 
von Vertretern der evang. Landeskirchen 
zwecks einheitlicher Ordnung der gemein— 
ſamen Angelegenheiten, beſchloß 1903 den 
engeren Zuſammenſchluß der evang. Lan— 
deskirchen Deutſchlands, der 1922 durch 
die Gründung des „Deutſchen Evang. 
Kirchenbundes“ verwirklicht wurde: 179. 

Eiſenbahnen, ihr Ausbau: 146/51. 

Elb-Trave-Kanal, Großſchiffahrtsweg 

zwiſchen Elbe (bei Lauenburg) u. Trave 
(bei Lübeck), 1896/1900 gebaut: 148. 

Elſaß-Lothringen gehörte feit der Tei⸗ 

lung des Karolingerreichs (870) 800 Jahre 


„— — — — — — — — ——ͤ—é—'' 


296 


zum deutſchen Reich. Durch den Weſtfäl. Evangel. Kirche u. der Kaffer 179/81 — 


Frieden (1648) fette ſich Frankreich in den 
Beſitz von Oberelſaß u. erweiterte, die Ohn⸗ 
macht des durch den 30 fährigen Krieg ge— 
ſchwächten deutſchen Reichs benutzend, ſeine 
Herrſchaft (1681 Raub von Straßburg), 
bis 1766 auch Lothringen franzöſ. Provinz 
wurde. Im Frankfurter Frieden (1871) 
nahm Deutſchland Teile des ihm entriſſe⸗ 
nen Landes zurück, die ihm durch den Frie- 
den von Verſallles wieder genommen wur⸗ 
den: 51, 74, 263. 

Emden: die Schleuſenanlagen verbinden 
den E. er Binnenhafen m. dem Dollart: 151. 

England, Beſuche des Katſers in: 74/5, 
86/8, 97/8, 108/10, 119/20, 197. 

— u. d. Arbeiterfhug: 34/6. 

— u. Deutſchland: 58/063, 71,*88/9,*91/2, 
*96/7, 106/7, 122 ff., 196/8, *262, 
”265/7. 

— polit. Propaganda: 271, *281/2. 

— Kriegs vorbereitungen: 218. 

— u. Frankreich: 60/3, 91/2. 

— u. Rußland: 9/10, 58, 88/9, 256,7. 

— 11. Japan 58,89 — u. Ver. Staaten 60/2. 

— engl. Art: 83, 283/4; 153 (Erziehung), 
155/6 (Redtfprehung). 

Entente, Entftehung u. Wefen: 15, 61/2, 
106, *261/5. — Kriegsvorbereitungen: 
212/8. 

Erzberger, Matthias (1875 - 1921), 
Lehrer, Redakteur, feit 1903 Mitgl. des 
Reichstags (Zentr.), Urheber der Friedens- 
reſolution vom 19. VII. 1917, am J. X. 1918 
Staatsſekretär, dann Reichsminiſter ohne 
Portefeuille, Führer der deutſchen Waffen- 
tillſtandskommiſſion, Juni 1919 März 
1920 Reichsfinanzminiſter: 243. 

Erztehung, deutſche u. engl.: 152/5. 

Eſſad Paſcha, alban. Heerführer (geb. 
1863, ermordet 1920), bot im Febr. 1914 
dem Prinzen Wied (f. d.) die Krone an, 
war unter ihm Miniſter des Inneren u. des 
Krieges, Mal1914wegen hochverräteriſcher 
Umtriebe außer Landes gebracht, nach der 
Abreiſe des Fürſten Präſident der alban. 
Regierung: 137, 139. 

Eugenie, Kaiſerin von Frankreich (1826 
— 1920), 1853 mit Napoleon III. ver⸗ 
mählt, lebte ſeit 1870 in England: 267. 

Eulenburg, Aug. Grafzu (1838 - 1921), 
1890 Ober-Hofmarſchall, 1907/21 Mi⸗ 
niſter des Königl. Hauſes: 20, 98. 


— — — .—œÜ—— — -¼—. — — — :e— — 


Deutſcher Evangel. Kirchenbund (ſ. Eiſe⸗ 
nacher Konferenz): 179. 


Faulhaber, Michael (geb. 1869), 1910 
Biſchof von Speyer, 1917 Erzbiſchof von 
München u. (feit 1921) Kardinal: 175. 

Zeldküche, fahrbare: 192. 

Finanzreform, preuß. (Einkommen— 
ſteuergeſetz vom 21. VI. 1891, Gewerbe— 
ſteuergeſetz vom 24. VI. 1891, Kommunal- 
abgabengeſetz): 145, 156. 

Fiſcher, Antonius Hubert (1840 - 1912), 
ſeit 1889 Weihbiſchof, 1903 Erzbiſchof von 
Köln u. Kardinal: 177. 

Fiſher, Sir John, ſeit 1909 Lord (1841 
— 1920), DOrganifator der engl. Marine, 
1892/7 Admiralitätslord, 1904/10 und 
1914/9 Erſter Seelord: 128, 202/3. 

Flotte, Ausbau der: Als der Kaiſer 1888 
die Regierung übernahm, entſprach der 
Schiffsbeſtand zahlenmäßig noch immer 
dem von 1873, von den 7 Banzerfregatten 
waren jedoch eigentlich nur 4 leidlich kriegs⸗ 
brauchbar. Die Forderung von 4 Linien- 
ſchiffen im Etat von 1889 war der erſte 
Schritt. Der eigentliche Ausbau begann 
aber erſt mit Tirpitz“ Berufung (1897) 
zum Staatsſekr. des Reichsmarineamts: 
Flottengeſetz vom 28. III. 1898: ver= 
wendungsbereiter Beſtand von 17 Schlacht 
ſchiffen, 8 Küſtenpanzerſchiffen, 9 großen 
u. 26 kleinen Kreuzern. — Die Novelle 
1900 brachte etwa eine Verdoppelung: 
2 Flottenflaggſchiffe, 4 Geſchwaͤder zu je 
8 Linienſchiffen, 8 große und 24 kleine 
Kreuzer, für den Auslandsdtenſt 3 große 
u. 10 kleine Kreuzer, als Materkalreſerve 
4 Lintenfhiffe, 3 große, 4 kleine Kreuzer. 
In der Denkſchrift zur Novelle zum erften= 
mal der fortan der deutſchen Flottenpolitik 
zugrunde gelegte „Riſikogedanke“. 
— Novelle 1906 (infolge des engliſchen 
Dreadnoughtbaues): Vergrößerung der 
Schiffstypen, Vermehrung der Ausland⸗ 
ſchiffe um 6 Panzerkreuzer ſowie Erhöhung 
des Sollbeſtandes der Torpedoboote von 
96 auf 144. — Novelle 1908: Herab⸗ 
ſetzung des Lebensalters der Lintenſchiffe 
von 25 auf 20 Jahre, dadurch Erhöhung der 
Zahl der Neubauten. — Novelle 1912: 
nicht eigentl. Vermehrung, ſondern Stei— 
gerung der Krlegsbereitſchaft durch Auf— 
geben der Materfalreferve u. dauernde Be- 


297 


2 


reitfchaft eines größeren Teils (Z von den 5) Gentleman’s agreement: 


der Linſenſchiffsverbände gleichzeitig wur- 
de die Zahl der U-Boote geſetzlich auf 72 
feſtgelegt. 

— der Ausbau: 7, 43/4, 262. — Flotten⸗ 
geſetz u. I. Novelle (1900): 61, 5193/9. 
— Vovelle 1912: 123, 128/34, 265. 

Forſtwirtſchaft 157. 

Frankreich, Revanchewille: 263, 276/8. 
— un Entgegenkommen 68, 
92/3, 267/8. 

— u. Rußland 14/5, 52/4, 264. — u. Eng⸗ 
land 72,91/2.— u. d. Entente 5 264/5. 

— Kriegsvorbereltungen 149, 218 

—, deutſcher Schutz der Kunſtſchätze: 221. 

Franz Ferdinand, Erzherzog (geb. 
1863), öſterr. Thronfolger, am 28. VI. 
1914 in Serajewo ermordet: 99, 209. 

Franz Joſeph (1830-1916), feit 1848 
Kaiſer: 12, 99. 

Sreifinnige Partei 25, 193. 

Friedberg, Heinr. v. (1813-95), 1879/ 
„89 Juſtizminiſter: 155. 

Friedens-Wille des Kaiſers 69,72,88/9, 
92/3, 211/2, 253, *267/70, *275/6, 280 
AU a. unter Deutſchland). 

Friedjung, Heinr. (1851 - 1921), öſterr. 
Hiſtoriker u. Politiker, Prof. in Wien, ver⸗ 
öffentlichte: „Das Zeitalter des Imperka⸗ 
lismus 1884/1914” (Berlin 1919): 108. 

Friedrich d. Große 23, 30, 64, 182. 

Irkedyſch III. (als Kronprinz: riedrich 
Wilhelm), geb. 1831, 9. III. 1888 Kaiſer, 
15. VI. nach einer Regierung v. 99 Tagen: 
10/1, *17/9, 23/4, 280. 

Friedrich WilhelmIll. v. Preußen: ed. 

Srondeder Bismarcklaner 44/7,51, 76,93. 
Fürſtenberg, Maximilian Egon Fürſt zu 
al 1863), preuß. Oberſtmarſchall, ver⸗ 
mählt mit Irma geb. Gräfin v. Schön⸗ 
born⸗Buchheim: 98, 99, 100. 


Galiztſch— . 
(1. V. — 22. VI. 1915): 114/5. 

Gallwi „Max v. (geb. 1852), General, 
1918 O erbefehlshaber der Heeresgruppe 
vor Verdun: 235. 

Gambetta, Leon (1838-82), radikaler 
u. chauviniſtiſcher franzöſ. Politiker: 27/8. 

G ne er Zuſammenkunft am 8./9. VIII. 

Gelbe Gefahr 6 6/8. 

Generalſtab: 6/7, 14/8, *191/2, 209, 
210/1, 281. 


298 


*60/3, 264,5, 


270. 

Georg V. (geb. 1865), ſeit 1910 König 
v. England: 108/10, 119/21, 279. 

Girardin, Emile de (1806 — 81), franzöſ. 
Journalist, durch die 1836 von ihm gegrün⸗ 
dete Presse eine politiſche 3 (ſeit 1867 
Hetze gegen Preußen): 278. 

Goethals, amerik. Oberſt: 200/1. 

Gorgo (nach Homer ein weibl. 5 
⸗Relief, Fund auf Korfu: 169/70 

Gorlice-⸗ „Tarnow, Durchbruchsſchlacht 
(1/8. V. 1915): 115. 

Goſchen, Sir William Edw. (geb. 1847), 
„1908/14 Botſchafter in Berlin: 210. 

Goßler, Guſt. v. (1838 - 190, 1881/91 
preuß. Kultusminiſter: 15% 

Gramont, Herzog Agenor (1819-80), 
trieb als franzöſ. Botſchafter in Wien (ſeit 
1861) wie als Miniſter des Auswärt. (ſeit 
15. V. 1870) ſcharfe antipreuß. Politik: 277. 

Grey, Sir, ſpäter Lord Edward(geb. 1862), 
1905/16 Minifter des Auswärt. (Einkrei⸗ 
ſungs politik), 1919 Botſchafter in Wa⸗ 
ſhington: 122, 126/7, 219, 279. 

Griechenland, En (1889): 23. 

Groener, Wilh. (geb. 1867), württemberg. 
General, bei der Mobilmachung Chef des 
Feldeiſenbahnweſens, Nov. 1918 / Sept. 
1919 Generalquartiermeiſter, jetzt Eiſen⸗ 
bahnminiſter: 240/2. 

Großorientloge, Internationale: 219/20. 

Guetant, Louis: 276/8. 

Gymnaſium: 152ff. 


Hahnke, Wilh. v. (1833 - 1912), 1881/5 
Kommandeur der 1. Garde-Inf.⸗Brigade, 
1888/1901 Chef des Mllitärkabinetts, 
1901 Gouverneur von Berlin, 1905 
Generalfeldmarſchall: 20. 

Haldane, Richard Burdon, Viscount (geb. 
1856), Rechtsanwalt, feit 1885 im Unter⸗ 
haus (liberal), 1905/12 Kriegsminiſter, 
reorganifierte 1906 das engl. Heerweſen u. 
ſeinen Generalſtab nach deutſchem Muſter, 
führte am 9./11. II. 1912 die Neutralitäts⸗ 
verhandlungen in Berlin, 1912/5 Lordgroß⸗ 
kanzler, intereſſiert für die deutſche Litera⸗ 
tur u. Philoſophie (überſetzte Schopen⸗ 
hauers „Welt als Wille u. Vorſtellung“, 
1886): 122, 126/34, 155. 

Hamilton, Sir Jan (geb. 1853): 197. 

Hammurabi, König von Babplonien, 
Zeitgenoſſe Abrahams. Sein 1901 bei 


Suſa auf einem Dioritblod entdecktes 
Geſetzbuch iſt die älteſte (7 Jahrhunderte 
älter als die moſaiſche) geſchriebene Ge⸗ 
ſetzſammlung (ſ. unter Delitzſch): 184/5. 

Harden e 18600, ſett 1892 
Herausgeber der „Zukunft“: 86. 

Hardinge „Str Charles(geb. 1858/1905 / 
10 und wieder 1916 Unterſtaatsſekret. 
im Aus wärt. Amt, Berater Eduards VII. 
u. fein Begleiter auf den politiſchen Reifen, 
1910/6 Vizekönig v. Indien, 1920 Bot⸗ 
ſchafter in Paris: 123. 

Harkort, Friedr. (1793 - 1880), Bahn⸗ 
brecher der weſtfäliſch. Induſtrie, Förderer 
des Eiſenbahnweſens u. der Flußſchiffahrt, 
Parlamentarier ſeit 1848: 199. 

Harnack, Adolf v. (geb. 1851), 1888 als 
Prof. der Kirchengeſch. aus Marburg nach 
Berlin berufen, 1905 zugleich General- 
direktor der Kgl. Bibliothek in Berlin: 165. 

Hartmann, Felix v. (1851-1919), 1912 
Erzbiſchof von Cöln, 1914 Kardinal: 175. 

Hartmann, Feldwebel: 191. 

Hayafbi, Graf Tadaſu (1850 - 1913), 

1900 % japan. Geſandter in England, 
1906/8 Minifter des Auswärtigen: 89. 

Heer, ſ. Armee. 

H eeringen, Joſias v. (geb. 1850), 1909/ 
13 Kriegsminiſt., 1914 Generaloberſt, ſetzt 
Vorſitzender des Kyffhäuſerbundes deut⸗ 
ſcher Kriegervereine: 126. 

Heinrich, Prinz von Preußen (geb. 1862), 
Bruder d. Kaiſers, ſeit 1909 Großadmiral, 
1897 Chef des 2., 1899 des ganzen oft= 
aſiatiſchen Geſchwaders, 1906 Ehef der 
Hochſeeflotte, 1914/8 Oberbefehlsh aber d. 
Streitkräfte in der Oſtſee: 57/8, 200. 

Helfferich, Karl (geb. 1872), 1901 Prof. 
der Staatswiſſenſchaft in Berlin, 1908 
Direktor der Deutſch. Bank, 1915 Reichs⸗ 
ſchatzſekretär, 1916 Staats ſekretär des 
Reichsamts des Inneren u. Stellvertreter 
des Reichskanzlers, veröffentlichte: „Der 
Weltkrieg“ (3 Bde. 1919, Bd. 1: „Die 
Vorgeſch. des Weltkrieges“): 108. 

Helgoland, in engl. Beſitz (ſeit 1807): 8, 
10. — Erwerbung (1. VII. 1890): 46/8. 
— Befeſtigungen: 200. 

Hertling, Graf Georg v. (1843 - 1919), 
früher Prof. der Philoſophie in München, 
1909 Vorſitzender d. Zentrumspartei, 1912 
bayr. Miniſterpräſident, 1. XI. 1917 — 
30. IX. 1918 Reichskanzler: 74, 102,233. 

Hildegardis, St., altes Benediktine⸗ 


rinnenkloſter in Eibingen (oberhalb Rüdes⸗ 
heim), 1803 ſäkulariſiert, 1904 von d. Beu⸗ 
roner Kongregation wiederhergeſtellt: 183. 
l ne Paul v. (geb. 1847), bis 
1911 Kommand. General des IV. Armee⸗ 
korps, ſeit 15. VIII. 1914 Oberbefehlshaber 
der 8. Armee (Oſtpreußen), im Nov. 1914 
Generalfeldmarſchall u. Oberbefehlshaber 
der deutſch. Armeen im Oſten, Aug. 1916 
Chef des Generalſtabs (Oberſte Heered= 
leitung): 150, 220, 235, 240, 242. — 
Briefwechſel mit dem Kaiſer: 25/8. 

Hinzpeter, Georg Ernſt (1827 - 1907), 
1866/77 Erzieher d. Raifers, 1904 Witgl. 
des Herrenhauſes: 30, 160, 165, *180/1. 

Hohenlohe-Schillingsfürſt, Prinz 
Alex. (geb. 1862), 1898 Bezirkspräſ. im 
Elſaß, 1893/1903 Mitgl. d. Reichstags: 77. 

Hohenlohe-Schillings fürſt, Fürſt 
Chlodwig (1819 1901), 1866 bis März 
1870 bayr. Winiſterpräſident, trat 1870 
im bayr. Reichsrat für die Teilnahme am 
Krieg u. den Anſchluß an das Deutſche 
Reich ein, 1874/85 Botſchaͤfter in Paris, 
1885/94 Statthalter von Elſaß-Lothr., 
1894/17. X. 1900 Reichskanzler u. preuß. 
Miniſterpräſident: 51/2, 76/7. 

— innere Polikik: 74. — u. Tſingtau: 54/5, 
57/8, 68. — u. die Krügerdepeſche: 68/71. 

Holleben, Theod. v. (1838 — „ 97 
1903 Botſchafter bei d. V. St.: 264. 

Hollmann, Friedr. v. (1842 — =), 
Admiral, 1890/7 Staatsſekr. des Reichs⸗ 
marineamts: 56, 69/71, 77, 90, *193. 

— Brief an H.: 181, 183/6. 

Holftein, Fritz v. 1837— 1909), 1876/ 
1906 a Rat im Auswärt. Amt: 
6, 51, 69, *83/6. 

Hövel, Fh. Balduin (1848 - 1900): 157. 

Hubertusftod, 5 9 Jagdſchloß in der 
Schorfheide (f. d.): 5 

Hülſen⸗ Haeſeler, Graf Oletrich v. (geb. 
188 . 1908), 1899 General, 
1901 Chef des Militärkabinetts: 99. 

Hülſen-Haeſeler, Graf Georg v. (1858 
— 1922), Bruder des vorigen, 1903 Gene⸗ 
ralintendant der Königl. Schauſpiele: 169. 


Jagow, Gottlieb v. (geb. 1863), 1913/5 
Staatsfekretär des Aus wärt. Amtes, ver⸗ 
öffentlichte „Urſachen u. Ausbruch d. Welt⸗ 
krieges“ (1919): 108. 

Jameſon, Sir Leander (1853 — 271917), 
1888 Beamter d Britiſch⸗Südafrikan. Ge⸗ 


299 


ſellſchaft, unternahm am 30.X11.1895 den 
Einfall in die Südafrik. Republik, mußte 
aber vor den Buren kapitulieren, wurde an 
England ausgeliefert, zu Gefängnis verur- 
teilt, aber bald begnadigt, 1904/8 Mi⸗ 
nifterpräfident d. Kapkolonie: 69, 73. 

Jane, Fred T. feit 1897 Herausgeber des 
engl. Marine-Jahrbuchs Fighting Ships, |: 
d. Aufſatz von Cuniberti ſteht im Jahr- 
gang 1903: 202. 

Januſchkewitſch, Nikola, ruſſ. General, 
bei Kriegsausbruch Chef des Großen GGene— 
ralſtabes: 216/7. 

Japan u. Tſingtau: 65/6. — u. England: 
58, 89. — u. Rußland (Krieg 1904/5): 
66/7, 89, 269. — u. Shimonofeft: 68. 
— „gelbe Gefahr”: 66/7. 

— u. der Weltkrieg: 67/68, 213. 

— »The Problem of Japan«: 60/1. 

Jaurès, Jean (geb. 1859), franzöſ. So- 
ztaliſt, Profeſſor, ſeit 1885 Deputierter, 
Gegner des Chauvinismus, 31. VII. 1914 
ermordet, fein Mörder 1919 freigeſprochen: 


92. 

Jeniſch, Sch. Martin v. Rücker-Jeniſch 
(geb. 1861), 1902 Wirkl. Legatſonsrat, 
1906 Geſandter in Darmftadt, auf Reifen 
des Kaiſers oft als Vertreter des Auswärt. 
Amts in ſeinem Gefolge: 98. 

Jeruſalem, Reife (1898): 74. — Ein 
weihung der evang. Erlöſerkirche: 179. — 
Dormition (ſ. d.): 181. 

Ih ne, Ernſt v. (1848 — 1 Dber- 
Hof⸗ Baurat: 36, 144, 1 

Interview. Am 28. x es: veröffent⸗ 
lichte der Londoner „Daily Telegraph“ ein 
Intervlew, in dem der Kaiſer einem ihm 
befreundeten Engländer gegenüber ſeine 
freundſchaftliche Geſinnung für England 
betont u. Belege dafür aufführt: 98/101. 

Inte, Otto (1843-1904), feit 1870 Prof. 
für Waſſerbau in Aachen, bekannt durch 
ſeine Talſperren-Pläne: 164. 

Iſwolskt, Alex. (1856-1919), 1906 
Winiſter des Auswärt., 1910/7 rufj. Bot⸗ 
ſchafter in Paris, vermittelte die ruſſ. An— 
leihen in Frankreich u. ſchürte den Kriegs— 
gedanken: 217, 219, 270, 276. 

Italſen u. der Dreibund: 106. — Kriegs⸗ 
erklärung an Oſterreich (23. V. 1915): 115. 

— u. der Bapft: 227ff. 

Jurisprudenz u. d. Raffer: 27, 156. 

Iwan IV., der Schreckliche (1530 84), 
ruſſ. Zar: 268. 


300 


Kalſerin Auguſte Viktoria, geb. 1858, 
älteſte Tochter d. Herzogs Friedr. v. Schles⸗ 
wig⸗-Holſtein-Sonderburg-Auguſtenburg 
u. der Prinzeſſin Adelheid von Hohenlohe— 
Langenburg, vermählt am 27. II. 1881, 
f 11. IV. 1921 in Haus Doorn: 119, 170, 
er 253, 258, 288. 

Kafſerin Friedrich ſ. Victoria. 

Kalſer Wilhelm-Geſellſchaft zur För— 
derung der Wiſſenſchaften, auf Anregung 
des Kaiſers am 11. J. 1911 gegr.: 164/5. 

Kaifer Wilhelm-Kanal (nach Kaiſer 
Wilhelm J. benannt), 1886/95 erbaut, Um- 
bau 1914 vollendet: 54, 151, 200/1. 

Kanalbauten:: 1455, f. a. Ratfer Wil⸗ 
helm-Kanal u. Mittellandkanal. 

Karl, 1916/8 Kaiſer v. Oſterr. u. apofto= 
liſcher König v. Ungarn (1887-1922): 
227, *233/4. 

Kathol. Kirche u. d. Kaifer: 175/8, 181/3. 

Kato, Baron Takaaki (geb. 1860), 1894/9 
u. 1908 japan. Geſandter bzw. Botſchafter 
in London, 1900/1, 1906/ u. 1914/5 
Mintfter des Außern: 58 

Klautſchou f. Tſingtau. 

Kiderlen-Wächter, Alfr. v. (1852/1912), 
ſeit 1879 im Ausw. Amt u. Geſandter, 
1185 Staatsſekret. des Auswärt.: 111, 
11 


Kieler Woche, alljährliche (im Junf) 
ſportlich-geſellſchaftl. Beranftaltung (Se— 
gel- u. Ruderregatten) internat. Charak⸗ 
ters, unter regelmäßiger Teilnahme des 
Kaiſers: 97, 272, 275. 

Kirſchner, Frl., Oberin in Ahlbeck: 37. 

Kluck, Alexander v. (geb. 1846), General- 
oberft, 1914/6 Oberbefehlshaber der 1. 
Armee im Welten: 222. 

Knorr, v., 1913 e 213. 

Kohlenftationen: 54, 58/9, 6 

Kokowzow, Graf Wladimir v. u 1853), 
1904/5 u. wieder 1906 ruſſ. Finanz⸗ 
miniſter, 1911 Präſident des Minifter- 
rats: 214. 

Kolonien, deutſche in Afrika (ſeit 1884): 
7, 46/7, 72; f. a. Tſingtau. 

Konfliktszeit, in Preußen 1862/6, ent⸗ 
ſtand, als der Landtag die Mittel zur 
neuen Heeresorgantiſation verweigerte, u. 
Bismarck als neuer Minifterpräfident 
budgetlos weiter regierte, beigelegt nach 
dem ſiegreichen Kriege 1866, indem der 
Landtag Indemnität für die budgetloſe 
Verwaltung erteilte: 26. 


— me ggg Terme gegen ese ner Io j ——— ————————— — — — ——— 


TEE 


Konſervative Partei: 25, 26, 93/5, 99, 
01 


101. 

Konſtantin, Kronprinz, 1913 König v. 
Griechenland (geb. 1868) 1889 vermählt 
mit Prinzeſſin Sophie von Preußen: 23. 

Kopp, Georg v. (1837 - 1912), 1881 Bi⸗ 
ſchof von Fulda, 1887 Fürſtbiſchof von 
1 1893 Kardinal: *175/6, 177, 
17 


Korfu, grliechiſche Inſel, der albaniſchen 
Küſte gegenüber, 1907 erwarb der Kaiſer 
das 1890/1 von d. Kaiſerin Eliſabeth von 
Oſterr. (f 1898) erbaute Schloß Achil⸗ 
leion: 118, *169/71, 211. 

Koscielski, Joſeph v. (1845 - 1911), 
Mitgl. des Herrenhauſes u. 1884/94 des 
Reichstages: 193. 

Kronprinz Wilhelm (geb. 1882): 113, 
150, 243. 

Kronrat, Potsdamer, angeblicher: 209. 

Krönungstag: 200 jähriger, zur Feier 
des 18. I, 1701 (Krönung d. Kurfürſten 
Friedrich III. zum König v. Preußen): 86. 

Krug, Bonifaz Maria (geb. 1838 zu Hün⸗ 
feld in Heſſen, 1900), ſeit 1897 Erzabt 
von Monte Caſſino (f. d.): 182. 

Krüger, Paulus (1825 — 1 1883 
Präſident der Südafrik. Republik: 70,73. 

— ⸗Depeſche (3.1. 1896) beglückwünſcht 
Präſident Kr., daß es den Buren gelungen 
fei, „in eigener Tatkraft“ und „ohne an die 
Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren“, 
die „Unabhängigkeit des Landes gegen An- 
griffe von außen“ zu wahren: 68/71, 
73, 74, 75. 

Kulturkampf, entſtand ſeit 1871 dadurch, 
daß Bismarck den ultramontanen Ten— 
denzen gegenüber die Staatsgewalt auch 
über die kath. Kirche geltend machte, ver— 
ſchärfte ſich (Ausweiſung der Jeſuiten u. 
verwandter Orden, Verhaftung u. Ver— 
urteilung von Biſchöfen, Sperrung des 
Gehalts der Geiſtlichen, u. andere Kampf— 
geſetze) bis 1876, beigelegt ſeit 1880 
durch den allmählichen Abbau der Kampf— 
geſetze. Beſtehen blieben die bürgerliche 
Eheſchließung u. die Standesamtsregiſter, 
er die ſtaatliche Schulaufſicht: 4, 175, 
1 


Kultusminiſterium: 151, 163. 
Labarum, das Heeresfeldzeichen Kon- 


ſtantins d. Gr. feit 312, ein vergoldetes 
Kreuz, an der Spitze das Monogramm 


Chriſti in einem Kranz von Gold u. Edel- 
ſtein, am Querarm ein Schleiertuch mit d. 
7 5 Konſtantins u. feiner Söhne: 
182 


Leo XIII. (Gioachino Pecci, 1810 - 1903), 
feit 1878 Papſt: 176/8. 

Leopold, Erbprinz (ſpät. Fürſt) von Hohen— 
zollern (1835 — 1905), Generaloberſt (feit 
1901), lehnte 12. VII. 1870 die ſpaniſche 
Krone ab: 277/8. 

Leopold ll. (1835 — 1909),feit 1865 König 
von Belgien, Gründer des Kolonialreichs 
in Zentralafrika (jetzt Belgiſch-Kongo): 72. 

Lerchenfeld, Graf Hugo (geb. 1843), ſeit 
1880 bayr. Geſandter in Berlin, Oheim 
des jetzigen bayr. Miniſterpräſidenten: 81. 

Letzlinger Heide in d. Altmark: 57. 

Leukas, ſoniſche Inſel (nach Dörpfeld das 
homeriſche Ithaka): 170. 

Lichnowsky, Fürſt Karl Marx (geb. 1860), 
1912/4 Botſchafter in London: 279. 

Likin chineſ. Binnenzoll: 55. 

Liſſabon, Beſuch in (1905): 90. 

Lloyd, Norddeutſcher, in Bremen: 38. 

Lloyd George, David (geb. 1863), 
Rechtsanwalt, ſeit 1890 im Unterhaus 
(radikal liberal), 1908 Schatzkanzler, 
Dez. 1916 Miniſterpräſident mit dem 
Grundſatz der Niederboxung Deutſch— 
lands im Kriege: 252, 272. 

Loba now, Fürſt Alexei Boriſſowitſch (1825 
— 1896), 1882 ruſſ. Botſchafter in Wien, 
1895 Miniſter des Auswärtigen: 53. 

Loci sacri = Die heil. Stätten, insbeſ. 
der Schauplatz der Paſſion u. Auferſtehung 
Chriſti, um ihren Beſitz beſteht ſeit langem 
ein eiferſüchtiger Streit zwiſchen den vielen 
oriental. Kirchengemeinſchaften u. auch den 
abendländ. Mönchsorden: 181. 

Loebell, Friedr. Wilh. v. (geb. 1855), 
1904 Chef der Reichskanzlei, 1909 Ober- 
präſident von Brandenburg: 114, 116. 

Loch ow, Ewald v. (geb. 1865), Kommand. 
General des III. Armeekorps, 1916 Führer 
der Armeeabteilung rechts der Maas: 222. 

Loé, Frh. Walter v. (1828 - 1908), 
Generalfeldmarſchall, ſeit 1880 General: 
adjutant der 3 Kaiſer: 177. 

Londoner Konferenz des oberſten Rates 
der Alliierten (21. 11./7. III. 1921): 252/3. 

Lons dale, Earl Hugh Cecil Lowther (geb. 
1857): 197. 

Lucanus, Herm. v. (1831-1908), 1871 
Vortrag. Rat u. 1881 Unterſtaatsſekretär 


301 


im Kultusminiſterium, 1. VII. 1888 Chef 
des Zivilkabinetts: 20/1, 29. 

Lucas, Bernard, engl. Prediger, früh. Miſ— 
fionar,; „Geſpräche Chriſti“, mit Vorwort 
v. Dryander (1910): 180. 

Ludendorff, Erich (geb. 1865), bis 1913 
Chef der Mobilmachungs- u. Aufmarſch⸗ 
Abteil. im Gr. Generalſtabe, Aug. 1914 
Generalſtabschef u. Mitarbeiter Hinden— 
burgs, 1916 Erſter Generalquarttermeiſter, 
26. X 1913 durch die neue Regierung zum 
Rücktritt gezwungen: 150, 220, 234. 

Luſitania-Fall (7. V. 1915): 63, 115. 


Mackenzie, Sir Morell (1838-92), 
engl. Laryngolog, verdient um d. Einfüh- 
rung d. Kehlkopfſpiegels in England: 17. 

Madrider Konferenz (ſ. Marokko): 93. 

Maliſſoren, alban. Stamm: 118. 

Malteſerorden, kath. Ritterorden, ſeit 
11. Jahrh. in Paläſtina wirkend, in Deutſch— 
land 1863 erneuert, beſ. für Krankenpflege 
im Frieden wie im Kriege: 181. 

Maravedi, ſpan. Kupfermünze (bis 1848). 

Maria-Laach, 1093gegründete Benedik— 
tinerabtei in der Eifel, 1863/73 Studien⸗ 
haus der Jefuiten, 1892 wieder den Bene= 
diktinern (Beuron) überwieſen, 1897, 
1899, 1901 vom Kaiſer beſucht: 182. 

Marienburg a. d. Nogat (Weſtpr.): 147. 

Marine, Entwicklung der: 193/205 (ſ. a. 
Flottenbau u. Reichs-Marineamt). 

Marokko: Gegenüber Englands Abſichten 
auf ein Protektorat in M. erkennt die In= 
ternationale Marokko- Konferenz der 
europ. Mächte zu Madrid 1880 auf Be⸗ 
treiben Deutſchlands und Frankreichs die 
Souveränität u. Integrität M.s an. — 
1890 Handelsvertrag zwiſchen Deutſch— 
land u. M. — 1900 franzöſ.- ital. Ab⸗ 
kommen: Ital. erhält freie Hand in Tripo— 
lis u. erkennt dafür Frankreichs Anſprüche 
auf M. an. — 1901: die engl. Aufforde= 
rung, gemeinſam gegen ein franzöſ. Pro⸗ 
teftorat in M. vorzugehen, von Deutſch— 
land abgelehnt. — April 1904 franzöf. 
engl. Abkommen: gegen Zugeſtändniſſe 
in der ägypt. Frage räumt England Frank- 
reich eine Art von Protektorat über M. ein. 
— Okt. 1904 franzöſ.-ſpan. Geheim- 
vertrag: Spanten nimmt an der Aufteilung 
Mis teil. — 31. III. 1905 Landung des 
Kaiſers in Tanger: der Kaiſer tritt für 
die Unabhängigkeit M.s ein. — 12. IV. 


302 


1905 Deutſchland ſchlägt die Einberufung 
einer internationalen M.-Konferenz vor. 
— 16. I./7. IV. 1906 Algeciras-Kon⸗ 
ferenz unter Teilnahme von 12 Mächten, 
ihre Einberufung eine Demütigung Frank- 
reichs, ihr Verlauf ein Mißerfolg des tfo= 
lierten (nur von Oſterreich unterſtützten) 
Deutſchland. Ergebnis: Grundſätzliche 

Anerkennung der Unabhängigkeit Mis u. 
des Prinzips der offenen Tür, faktiſch aber 
kaum ein verſchleiertes Protektorat Frank⸗ 
reichs über M. Seitdem „penetration paci= 
fique” (friedl. Durchdringung) Mis durch 
Frankreich. — 9. III. 1909 deutſch-fran⸗ 
zöſ. Abkommen: Wirtſchaftliche Gleich— 
ſtellung Deutſchlands, aber Anerkennung 
der „beſonderen polit. Intereſſen Frank- 
reichs“ in M. — 1. VI. 1911 Entſendung 
d. Kanonenboots „Panther“ nach Agadir, 
um angeſichts d. franzöſ. Eroberung von 
Fez d. deutſchen Intereſſen zu wahren. 
Große Aufregung in Paris, Rückendeckung 
Frankreichs durch England, ſchwere Kriegs— 
gefahr. — 30. III. 1912 Vertrag Frank⸗ 
reichs mit dem Sultan von M.: Protek⸗ 
tor at nach d. Muſter von Tunis. 

— die Tangerfahrt u. ihre Folgen: 90/2. 

— Algeciras: 93, 96, 107, 121, 267. 

— Abkommen von 1909: 106/7. — Die 
M.=Srage 1911: 121. — Agadir: 121/2. 
— Deutſchlands Friedenswille: 267,276. 

Marſchall v. Bieberſtein, Srh. Adolf v. 
(geb. 1842), 1882 Erſter Staats anwalt 
in Mannheim, 1883 bad. Geſandter in 
Berlin, 1890 Staats ſekretär des Auswärt. 
Amts, 1897 Botſchafter in Konſtantinopel, 
Mai 1912 in London ( 24. IX. 1912): 
69/71, 81. 

Martin, Sir Theodore (geb. 1816), ſchrieb 
im Auftrage d. Königin das Leben d. 
Prinzgemahls (5 Bde. 1876, deutſch 
1876/81): 75. 

Maſchinengewehr 192. 

Max, Prinz von Baden (geb. 1867), Gene⸗ 
ral, hielt als Präſident der bad. Erſten 
Kammer (1907/18) mehrere programs 
matiſche Reden über die Friedens frage, 
3. X. 1918 Reichskanzler: 234, 237ff., 
5242/4, 273/4, 289. 

Maybach, Alb. v. (1822 1904),1874/77 
Präſident d. Reichseſſenbahnamts, 1879/1 
Eiſenbahnminiſter (Derftaatlihung vieler 
Eiſenbahnen): 14/8. 

Meinecke, Unterſtaatsſekretär: 156. 


n eee 


Menſing, Franz, (1843-1911), Vize⸗ 
admiral: 90. 

Mercier, Defire (geb. 1851), 1906 Erz⸗ 
biſchof von Mecheln u. Primas von Bel⸗ 
gien, 1907 Kardinal, kath. (neutho⸗ 
miſtiſcher) Philoſoph, 1882/1906 Prof. an 
der Univ. Löwen: 226. 

Metternich, Graf Paul v. Wolff-Metter⸗ 
nich (geb. 1853), 1901/12 Botſchafter in 
London, 1915 in Konſtantinopel: 88. 

Metz, Kathedrale, 1903 Einweihung des 
vom Kaiſer geftifteten Chriſtusportals: 177. 

Michael Alexandrowitſch (geb. 1878), ein⸗ 
ziger Bruder des Zaren Nikolaus II.: 269. 

Michaelis, v., 1885/89 Kommandeur des 
11. Huſaren⸗Regts. in Düſſeldorf: 29/30. 

Mtilitärſtrafgerichts-Ordnung, vom 
1. XII. 1898, Reichsgeſetz zur einheitl. Re⸗ 
gelung des Militärgerichtsverfahrens: 77. 

Militza, Großfürſtin ſ. Montenegro. 

Miquel, Johannes v. (1828 - 1901), 
1880/90 Oberbürgermeiſter von Frank- 
furt a. M., 1890/1901 preuß. Finanz⸗ 
minifter, 1897 Vizepräſident des Staats⸗ 
miniftertums: 24, *145/6, 148, 156. 

Mirbach, Wilh. Graf v. (1871-1918), 
ſeit 1899 im auswärt. Dienſt, 1917 Leiter 
d. Miſſion in Petersburg, April 1918 Ge⸗ 
ſandter in Moskau, 4. VII. ermordet: 214. 

Miſchehen, d. h. zwiſchen Proteſtanten u. 
Katholiken, kath. Forderung, daß ſämt⸗ 
liche Kinder kath. erzogen werden: 178. 

Mitchell, Robert (geb. 1839), ſeit 1860 
einflußreicher franzöſ. Journaliſt: 278. 

Mittellandkanal zur Verbindung von 
Rhein, Weſer u. Elbe (b. Magdeburg). Die 
Geſetzvorlage 1903 von den preuß. Konz 
fervativen abgelehnt, der Rhein-Weſer⸗ 
Hannover-Kanal, 1905 vom preuß. Land⸗ 
tag genehmigt, war bei Kriegsausbruch bis 
Hannover fertig: 94, 145/65, 148, 150. 

Möller, Theodor v. (geb. 1840), weſtfäl. 
Induſtrieller, ſeit 1890 bzw. 1893 Mitgl. 
d. Reichstags u. Landtags, 1901/05 preuß. 
Handelsminiſter, 1908 Mitgl. d. Herren⸗ 
hauſes: 24, 160. 

Moltke, Graf Helmut v. (1800 - 1891), 
Generalfeldmarſchall, 1858/88 Chef des 
5 der Armee: 6, 146, 191, 
280. 

Moltke, Helmut v., Neffe des vor. (1848 
— 1916), Generaloberſt, 1906 bis Okt. 14 
Chef d. Generalſtabes d. Armee, 1915 Chef 
d. Stellv. Generalſtabes: 191,209, 210/11. 


Monaco, Fürſt Albert v. (1848 - 1922), 
ozeanographiſcher Forſcher: 92/3, 97. 

Monte Cafſſino, zwiſchen Rom u. Neapel, 
Mutterkloſter des Benediktinerordens, 529 
gegründet: 182. 

Montenegro, König Nikola (1841 — 
1921); feine Töchter Militza u. Anaſtaſia 
find ſeit 1889 bzw. 1907 mit den ruſſ. 
Großfürſten Peter Nikolajewitſch bzw. Ni⸗ 
kolai Nikolajewitſch vermählt: 213. 

Monts de Mazin, Graf Alex. (1832 - 89), 
Admiral, 1888/9 Chef d. Admiralttät: 44. 

Moore, John Baſſet (geb. 1860): 60. 

Mudra, Bruno v. (geb. 1851), General, 
führte ſeit Juni 1918 die 1. u. ſeit 12. X. 
1918 die 17. Armee: 235. 

Murawiew, Graf Wich. (1845 - 1900), 
en ruſſ. Miniſt. d. Auswärt.: 
50/7. 


Nationalliberale Partei: 24/6. 
Niederlande, Friedensvermittlung: 233. 
Niemann, Major: 242 Anm. 
Nikolaus I. (1796 - 1855), 1821/55 ruff. 
Zar, 1817 vermählt mit Charlotte, Tochter 
Friedr. Welh.s III. v. Preußen: 144, 


159. 

Nikolaus II., Urenkel des vorigen (1868 
21918), 1894/1917 ruſſ. Zar: 16, 53, 
268, 269/70, 280. 

— Begegnungen des Kaiſers mit: 11, 15, 
57, 66/7, 118, 139/40, 270. 

— u. England 211/2 — u. Japan 66/7. 

— Kriegsvorbereitungen 171, 211, 214. 

— Kaiſertelegr. u. Mobilmachung: 216/7. 

Nikolaus Nikolajewitſch (geb. 1856), 
ruſſ. Großfürſt, 1895 Generalinſpekteur der 
Kavall., 3. VIII. 1914 Sept. 1915 Ober⸗ 
befehlshaber aller ruſſ. Streitkräfte: 216/. 

Nogatbrücke bei Marienburg: 147. 


Oberndorff, Graf Alfr. v. (geb. 1870), 
1912 Geſandter in Chriſtiania: 243. 
Offizierkorps 190 /1. 
Offizierswahl. Jede Beförderung zum 
Leutnant war davon abhängig, daß das 
Dffizierforpg des Truppenteils, dem der 
Betr. angehörte, ihn durch Abſtimmung für 
zum Offizier geeignet erklärte: 191. 
Opernhaus, Berliner: 94. 
Orient-Geſellſchaft, Deutſche, zur 
Förderung d. Erforſchung d. Kulturſtätten 
d. ortental. Altertums, gegr. 1898, (1901 
Protektorat d. Kaiſers): 1638/9, 183, 193. 


303 


Dften- Saden, Nikolaf Dimitrijewitſch, 
Graf v. d. (1831 — 1912), 1895/1912 ruſſ. 
Botſchafter in Berlin: 269. 

Dftererlaß, vom 7. IV. 1917 betr. die 
preuß. Wahlrechtsreform: 115. 

Oſterreich-Ungarn: Zwei- bzw. Drei⸗ 
bund: 6,8 — u. Rußland: 45,263 — Ulti= 
matum an Serbien (23. VII. 1914): 210 
—, der Bapft u. der Friede: 227 — Son— 
derfriedensangebot u. Abfall: 233/4. 


Pacellt, Mfgre. Eugento (geb. 1876 in 
Rom), Titularerzbiſchof von Sardes, ſeit 
23. IV. 1917 apoſtol. Nuntius in München, 
1920 Nuntius für Deutſchland in Berlin, 
verſuchte nach d. Friedensaufruf d. Papſtes 
vom 1. VIII. 1917 eine deutſch-engl. Füh⸗ 
lungnahme anzubahnen: 225/30. 

Baleologue, Maurice (geb. 1859) fran— 
zöſ. Diplomat u. Schriftſteller, perſönlicher 
Freund Poincarés, Nov. 1913 Botſchafter 
in Petersburg: 213. 

Panamakanal (1906/13 gebaut): 151, 


200/1. 

Papſt (S. 227.) ſ. Benedikt XV. 

Parteien, Stellung des Kaffers zu den: 
17, 24/7 (ſ. a. unter Konſervative). 

Payer, Friedr. v. (geb. 1847), Rechts- 
anwalt in Stuttgart, 1876/1917 Mitgl. 
des Reichstags (Fortſchrittl. Volkspartei), 
Nov. 1917/9. IX. 1918 Vizekanzler des 
Reichs: 238. 

Perels, Ferd. (1836 - 1904), Seerechts⸗ 
lehrer, 1874 Dozent an d. Marine-Akad., 
1892 D rektor im Reichsmarineamt, 1900 
zugleich Prof. an der Univ. Berlin: 56/57. 

Pfeil, Richard Graf v. (1846-1912), 
preuß. Generalmajor u. ruſſ. Oberſt z. D., 
1877/90 in ruſſ. Dienſten, machte im Preo⸗ 
braſhenſki-Leibregiment den ruſſ.-türk. 
Krieg mit: 9. 

Pichon, Stephen (geb. 1857), 1906/11 u. 
1917 franzöf. Miniſter des Aus wärt.: 
110 


Podbielfti, Victor v. (1844 - 1916), 
1885 Kommand. der Zietenhuſaren, 1891 
als General z. D. geſtellt, 1893/97 Mitgl. 
d. Reichstags (konſ.), 1897/1901 Staats⸗ 
ſekretär d. Reichspoſtamts, 1901/6 preuß. 
Landwirtſchaftsminiſter: 157, 159. 

Poincaré, Raymond (geb. 1860, Loth— 
ringer), Advokat, 1912 franzöſ. Minifter- 
präſident, 1913/20 Präſident der Republik, 
20.22. VII. 1914 zu offiziellem Staats- 


304 


beſuch in Rußland, 1922 wieder Miniſter⸗ 
präſident: 214, 218, 276. 

Botr, Princeſſe de: 221/2. 

Poſtweſen 143/44. 

Portsmouth ci New Hampfhire, Ameri- 
ka), Friedensſchluß zwiſchen Rußland u. 
Japan am 5. IX 1905: 166. 

Potsdamer Kronrat, angebl.: 209/10, 

Praſchma, Graf Friedr. (1833 — 1909), 
Parlamentarker (Zentr.): 181. 

Profeſſoren-Aus tauſch e den 
amerik. (Harvard- u. Columbia-Univ.) u. 
deutſchen Hochſchulen zum Zwecke der Ans 
näherung der beiden Nationen, 1905 vom 
Kaiſer angeregt: 276. 

Propaganda, engliſche: 271, *281/2. 

Protaſſow, Graf, ruſſ. Oberſt u. Ober- 
prokurator des heil. Synods ( d.): 159. 

Proteſtantiſche Kirche: 179/81. 

Pückler, Graf Maximilian (geb. 1851), 
preuß. Hofmarſchaͤll: 90. 

Puttkamer, Rob. Victor v. (1828 — 
1900), 1879 preuß. Kultus miniſter, 1881 
88 Minifter des Inneren u. Vizepräſi⸗ 
dent des Staatsminiſteriums, 1891/99 
Oberpräſident von Pommern: 156. 


RNadolin, Fürſt Hugo (1841-1917), 
1884/8 Oberhofmarſchall des Kronprin— 
zen u. Kaiſers Friedrich, 1892 Botſchafter 
in Konſtantinopel, 1895 in Petersburg, 
1901/10 in Paris: 92/3, 107. 

Raſchdau (geb. 1849), Geſandter a. D., 
1885/94 Vortr. Rat im Ausw. Amt: 10. 

Ratibor, Victor Herzog v. (geb. 1847), 
Präſident des Kaiſ. Automobil-Clubs: 30. 

Reichskanzler u. Kaiſer, ihr verfaſſungs⸗ 
mäßiges Verhältnis: 116/8. 

Reichsmarineamt. Als 1889 die „Ad— 
miralität“ als bisherige Spitze für die ge— 
ſamte Marine durch das, Oberkommando“ 
erſetzt wurde, wurde von dieſem als beſon⸗ 
dere oberſte Verwaltungs- u. techniſche 
Behörde das Reichsmarineamtabgezweigt. 
Als dann 18099 das „Oberkommando“ als 
Behörde aufhörte u. der Kaiſer den Ober— 
befehl ſelbſt übernahm, wurde die bisherige 
Admiralſtabs-Abteilung d. Oberkomman⸗ 
dos als „Admiralſtab der Marine“ felb- 
ſtändig. Seitdem ſtanden Admiralſtab u. 
Reichsmarineamt als gleichgeordnete Be= 
hörden nebeneinander, der Chef des Ad- 
miralſtabes wie der Staats ſekretär des 
Reichsmarineamts waren beide unmittel⸗ 


* 


bar dem Kaiſer unterftellt. Seine hohe 
Bedeutung hat das Reichsmarineamt 
namentlich durch Tirpitz erlangt (Vor⸗ 
bereitung u. Durchführung der Flotten- 
geſetze, Kriegsſchiffbau, Eintreten für die 
deutſchen Seeintereſſen überhaupt u. die 
Bedürfniſſe der Handelsmarine, Heraus- 
gabe des deutſchen Seekartenwerks, groß⸗ 
zügige Vermeſſungsarbeiten): 201. 
Reiſchach, Hugo Frh. v. (geb. 18540, 1888 / 
91 Hofmatſchall d. Kaiſerin Friedrich, 1905 
Oberſtallmeiſter des Kaiſers, 1913 Ober⸗ 
hof⸗ u. Hausmarſchall: 222. 
Renvers, Rudolf v. (1854 - 1906), Geh. 
Medizinalrat u. Generalarzt: 97. 
Reval: 9./10. VI. 1908 Begegnung 
Eduards VII. mit Nikolaus II.: ſeitdem 


engl.⸗ruſſ. Entente neben der franzöſ.-ruſſ. 


Allianz u. der engl.=franzöf. Entente: 106. 
Revolution, die: 238 ff. 
Rheinbrüden, neue: 150. 

Rhodes, Cecil (1853 - 1902), Minen⸗ 


ſpekulant u. Gründer der De Beers-Kom⸗ 


pagnie, 1884 Finanz- u. 1890 Premier⸗ 
miniſter d. Kap⸗Kolonie, ſuchte einen engl.⸗ 
ſüdafrik. Bundesſtaat zu gründen u. durch 
die Cape⸗to⸗ Cairo Bahn mit Agypten zu 
verbinden: 72/4. 

Richter, Eugen (1838 1906), linkslibe⸗ 
raler Politiker, ſeit 1869 im preuß. Land⸗ 
tage, feit 1871 im Reichstage: 25,193,199. 

Richthofen, Ferd. Frh. v. (1833/1905), 
Prof. der Geographie, ſeit 1886 in Berlin, 
veröffentlichte „China“ (3 Bde. 1877/83), 

„Schantung u. Kiautſchou“ 578 33: 

Richthofen, Osw. Frh. v. (1847 - 1906), 
1900/6 Staatsſekr. d. Auswärt. Amts: 85. 

Riſikogedanke (f. unter Flotte): 195. 

Roche, Jules (geb. 1841), franzöſ. Politiker 
= Journaliſt, 1890/92 Handelsminiſter: 


Rominten er Heide, Hirſchjagdrevier des 
Kaiſers, feit 1890, in Oſtpreußen: 157. 
Roofevelt, Theod. le 1919), 1901 
375 Präſident der V. St.: 166. 
Roſebery, Lord (geb. 1847), 1886 u. 
1892/4 Minifter des Auswärt., 1894/5 
Premierminiſter u. Erfter Schatzlord, zog 
fi 1896 aus dem polit. Leben zurüd: 


Koi, Arnold (1836-1904), 1871/7 
Ständerat u. I. Statthalter des Kantons 
Appenzell, 1877/1904 ſchweiz. Geſaͤndter 
in Berlin: 31. 


20 Aaiſer Wilhelm II. 


Rouvier, Maurice (1842-1911), 24. J. 
1905 FS Winiſterpräſident, nach Del⸗ 
caffes Sturz 6. VI. 1905/ März 1906 
Minifter des Auswärt.: 92/3. 

Rückverſicherungsvertrag. Nachdem 
das „Drei⸗Kaiſer⸗ Verhältnis“ (ſ. d.) durch 
den Gegenſatz zwiſchen Rußland u. Oſter⸗ 
reich unhaltbar geworden war, ſchloſſen 
Bismarck u. Schuwaloff 18. VI. 1887 einen 
Geheimvertrag zwiſchen Deutſchland u. 
Rußland (auf 3 Jahre), in dem ſich dieſe 
wohlwollende Neutralität im Falle eines 
Krieges zuſicherten: 23, 45, 279/80. 

Rußland, Beſuche d. Kaiſers in: 5, 11/4, 
15, 21, 57, 139/40. 

— innere Gärung: 54, 263, 268/9. 

— u. Deutſchland: 9/10, *12/7, 23, 45, 
53/4, 68, 88/9, 118, 146, 149, 166/7, 
*268/70, 278/80. — u. Kiaut Be 55/7. 

— u. Frankreich: 10, 15/6, 52/4, 264. 

Zar England: 9, 68, 77/8, 88/9, 211/3, 
2 


— u. Oſterreich: 263. — u. Türkei: 9, 
12/3. — u. Japan: 66/7, 89/90, 166/7, 
269/70. 

— Kriegsvorbereitungen: 213/8. 

— Anekdoten aus R.: 157/9. 


Salisbury, Marquis v. (1830 - 1903), 
1885/6, 1886/92, Pa engl. Pre⸗ 
miermirifter: 8, 46, 

Samoa: durch d. en DELLA. 
bzw. 2. XII. 1899 mit England u. Ame⸗ 
rika fielen d. Inſeln Upolu u. Sawai an 
Deutſchland: 74. 

San Stefano (am Marmarameer) Frie⸗ 
den von (ſ. Berliner Kongreß): 9, 12/3. 

Saſonow, Serjei (geb. 1860), 1910/5 
ruf. 105 175 d. Äußeren: 118, 214/5, 
217, 219, 256. 

Scheidemann, Philipp(geb. 1865), 1916 
Vorſttzender d. ſozialdem. Partei, 3. 1913 
Staatsſekr., 9. XI. Volksbeauftragter, pro⸗ 
klamierte die Republik, 6. II./ 20. VII. 
1919 Reichsminiſterpräſident, 1920 Ober⸗ 
bürgermeiſter von Caſſel: 244. 

Schiemann, Theod. (1847 1921),1892 
Prof. für oſteurop. Geſch. an d. Univ. Berlin, 
1918 Kurator der Univ. Dorpat: 90, 

*165/7. 

Sdiffbauinduftrie: 37/8, 198, 203. 

Schlieffen, Alfred Graf v. (1833 1913), 
Generalfeldmarſchall, 1891/1906 Chef 


305 


des Generalſtabes der Armee, feit 1892 
Generaladjutant des Kaffers: 191. 

Schlutow, Alb. (geb. 1838), Großindu— 
ſtrieller in Stettin, Bankier, 1878/84 
Mitgl. des Reichstags (nat.⸗lib.), Präſid. 
des Aufſichtsrates des „Vulkan“ (f. d.), 
1897 Mitgl. des Herrenhauſes: 38/9. 

Schmidt, Erich (1853 - 1913), Literars 
hiſtortker, 1887 Prof. an der Univ. Berlin: 

6 


165. 

Schmidt, Wilh. (1833 - 1907), Pater des 
Lazartſtenordens, 1890 Direktor des kath. 
Deutſchen Hoſpizes in Jeruſalem: 181. 

Schneller, Ludw. (geb. 1858), Paſtor, lebt 
in Cöln als Vorſtand des von ſeinem Vater 
gegr. u. von ſeinem Bruder Theodor ge— 
leiteten „Syriſchen Waiſenhauſes“ in 
Jeruſalem, wo er 1898 das Kaiferpaar 
führte, feine urſpr. als Manuffript gedrud= 
ten ‚„Jeſuspredigten“ wurden 1922 ver- 
öffentlicht: 180. 

Scholz, Adolf v. (geb. 1833), 1880 
Staats ſekretär des Reichs ſchatzamts, 1882 
„90 preuß. Finanzminiſter: 156. 

Schoen, Wilh. Frh. v. (geb. 1851), 1905 
Botſchafter in Betersbg., 1907/10 Staats- 
fer. des Auswärt. Amtes, 1910/4 Bot⸗ 
ſchafter in Paris: 90, 107. 

Schorfheide, königl. Jagdrevier bei Jo— 
achimstal, nahe Eberswalde: 157. 

Schorlemer(-Alſt), Burghard Frh. v. 
(1825 95), Parlamentarier (Zentr.), 
1884 Mitgl. des Staatsrats, 1891 des 
Herrenhauſes: 27. 

Schorlemer(=Liefer), Klemens Frh. v. 
(1856 - 1922), Sohn des vorigen, 1910/7 
preuß. Landwirtſchaftsminiſter: 27, 157. 

Schtſcherbatſchew: 213. 

Schuldfrage: Standpunkt der Entente: 
252/3, 25/7, 281. 

— Keine Schuld Deutſchlands: 256, 265, 
274/5 (ſ. a. Deutſchland, Friedens wille). 
— der Weg zur Prüfung: 250, 256/8. 

Schulenburg, Graf Frledr. v. der (geb. 
1865), 1913 Kommandeur des Reg. der 
Gardes du Corps, im Kriege Chef des 
Generalſtabes des Gardekorps, ſeit 1917 
der Heeresgruppe Deutſcher Kronprinz: 
243. 

Schulgeſetz-Vorlage ſ. unter Zedlitz. 

Schulreform: 152/4. 


Bruder ron Peter Sch., der Rußland auf 
dem Berliner Kongreß vertrat), 1885/94 
ruſſ. Botſchafter in Berlin: 280. 

Seckendorff, Graf Götz( 1842/1910) :96. 

Seekadetten: 44, 194. 

Selbftftellungd.Kaifers?249/51,256/7. 

Senden und Bibran, Frh. Guſtav v. 
(1847 — ee 1906 Chef 
des Marinekabinetts: 197/8. 

Serbien: als Zankapfel: 263. — öſterr. 
Ultimatum: 210. — d. Kaiſer in Niſch: 115. 

Seydel, Rittergutsbeſ. in Chelchen (Oſt⸗ 
preuß.), Mitgl. d. Landes-Eiſenbahnrats 
u. d. Landes - Dfonomie= Kollegiums: 25. 

Shimonoſeki: Gegen den (den dinef.- 
japan. Krieg um Korea 1894/5 abſchließen⸗ 
den) Frieden von S. (am 17. IV. 1895), 
nach dem China Korea ausliefern u. For— 
moſa u. die Halbinſel Liautung mit dem 
Kriegshafen Port Arthur abtreten ſollte, 
erhoben Rußland, Frankreich u. Deutſch⸗ 
land Einſpruch. Infolgedeſſen mußte Japan 
Liautung herausgeben: 68, 89. 

Stegfriedftellung („Hindenburglinie“) 
von Arras über St. Quentin nach Soiſſons 
verlaufend: 233. 

Simar, Hubert (1835 — 1902), 1864/91 
Prof. in Bonn, 1891 Biſchof von Pader⸗ 
born, 1899 Erzbiſchof von Köln: 175. 

Simons, Walther, (geb. 1861), früher 
Oberlandesgerichtsrat, ſeit 1911 im Aus⸗ 
wärt. Amt, 1920/1 Reichs miniſter d. Aus⸗ 
wärt., 1922 Reichsgerichtspräſident: 253. 

Skagerrak, Seeſchlacht vor dem (31. V. 
1916): 48, 133, 195, 203. 

Slaby, Adolf (1849 - 1913), 1887 Prof. 
d. Elektrotechnik an d. Techn. Hochſchule in 
Charlottenburg, 1902 an der Univ. Berlin: 
163/4. 

Solf, Wilh. (geb. 1862), 1911 Staats- 
ſekr. O. Reichskolonialamts, 3. X./ 17. XII. 
1918 Staatsſekr. d. Auswärtigen, 1920 
Geſchäftsträger in Tokio: 237, 238. 

Sophie, Schweſter d. Kaiſers, ſ.Konſtantin. 

Sozialdemokratie u. der Kaiſer: 4,24, 
32/3. 

— Friedensbeſtrebungen: 229. — u. d. 
internat. Solidarität: 290. — u. d. Revo⸗ 
lution: 36, 242/3, 289/90. 

Soztal-Geſetzgebung f. Arbelterſchutz. 

Soztaliſtengeſetz, Ausnahmegeſetz 


Schulte, Joſeph (geb. 1871), 1909 Biſchof „gegen die gemelngefährlichen Beſtrebun— 


von Paderborn, vorher Prof. daſelbſt: 175. 
Schuwaloff, Graf Paul (1830 - 1908, 


306 


gen” d. Sozialdemokratie vom 21.X.1878 
(nach dem Stimmenzuwachs bei d. Reichs⸗ 


*** 


tagswahlen 1877 u. den Attentaten auf 
Katſer Wilhelm l.), es gab der Regierung 
u. Polizei weitgehende Machtmittel: Auf⸗ 
löſung von Vereinen, Zeitungsverbot, Aus⸗ 
weiſung der Agitatoren, „kleiner Belage— 
rungszuſtand“ über gewiſſe Bezirke, am 
30. IX. 1890 aufgehoben: 28/9. 

Sozialkongreßſ.Arbeiterſchutzkonferenz. 

Speck zu Sternburg, Joſeph Frh. v. 
(geb. 1863), Forſtmeiſter der Romintener 
Heide, Bruder des 1908 f Botſchafters 
in Waſhington: 15/8. 

Stegemann, Herm. (geb. 1870), Redak— 
teur der Berner Zeitung „Bund“, 1914/7 
Kriegsberichterſtatter, veröffentlichte: „Ge— 
ſchichte d. Krieges“ (Stuttg. 1917 ff.): 108. 

St. Cèere, Jacques, Journaliſt: 18. 

Stephan, Heinr. v. (1831-97), 1865 
Vortrag. Rat im preuß. Generalpoſtamt, 


Dienſt (1897 Botſchaftsattachẽ in Berlin) / 
1905 Auslandsredakteur des »Tempsc, 
Hrsg. d. »Revue des Deux Mondesæ u. 
Prof. an d. Ecole des Sclences poli- 
tiques: 276. 

Techniſche Hochſchulen: 163/4. 

Thiel, Andreas (1826 - 1908), 1885 Be⸗ 
ſchof von Ermland in Frauenburg (Dit- 
preußen): 175. 

Thielen, Karl v. (1832 - 1906), ſeit 1864 
bei der Eiſenbahnverwaltung, 1891/1902 
Miniſter der öffentlichen Arbeiten: 148. 

Tirpitz, Alfred v. (geb. 184), Örofadmi= 
ral, 1896 / Chef der oftafiat. Diviſion, 
1897 bis März 1916 Staatsſekr. d. Reichs⸗ 
marineamts: 5, 193/205. 

— u. d. Haldane-Miffion: 124/7, 130/1, 


134. 
— u. die Flottennovelle (1912): 128/34. 


organifierte im Kriege 1870/1 die Feldpoſt, — u. Tſingtau: 55, 204. 
1870 Generalpoſtdirektor, Schöpfer d. Togo, weſtafrik. Kolonie, ſeit 1884 unter 


Weltpoſtvereins (1874), 1880 Staats⸗ 
ſekretär des Reichspoſtamts: 143/5. 
Sternburg ſ. Speck zu Sternburg. 
Stöcker, Adolf (1835 — 1909), 1874/90 
Hofprediger in Berlin, Mitgl. des preuß. 
Landtags u. Reichstages, nach ſeinem Aus⸗ 
tritt aus der konſerv. Partei (1896) Grün⸗ 
der u. Führer der chriſtlich-ſozialen Partet, 
leitete feit 1877 d. Berl. Stadtmiſſion: 26. 
Stoſch, Albrecht v. (1818-96), General, 
1872/83 Chef der Admiralität: 37/8. 
St. Quentin, Kathedrale, vgl. „Die Zer— 
ſtörung d. Kathedrale von St. Qu. Im 
amtl. Auftrage zufammengeftellt” (Berlin 
1917): 221. 
Stuart-Wortley, Sir Edward James 
Montagu (geb. 1857), engl. General: 97/88. 
Suchomlinow, Wladimir (geb. 1849), 
ruſſ. General, 1908 Chef d. Generalſtabes, 
1909/15 ruſſ. Kriegsminiſter: 217. 
Synod, heil.: oberſte Behörde der ruſſ. 
Kirche, 1720 von Peter d. Gr. im Intereſſe 
des Zäſaropapismus (Kirchenhoheit des 
Katſers) errichtet, an d. 8 des aus 
geiſtl. u. weltl. Mitgliedern beſtehenden 
Kollegiums ſteht der Oberprokurator (Pro⸗ 
cureur) als Vertreter der Krone: 160. 


Tanga (früh. Deutſch-Oſtafetka): 46. 

Tanger, Landung des Kaiſers (31. III. 
1905) u. ihre Folgen: 9/2, 93. 

Tardieu, Andre (geb.1876), franzöſ. polit. 
Schriftſteller, 1897/1905 im Diplomat. 


20* 


deutſchem Protektorat: 7. 
Torpedowaffe, Ausgeſtaltung: 200. 
Trott zu Solz, Aug. v. (geb. 1855), 1909 

/17 preuß. Kultusminiſter, vorher Ober⸗ 

präſident von Brandenburg: 152, 164/5. 
Tſchirſchky u. Bögendorff, Heinr. v. (1858 

— 1916), 1906 Staatsſekr. des Auswärt., 

1907 Botſchafter in Wien: 85/6. 
Tſingtau, Hauptſtadt von Kiautfchon, 

deutſche Kolonie (feit Nov. 1897), Pacht⸗ 

vertrag am 6. III. 1898, Ubergabe an Ja⸗ 
pan 7. XI. 1914, Rückgabe an China erſt 

Anfang 1922: 54/60, 65/6, 204. 
Tundutow, Ataman (S polniſch: Hetman, 

Stammes» u. Heeresoberhaupt): 216/8. 
Türkei u. der Kaiſer: 23, 74, 82, 168. 

— u. Bismarck: 9, 12/4, 23. 

— u. Albanien: 118/9, 1356. 

Turner, John Kenneth, das zitierte Buch 
erſchlen 1922 bei B. W. Huebſch in New 

Vork: 63, 271/2. 


U-Boote: 63, *203/4. 

Ujeſt, Herzog von: 36. 

Union heißt die Vereinigung der luth. u. 
reform. Konfeſſionen zu einer „unterten“ 
evang. Kirche, in Preußen 1817 zur Feier 
des Reformatlonsjubiläums vom König 
eingeführt: 179. 

Uſher, Roland, Prof.: 60/63. 


Valentini, Rud. v. (geb. 1855), 1899 
Vortrag. Rat im Zivilfabinett, 1906 Re- 


307 


gierungspräſident in Frankfurt / O., 1908 | 


„18 Chef des Zivilkabinetts: 113,114,115. 
Varnbüler, Frh. Axel v. (geb. 1851), 
1894 württemb. Geſandter in Berlin: 90. 
Verbalnote (S. 123): Note im diplomat. 
Verkehr, die, eigentlich zum Vorleſen be— 
ſtimmt, mehr den Charakter einer vertrau— 
lichen Mitteilung trägt. 
Vercingetorix, Häuptling der Averner, 
trat 52 v. Chr. an die Spitze des galliſchen 
Aufſtandes u. brachte faſt das ganze von 
Cäſar unterworfene Gebiet zum Abfall. 
Nach anfänglichen Erfolgen, auch gegen 
Cãſar ſelbſt, blieb dieſer doch Sieger u. ſchloß 
V. in Aleſia ein. V. ergab ſich, um ſein 
Volk zu retten. Er wurde für den großen 
Triumph 46 aufgeſpart u. dann hingerichtet. 
Neuerdings vielfach als galliſch-franzöſ. 
Nationalheld gefeiert: 251. 


Vereinigte Staaten von Amerika u. d. 


Gentleman’s Agreement: 60/62. 

— u. der Weltkrieg: 63, *270/4. 

„Vergleichende Geſchichtstabellen“: 
212, 214, 253, *254/5. 

Berfailler Frieden: 252, 274, 276. 

— Fehlſpruch, u. undurchführbar: 282/3. 

Verſen, Marimilian v. (183393), 1885 
Kommandeur der 2. Garde-Kavall.-Bri⸗ 
gade, dann Öeneraladjutant des Kaiſers u. 
Kommand. General des III. Armeek.: 19. 

Victor Emanuel III. (geb. 1869), feit 
1900 König von Italien: 182. 

Victoria, Königin v. England (geb. 1819, 


W > 
1 4 


Schlichtung der Folontalen Anſprüche. 
6. Räumung des beſetzten ruſſ. Gebiets u. 
Regelung aller ruſſ. Fragen. 7. Räumung 
u. Wiederherſtellung Belgiens. 8. Näu⸗ 
mung u. Wiederherſtellung des beſetzten 
franzöſ. Geblets, Rückgabe von Elſaß-Loth⸗ 
ringen. 9. Berichtigung der Grenzen Ita⸗ 
liens „nach klar erkennbaren nationalen 
Linien“. 10. Autonome Entwicklung der 
Völker Oſterreich-Ungarns. 11. Räumung 
u. Wiederherſtellung von Rumänen, Ser⸗ 
bien u. Montenegro, mit einem freien Zu⸗ 
gang zum Meere für Serbien. 12. Auto⸗ 
nomie der nicht=türfifchen Völker d. Türkei, 
Internationaliſierung der Dardanellen. 
13. Errichtung eines unabhängigen polni= 
ſchen Staates, „der die von unzweifelhaft 
polniſcher Bevölkerung bewohnten Gebiete 
einſchließen müßte“, mit einem Zugange 
zum Meere. 14. Bildung eines Völker⸗ 
bundes. — Die Note Wilſons vom 5. XI. 
1918 machte nur bei Punkt 2 Vorbehalte 
u. betonte den Begriff d. Wiederherſtellung 
als Erſatzpflicht für alle Schäden: 271/3. 

Vulkan, Maſchinen- u. Schiffbau⸗Aktien⸗ 
geſellſchaft in Stettin: 37/9, 


Waffenſtillſtand: 234, 237, 242/3. 

Walderfee, Graf Alfr. v. (1832— 1904), 
Generalfeldmarſchall, 1888/91 Chef des 
Generalſtabs d. Armee, 1900 Oberbefehls⸗ 
haber der Truppen der Mächte in China 
(f. Boxeraufſtand): 77, 146, 191. 


22. I. 1901), regierte feit 1837: 58, 72, Wahlrecht- Reform. In Preußen waren 


74/5, 200. — verlangt den erſten Kaiſer— 
beſuch: 21/2. — Tod u. Beifegung: 86/7. 
— Denkmalenthüllung (1911): 119/20. 

Victoria, Kaiſerin (1840 - 1901), Toch— 
ter der Königin von England, 1858 ver— 
mählt mit dem nachmaligen Kaiſer Fried— 
rich, Mutter des Kaifers: 18, 37, 267. 
— Kunſtſinn: 144, 16/8. — u. Bismarck: 
10/11, 156. 

Dictorfa Luiſe, Tochter des Kalſers (geb. 
1892), 1913 vermählt mit dem Herzog 
Ernſt Auguſt von Braunſchwelg, Sohn des 
Herzogs von Cumberland: 119. 

Vierzehn Punkte heißen die Forderun— 
gen, die Wilſon in ſeiner Botſchaft (8. J. 
1918) an den amerikaniſchen Senat als 
Friedensprogramm aufſtellte: 1. Abſchaf— 
fung der Seheimdiplomatie. 2. Freiheit 

der Meere. 3. Wirtfchaftsfreiheit. 4. Ver⸗ 
minderung der Rüſtungen. 5.Unpartetifche 


308 


die Wähler nach der Höhe ihres Steuer- 
betrags in 3 Wählerklaſſen eingeteilt, von 
denen jede ) der Wahlmänner, die dann 
die Abgeordneten zu wählen hatten, be= 
ſtimmten. Da die Wählerklaſſe mit nied- 
rigem Einkommen ſehr zahlreich war, die 
oberſte Wählerklaſſe hingegen vielfach nur 
aus wenigen Perſonen beftand, beide Klaf- 
ſen aber gleichen Einfluß auf die Wahl der 
Abgeordneten hatten, wurde das Drei- 
klaſſen-Wahlrecht als ungerecht emp- 
funden: 113/6. 

Wallace, Sir Donald Wackenzie (geb. 
1841), 1884/9 Sekretär des Marquis 
Dufferin als Vizekönigs von Indien, 1891 / 
99 Leiter des Foreign Depart. der Times, 
1909 Kammerherr des Königs Eduard VII. 
u. 1910 Georgs V.: 96/7. 

Wallſtreet = Neuyorker Börſe. 

Wehrpflicht, allgemeine: 189/90, 


Weichſelbrücke bei Dirſchau: 147. 

Weißer Saal, im Berliner Schloß: in 
ihm fanden die Eröffnungen des Reichs- 

tages u. des Landtages ſowie die großen 
Hoffeſtlichkeiten ſtatt: 144. 

Werften, Kaiſerl.: 201. 

Werner, Reinhold v. (1825 — 1909), Ad⸗ 
miral u. Marineſchriftſteller: 152. 

Wied, Fürſt Friedr. (geb. 1872): 137. 

Wied, Prinz Wilhelm, Bruder des vorigen 
(geb. 1876), preuß. Major, nahm die ihm 
am 6.11.1914 angebotene Krone Albaniens 
an, beſtieg den Thron am 7. III., verließ 
das Land nach Ausbruch des Weltkrieges im 
Sept. unter Vorbehalt ſeiner Rechte, ver— 
mählt 1906 mit Sophie Prinzeſſ. v. Schön⸗ 
burg⸗Waldenburg (geb. 1885): 136/9. 

Wilhelm J., der Große (1797 - 1888), 
ſeit 1861 König von Preußen, feit 1871 
Deutſcher Kaiſer: 12, 146, 277 — u. Bis⸗ 
marck: 8 — Politiſches Teſtament betr. 
Rußland: 15, 21, 268. 

Wilhelm ſ. Kronprinz. 

Wilmowski (1817-93), Chef des Zivil- 
kabinetts unter Kaiſer Wilhelm J.: 21. 

Wilpert, Joſeph (geb. 1857), kath. Archäo— 
log, ſeit 1883 in Rom, 1903 apoſtol. Proto⸗ 
notar u. Leiter des Inſtituts für Altertumg= 
kunde der Görres-Geſellſchaft: 182. 

Wilſon, Woodrow (geb. 1856), 1890 / 
1910 Prof. der Rechtswiſſenſchaft an der 
Princeton-Univerſität, 1911/13 Gouver⸗ 
neur (Demokr.) des Staates New Jerſey, 
1913/20 Präſident der V. St., Dez. 1918 / 
Juni 1919 zu den Friedensverhandlungen 
in Derfailles. 

— Antwort auf den Proteſt (7. IX. 1914) 
des Kaiſers gegen die Verwendung von 
Dumdumgeſchoſſen: 270. 

— Gründe für den Eintritt in den Krieg: 
63,271 — Waffenſtillſtandsverhandlungen 
237,272 — die 14 Punkte: 271/3 — u. der 
Rücktritt des Kaiſers: 273/4. 

Windthorſt, Ludwig (1812 - 91), Führer 
der Zentrumspartei, vor 1866 hannover— 


ſcher Miniſter: 27. 


Winterfeldt, Detlof v. (geb. 1867), Ge⸗ 
neralmajor, früher Militärattachs in Paris, 
Nov. 1918 Bevollmächtigter in der Waffen⸗ 
ſtillſtandsdelegation, bis Jan. 1919 Vor⸗ 
ſitzender der Waffenſtillſtandskommiſſion 
in Spa: 243. 

Wittich, Adolf v. (1836 - 1906), 1888 
Generaladjutant, 1892/1904 Kommand. 
General des Xl. Armeekorps, 1904 in das 
preuß. Herrenhaus berufen: 20. 

Witu (Oftafrita), 1885 unter deutſcher 
Schutzherrſchaft, 1890 an England abge— 
treten: 46. 

Wolter, Plazidus (1828 - 1908), ſeit 
1890 Erzabt der 1863 von ſeinem Bruder 
Maurus u. ihm neugegründeten Benedikt 
tinerabtet Beuron (ſ. d.): 181. 

Wortley ſ. Stuart-Wortley. 


Vachtklub, Katſerl. (feit 1891): 36. 

Dangtfe-Abfommen, 16. X. 1900 zwi⸗ 
ſchen Deutſchland u. England: gemeinſame 
Sicherung der Integrität Chinas, Grund- 
ſatz der offenen Tür: 77. 


Zanzibar, Küſteninſel vor Deutſch-Oſt⸗ 
afrika, Deutſchland verzichtete 1. VII. 1890 
zugunſten Englands im Austauſch gegen 
Helgoland auf das ihm 1885 vom Sultan 
eingeräumte Protektorat über ein Teilge— 
biet von Z.: 46. 

Zedlitz und Trützſchler, Robert Graf v. 
(1837-1914), 1891 preuß. Kultus- 
miniſter, nahm 1892, als ſeine wegen ihres 
ſtreng konfeſſion. Gepräges ſtark bekämpfte 
Schulgeſetz-Vorlage durch Entſchluß des 
Königs zurückgezogen wurde, den Abſchied, 
ſpäter Oberpräfident von Schleſien: 48. 

Zentrumspartei 21, 178. 

Zweibund (f. Dreibund): 8, 263. 

Zwei-Frontenkrieg (gegen Rußland u. 
Frankreich): 68, 88, 149. 

Zweimächte-Standard, der engl. An- 
ſpruch, daß die engl. Kriegsflotte immer den 
beidenßlotten der nächſtſtärkſten Seemächte 
zuſammen überlegen ſein müſſe: 202. 


Druck von Breitkopf & Härtel in Leipzig 


Im Verlag von K. F. Koehler in Lei 
find erſchienen: 


Erinnerungswerke aus der Zeit des Weltkrieges 


Großadmiral v. Tirpitz 
Erinnerungen 


Generalfeldmarſchall Prinz Leopold v. Bayern 
Ein Lebensbild von Prof. Dr. Wolbe 


Generaloberſt Frhr. v. Haufen 
Erinnerungen an den Marnefeldzug 1914 


General d. Artl. u. Kriegsminiſter v. Stein 
Erlebniſſe und Betrachtungen aus der Zeit des Weltkrieges 


General d. Inf. v. Fran ois 
Gorlice 1915 Der Karpathendurchbruch und die 
Befreiung Galiziens 


General d. Kav. v. Hoeppner 
Deutſchlands Krieg in der Luft 


Admiral v. Reuter - Scapa Flow 
Das Grab der deutſchen Flotte 


General Graf v. d. Goltz 
Meine Sendung in Finnland und im Baltikum 


General Maercker 
Vom Kaiſerheer zur Reichswehr 


General v. Lettow- Vorbeck 
Meine Erinnerungen aus Oſtafrika 


General v. Lettow-Vorbeck 
Hela Safari! Ein Volks- und Jugendbuch 


General v. Wrisberg 
Erinnerungen a. d. Kgl. Preuß. Kriegsminiſterlum 1914/1918 
J. Der Weg zur Revolution. II. Heer und Heimat 
III. Wehr und Waffen 


Freg.⸗Kpt. Georg v. Ha ſe 
Die zwei weißen Völker - Kiel und Skagerrak 


Korv.⸗Kpt. Graf v. Luckner 
Seeteufel Abenteuer aus meinem Leben 


erlag non K. F. Koehler in Leipzig 


find erſchienen: 


Politiſche und militäriſche Werke 


Kritik des Weltkrieges 
Das Erbe Woltkes und Schlieffens im großen Kriege 
Von einem Generalſtäbler 


Daten des Weltkrieges 
Vorgeſchichte und Verlauf bis Ende 1921 
Von Dr. Kurt Jagow 


Frankret ch 
Der Kampf um den Rhein und die Weltherrſchaft 
Von Friedrich v. Voetticher 


Der Untergang der oeſt.-ung. Monarchie 
Von Friedrich F. G. Kleinwaechter 


Das Problem Japans 
Von einem Geſandſchaftsrat im fernen Oſten 
* 


Erinnerungen und Briefwechſel 


Bismarck als Gutsherr 
Erinnerungen feines Varziner Oberförſters Ernſt Weftphal 


Heinrich Ehrhardt 
Hammerſchläge - 70 Jahre deutſcher Arbeiter und Erfinder 


Rudolf Eucken Lebenserinnerungen 
Ein Stück deutſchen Lebens 


Ernſt Haeckel Geſammelte Briefe 
1. Entwicklungsgeſchichte einer Jugend. 2. Italienfahrt 
3. Indiſche Reiſebriefe 


Karl v. Haſe Dein Alter fei wie Deine Jugend 
Briefe an eine Freundin 


J. A. Sauter Mein Indien 
Erinnerungen aus 15 glücklichen Jahren 
Hans Schadow 
Mit Pinſel und Palette durch die große Welt 


Kaver Scharwenka Klänge aus meinem Leben 
Erinnerungen eines Muſikers 


In Verlag von K. F. Koehler in 2 


veröffentlichte 


Kaiſer Wilhelm 
Vergleichende Geſchichtstabellen 


von 1878 bis zum Kriegsausbruch 1914 


* 


Dieſes ſtreng objektive Tabellenwerk, dem der Kaiſer 
kein Wort der Erläuterung hinzuzufügen brauchte, gibt 
einen erſchütternden Beweis für Deutſchlands Schuld- 
loſigkeit am Ausbruch des Krieges. Unter der Wucht 
der Tatſachen werden dieſe Aufzeichnungen, die der 
Kaiſer zunächſt nur für ſich ſelbſt niederſchrieb, zur An— 
klageſchrift gegen die wahrhaft Schuldigen, die das 
deutſche Volk auf Grund der niederträchtigſten Lüge der 
Weltgeſchichte in die Sklavenfeſſeln von Verſailles ge— 
zwungen haben. Die Geſchichtstabellen ſind auch in einer 
Volks ausgabe 
erſchienen, die es allen Kreiſen des deutſchen Volkes 
ermöglicht, ſich dieſe wertvolle wiſſenſchaftliche Arbeit zu 
beſchaffen. Die Tabellen bilden die Grundlage der 
Erinnerungen, ſie gehören in die Bücherei jedes deutſchen 
Hauſes, wo ſie nicht nur als wichtiges Dokument den 
kommenden Geſchlechtern überliefert, ſondern 
auch als Nachſchlagewerk und zum 
eigenen Studium benutzt 
werden ſollen. 


N 
| 


University of California 
SOUTHERN REGIONAL LIBRARY FACILITY |" 
405 Hilgard Avenye, Los Angeles, CA 90024-1388 
Return this material to the library 
from which it was borrowed. 


5 


e